Antijudaismus, Antisemitismus, Nostra aetate und die Freiheit der Kritik

Don Curzio Nitoglia und eine notwendige Klarstellung

Der Jerusalemer Tempelschatz wurde 71 n. Chr. nach Rom gebracht und im Triumphzug durch die Straßen der Stadt getragen
Der Jerusalemer Tempelschatz wurde 71 n. Chr. nach Rom gebracht und im Triumphzug durch die Straßen der Stadt getragen

Seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten beschäf­tigt sich Don Cur­zio Nito­glia mit phi­lo­so­phi­schen und theo­lo­gi­schen Fra­gen, mit Kir­chen­ge­schich­te und auch mit dem Ver­hält­nis zwi­schen Chri­sten­tum und Juden­tum. In sei­nen Schrif­ten und Vor­trä­gen wid­me­te er sich beson­ders der soge­nann­ten Juden­fra­ge aus theo­lo­gi­scher Sicht, dem Anti­se­mi­tis­mus, dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil und der Erklä­rung Nost­ra aet­a­te. Außer­dem ver­öf­fent­lich­te er ein Buch über den Alten Bund und das Ver­hält­nis zwi­schen Kir­che und Judentum.

Als Kri­ti­ker des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils und von Nost­ra aet­a­te ver­tritt er in sei­nen Stel­lung­nah­men eine kla­re Unter­schei­dung zwi­schen dem theo­lo­gi­schen Anti­ju­da­is­mus und dem bio­lo­gi­schen bzw. ras­si­schen Anti­se­mi­tis­mus. Gera­de wegen der Beson­der­heit sei­ner Posi­tio­nen doku­men­tie­ren wir das Inter­view, das Cin­zia Nota­ro mit ihm führ­te, da in meh­re­ren euro­päi­schen Staa­ten die umstrit­te­ne Anti­se­mi­tis­mus­de­fi­ni­ti­on der Inter­na­tio­nal Holo­caust Remem­brance Alli­ance (IHRA) von 2016 zuneh­mend auch zur Grund­la­ge recht­li­cher und teil­wei­se straf­recht­li­cher Maß­nah­men gemacht wer­den soll. Kri­ti­ker befürch­ten, daß dadurch auch bestimm­te For­men der Kri­tik am Staat Isra­el und an sei­ner Poli­tik – etwa am mili­tä­ri­schen Vor­ge­hen im Gaza-Strei­fen – unter den Anti­se­mi­tis­mus­be­griff fal­len und damit recht­lich ver­folgt wer­den könn­ten. 45 Staa­ten und rund 1.300 wei­te­re Insti­tu­tio­nen, dar­un­ter Regio­nen, Kom­mu­nen und Uni­ver­si­tä­ten, haben die IHRA-Defi­ni­ti­on über­nom­men oder sich zu ihr bekannt, dar­un­ter die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Öster­reich, die Schweiz, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Ita­li­en und die mei­sten EU-Mitgliedsstaaten.

In Ita­li­en sol­len auf die­ser Grund­la­ge der­zeit straf­recht­lich ver­schärf­te Maß­nah­men ein­ge­führt wer­den, gegen die sich erheb­li­cher Wider­stand for­miert. Kri­ti­ker wer­fen der IHRA-Defi­ni­ti­on und ins­be­son­de­re ihren poli­ti­schen Befür­wor­tern vor, unter dem Vor­wand der Bekämp­fung des Anti­se­mi­tis­mus die Frei­heit der poli­ti­schen und wis­sen­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung ein­zu­schrän­ken. Ihrer Auf­fas­sung nach soll der Poli­tik des Staa­tes Isra­el damit ein Son­der­sta­tus ein­ge­räumt wer­den, der sie einer ver­gleich­ba­ren öffent­li­chen Kri­tik ent­zie­hen soll, wie sie gegen­über jedem ande­ren Staat selbst­ver­ständ­lich zuläs­sig ist.

Als Gegen­ent­wurf leg­ten Wis­sen­schaft­ler 2021 die Jeru­sa­le­mer Erklä­rung zum Anti­se­mi­tis­mus (Jeru­sa­lem Decla­ra­ti­on on Anti­se­mi­tism, JDA) vor. Sie bemüht sich um eine schär­fe­re Unter­schei­dung zwi­schen Haß und Feind­se­lig­keit gegen­über Juden als Juden einer­seits und legi­ti­mer poli­ti­scher Kri­tik ande­rer­seits. Danach muß es grund­sätz­lich mög­lich sein, den Staat Isra­el, sei­ne Regie­rung und staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, sei­ne Poli­tik sowie auch jüdi­sche Orga­ni­sa­tio­nen poli­tisch und sach­lich zu kri­ti­sie­ren – nach den­sel­ben Maß­stä­ben, die auch gegen­über jedem ande­ren Staat und jeder ande­ren Orga­ni­sa­ti­on gel­ten. Eben­so muß reli­giö­se, theo­lo­gi­sche Kri­tik am Juden­tum kon­kret in der Unter­schei­dung zwi­schen Chri­sten­tum und Judentum. 

Die ita­lie­ni­sche Rechts­re­gie­rung von Gior­gia Melo­ni, die selbst einem neo­fa­schi­sti­schen Eltern­haus ent­stammt und in der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der neo­fa­schi­sti­schen Par­tei aktiv war, dann in deren Nach­fol­ge­par­tei­en, will als erster Staat welt­weit ein Gesetz zum Anti­se­mi­tis­mus ein­füh­ren und dar­in die umstrit­te­ne IHRA-Defi­ni­ti­on ein­schließ­lich ihrer Bei­spie­le gesetz­lich kodifizieren. 

