Von Wolfram Schrems*
Bereits zum fünften Mal wurde in Prag, diesmal vom 23. bis 25. Oktober, die bedeutende St.-Adalberts-Konferenz (Svatovojtěšská konference) des Patrimonium Sancti Adalberti durchgeführt. Sie stand heuer unter dem Motto „Together Stronger!“1
Die Absicht der Veranstalter war die kulturelle und wirtschaftliche Stärkung der mittel- und ostmitteleuropäischen Völker und Staaten gegenüber der EU und den Großmächten. Die Konferenz bekennt sich laut Schlußdeklaration zur Verteidigung der nationalen Interessen der Staaten Mitteleuropas und zur Zusammenarbeit auf allen Gebieten, ohne eine weitere supranationale Bürokratie zu errichten. Nicht nur durch wirtschaftliche Entwicklung werde die Zukunft unserer Länder gesichert, daher müßten sie auch moralisch und geistlich stark gemacht werden. –
Etwa 200 Personen aus zwölf Ländern nahmen teil. Neunzehn Organisationen aus zentral- und osteuropäischen Ländern scheinen als Mitveranstalter auf. Nachdem das für die Leser von Katholisches.info von Interesse sein wird (oder sein sollte), hier ein etwas umfangreicherer Bericht.
St.-Adalberts-Preis an Kardinal Dominik Duka (†) und Fürst Leo von Hohenberg
Die Veranstalter verliehen das Pretium Sancti Adalberti postum an S. Em. Kardinal Dominik Duka OP und an S. D. Fürst Leo von Hohenberg.
Der Fürst, Urenkel des in Sarajewo ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand, Unternehmer und Milizoffizier (Oberstleutnant), hatte sich bei Konferenzen auf dem Hohenbergschen Besitz Schloß Artstetten (Niederösterreich) als wichtige Stimme für die Erhaltung von Glauben, Naturrecht und Frieden und gegen die Kriegstreiberei gegen Rußland gewandt.
In seiner Dankesrede sagte Fürst Hohenberg, daß durch christliche Identität vereinte Nationen eine „unbesiegbare Macht“ sind, weil Gott die einzige Wahrheit ist und die einig wahre Macht besitzt. Darum attackiere jedes totalitäre Regime zunächst Gott selbst. Der Fürst beklagte die Passivität der Kirche und ihre Infiltration mit einem falschen Toleranzbegriff, der den linken Globalisten in die Hände spiele. Die Kirche mit ihren Kardinälen, Bischöfen und allen Gläubigen solle unsere Gesellschaft zurück zu den Lehren Christi bringen. Er rief dazu auf, das Wahre, Gute und Schöne anzustreben, weil wir darauf ja geradezu „programmiert“ sind.
Die Veranstalter luden den Prämonstratenserpater Jakub Berka für eine Ansprache und die Spendung des Segens ein, nachdem Weihbischof Zdeněk Wasserbauer abgesagt hatte. Sr. Dominika Bohušová, Angehörige des Dritten Ordens der Dominikaner und ursprünglich Kinderärztin und Neonatologin, stellte das Leben des St.-Adalberts-Preisträgers und ehemaligen politischen Häftlings im Kommunismus Kardinal Duka eindrucksvoll vor. Vojtěch Mátl nahm als ehemaliger Zeremoniär des verewigten Kardinals den Preis entgegen. Der Wahlspruch des Kardinals In spiritu veritatis wurde häufig zitiert und als bleibende Verpflichtung proklamiert. –
Wie im Vorjahr wurde auch ein kultureller Programmpunkt gesetzt: Die vier Damen des Klarinettenquartetts Cantarina Clarinete boten ein wunderbares Konzert.
Am Samstag wurde ein Podiumsgespräch mit illustren Gästen durchgeführt:
Tschechische Stellungnahmen: aus dem Patrimonium und von den drei Regierungsparteien
Patrimonium-Vorsitzender Tomáš Kulman, Manager in einem Energieunternehmen, leitete das Podiumsgespräch mit kritischen Worten ein. Es gebe starke Unterschiede in den Regionen Europas, der Westen sei durch Green Deal und Geschichtsvergessenheit im Niedergang begriffen, während Zentral- und Osteuropa die Kultur bewahrten. Wenn wir dem westlichen Vorbild folgen, wäre das fatal für unsere Zukunft.
