Das Ambrosianische Kloster der Zukunft

Wettlauf der Selbstauflösung?


Das futuristische "Kloster der Zukunft" aus der Retorte der globalistischen Agenda
Das futuristische "Kloster der Zukunft" aus der Retorte der globalistischen Agenda

Mit dem soge­nann­ten „Ambro­sia­ni­schen Klo­ster“, das bis 2030 im Mai­län­der Inno­va­ti­ons­vier­tel MIND ent­ste­hen soll, will die Erz­diö­ze­se Mai­land ein Zei­chen set­zen, das weit über Archi­tek­tur und Stadt­pla­nung hin­aus­reicht. Das Pro­jekt offen­bart laut Kri­ti­kern viel­mehr exem­pla­risch, wie tief sich Tei­le der heu­ti­gen Kir­chen­hier­ar­chie von der klas­si­schen Vor­stel­lung christ­li­chen Mönch­tums ent­fernt haben.

Das von Erz­bi­schof Mario Del­pi­ni geför­der­te und vom Archi­tek­ten Ste­fa­no Boe­ri ent­wor­fe­ne Vor­ha­ben soll mit­ten im futu­ri­sti­schen Mila­no Inno­va­ti­on District ent­ste­hen, jenem aus dem Expo-Gelän­de von 2015 her­vor­ge­gan­ge­nen Tech­no­lo­gie- und Wis­sen­schafts­kom­plex, der als euro­päi­sches Zen­trum für Bio­tech­no­lo­gie, künst­li­che Intel­li­genz und digi­ta­le For­schung aus­ge­baut wird. Auf­trag­ge­ber an Boe­ri ist das Erz­bis­tum Mailand.

Schon der Stand­ort besitzt hohen Sym­bol­wert. Das neue „Klo­ster“ soll nicht am Rand der Welt ste­hen, in der Abge­schie­den­heit, wie die gro­ßen monasti­schen Grün­dun­gen der Chri­sten­heit, son­dern mit­ten im tech­no­kra­ti­schen Her­zen der Moder­ne. Nicht Rück­zug, Aske­se und Abson­de­rung bil­den das Leit­mo­tiv, son­dern Inte­gra­ti­on, Ver­net­zung und gesell­schaft­li­che Durchlässigkeit.

Gera­de dar­in liegt die eigent­li­che kir­chen­po­li­ti­sche Aus­sa­ge des Pro­jekts, wie betont wird.

Denn was unter dem tra­di­ti­ons­rei­chen Namen des hei­li­gen Ambro­si­us von Mai­land prä­sen­tiert wird, hat laut Kri­ti­kern mit dem klas­si­schen Ver­ständ­nis eines katho­li­schen Klo­sters nur noch ent­fern­te Ähn­lich­keit. Die offi­zi­el­len Pro­jekt­be­schrei­bun­gen spre­chen von einem „Kreuz­gang der Reli­gio­nen“, einem „Gar­ten der Reli­gio­nen“ und einer „Biblio­thek der Reli­gio­nen“. Der Plu­ral läßt auf­hor­chen. Das gesam­te Ensem­ble ist aus­drück­lich auf inter­re­li­giö­sen Dia­log, kul­tu­rel­len Aus­tausch und plu­ra­li­sti­sche Begeg­nung ausgerichtet.

Damit fügt sich das Vor­ha­ben naht­los in jene Ent­wick­lung ein, die seit Jahr­zehn­ten das Erschei­nungs­bild der nach­kon­zi­lia­ren Kir­che prägt: mit beson­de­ren Schü­ben wie den inter­re­li­giö­sen Gebets­tref­fen von Assi­si ab 1986 und einer beson­de­ren Ver­stär­kung durch Papst Fran­zis­kus mit Initia­ti­ven vom Abra­ha­mic Fami­ly Hou­se in Abu Dha­bi bis hin zu den Pacha­ma­ma-Riten im Vati­kan und der Erklä­rung von Abu Dha­bi von 2019, in der der reli­giö­se Plu­ra­lis­mus von Papst Fran­zis­kus als Aus­druck des gött­li­chen Wil­lens bezeich­net wur­de. Eine Aus­sa­ge, die der Phi­lo­soph Joseph Sei­fert als „Häre­sie aller Häre­si­en“ kri­ti­sier­te.