Das Inter­view mit Don Nito­glia will die Debat­te über den neu­en Gesetz­ent­wurf zum Anti­se­mi­tis­mus, die histo­ri­sche und reli­giö­se Bedeu­tung des Begriffs, das Ver­hält­nis von Anti­ju­da­is­mus und Anti­se­mi­tis­mus, die Rol­le von Nost­ra aet­a­te sowie die Ver­än­de­rung des Ver­hält­nis­ses zwi­schen katho­li­scher Kir­che und Juden­tum nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil näher beleuch­ten.

Cin­zia Nota­ro: Don Cur­zio, Sie unter­schei­den zwi­schen reli­giö­sem Anti­ju­da­is­mus und moder­nem Anti­se­mi­tis­mus? Wo wür­den Sie heu­te die Gren­ze zwi­schen einer theo­lo­gi­schen Kri­tik am Juden­tum und einem eigent­li­chen anti­jü­di­schen Vor­ur­teil ziehen?

Don Cur­zio Nito­glia: Der Anti­ju­da­is­mus ist eine theo­lo­gi­sche Fra­ge: Man unter­schei­det dar­in das Chri­sten­tum vom tal­mu­di­schen Juden­tum.
Das tal­mu­di­sche Juden­tum ist jener Teil Isra­els, der Jesus nicht als Mes­si­as ange­nom­men hat, der ihn zurück­ge­wie­sen und des­halb sei­ne Ver­ur­tei­lung bewirkt hat und ihn anschlie­ßend von der römi­schen Obrig­keit kreu­zi­gen ließ, die allein das Todes­ur­teil voll­strecken konn­te, das der San­he­drin bereits wäh­rend der Nacht aus­ge­spro­chen hat­te.
Der ras­si­sche Anti­se­mi­tis­mus ist etwas, das die Semi­ten haßt, eigen­tich nicht nur die Juden, son­dern auch die Ara­ber, weil auch die Ara­ber Nach­kom­men Sems sind, da Abra­ham mit Hagar, der Skla­vin, die von den Pha­rao­nen Ägyp­tens abstamm­te, einen Sohn hat­te. Die­ser Sohn hieß Isma­el, und von Isma­el stam­men die Ara­ber ab. Schon das Wort „Anti­se­mi­tis­mus“ ist also ein mehr­deu­ti­ges, miß­ver­ständ­li­ches Wort, und man müß­te genau­er bestim­men, was damit gemeint ist.
Mit Anti­se­mi­tis­mus mei­nen sie nur den Anti­ju­da­is­mus, den ras­si­schen Anti­ju­da­is­mus. Sie haben den Begriff des Anti­se­mi­tis­mus mit dem blo­ßen Anti­ju­da­is­mus gleich­ge­setzt, und das ist mit der katho­li­schen Leh­re nicht ver­ein­bar.
Die katho­li­sche Leh­re behan­delt die theo­lo­gi­sche Fra­ge des Ver­hält­nis­ses zwi­schen dem Chri­sten­tum, das auf dem Alten Testa­ment grün­det, und dem Neu­en Testa­ment. Nach der Erb­sün­de bringt die Schlan­ge, der Teu­fel in Gestalt einer Schlan­ge, Adam und Eva zu Fall und in die Erb­sün­de, und Gott ver­heißt einen Erlö­ser, der von einer Jung­frau, der Got­tes­mut­ter, gebo­ren wer­den soll­te. Der Erlö­ser soll­te Jesus sein.
Die­ser Erlö­ser wird von Adam und Eva bereits nach der Erb­sün­de und ihrer Bekeh­rung erwar­tet, spä­ter von den Patri­ar­chen Abra­ham, Isaak und Jakob und schließ­lich von Mose. Mose führt das Volk Isra­el aus der Skla­ve­rei Ägyp­tens nach vier­zig Jah­ren der Wan­de­rung durch die Wüste in das Gelob­te Land, das Hei­li­ge Land. Mose selbst darf dort aber nicht ein­zie­hen: Josua wird es tun.
Unter theo­lo­gi­schem Anti­ju­da­is­mus ver­steht man also die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem Alten Testa­ment, das durch das Neue Testa­ment voll­endet wird, und den Pro­phe­zei­un­gen des Alten Testa­ments, die Jesus bis ins klein­ste Detail beschrei­ben. Er wird für drei­ßig Sil­ber­lin­ge ver­kauft wer­den, nicht für neun­und­zwan­zig und nicht für ein­und­drei­ßig; man wird ihm kei­nen Kno­chen zer­bre­chen; sei­ne Sei­te, sei­ne Hän­de und sei­ne Füße wer­den durch­bohrt wer­den. Es gibt etwa drei­ßig Pro­phe­zei­un­gen, die sich dann im Leben Jesu genau erfüllt haben, wie die Evan­ge­li­en und die Apo­stel­ge­schich­te berich­ten. Jesa­ja ist beein­druckend, und auch alle ande­ren Pro­phe­ten beschrei­ben ihn bis ins klein­ste Detail.
Mit der Mensch­wer­dung des Wor­tes und dem Tod Jesu am Kreuz erle­ben wir dann eine Spal­tung, ein Schis­ma, eine Tren­nung inner­halb des jüdi­schen Vol­kes. Ein klei­ner Teil, eine klei­ne Rest­grup­pe, wie der hei­li­ge Pau­lus sagt, bleibt dem Geist des Alten Testa­ments treu und nimmt den Mes­si­as, Jesus von Naza­reth, so an, wie er pro­phe­zeit wor­den war. Ein ande­rer Teil jedoch, die Mehr­heit Isra­els, weist Jesus als Mes­si­as zurück.
Sie weist ihn zurück, weil Jesus im Geist bereits des Alten Testa­ments das Him­mel­reich für alle Men­schen ver­kün­de­te, für Men­schen aller Ras­sen und aller Gesell­schafts­schich­ten und nicht nur für die Israe­li­ten. Die jüdi­sche Apo­ka­lyp­tik hin­ge­gen ver­trat die Auf­fas­sung, der Mes­si­as wer­de ein König, ein Erobe­rer, ein krie­ge­ri­scher, kämp­fen­der Mes­si­as sein, der Isra­el die poli­ti­sche Herr­schaft über die gan­ze Welt ver­schaf­fen wer­de.
So sehen wir bereits wäh­rend der drei Jah­re des öffent­li­chen Wir­kens Jesu eine theo­lo­gi­sche Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Jesus und dem San­he­drin, den Hohen­prie­stern, den Prie­stern, den Pha­ri­sä­ern und den Schrift­ge­lehr­ten. Das ist der christ­li­che Anti­ju­da­is­mus des Evan­ge­li­ums, des Neu­en Testa­ments, das das Alte Testa­ment voll­endet, denn das Alte Testa­ment gehört zum Chri­sten­tum, das es durch das Neue Testa­ment voll­endet.
Es ist ein Vor­ur­teil zu sagen, die Juden hät­ten das Alte Testa­ment und wir Chri­sten das Neue Testa­ment. Nein: Das Chri­sten­tum hat das Alte Testa­ment und das Neue Testa­ment. Das tal­mu­di­sche, rab­bi­ni­sche, nach­bi­bli­sche und nach­christ­li­che Juden­tum hin­ge­gen weist nach dem Tod Jesu das Neue Testa­ment zurück, Jesus als Mes­si­as, Jesus als wah­ren Men­schen und wah­ren Gott, die Aller­hei­lig­ste Drei­fal­tig­keit und weist damit auch die Leh­re und die Pro­phe­zei­un­gen des Alten Testa­ments zurück.
Das ist also bereits die erste gro­ße Unter­schei­dung, die zwi­schen theo­lo­gi­schem Anti­ju­da­is­mus und Anti­se­mi­tis­mus bezie­hungs­wei­se ras­si­schem Anti­ju­da­is­mus getrof­fen wer­den muß.

