Das neue deutsche Meßbuch: Zeitgeist statt Treue zur überlieferten Liturgie

Auflösung der Einheit selbst in den Wandlungsworten

Die Bischöfe des deutschen Sprachraums arbeiten an einem "inklusiven" Meßbuch und wollen die Wandlungsworte "pro multis" als "für alle" beibehalten – Benedikt XVI. zum Trotz.
Die Bischöfe des deutschen Sprachraums arbeiten an einem "inklusiven" Meßbuch und wollen die Wandlungsworte "pro multis" als "für alle" beibehalten – Benedikt XVI. zum Trotz.

Die geplan­te Revi­si­on des Meß­buchs im deut­schen Sprach­raum soll eine „mög­lichst inklu­si­ve“ Spra­che brin­gen. Zugleich droht eine erneu­te Aus­ein­an­der­set­zung um die Wand­lungs­wor­te: Statt des latei­ni­schen „pro mul­tis“ könn­te wei­ter­hin „für alle“ ste­hen. Damit stellt sich eine grund­sätz­li­che Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von lit­ur­gi­scher Über­lie­fe­rung, kirch­li­cher Auto­ri­tät und zeit­ge­nös­si­schen Sprachideologien.

Die katho­li­schen Bischö­fe des deut­schen Sprach­raums neh­men einen neu­en Anlauf zur Über­ar­bei­tung des Mis­sa­le Roma­num. Die bis­he­ri­ge Aus­ga­be stammt aus dem Jahr 1975. Nun ist eine wei­te­re Pha­se der Revi­si­on ange­lau­fen: Bis Juni 2027 kön­nen Fach­leu­te und „in der Seel­sor­ge Täti­ge“ Vor­schlä­ge und Begrün­dun­gen für Ände­run­gen ein­rei­chen. Die zustän­di­gen Gre­mi­en spre­chen von einer mode­ra­ten Über­ar­bei­tung der bestehen­den Texte.

Doch schon die ersten Äuße­run­gen aus dem Umfeld der mit der Revi­si­on beauf­trag­ten Gre­mi­en las­sen erken­nen, in wel­che Rich­tung die Rei­se gehen könn­te. Pater Mari­us Lin­nen­born, der die Arbeit der Kon­fe­renz für Lit­ur­gie im deut­schen Sprach­ge­biet (KLD) mit­ver­ant­wor­tet, kün­dig­te an, die neue Fas­sung sol­le eine mög­lichst „inklu­si­ve Spra­che“ ver­wen­den. Wo bis­lang nur von „Brü­dern“ die Rede sei, soll­ten künf­tig auch die „Schwe­stern“ aus­drück­lich genannt wer­den. Dar­über hin­aus schei­nen „stark männ­lich gepräg­te Got­tes­bil­der“ in Visier genom­men zu werden.

Damit ist ein The­ma auf­ge­ru­fen, das weit über eine Fra­ge sprach­li­cher Moder­ni­sie­rung hin­aus­geht. Die lit­ur­gi­sche Spra­che ist kein belie­big ver­füg­ba­res Instru­ment, das jeweils den gesell­schaft­li­chen Emp­find­lich­kei­ten ange­paßt wer­den kann. Sie hat die Auf­ga­be, den über­lie­fer­ten Glau­ben aus­zu­drücken und die Wor­te der Hei­li­gen Schrift und der Kir­che mög­lichst getreu wiederzugeben.

Natür­lich ist Gott kein Mann im bio­lo­gi­schen Sinn. Er steht jen­seits der geschlecht­li­chen Unter­schei­dung sei­ner Geschöp­fe. Doch dar­aus folgt kei­nes­wegs, daß die Bezeich­nung Got­tes als Vater eine bloß zeit­be­ding­te, männ­lich gepräg­te Vor­stel­lung wäre, die man nach heu­ti­gen Sprach­kon­ven­tio­nen zurück­neh­men könn­te. Gott hat sich in Jesus Chri­stus als Vater offen­bart. Jesus spricht wie­der­holt von sei­nem Vater. Die Vater­schaft ist nicht irgend­ein aus­tausch­ba­res Bild, son­dern gehört zur Offen­ba­rung der Drei­fal­tig­keit. Wer hier aus ver­meint­li­cher sprach­li­cher Rück­sicht­nah­me kor­ri­gie­ren möch­te, muß sich fra­gen las­sen, ob er noch die Spra­che der Offen­ba­rung bewahrt oder sie bereits einer außer­christ­li­chen Denk­wei­se unterordnet.