Das Mai­län­der Pro­jekt erscheint daher nicht als iso­lier­te Initia­ti­ve, son­dern als wei­te­rer Schritt hin zu einer Spi­ri­tua­li­tät, in der die Unter­schei­dung zwi­schen Wahr­heit und Irr­tum zuneh­mend hin­ter Kate­go­rien wie „Begeg­nung“, „Inku­si­on“ und „Koexi­stenz“ zurück­tritt. Kri­ti­ker spre­chen von einer vom welt­li­chen poli­ti­schen Estab­lish­ment gewoll­ten Welt­ein­heits­re­li­gi­on, auf die damit hin­ge­ar­bei­tet werde.

Auf­lö­sung der tra­di­tio­nel­len For­men: Der Kreuz­gang ist als „Kreuz­gang der Reli­gio­nen“ und in sei­nem Grund­riß drei­eckig konzipiert

Dabei ist bemer­kens­wert, wie offen­siv die Ver­ant­wort­li­chen die­se neue Aus­rich­tung for­mu­lie­ren. Ste­fa­no Boe­ri bezeich­net das Pro­jekt aus­drück­lich als „zeit­ge­nös­si­sches Klo­ster“, das den Bedürf­nis­sen einer plu­ra­len Gesell­schaft die­nen und sozia­len Zusam­men­halt för­dern sol­le. Ver­tre­ter der Erz­diö­ze­se spre­chen von einem Raum für den Dia­log zwi­schen Reli­gio­nen, Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie. Das Klo­ster wird damit nicht mehr pri­mär als Ort der Kon­tem­pla­ti­on und der Got­tes­an­be­tung ver­stan­den, son­dern als Platt­form gesell­schaft­li­cher Vermittlung.

Gera­de dar­in sehen Kri­ti­ker einen fun­da­men­ta­len Bruch mit der abend­län­di­schen Klo­ster- und Mönchstradition.

Histo­risch ent­stan­den die gro­ßen monasti­schen Gemein­schaf­ten Euro­pas gera­de aus der bewuß­ten Distanz zur Welt. Bene­dik­ti­ner, Kar­täu­ser oder Zister­zi­en­ser ver­stan­den das Klo­ster als Gegen­welt zur Unru­he der Zeit, als Ort geist­li­cher Samm­lung, der Buße und der aus­schließ­li­chen Aus­rich­tung auf Gott. Der Kreuz­gang sym­bo­li­sier­te nicht Offen­heit gegen­über allen reli­giö­sen Mög­lich­kei­ten, son­dern die Ord­nung einer christ­li­chen Welt, deren Mit­tel­punkt Chri­stus ist.

Das geplan­te „Ambro­sia­ni­sche Klo­ster“ kehrt die­se Sym­bo­lik nahe­zu um. Die Archi­tek­tur soll „durch­läs­sig“ sein, ein­ge­bet­tet in den urba­nen und tech­no­lo­gi­schen Raum, offen für reli­giö­se Viel­falt und kul­tu­rel­le Inter­ak­ti­on. Nicht mehr die Abson­de­rung von der Welt gilt als Ide­al, son­dern die har­mo­ni­sche Ver­schmel­zung mit ihr in all ihren Facetten.

Beson­ders irri­ti­rend erscheint dabei die Beru­fung auf den hei­li­gen Ambro­si­us. Der gro­ße Mai­län­der Kir­chen­va­ter des 4. Jahr­hun­derts war kein Ver­mitt­ler reli­giö­ser Koexi­stenz, son­dern ein kom­pro­miß­lo­ser Ver­tei­di­ger der katho­li­schen Ortho­do­xie gegen Häre­si­en und staat­li­che Über­grif­fe. Sein Name steht für dog­ma­ti­sche Klar­heit und die Vor­rang­stel­lung der geof­fen­bar­ten Wahrheit.

Gera­de des­halb wirkt die Ver­wen­dung sei­nes Namens für ein Pro­jekt, des­sen Zen­trum aus­drück­lich die reli­giö­se Plu­ra­li­tät bil­det, wie eine histo­ri­sche Ver­keh­rung und ein Mißbrauch.