Cin­zia Nota­ro: Was ist Ihrer Mei­nung nach der wesent­li­che Unter­schied zwi­schen dem Anti­ju­da­is­mus in der Geschich­te der christ­li­chen Theo­lo­gie und dem ras­si­schen Anti­se­mi­tis­mus, der sich im moder­nen Euro­pa ent­wickelt hat? Wann voll­zieht sich histo­risch der Über­gang vom einen zum anderen?

Don Cur­zio Nito­glia: Die­se Unter­schei­dung haben wir im Grun­de bereits oben gese­hen und aus­führ­lich behan­delt. Wann voll­zieht sich der Über­gang vom katho­li­schen theo­lo­gi­schen Anti­ju­da­is­mus zum ras­si­schen Anti­se­mi­tis­mus? Nun, er voll­zieht sich dann, wenn Euro­pa und die Euro­pä­er den Glau­ben ver­lie­ren, wenn sie den Glau­ben an Jesus Chri­stus ver­lie­ren und des­halb die Nati­on, das Vater­land, die Ras­se, die Par­tei, die Macht, den Wil­len zur Macht, die Arbei­ter­klas­se und den Klas­sen­kampf an die Stel­le Got­tes, an die Stel­le Jesu Chri­sti setzen.

Cin­zia Nota­ro: Über Jahr­hun­der­te war das Ver­hält­nis zwi­schen Chri­sten­tum und Juden­tum von theo­lo­gi­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, Span­nun­gen und auch Dis­kri­mi­nie­run­gen geprägt. Wie stark beein­flußt die­se Geschich­te wei­ter­hin das Ver­hält­nis zwi­schen Chri­sten und Juden in der heu­ti­gen Welt?