Der Streit um „für viele“ und „für alle“

Noch gewich­ti­ger ist aller­dings eine ande­re Fra­ge, die im Zuge der Meß­buch­re­vi­si­on erneut auf­bre­chen dürf­te: die Über­set­zung der Wandlungsworte.

Im latei­ni­schen Mis­sa­le heißt es: „qui pro vobis et pro mul­tis effun­de­tur“ – „das für euch und für vie­le ver­gos­sen wird“. Die deut­sche volks­sprach­li­che Lit­ur­gie ver­wen­det dage­gen bis heu­te die For­mu­lie­rung „für euch und für alle“. Dabei han­delt es sich nicht um eine wort­ge­treue Über­set­zung, son­dern um eine inter­pre­tie­ren­de Wie­der­ga­be, die Papst Bene­dikt XVI. gleich nach sei­ner Wahl korrigierte.

Am 17. Okto­ber 2006 hat­te die Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on unter Kar­di­nal Fran­cis Arin­ze die Bischofs­kon­fe­ren­zen welt­weit auf­ge­for­dert, sich auf eine genaue­re Über­set­zung von „pro mul­tis“ vor­zu­be­rei­ten. „Für vie­le“ sei die getreue Über­set­zung, wäh­rend „für alle“ bereits eine Aus­le­gung dar­stel­le, die in die Kate­che­se gehö­re. Eine Dif­fe­ren­zie­rung mit weit­rei­chen­der Bedeu­tung für das Ver­ständ­nis der Heils­not­wen­dig­keit des Men­schen. Die Bischö­fe soll­ten die Gläu­bi­gen inner­halb der fol­gen­den ein bis zwei Jah­re auf die Ände­rung vor­be­rei­ten, damit die prä­zi­se­re For­mu­lie­rung in der näch­sten Aus­ga­be des Mis­sa­le Roma­num ein­ge­führt wer­den könne.

Sechs Jah­re spä­ter muß­te sich Papst Bene­dikt XVI. per­sön­lich ein­schal­ten. In sei­nem Schrei­ben vom 14. April 2012 an den Vor­sit­zen­den der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, damals Erz­bi­schof Robert Zol­lit­sch, erin­ner­te er aus­drück­lich dar­an, daß der Hei­li­ge Stuhl ent­schie­den hat­te, „pro mul­tis“ künf­tig mit „für vie­le“ zu über­set­zen. An die Stel­le der inter­pre­tie­ren­den For­mu­lie­rung „für alle“ müs­se die direk­te Über­tra­gung „für vie­le“ tre­ten.

Bene­dikt XVI. beließ es nicht bei einer sprach­li­chen Anwei­sung. Er erläu­ter­te aus­führ­lich die theo­lo­gi­schen Grün­de. Die Über­set­zung „für alle“ sei zwar eine theo­lo­gisch begründ­ba­re Inter­pre­ta­ti­on, aber eben kei­ne genaue Wie­der­ga­be des über­lie­fer­ten Tex­tes. Die Kir­che habe die Wor­te Jesu zu ach­ten und dür­fe die Aus­le­gung nicht bereits in die Über­set­zung hin­ein­le­gen. Der Papst beton­te aus­drück­lich: „Die Ehr­furcht vor dem Wort Jesu selbst ist der Grund für die For­mu­lie­rung des Hoch­ge­bets.“

Dabei stell­te Bene­dikt kei­nes­wegs infra­ge, daß Chri­stus für alle Men­schen gestor­ben ist. Gera­de die­se Wahr­heit gehö­re zum Fun­da­ment des katho­li­schen Glau­bens. Doch die Wor­te der Ein­set­zung des eucha­ri­sti­schen Opfers lau­ten nach Mat­thä­us und Mar­kus „für vie­le“. Die uni­ver­sa­le Heils­be­stim­mung Chri­sti und die kon­kre­te For­mu­lie­rung der Ein­set­zungs­wor­te sind nicht gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len. Die Kate­che­se habe die­se Zusam­men­hän­ge zu erklä­ren – nicht durch eine freie Über­set­zung zu erstzen.