Tomio Okamura, Präsident der tschechischen Abgeordnetenkammer (Unterhaus), Gründer der EU-kritischen Partei für Freiheit und Direkte Demokratie (SPD), Gegner des Stellvertreterkrieges in der Ukraine und der Islamisierung Europas, kam für sein Grußwort praktisch direkt von einer Parlamentsdebatte, die bis in die frühen Morgenstunden gedauert hatte. Er würdigte den hl. Adalbert als Hirten, der die Geschichte Europas geprägt hat. Er sprach sich gegen den Verlust der nationalen Souveränität durch die „Föderalisierung“ Europas, Green Deal und Immigration aus.
Auch Vize-Premierminister und Außenminister Petr Macinka (Motoristen) und der erste Vize-Premierminister und Handelsminister Karel Havlíček (ANO) gaben Stellungnahmen ab. Letzterer betonte, daß nur der Privatsektor Wohlstand und Werte schaffe, der Staat solle ein marktfreundliches Umfeld garantieren. Er lehnte social engineering und Bevormundungen wie das von oben dekretierte Aus für Verbrennermotoren ab.
Der Moderator des Panels, TV-Journalist und Buchautor Petr Holec, betonte, daß das Motto „Zusammen stärker!“ gerade für die Tschechen passend sei, die immer Partner und Verbündete suchten. Vor 25 Jahren habe man die Visegrád-Konferenz („V4“) gegründet (Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn), jetzt strebe man mit der St. Adalberts-Initiative eine stärkere „V12“ an, denn die EU sei nicht imstande, auf die geopolitischen Herausforderungen zu reagieren, aber unsere Interessen seien von Belang.
Informationen und Kommentare aus acht Ländern: Kontrast zur Einheitsmeinung
Der erste Redner war der rumänische Oppositionspolitiker George Simion von der pro-orthodoxen, familienfreundlichen, Coronamaßnahmen-kritischen und nationalistischen Partei AUR, Allianz zur Vereinigung der Rumänen. Simion verwies auf die Krise der westeuropäischen Länder, derzeit besonders Frankreich, und rief ernsthaft zum Gebet und zur Rückkehr zu den christlichen Wurzeln auf. In vielen Ländern haben sich die Menschen von Gott entfernt. Simion erinnerte an die Annullierung des Ergebnisses der Präsidentenwahlen: „Ich komme aus einem Land, in dem wir Probleme mit Wahlen haben.“ Das „Verbrechen“ von Präsidentschaftskandidat Călin Georgescu sei gewesen, daß er die Wahlen gewonnen hatte. Er habe dann unter einem lächerlichen Vorwand vierzig Tage im Gefängnis verbracht. Simion sprach von der Einführung einer „Marionettenregierung“ auf Befehl von Ursula von der Leyen. Er erinnerte an die Prahlerei von Ex-EU-Kommissar Thierry Breton, Wahlen überall annullieren zu können: „Wir haben es in Rumänien gemacht, wir machen es überall.“ Simion bezichtigte die rumänischen TV-Sender der systematischen Lüge. Aber die Rumänen hätten sich ihre skeptischen Reflexe aus der kommunistischen Zeit bewahrt, besonders auch während Covid.
Thomas Grischany, Historiker und FPÖ-Lokalpolitiker, vertrat die erkrankte Nationalratsabgeordnete Susanne Fürst. Europa erlebe derzeit einen Alptraum. Die Krise im Westen gehe aber schon auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Viele Europäer hätten 1914 den Krieg als „reinigende Erfahrung“ willkommen geheißen, was eine Folge der Ideologie Nietzsches u. a. gewesen sei. Das Alte Europa, das freilich nicht fehlerlos war, wurde 1914 in Sarajewo ermordet, eine pervertierte Form von Nationalismus war die Ursache. Nach fünf Jahren Patrimonium Sancti Adalberti richten sich unsere Augen nach Prag (wo auf den Tag genau 500 Jahre zuvor, am 23.10.1526, Ferdinand I. von Habsburg zum König von Böhmen gekrönt wurde). Wir könnten das Rad nicht vor die Zeit eines säkularen Europas zurückdrehen, sollten aber unsere gemeinsamen Interessen vertreten. Der Totalitarismus sei schon hier, er werde von der EU im Namen der „Demokratie“ betrieben.