Don Cur­zio Nito­glia: Was die Fra­ge nach den Bezie­hun­gen zwi­schen Chri­sten und Juden in der heu­ti­gen Welt betrifft, hängt die Ange­le­gen­heit lei­der mit Johan­nes Paul II. und bereits mit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil zusam­men, ins­be­son­de­re mit der Aus­sa­ge, der Alte Bund sei nie­mals auf­ge­ho­ben wor­den. Der Alte Bund wur­de nicht zer­stört, son­dern durch den Neu­en und Ewi­gen Bund voll­endet wor­den. Es gibt seit Jesus Chri­stus kei­nen Alten Bund mehr ohne Neu­en Bund.
Wie ein Kind durch den Erwach­se­nen voll­endet wird, so ist die­ses Kind, das wächst und erwach­sen wird, das­sel­be Kind, das gewach­sen ist; es zer­stört das Kind nicht. Ich bin jetzt mit sieb­zig Jah­ren der­sel­be, der mit sie­ben, acht oder zehn Jah­ren ein Kind war, der aber seit­her gewach­sen und älter gewor­den ist.
Ich muß also zwei Feh­ler, zwei Extre­me ver­mei­den: Zum einen darf ich nicht leug­nen, daß ich jetzt mit sieb­zig Jah­ren der­sel­be Mensch bin, der gebo­ren wur­de, dann vier, fünf, sechs oder zehn Jah­re alt war und nach und nach ein jun­ger Mensch, dann ein Erwach­se­ner und jetzt ein älte­rer Mensch gewor­den ist.
So wie der erwach­se­ne Mensch das Kind nicht zer­stört, son­dern es voll­endet, so wird der Alte Bund durch den Neu­en und Ewi­gen Bund, durch das Evan­ge­li­um, nicht zer­stört: Er wird voll­endet, und das darf man nicht leug­nen.
Es gibt die­je­ni­gen, die wie Mar­ki­on im Alten Testa­ment nur das Böse sehen, und das ist völ­lig falsch. Und es gibt ande­rer­seits die­je­ni­gen, die wie die Judai­sier, die Chri­sten­ju­den, die Moder­ni­sten und Nost­ra aet­a­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils sagen, der Alte Bund sei nie­mals auf­ge­ho­ben wor­den.
Johan­nes Paul II. sag­te dies aber aus­drück­lich in einem Brief an die Syn­ago­ge von Mainz am 17. Novem­ber 1980: Er sag­te, der Alte Bund sei nie­mals auf­ge­ho­ben wor­den. Das ist falsch, denn der Alte Bund hat den Neu­en vor­be­rei­tet, und mit dem Kom­men des fleisch­ge­wor­de­nen Wor­tes ging die Heils­ord­nung, dem Alten Testa­ment, zu einer ande­ren Heils­ord­nung über, dem Neu­en und Ewi­gen Testa­ment. Das ist als linea­re Ent­wick­lung zu den­ken.
Die christ­li­che Reli­gi­on grün­det also auf dem vor­be­rei­ten­den Alten und dem voll­enden­den Neu­en Testa­ment.
Das Dra­ma des heu­ti­gen theo­lo­gi­schen Juden­tums besteht dar­in, daß es das Neue Testa­ment, den Mes­si­as Jesus von Naza­reth, zurück­ge­wie­sen und damit auch das Alte Testa­ment zurück­ge­wie­sen hat. Tat­säch­lich stützt es sich eher als auf das Alte Testa­ment auf einen Teil der Tora, einen Teil der Geschich­te Isra­els und vor allem auf den Tal­mud und die Kab­ba­la.
Die Kab­ba­la ist die eso­te­ri­sche dog­ma­ti­sche Leh­re, die Phi­lo­so­phie und Meta­phy­sik des jüdi­schen magi­schen Den­kens, und der Tal­mud ist die Moral­leh­re, die auf der einen Sei­te stark von Pan­the­is­mus und auf der ande­ren Sei­te von Ras­sis­mus durch­drun­gen ist und laut der die israe­li­ti­sche Eth­nie als das ein­zig wirk­lich mensch­li­che Wesen, als die ein­zi­ge Mensch­heit, ange­se­hen wird, wäh­rend die ande­ren, die nicht­jü­di­schen Men­schen, die soge­nann­ten Gojim, nur spre­chen­de Tie­re seien.

Cin­zia Nota­ro: Sie haben sich auch mit Nost­ra aet­a­te beschäf­tigt. Wel­che Aspek­te des Doku­ments hal­ten Sie kon­kret für theo­lo­gisch problematisch?

Don Cur­zio Nito­glia: Die­ser Feh­ler – daß der Alte Bund nie­mals auf­ge­ho­ben wor­den sei – ist bereits in der Erklä­rung Nost­ra aet­a­te ent­hal­ten, die am 28. Okto­ber 1965 ver­ab­schie­det wur­de. Johan­nes Paul II. mach­te Nost­ra aet­a­te zu einem sei­ner Haupt­an­lie­gen, nicht nur in Mainz am 17. Novem­ber 1980, son­dern auch in Rom, in der Gro­ßen Syn­ago­ge von Rom am Tiber, gegen­über der Tiber­in­sel, am 13. April 1986.
Er sag­te, die Juden – nicht als Eth­nie oder Ras­se, son­dern die­je­ni­gen, die als Israe­li­ten nicht an Jesus, den Mes­si­as und die zwei­te Per­son der Drei­fal­tig­keit, glau­ben – sei­en unse­re älte­ren Brü­der.
Spä­ter prä­zi­sier­te er am 31. Dezem­ber 1986 beim Te Deum, das er in der Kir­che Il Gesù in Rom sang: Sie sei­en „älte­re Brü­der im Glau­ben Abra­hams“, denn im Alten Testa­ment waren die älte­ren Brü­der häu­fig böse, wie Kain gegen­über Abel und Saul gegen­über Jakob.
Als er sag­te: „Ihr seid unse­re älte­ren Brü­der“, bat der römi­sche Groß­rab­bi­ner Elio Toaff näm­lich um eine Prä­zi­sie­rung, eine Kor­rek­tur: „Älte­re Brü­der“ wie Kain gegen­über Abel? Nein: „älte­re Brü­der im Glau­ben Abra­hams“. Das bedeu­tet: Ihr besitzt die Fül­le des Glau­bens, und wir sind euch gegen­über min­der­wer­tig, zurück­ge­setzt. Das ist aber völ­lig falsch: Es ist genau umge­kehrt.
Damit erle­ben wir also eine Umkeh­rung der Reli­gi­on im Ver­hält­nis zwi­schen Altem und Neu­em Testa­ment: nicht nur der nie­mals auf­ge­ho­be­ne Alte Bund, son­dern auch das Juden­tum als älte­rer Bru­der des Chri­sten­tums im Glau­ben. Der christ­li­che Glau­be wäre dem­nach ein dem jüdi­schen Glau­ben unter­ge­ord­ne­ter Glau­be, wäh­rend das Juden­tum die aller­hei­lig­ste Wahr­heit und die Gott­heit Jesu leug­net – die bei­den zen­tra­len Dog­men der ein­zi­gen wah­ren Reli­gi­on, die auf dem Alten und dem Neu­en Testa­ment gründet.

Cin­zia Nota­ro: Wie beur­tei­len Sie die durch das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil bewirk­te Ver­än­de­rung im Ver­hält­nis zwi­schen katho­li­scher Kir­che und Juden­tum? Sehen Sie in der neu­en Aus­rich­tung eine kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung der katho­li­schen Tra­di­ti­on oder einen Bruch mit ihr?