Hin­zu kommt ein wei­te­rer Aspekt: Das neue Klo­ster ent­steht nicht zufäl­lig im Umfeld von Tech­no­lo­gie, Bio­wis­sen­schaf­ten und künst­li­cher Intel­li­genz. Die Kir­che sucht hier sicht­bar den Schul­ter­schluß mit den ideo­lo­gi­schen Leit­mi­lieus der glo­ba­li­sier­ten Moder­ne. Die Palan­tir-Chefs Peter Thiel und Alex Karp rei­sen mit unter­schied­li­cher Akzent­set­zung, aber offen­bar der­sel­ben Zielet­zung durch die Welt, um künst­li­che Intel­li­genz als neu­en „Ret­ter“ zu prä­sen­tie­ren. Wo frü­he­re Klö­ster Wäl­der rode­ten, Sümp­fe trocken­leg­ten und Euro­pa chri­stia­ni­sier­ten, zivi­li­sier­ten und ver­mensch­lich­ten, bemüht sich die neue Kir­chen­ar­chi­tek­tur dar­um, sich mög­lichst rei­bungs­los in die Denk­for­men einer tech­no­kra­ti­schen Gesell­schaft einzufügen.

Die Spra­che der Ver­ant­wort­li­chen bestä­tigt die­sen Ein­druck. Immer wie­der ist von „sozia­lem Zusam­men­halt“, „plu­ra­ler Gesell­schaft“, „kul­tu­rel­lem Aus­tausch“ und „inter­re­li­giö­sem Dia­log“ die Rede — wäh­rend die christ­li­chen Kon­zep­te von Umkehr, Hei­lig­keit, Opfer oder Erlö­sung fehlen.

Gera­de dar­in erken­nen Kri­ti­ker den eigent­li­chen Kern der Ent­wick­lung: Das Chri­sten­tum erscheint nicht mehr als Heils­wahr­heit mit uni­ver­sel­lem Gel­tungs­an­spruch, son­dern zuneh­mend als mode­rie­ren­de Kraft inner­halb einer reli­gi­ös viel­fäl­ti­gen Welt­ge­sell­schaft, in der jen­seits poli­ti­scher Kor­rekt­heit von Sei­ten der Kir­che kei­ne Ansprü­che zu erhe­ben sind.

Das Mai­län­der Pro­jekt ist des­halb weit mehr als ein archi­tek­to­ni­sches Expe­ri­ment. Es ist ein sicht­ba­res Sym­bol jener Trans­for­ma­ti­on des Katho­li­zis­mus, die seit Jah­ren im Gang ist — weg von der mis­sio­na­ri­schen Ein­deu­tig­keit frü­he­rer Zei­ten und hin zu einer spi­ri­tua­li­sier­ten Kul­tur des Dia­logs und der reli­giö­sen Belie­big­keit mit zivil­re­li­giö­sen Ersatz­pro­gram­men, die von der poli­ti­schen Füh­rung vor­ge­ge­ben werden.

Das Mai­län­der Pro­jekt erweckt den Ein­druck, die Auf­lö­sung katho­li­scher Iden­ti­tät nicht nur zu beglei­ten, son­dern aktiv zu beschleu­ni­gen — unter dem Bei­fall der zustän­di­gen berg­o­glia­ni­schen Kirchenhierarchie.

Völ­lig unklar ist, wer in das „Ambro­sia­ni­sche Klo­ster“ ein­zie­hen soll. Die Erz­diö­ze­se Mai­land blieb dies­be­züg­lich kryp­tisch. Es scheint nicht an einen bestimm­ten Orden gedacht zu sein. Viel­mehr scheint der Begriff „Klo­ster“ besten­falls in einem über­tra­ge­nen Sinn für das mul­ti­funk­tio­na­le geist­lich-kul­tu­rel­le und vor allem inter­re­li­giö­se Zen­trum Ver­wen­dung zu finden. 

Der Ein­druck: Kirch­li­che Hier­ar­chen und Funk­ti­ons­trä­ger des Westens schei­nen sich in einem Wett­lauf der kirch­li­chen Selbst­auf­lö­sung zu befinden.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: You­tube (Screen­shots)

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