Zwanzig Jahre nach der vatikanischen Aufforderung

Zwan­zig Jah­re nach dem Schrei­ben der Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on sind die Wider­stän­de gegen die wort­ge­treue Über­set­zung im deut­schen Sprach­raum noch immer viru­lent. Eine neue Über­set­zung war zwar erar­bei­tet wor­den, doch die Bischö­fe woll­ten sie nicht appro­bie­ren, weil sie nach eige­ner Ein­schät­zung nicht hin­rei­chend von der bis­he­ri­gen Fas­sung über­zeugt waren. Auch Bene­dikts ein­dring­li­che Bit­te um eine umfas­sen­de Kate­che­se führ­te nicht zu dem von ihm erhoff­ten über­zeug­ten Gehorsam.

Dabei ist eine kir­chen­recht­li­che Unter­schei­dung wich­tig: Bene­dikt XVI. bezog sei­ne Ent­schei­dung aus­drück­lich auf die neue Über­set­zung des Mis­sa­le. Solan­ge die bis­he­ri­ge Aus­ga­be von 1975/​1988 in Kraft ist, bleibt deren appro­bier­te For­mu­lie­rung für den lit­ur­gi­schen Gebrauch maß­geb­lich. Damit nahm er bereits aus­drück­lich Rück­sicht auf die wider­stre­ben­den Befind­lich­kei­ten sei­ner Lands­leu­te im Epi­sko­pat. Inzwi­schen sind zwei Dez­en­ni­en ver­gan­gen, aus­rei­chend Zeit also, um sich von der Rich­tig­keit der von Bene­dikt gefor­der­ten Kor­rek­tur über­zeu­gen zu kön­nen. Doch Fehlanzeige.

Aller­dings hat sich die kir­chen­recht­li­che Lage seit 2017 ver­än­dert. Zufall? Kei­nes­wegs. Mit dem Motu pro­prio Magnum prin­ci­pi­um über­trug Papst Fran­zis­kus den Bischofs­kon­fe­ren­zen grö­ße­re Ver­ant­wor­tung für die Über­set­zung der lit­ur­gi­schen Bücher (sie­he auch Fran­zis­kus über­trägt Bischofs­kon­fe­ren­zen Zustän­dig­keit für die Über­set­zung der lit­ur­gi­schen Bücher in die Volks­spra­chen). Die Über­set­zun­gen müs­sen wei­ter­hin die latei­ni­schen Tex­te getreu wie­der­ge­ben und bedür­fen der Bestä­ti­gung durch den Apo­sto­li­schen Stuhl. Die Zustän­dig­kei­ten wur­den also neu geord­net und der dama­li­ge Prä­fekt der Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on, Kar­di­nal Robert Sarah, sah sich zu einer Prä­zi­sie­rung ver­an­laßt, was eine für den Kar­di­nal­prä­fek­ten demü­ti­gen­de Zurecht­wei­sung durch Fran­zis­kus nach sich zog. Die Pflicht zur Treue gegen­über dem lit­ur­gi­schen Grund­text wur­de also nicht auf­ge­ho­ben, die Wahr­schein­lich­keit, sich der Anord­nung Bene­dikts zu wider­set­zen, wur­de aber mit Hil­fe sei­nes Nach­fol­gers erhöht.

Das italienische Beispiel als Präzedenzfall?

Wäh­rend die eng­li­sche und auch spa­ni­sche Über­set­zung des Mis­sa­le die revi­dier­ten Wand­lungs­wor­te über­nom­men haben und in die­sen Spra­chen seit Jah­ren das „für vie­le“ gilt, zei­gen sich auch die ita­lie­ni­schen Bischö­fe rebel­lisch. Frank­reich ging 2018, eben­falls unter Beru­fung auf die neu­en Zustän­dig­kei­ten, einen drit­ten Weg und wähl­te die For­mu­lie­rung „für die Viel­heit“. Die von Fran­zis­kus geför­der­te „Dezen­tra­li­sie­rung“ hat eine selbst die Ein­heit bei den Wand­lungs­wor­ten zer­ris­sen, da in den Volks­spra­chen min­de­stens drei unter­schied­li­che For­mu­lie­run­gen gebraucht werden. 