Don Cur­zio Nito­glia: Das Lehr­amt bis zu Pius XI., der sich vom Neu­hei­den­tum bestimm­ter radi­ka­ler Ele­men­te des Drit­ten Rei­ches distan­zier­te, lehrt, daß es gera­de das Volk Isra­el in sei­ner Mehr­heit war, das den Mes­si­as Jesus von Naza­reth zurück­ge­wie­sen und ans Kreuz geschla­gen hat.
Die Ankla­ge des Got­tes­mor­des fin­den wir in den Evan­ge­li­en: „Sein Blut kom­me über uns und unse­re Kin­der“ (Mt 27,25); wir fin­den sie bei den Kir­chen­vä­tern, ohne Aus­nah­me.
Eine kon­ver­tier­te Jüdin, Deni­se Judant, die inzwi­schen ver­stor­ben ist, sie war Patri­sti­ke­rin, hat zwei schö­ne Bücher geschrie­ben. Sie stu­dier­te die Kir­chen­vä­ter und war, als das Doku­ment Nost­ra aet­a­te erschien, ent­setzt, weil Nost­ra aet­a­te ihrer Ansicht nach die Theo­rie des Got­tes­mor­des leug­ne­te.
Sie sagt, die­se Theo­rie fin­de sich nicht nur in der Hei­li­gen Schrift, son­dern bei sämt­li­chen Kir­chen­vä­tern, den latei­ni­schen wie den grie­chi­schen, ohne Aus­nah­me. In ihren Büchern stellt sie eine Antho­lo­gie ent­spre­chen­der Tex­te zusam­men und führt sie bis ins 5. Jahr­hun­dert, bis zum hei­li­gen Augu­sti­nus.
Das ist also die Wahr­heit, die wir in der Hei­li­gen Schrift und in der Tra­di­ti­on fin­den, den bei­den Quel­len der Offen­ba­rung. Die Tra­di­ti­on ist die Aus­le­gung der Kir­chen­vä­ter, die die Bedeu­tung der Hei­li­gen Schrift erklä­ren, denn „der Buch­sta­be tötet, der Geist aber macht leben­dig“ (2 Kor 3,6). Und schließ­lich kommt die letz­te Aus­sa­ge, die letz­te Erklä­rung vom Lehr­amt.
Wir haben mit­tel­al­ter­li­che päpst­li­che Bul­len und sol­che aus der Zeit der Gegen­re­for­ma­ti­on sowie die letz­te Enzy­kli­ka Mit bren­nen­der Sor­ge von Pius XI., in denen aus­drück­lich von der Ver­ant­wor­tung des Vol­kes, jenes Vol­kes, jenes Teils des Vol­kes Isra­el, gespro­chen wird, das Jesus als das fleisch­ge­wor­de­ne Wort, als Mes­si­as, zurück­ge­wie­sen und ans Kreuz geschla­gen hat.

Cin­zia Nota­ro: Ist es mög­lich, die jüdi­sche Reli­gi­on, ihre theo­lo­gi­sche Tra­di­ti­on oder bestimm­te ihrer Aus­le­gun­gen zu kri­ti­sie­ren, ohne die­se Kri­tik in Feind­se­lig­keit gegen­über Juden als Per­so­nen und als Gemein­schaft zu verwandeln?