Ein aus katholischer Perspektive besonders interessanter Redner war der slowakische Europarlamentarier Milan Uhrík von der patriotischen Partei Hnutie Republika. Er sprach sich gegen die Aufhebung des Vetorechts in der EU und für die Streichung von 30.000 Beamtenjobs in der EU-Bürokratie aus. Es brauche einen Notfallplan, wenn die EU scheitert, und einen Energieplan. Daß der Energiebedarf mit „erneuerbarer“ Energie abgedeckt werden könne, sei ein Märchen. Sonne und Wind seien nicht verläßlich und führten zum Blackout wie in Spanien. Uhrík rief zur Aufhebung der Sanktionen gegen Rußland auf. Er sprach sich auch gegen Islamisierung und Errichtung von Moscheen in der Slowakei aus. Europa muß christlich bleiben: „Wir sollen beten, ja, aber wir müssen auch handeln.“ Uhrík benannte als einziger Redner auch das Pro-Life-Anliegen: Er beklagte, daß die Linken im EU-Parlament gegen jeden Schutz ungeborener Kinder mobil machen und daß die EU Abtreibungen fördert. Uhrík forderte auch, daß die Kirche „Teil des europäischen Lebens“ sein soll, sie ist eine „Säule Europas“.
Weitere Redner waren Krzysztof Tuduj, Mitglied des polnischen Sejm und Angehöriger des Sicherheitskomitees, und der serbische Staatssekretär Perko Matović, der sich über das Schweigen des Westen zur Christenverfolgung und Islamisierung des Kosovo beklagte und kritisierte, daß die jetzige EU nicht im entferntesten dem ähnle, wofür Schuman und de Gaulle standen. Zu viele Leute seien einfach „zu müde“, um zu registrieren, was Brüssel so treibt.
Aus Europas Süden: der italienische Volkstribun und der griechische Diplomat
Ein hervorstechender Podiumsteilnehmer war der suspendierte italienische Elitesoldat Generalmajor Roberto Vannacci, Europarlamentarier, Gründer der Partei Futuro nazionale und Autor eines Buches, das ihm viele Schwierigkeiten einbrachte. Er sprach vor allem zu Fragen der Energie- und Ernährungssicherheit. In seiner mitreißenden Rede kritisierte er die „Verschmutzungs“-Rhetorik: Energieproduktion ist schmutzig? Verschmutzung tötet die Menschheit? Die Weltbevölkerung entwickelte sich von einer Milliarde Menschen im Jahr 1900 auf acht Milliarden 2026. So schlimm kann diese „Verschmutzung“ dann wohl nicht sein. Er ironisierte „den großen Guru“ Mario Draghi, der drei Hauptursachen für die gegenwärtigen Probleme ausgemacht habe: Globalisierung, „geopolitische Spannungen“ („auch Kriege genannt“) und den Importstopp billiger Energie aus Rußland. Daher gebe es eine einfache Lösung, nämlich die Umkehrung dieser Vorgänge. General Vannacci prangerte an, daß heutzutage sogar Landwirtschaft und Viehhaltung als „Verschmutzung“ gelten. Da Ursula von der Leyen möglicherweise nicht kochen könne und daher keinen Bezug zu den Lebensmitteln habe, gefährde sie eben leichtfertig die Landwirtschaft.
Vannacci stellte abschließend fest, daß die 30.000 Bürokraten in Brüssel das Orchester der sinkenden Titanic darstellen würden. Nach etwa 35 Jahren europäischer „Integration“ im Zeichen von Maastricht habe unsere Produktivität drastisch abgenommen und die Subsidiarität ist praktisch verschwunden.
Der letzte Redner am Podium war der ehemalige griechische Botschafter und Berater der Partei NIKI Theodore Economou-Kamarinos. Er bezeichnete die EU als „dekadent“ und als „gescheiterte Institution“, die sich mit „grünem Unsinn“ und „Kuhfürzen“ befasse. Er empfahl die Konsultation von John Mearsheimer, der jede europäische Integration ohne Rußland, seine Bevölkerung, Kultur und Wirtschaft als unvollständig begreife. Zur Vorgeschichte des jetzigen Ukraine-Krieges sagte er: „Wir provozierten Rußland zur Invasion in der Ukraine.“ Für Economou-Kamarinos sei die Außenpolitik der Türkei viel gefährlicher als die Rußlands.
Was man sonst noch hören konnte: EU-Kritik, hybride Kriegsführung, mächtige „NGOs“
Teilnehmer und Redner äußerten sich im persönlichen Gespräch vehement EU-kritisch. Es wurde etwa beklagt, daß in Brüssel dreißigtausend Bürokraten beschäftigt werden, die oft fürstliche Gehälter für nicht oder kaum erkennbare Leistungen einstreifen (etwa 4.500 Euro Monatsgehalt für einen Bibliothekarsposten). Zudem hat die EU-Mitgliedschaft, sieht man auf ausschlaggebende Zahlen wie Bevölkerungswachstum, Wirtschaftskraft, Einkommen und Sicherheit, nichts zum Besseren bewegt, im Gegenteil.