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit für die deut­sche Ent­wick­lung ver­dient aber der Blick nach Ita­li­en. Dort hat­ten sich die Bischö­fe bei der Abstim­mung über das neue Mis­sa­le für die Bei­be­hal­tung von „per tut­ti“ – „für alle“ – aus­ge­spro­chen und damit noch zu Leb­zei­ten Bene­dikts XVI. mit ihm gebro­chen. Wie war das denk­bar? Weil Bene­dikt XVI. zurück­ge­tre­ten war. Die ita­lie­ni­schen Bischö­fe hat­ten die Fra­ge aus­rei­chend lan­ge ver­zö­gert und Papst Fran­zis­kus appro­bier­te schließ­lich die wider­spen­sti­ge Meß­buch­aus­ga­be. Lin­nen­born ver­mu­tet nun, daß eine Abstim­mung unter den Bischö­fen des deut­schen Sprach­ge­biets zu einem ähn­li­chen Ergeb­nis füh­ren könn­te, da man sich sogar auf einen Prä­ze­denz­fall beru­fen könne.

Damit wür­de auf deutsch wie auch auf ita­lie­nisch eine For­mu­lie­rung bei­be­hal­ten, deren inter­pre­tie­ren­den Cha­rak­ter Bene­dikt XVI. kri­ti­siert und deren Erset­zung durch eine genaue­re Über­set­zung er ver­langt hat­te. Doch Bene­dikt XVI. hat­te frei­wil­lig das Feld geräumt und Platz für das berg­o­glia­ni­sche Pon­ti­fi­kat gemacht. Die grö­ße­re Zustän­dig­keit der Bischö­fe scheint zur Recht­fer­ti­gung einer bereits bestehen­den, defi­zi­tä­ren Über­set­zungs­pra­xis zu nüt­zen. Nicht zuletzt dar­in dürf­te ein Grund zu suchen sein, wes­halb Fran­zis­kus den Bischofs­kon­fe­ren­zen in die­sem Bereich mehr Zustän­dig­kei­ten über­trug, wäh­rend er anson­sten aus­ge­spro­chen zen­tra­li­stisch regier­te und den Bischö­fen in ande­ren Berei­chen Zustän­dig­kei­ten weg­nahm und in Rom konzentrierte.

Doch sowohl das Gewäh­ren wie das Weg­neh­men folg­te im berg­o­glia­ni­schen Pon­ti­fi­kat einer kon­se­quen­ten Logik, die sowohl im einen wie im ande­ren Fall nicht die treue Bewah­rung der Über­lie­fe­rung zum Ziel hat­te, son­dern ihr Gegenteil.

Es wäre jeden­falls ein eigen­ar­ti­ges Signal, wenn man bei der Revi­si­on des deut­schen Meß­bu­ches einer­seits betont gro­ßen Wert auf die Anpas­sung an gegen­wär­ti­ge sprach­li­che Emp­find­lich­kei­ten legt und die „Inklu­si­on“ her­vor­hebt, ande­rer­seits aber an einer Über­set­zung fest­hal­ten woll­te, die gera­de nicht dem Wort­laut des latei­ni­schen Mis­sa­le ent­spricht und aus­drück­lich von Bene­dikt XVI. ver­wor­fen wurde.

Was gilt also: die über­lie­fer­te Spra­che der Kir­che, die Hei­li­ge Schrift und die ver­bind­li­chen lit­ur­gi­schen Tex­te – oder die wech­seln­den Vor­stel­lun­gen einer jewei­li­gen Gegenwart?

Ein Meß­buch ist kein sprach­po­li­ti­sches Expe­ri­men­tier­feld. Es ist das lit­ur­gi­sche Gebet­buch der Kir­che. Sei­ne Revi­si­on soll­te des­halb vor allem von Ehr­furcht vor dem über­lie­fer­ten Glau­ben und von Treue zu den Wor­ten Chri­sti getra­gen sein. Die Kir­che braucht kei­ne Lit­ur­gie, die dem Zeit­geist hin­ter­her­läuft. Sie braucht eine Lit­ur­gie, die den Glau­ben über die Zei­ten hin­weg unver­fälscht bewahrt und weitergibt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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