Don Cur­zio Nito­glia: Ja, natür­lich. Zunächst ein­mal hat das Juden­tum als Reli­gi­on im Jah­re 70 n. Chr. auf­ge­hört zu exi­stie­ren, weil eine Reli­gi­on ein Prie­ster­tum, ein Opfer und einen Altar benö­tigt, auf dem das Opfer dar­ge­bracht wird.
Die Zer­stö­rung des Tem­pels bedeu­tet die Zer­stö­rung des Altars. Der ein­zi­ge Ort, an dem Jah­we, dem einen Gott, durch das israe­li­ti­sche Prie­ster­tum des Alten Testa­ments ein Opfer dar­ge­bracht wer­den konn­te, war der Tem­pel von Jeru­sa­lem.
Die­ser Tem­pel wur­de im Jah­re 70 n. Chr. von den Römern unter Ves­pa­si­an von Titus zer­stört.
Daher ist das heu­ti­ge Juden­tum im stren­gen Sin­ne eine Form der Reli­gio­si­tät, eine Phi­lo­so­phie, eine ideo­lo­gi­sche Welt­an­schau­ung, aber kei­ne Reli­gi­on.
Reli­gio kommt von reli­ga­re, also „ver­bin­den“: den Men­schen durch ein Prie­ster­tum, das als Ver­mitt­ler, als Brücke zwi­schen Mensch und Gott fun­giert, mit Gott zu ver­bin­den, indem Gott an einem Gott geweih­ten Ort ein Opfer dar­ge­bracht wird.
Da die­ser Ort der Tem­pel war, und zwar aus­schließ­lich der Tem­pel von Jeru­sa­lem, konn­ten nur die Prie­ster aus der Nach­kom­men­schaft Aarons und aus dem Stamm Levi das Opfer dar­brin­gen, und das Opfer konn­te aus­schließ­lich im Tem­pel von Jeru­sa­lem dar­ge­bracht wer­den.
Mit der Zer­stö­rung des Tem­pels ver­brann­ten auch die Ver­zeich­nis­se der Nach­kom­men Aarons und Levis. Daher wis­sen man seit der Zer­stö­rung des Tem­pels im Jah­re 70 n. Chr. bis heu­te nicht mehr, wer die Prie­ster sind; es gibt kei­nen Ort mehr, an dem das Opfer dar­ge­bracht wer­den kann, und kei­nen Altar mehr.
Es feh­len die drei Ele­men­te, die eine Reli­gi­on aus­ma­chen, und es ist daher theo­lo­gisch nicht kor­rekt, im stren­gen Sinn von einer jüdi­schen Reli­gi­on zu spre­chen.
Es gibt eine Art von Reli­gio­si­tät, die jedoch, wie ich bereits gesagt habe, auf der Kab­ba­la und dem Tal­mud beruht.
Der Tal­mud ist eine Moral­leh­re, aber eine sehr, sehr ras­si­sche, vol­ler Haß und Ver­ach­tung gegen­über allen Gojim oder Nicht­ju­den. Wenn man die­se jüdi­sche Denk­wei­se kri­ti­siert, muß man dar­auf ach­ten, die Feh­ler des tal­mu­di­schen, rab­bi­ni­schen und kab­ba­li­sti­schen Juden­tums ent­schie­den anzu­pran­gern, ohne aber in Haß gegen­über dem­je­ni­gen zu ver­fal­len, der als Israe­lit gebo­ren wur­de, auch und nicht zuletzt weil er sich bekeh­ren kann.
Hier gibt es den ras­si­schen Anti­se­mi­tis­mus: „olim jude­us sem­per jude­us“ – ein­mal als Jude gebo­ren, immer Jude. Ein kon­ver­tier­ter Jude aber, wie die Apo­stel, die Aller­hei­lig­ste Got­tes­mut­ter und Jesus als Mensch, ist voll­kom­men Christ und Gott lieb und wohl­ge­fäl­lig.
Isra­el hin­ge­gen, das die Gott­heit Jesu leug­net und sie nicht aner­ken­nen will, obwohl es sich – sofern es sich ihrer bewußt ist – des­sen bewußt ist, was in den Pro­phe­ten des Alten Testa­ments geschrie­ben steht, und die Wun­der Jesu mit­er­lebt hat: die Auf­er­weckung des Laza­rus, der bereits stank, ver­west war und seit vier Tagen tot im Grab lag, sowie die Auf­er­ste­hung Jesu. Daher müs­sen die vom San­he­drin ent­spre­chend instru­ier­ten Wachen lügen und sagen: „Die Jün­ger Jesu sind in der Nacht gekom­men und haben ihn geraubt, wäh­rend wir schlie­fen.“
Der hei­li­ge Augu­sti­nus macht sich über sie lustig und sagt: Wenn ihr geschla­fen habt, wie konn­tet ihr dann sehen, daß es die Jün­ger Jesu waren?
Hier besteht also die Mög­lich­keit einer Kri­tik an der jüdi­schen, tal­mu­di­schen, rab­bi­ni­schen und kab­ba­li­sti­schen Reli­gio­si­tät und Phi­lo­so­phie, ohne in Haß zu ver­fal­len. Recht­mä­ßig ist jedoch die Not­wehr: Wenn jemand ange­grif­fen wird, kann und muß er sich selbst­ver­ständ­lich ver­tei­di­gen.
Ihre zwei­te Fra­ge, die theo­lo­gi­sche Kri­tik am tal­mu­di­schen Juden­tum, ist klar vom Haß und vom anti­jü­di­schen Vor­ur­teil zu unter­schei­den.
Ein Vor­ur­teil ist eine vor­ge­faß­te Mei­nung, eine fal­sche Vor­stel­lung, die der Wirk­lich­keit nicht ent­spricht und die man sich aus Unwis­sen­heit, Leicht­fer­tig­keit, Haß oder Bös­wil­lig­keit bil­det.
Haß hin­ge­gen – nie­mand darf irgend­je­man­den has­sen, und einem Unschul­di­gen darf nie­mals Gewalt ange­tan wer­den. Not­wehr gegen­über jeman­dem, der einen Unschul­di­gen angreift, ist hin­ge­gen zuläs­sig.
Die Theo­lo­gie unter­schei­det beim Haß zwi­schen dem Haß der Feind­schaft und dem Haß der Bös­wil­lig­keit. Der Haß aus Bös­wil­lig­keit ist immer uner­laubt und sünd­haft. Damit ist gemeint, daß ich einem Men­schen gei­sti­ges Übel wün­sche, daß ich ihm wün­sche, ver­dammt zu wer­den: Das darf ich nie­mals jeman­dem wün­schen.
Der Haß aus Feind­schaft hin­ge­gen bedeu­tet, anders als der Haß aus Bös­wil­lig­keit: Ich muß mich im bibli­schen Sin­ne auf­grund sei­ner Ideen und Hand­lun­gen vom Feind Got­tes, der Kir­che und des Evan­ge­li­ums Jesu Chri­sti distan­zie­ren. Ich muß ihn mit den legi­ti­men Waf­fen der Logik, der Theo­lo­gie und der Phi­lo­so­phie bekämp­fen, damit er sich bekehrt und sei­ne See­le geret­tet wird.

Cin­zia Nota­ro: Besteht Ihrer Mei­nung nach beim neu­en Gesetz­ent­wurf die Gefahr, daß unter­schied­li­che Kate­go­rien wie Anti­se­mi­tis­mus, Anti­ju­da­is­mus, Anti­zio­nis­mus und die Kri­tik an der Poli­tik des Staa­tes Isra­el mit­ein­an­der ver­mischt werden?