Während gut informierte Teilnehmer aus ostmitteleuropäischen Staaten um den Einfluß der russischen Führung auf ihre Länder im Rahmen einer wie auch immer genauer zu fassenden „hybriden Kriegsführung“ wissen, wissen sie auch um solche Einflußnahmen durch westliche, offiziell „befreundete“ Staaten, und sind darüber nicht amüsiert.
Sehr interessant sind auch die Informationen über den teilweise erfolgreichen Kampf der slowakischen Regierung unter Ministerpräsident Robert Fico gegen ausländische „NGOs“, die überproportional viel Macht ausüben und tief in den europäischen Strukturen vernetzt sind. Alleine schon die gesetzliche Forderung nach Transparenz der Finanzierung der „NGOs“ löste einen Sturm der Empörung aus: EU, Europarat, OSZE und die – vermutlich nur wenigen bekannte – Venedig Kommission (Europäische Kommission für Demokratie durch Recht) übten Druck aus, einige Botschafter westlicher Länder marschierten deswegen sogar zu den Richtern des slowakischen Verfassungsgerichts (!), das das Gesetz dann tatsächlich aufhob. Nichtdestotrotz wurde ein Teilerfolg erzielt, zumal das Treiben der subversiven, oft „rußlandhassenden“ „NGOs“ in das Licht der Öffentlichkeit gerückt ist und die Regierung nunmehr verstärkt patriotische Initiativen finanziert. Die slowakische Regierung fördert auch nur mehr nicht-politische Projekte im Ausland, wie Krankenhäuser in Afrika. Gelder für dubiose „pro-demokratische“ und „gegen Desinformation kämpfende“ „NGOs“ in Weißrußland, Kosovo und Georgien sind gestrichen.2
Resümee: ein Zukunftsprojekt
Die Veranstalter leisteten eine sehr gute Arbeit. Dank und Anerkennung gehen daher an Tomáš Kulman und David Částek, stellvertretend für alle Organisatoren.
Die geladenen Redner hatten beherzigenswerte Botschaften: Souveränismus und Zusammenarbeit der Staaten schließen einander selbstverständlich nicht aus. Kriegstreiberei ist abzulehnen. Wohlstand kommt nur aus der privaten Initiative, nicht von der Bürokratie.
Der christliche Glaube kam prominent vor, mehr als im Vorjahr, insofern ist man auf einem guten Weg. Wir werden es brauchen.
Bemerkenswert war auch der Anteil an katholischen Teilnehmern, die ihren Glauben ernst nehmen und in ihre Arbeit in Politik und Metapolitik einbringen.
Der Altersdurchschnitt entsprach dem, was man bei erfahrenen Politikern und metapolitischen Aktivisten erwarten kann, allerdings gab es gerade in den Delegationen aus Polen, der Slowakei und Italien auch etliche junge Leute. –
Ob wir mit allen Rednern in allen Punkten ihrer jeweiligen Parteiprogramme konform gehen? Wohl nicht.3 Vermutlich werden gewisse Unterschiede auch in Zukunft bleiben. Auf der Konferenz spielten sie keine Rolle. Historische oder sonstige Kontroversen wurden nicht verhandelt, sondern auf die Herausforderungen der Gegenwart geblickt. Das ist auf jeden Fall ein Zukunftsprojekt. –
Am Prager Altstädter Rathaus befindet sich die Inschrift: PRAGA CAPUT REGNI. Daß das stark entchristlichte Böhmen mit der Initiative des Patrimonium Sancti Adalberti in Mittel- und Ostmitteleuropa vorangeht, ist eine erfreuliche Überraschung.
Am vergangenen Wochenende war Prag jedenfalls die Hauptstadt eines ideellen regnum unter dem Patronat eines Heiligen aus dem 10. Jahrhundert, somit vor dem Morgenländischen Schisma, der Tschechen und Slowaken, Polen und Ungarn, Deutsche, Österreicher, Kroaten und Serben und noch einige andere Völker verbindet und Vorbild und Fürsprecher ist.
*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro Lifer, Teilnehmer an der St. Adalberts-Konferenz 2025 und 2026.
Bild: psazs.cz
1 Für den Bericht zur letztjährigen Konferenz siehe hier, zur Person des namensgebenden heiligen Adalbert (Vojtěch, Wojciech, Béla) siehe hier.
2 Wir erinnern auch an den Mordanschlag auf Premier Fico im Mai 2024. Die Frage stellt sich, ob die Hintergründe tatsächlich alle aufgehellt wurden.
3 Interessanterweise sind etliche der an der Konferenz beteiligten Parteien ausweislich der Auskünfte auf Wikipedia pro-zionistisch. Erfreulich ist, daß das keinen Einfluß auf die Konferenz hatte.
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