Kardinal Tucho Fernández: „Der Papst ist in hervorragender Verfassung“

"Wir können weiterhin mit einem langen Pontifikat rechnen"

Kardinal Fernández gibt das "persönliche Tagebuch" von Franziskus heraus, das zeitgleich in fünf Sprachen erscheinen. Die deutsche Ausgabe soll am 16. Dezember folgen.
Kardinal Fernández gibt das "persönliche Tagebuch" von Franziskus heraus, das zeitgleich in fünf Sprachen erscheinen. Die deutsche Ausgabe soll am 16. Dezember folgen.

Kar­di­nal Víc­tor Manu­el „Tucho“ Fernán­dez, den Papst Fran­zis­kus zum Prä­fek­ten des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re ernann­te und der unter sei­nem Pon­ti­fi­kat zu einem der ein­fluß­reich­sten Män­ner der Römi­schen Kurie auf­ge­stie­gen ist, gab der spa­ni­schen Kir­chen­zeit­schrift Vida Nue­va ein Inter­view, das gestern ver­öf­fent­licht wur­de. Anlaß war die bevor­ste­hen­de Ver­öf­fent­li­chung des per­sön­li­chen Tage­buchs von Jor­ge Mario Berg­o­glio, das von sei­nem Lieb­lings­günst­ling her­aus­ge­ge­ben, redi­giert und kom­men­tiert wird. Das Gespräch bot Kar­di­nal Fernán­dez aller­dings auch Gele­gen­heit, sich zum Gesund­heits­zu­stand von Papst Leo XIV. und zu des­sen bevor­ste­hen­der Latein­ame­ri­ka­rei­se zu äußern.

Das Buch, das am 24. Novem­ber erschei­nen soll, ver­spricht laut dem berg­o­glia­ni­schen Ghost­wri­ter einen unge­wöhn­lich tie­fen Ein­blick in die per­sön­li­che Gedan­ken­welt des ver­stor­be­nen Pap­stes. Fernán­dez stell­te dazu Auf­zeich­nun­gen Jor­ge Mario Berg­o­glio vom Moment sei­ner Bischofs­wei­he im Jahr 1992 bis 2024 zusam­men. Dabei erhebt Fernán­dez einen bemer­kens­wer­ten Anspruch: Erst durch die­se bis­lang unver­öf­fent­lich­ten pri­va­ten Tex­te, so der Kar­di­nal, wer­de es mög­lich, die Per­sön­lich­keit von Fran­zis­kus voll­stän­di­ger zu erfas­sen und gewis­ser­ma­ßen das Bild abzu­run­den, das sich aus den bis­her ver­öf­fent­lich­ten Äuße­run­gen und Doku­men­ten erge­ben habe. Fernán­dez spricht von der „See­le“ und der berg­o­glia­ni­schen Inner­lich­keit, die sich in die­sen Auf­zeich­nun­gen erschlie­ßen ließen.

Doch das Inter­view ent­hält noch eine zwei­te, poli­tisch und kirch­lich nicht weni­ger inter­es­san­te Bot­schaft. Auf die Fra­ge nach der bevor­ste­hen­den Rei­se Leos XIV. nach Süd­ame­ri­ka und der erst kurz zurück­lie­gen­den Lun­gen­ope­ra­ti­on des Pap­stes gibt der Kar­di­nal eine demon­stra­tiv beru­hi­gen­de Ant­wort: „Der Papst ist in her­vor­ra­gen­der Ver­fas­sung.“ Er habe sich bei einer per­sön­li­chen Audi­enz eigens nach des­sen Gesund­heits­zu­stand erkun­digt und die Begeg­nung mit völ­li­ger Beru­hi­gung ver­las­sen. Mehr noch: Er hal­te ein lan­ges Pon­ti­fi­kat für durch­aus realistisch.

Auch zu mög­li­chen Ein­schrän­kun­gen des päpst­li­chen Arbeits­pen­sums nahm der Glau­bens­prä­fekt Stel­lung. Von einer not­wen­di­gen Neu­ord­nung oder Anpas­sung des Arbeits­rhyth­mus kön­ne eigent­lich kei­ne Rede sein. Leo XIV. habe nicht nur zu sei­nem gewöhn­li­chen Arbeits­tem­po zurück­ge­fun­den, son­dern ver­dop­pe­le viel­mehr sei­ne Initia­ti­ve ange­sichts der anste­hen­den Her­aus­for­de­run­gen. Als Beleg führt Fernán­dez eine vom Papst am Vor­tag ein­be­ru­fe­ne Bespre­chung an.

Neben­bei ver­rät der Kar­di­nal auch etwas über sei­ne eige­ne Gesund­heit: Er sei vor eini­gen Wochen wegen einer gut­ar­ti­gen Talg­zy­ste ope­riert wor­den. Die Hei­lung der Ope­ra­ti­ons­wun­de habe ihn kör­per­lich stär­ker bean­sprucht als den Papst, merkt er mit einer für ihn cha­rak­te­ri­sti­schen Spit­ze an.