Don Cur­zio Nito­glia: Nach dem Man­ci­no-Gesetz von 1993 neigt der neue Gesetz­ent­wurf dazu, Anti­se­mi­tis­mus und Anti­zio­nis­mus gleich­zu­set­zen, ohne zwi­schen Anti­ju­da­is­mus und Anti­ara­bis­mus einer­seits und Anti­zio­nis­mus ande­rer­seits zu unter­schei­den.
Wenn jemand die Ent­ste­hung des Staa­tes Isra­el im Jah­re 1948 kri­ti­siert – eines Staa­tes, der den Juden von Groß­bri­tan­ni­en zuge­stan­den wor­den sei, das über das Hei­li­ge Land sich ein Man­dat des Völ­ker­bun­des gesi­chert hat­te, nach­dem es 1917 an die Stel­le des im Ersten Welt­krieg besieg­ten Osma­ni­schen Rei­ches getre­ten war –, dann kann man durch­aus dar­über dis­ku­tie­ren, ob die Juden über­haupt das Recht hat­ten, ein­fach die Hälf­te Palä­sti­nas zu erhal­ten, die ihnen von Groß­bri­tan­ni­en zuge­spro­chen wor­den war.
Wel­ches Recht hat­te Eng­land, den Juden die Hälf­te Palä­sti­nas zu geben, die fast zwei­tau­send Jah­re nach der Zer­stö­rung des Tem­pels, in gro­ßer Zahl nach Palä­sti­na zurück­kehr­ten1, die Hälf­te des Lan­des in Besitz nah­men und kur­ze Zeit spä­ter wei­te­re 20 bis 30 Pro­zent mili­tä­risch besetz­ten? Heu­te sind wir bei 80 Pro­zent des Ter­ri­to­ri­ums ange­langt.
Und wir erle­ben, was seit 1924 bis heu­te, beson­ders im Gaza­strei­fen als auch im West­jor­dan­land geschieht. Im Hin­blick auf Gaza könn­ten sie sagen, daß es den Anschlag der Hamas vom 7. Okto­ber 2024 gege­ben hat, im West­jor­dan­land jedoch nicht. Dort betrei­ben die Sied­ler im West­jor­dan­land aller­dings eine eth­ni­sche Säu­be­rung, eine Form des Völ­ker­mor­des, und mas­sa­krie­ren die palä­sti­nen­si­sche Bevöl­ke­rung, die semi­tisch ist, weil sie Ara­ber sind.
Wenn jemand den neu­en Gesetz­ent­wurf von 2026 kri­ti­siert, der noch nicht von der Abge­ord­ne­ten­kam­mer ver­ab­schie­det wor­den ist, son­dern auf Wider­stand stößt, was ris­kiert er dann? Weil er den Staat Isra­el und die Poli­tik der gegen­wär­ti­gen Regie­rung des Staa­tes Isra­el kri­ti­siert, könn­te er als Anti­se­mit betrach­tet wer­den. Netan­ja­hu steht an der Spit­ze einer rechts­extre­men Regie­rung; nicht jede Regie­rung Isra­els gehört jedoch Netan­ja­hus Par­tei an.
Es gab lin­ke Regie­run­gen und rech­te Regie­run­gen wie die gegen­wär­ti­ge unter Netan­ja­hu, die aus Irgun2, Betar3 usw. her­aus gegrün­det wur­den.
Daher kann man ras­si­sti­schen Anti­ju­da­is­mus nicht mit der Kri­tik am Zio­nis­mus und an der Regie­rung Isra­els gleich­set­zen. Die Regie­rung Isra­els ist nicht der gesam­te Staat Isra­el, denn sie reprä­sen­tiert nur einen Teil der israe­li­schen Bevöl­ke­rung, auch wenn es sich der­zeit um die Mehr­heit han­delt.
Was die Kri­tik an der Poli­tik des Staa­tes Isra­el betrifft, so ist die­se zuläs­sig, denn nicht alle Maß­nah­men und Geset­ze, die von den Regie­run­gen eines Staa­tes erlas­sen wer­den, sind her­vor­ra­gend, gut oder akzep­ta­bel. Alle unter­lie­gen der Kritik.

Cin­zia Nota­ro: Besteht auch die umge­kehr­te Gefahr, daß der Hin­weis auf die Frei­heit der Kri­tik dazu benutzt wird, Ste­reo­ty­pe, Ver­schwö­rungs­theo­rien oder For­men des Anti­se­mi­tis­mus zu verbergen?

Don Cur­zio Nito­glia: Ich wür­de alle Fra­gen zur Scho­ah wegen der frei­heits­be­schrän­ken­den Geset­ze überspringen.

Cin­zia Nota­ro: Wo soll­te die Gren­ze zwi­schen Mei­nungs­frei­heit und der Bekämp­fung des Anti­se­mi­tis­mus gezo­gen wer­den? Könn­te eine zu weit gefaß­te recht­li­che Defi­ni­ti­on das Recht ein­schrän­ken, Reli­gio­nen, Ideo­lo­gien oder geo­po­li­ti­sche Fra­gen kri­tisch zu diskutieren?

Don Cur­zio Nito­glia: Die Mei­nungs­frei­heit muß mit der Bekämp­fung des Has­ses gegen die Israe­li­ten ein­her­ge­hen.
Auch hier ist „Anti­se­mi­tis­mus“ kein prä­zi­ser Begriff: Man muß dem Wis­sen­schaft­ler, dem Histo­ri­ker, dem Phi­lo­so­phen und dem Theo­lo­gen stets die Frei­heit geben, die soge­nann­te Juden­fra­ge, den Zio­nis­mus, die Poli­tik, die Wirt­schaft und die poli­ti­sche Macht zu unter­su­chen, die das Juden­tum im Lau­fe der Geschich­te aus­ge­übt hat, ohne selbst­ver­ständ­lich in irgend­ei­ne Form von Haß und Gewalt gegen Juden überzugehen.

Cin­zia Nota­ro: Soll­te die Bekämp­fung des Anti­se­mi­tis­mus vor allem dem Gesetz­ge­ber über­las­sen wer­den, oder sind Ihrer Ansicht nach Schu­le, Fami­lie, Kir­che und kul­tu­rel­le Insti­tu­tio­nen bei der Gewis­sens­bil­dung noch stär­ker gefordert?

Don Cur­zio Nito­glia: Der Kampf gegen Haß und Gewalt – nicht nur gegen Isra­el, nicht nur gegen Semi­ten, Ara­ber oder Juden, son­dern gegen jeden, auch gegen Eski­mos, Afri­ka­ner, Ita­lie­ner, Deut­sche und Fran­zo­sen – muß eher der Gewis­sens­bil­dung als den Geset­zen über­las­sen wer­den, die zu regel­rech­ten Kne­bel­ge­set­zen oder Ras­sen­ge­set­zen wer­den.
Er muß der Fami­lie anver­traut wer­den, weil die Eltern ihre Kin­der erzie­hen müs­sen; der Kir­che, die den Kin­dern die erste reli­giö­se Erzie­hung ver­mit­telt und zur Bil­dung des Gewis­sens bei­trägt; und schließ­lich der Schu­le, in der die Kin­der – es gibt sowohl katho­li­sche als auch welt­li­che Schu­len – die Grund­la­gen der wis­sen­schaft­li­chen, klas­si­schen und huma­ni­sti­schen Bil­dung erlernen.

Übersetzung/​Fußnoten: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Giu­sep­pe Nardi


  1. Die jüdi­sche Ein­wan­de­rung in das bri­ti­schen Man­dats­ge­biet zwi­schen dem Beginn der Ali­ja 1924 und der Aus­ru­fung des Staa­tes Isra­el 1948 belief sich auf rund 440.000 Per­so­nen. Seit der Grün­dung des Staa­tes Isra­el sind rund 3,5 Mil­lio­nen Juden ein­ge­wan­dert. ↩︎
  2. Die Irgun war eine bewaff­ne­te para­mi­li­tä­ri­sche zio­ni­sti­sche Unter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on, die von 1931 bis 1948 im bri­ti­schen Man­dats­ge­biet Palä­sti­na Ter­ror­an­schlä­ge ver­üb­te, um die Errich­tung eines zio­ni­sti­schen Staa­tes zu erzwin­gen. Ihr Grün­der und Anfüh­rer war der aus Odes­sa gebür­ti­ge jüdi­sche Zio­nist Wla­di­mir Scha­b­o­tin­ski (1880–1940), der sich dem poli­ti­schen Zio­nis­mus ver­schrie­ben hat­te und auf Emp­feh­lung von Cha­im Weiz­mann 1921 in die Lei­tung der Zio­ni­sti­schen Welt­or­ga­ni­sa­ti­on beru­fen wor­den war.
    Der Zio­nis­mus war ein Pro­dukt asch­ke­na­si­scher Juden, die die damals in Euro­pa viru­len­te Idee des Natio­na­lis­mus über­nah­men, wäh­rend die sephar­di­schen Juden im Nahen Osten und Nord­afri­ka, auch in Palä­sti­na, dem Zio­nis­mus des­in­ter­es­siert und gleich­gül­tig gegen­über­stan­den.
    1925 grün­de­te Scha­b­o­tin­ski mit dem Bund der Zio­ni­sti­schen Revi­sio­ni­sten eine radi­ka­le Strö­mung inner­halb des Zio­nis­mus. Die Zio­ni­sti­schen Revi­sio­ni­sten lehn­ten in bezug auf die jüdi­sche Land­nah­me und die Grün­dung eines Juden­staa­tes in Palä­sti­na jeg­li­chen Kom­pro­miß mit der ein­hei­mi­schen ara­bi­schen Bevöl­ke­rung (das waren Anfang des 20. Jahr­hun­derts etwa 70 Pro­zent Mos­lems und 30 Pro­zent Chri­sten) ab. Dafür hat­te er bereits 1923 das Wort von der „Eiser­nen Mau­er aus jüdi­schen Bajo­net­ten“ geprägt, die zwi­schen Juden und Ara­bern errich­tet wer­den sol­le. Den ande­ren zio­ni­sti­schen Strö­mun­gen warf er Nach­gie­big­keit und Schwach­heit vor. Scha­b­o­tin­ski for­der­te die Errich­tung eines Juden­staa­tes „zu bei­den Sei­ten“ des Jor­dans (Eretz Isra­el). Er starb 1940 wäh­rend eines Som­mer­la­gers der Orga­ni­sa­ti­on Betar in den USA. ↩︎
  3. Betar war eine zio­ni­sti­sche Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on, die von Wal­d­imir Scha­b­o­tin­ski gegrün­det wur­de. Ihr Grün­dungs­kon­greß fand 1923 in Riga in Lett­land statt. Betar war offi­zi­ell zwar ein Akro­nym, bezog sich jedoch auf die letz­te Festung, die von den jüdi­schen Auf­stän­di­schen im Bar-Koch­ba-Auf­stand gegen die Römer gehal­ten wur­de.
    Betar grün­de­te im damals faschi­sti­schen Ita­li­en ein Aus­bil­dungs­zen­trum. Die Aus­bil­dungs­teil­neh­mer, die sich auf den bewaff­ne­ten Ein­satz zur Erobe­rung Palä­sti­nas vor­be­rei­te­ten, mar­schier­ten 1936 bei der gro­ßen faschi­sti­schen Mili­tär­pa­ra­de in Rom mit, mit der die ita­lie­ni­sche Erobe­rung Abes­si­ni­ens (Äthio­pi­ens) gefei­ert wur­de. Bei die­ser Erobe­rung war es zu schwer­wie­gen­den, ras­si­stisch moti­vier­ten Kriegs­ver­bre­chen gekom­men (Grau­sam­kei­ten gegen Gefan­ge­ne, will­kür­li­che Tötun­gen, Ein­satz von Gift­gas).
    Die spä­te­ren rech­ten israe­li­schen Mini­ster­prä­si­den­ten Men­achem Begin und Jitz­chak Scha­mir waren Mit­glie­der von Betar. Aus Irgun und Betar ging 1948 die israe­li­sche Par­tei Che­rut her­vor, aus der 1977 wie­der­um der Likud her­vor­ging.
    Han­nah Are­ndt und Albert Ein­stein ver­gli­chen 1948 in einem offe­nen Brief Scha­b­o­tinskis Revi­sio­ni­sti­schen Zio­nis­mus mit „natio­nal­so­zia­li­sti­schen und faschi­sti­schen Par­tei­en“. ↩︎

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