Bei der Rei­se nach Argen­ti­ni­en ste­he, so der Prä­fekt, nicht der ver­stor­be­ne Fran­zis­kus im Mit­tel­punkt, son­dern Leo XIV., der Fran­zis­kus‘ Volk begeg­ne. Eine wenig ver­wun­der­li­che Akzent­set­zung ange­sichts Tat­sa­che, daß Fran­zis­kus sich sein gan­zes Pon­ti­fi­kat hin­durch wei­ger­te, sei­ne Hei­mat zu besu­chen. In die­sem Zusam­men­hang ver­wun­dert auch nicht der Hin­weis, daß Fernán­dez, obwohl selbst Argen­ti­ni­er, Leo XIV. gebe­ten habe, ihn auf die­ser Rei­se nicht beglei­ten zu müssen.

Es gilt in Erin­ne­rung zu rufen, daß Jor­ge Mario Berg­o­glio zwar der Papst ist, der in sei­ner Amts­zeit die mei­sten Bücher ver­öf­fent­lich­te, jedoch kein län­ge­rer, zusam­men­hän­gen­der Text bekannt ist, den er selbst ver­faß­te. Tucho Fernán­dez war ab 1997 sein Ghost­wri­ter, den Berg­o­glio nach sei­ner Wahl zum Papst mit nach Rom nahm. Vor die­sem Hin­ter­grund sind auch Aus­sa­gen des Kar­di­nals zu sehen, daß die berg­o­glia­ni­schen Tex­te durch sei­ne Kom­men­ta­re „ver­ständ­li­cher“ würden.

Wir doku­men­tie­ren das voll­stän­di­ge Inter­view, das José Bel­trán für Vida Nue­va führte:

Das Interview mit Kardinal Víctor Manuel Fernández

Fra­ge: War­um wer­den die­se Auf­zeich­nun­gen des ersten latein­ame­ri­ka­ni­schen Pap­stes der Geschich­te jetzt veröffentlicht?

Kar­di­nal Fernán­dez: Mit der Ver­öf­fent­li­chung mei­ner Arbeit über das Tage­buch von Papst Fran­zis­kus und wei­te­re per­sön­li­che Tex­te, die er mir anver­traut hat, soll zunächst der Stim­me von Fran­zis­kus selbst Vor­rang ein­ge­räumt wer­den. Ich bin aller­dings auf­rich­tig davon über­zeugt, daß mein zurück­hal­ten­der Kom­men­tar wesent­lich dazu bei­trägt, den Sinn bestimm­ter Sät­ze und For­mu­lie­run­gen sowie ihren jewei­li­gen Zusam­men­hang genau­er zu verstehen.

Für mich war das eine gro­ße Über­ra­schung. Ich hat­te das Mate­ri­al bereits gese­hen und in Hän­den gehal­ten, es aber noch nicht gele­sen. Nach­dem ich es gele­sen hat­te, kann ich sagen: Es ist etwas Außer­ge­wöhn­li­ches und wird unver­zicht­bar sein, um die See­le Fran­zis­kus‘, sein Inner­stes, den Fran­zis­kus sei­nes Her­zens, zu verstehen.

Es fin­den sich dar­in so vie­le Din­ge, die wir in dem bis­lang ver­öf­fent­lich­ten Mate­ri­al nicht vor­ge­fun­den haben. Sie ermög­li­chen es uns gewis­ser­ma­ßen, das Bild sei­ner Per­sön­lich­keit zu ver­voll­stän­di­gen und genau­er zu erfas­sen, wer er wirk­lich war.

Fra­ge: Leo XIV. wird am 6. Novem­ber sei­ne erste Rei­se auf den ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent antre­ten. Sie schließt auch einen Besuch in Argen­ti­ni­en ein, der Hei­mat Berg­o­gli­os. Wer­den Sie ihn begleiten?

Kar­di­nal Fernán­dez: Ich habe dem Hei­li­gen Vater erklärt, daß ich bei die­ser bevor­ste­hen­den Rei­se lie­ber nicht dabei sein möch­te, obwohl ich sehr ger­ne mit­fah­ren würde.

Die Rei­se ist lang, und ich habe meh­re­re uner­le­dig­te Ange­le­gen­hei­ten, die mir Sor­gen berei­ten und gera­de jetzt ihrer Lösung ent­ge­gen­ge­hen. Außer­dem wer­de ich kur­ze Zeit spä­ter aus einem schon seit län­ge­rem bestehen­den Ver­pflich­tungs­grund nach Argen­ti­ni­en rei­sen müssen.

Das ent­spricht mei­ner Arbeits­wei­se. Ich bin nicht ger­ne län­ger als fünf Tage abwe­send. Selbst mei­nen regu­lä­ren Urlaubs­mo­nat neh­me ich in ein­zel­nen Abschnit­ten: fünf Tage im Juni, fünf Tage im August und so weiter.

Das ändert jedoch nichts an der Sache, denn der ein­zi­ge Prot­ago­nist ist der Papst gemein­sam mit dem Volk Got­tes. Im Fal­le Argen­ti­ni­ens ist nicht ein­mal Papst Fran­zis­kus der Prot­ago­nist, son­dern Papst Leo, der sei­nem Volk begegnet.

Fra­ge: Die­se Papst­rei­se fin­det nach der uner­war­te­ten Ope­ra­ti­on wegen eines Lun­gen­kar­zi­noms statt. Kommt sie nicht zu früh? Sehen Sie den Papst wie­der­her­ge­stellt und für ein der­art anspruchs­vol­les Pro­gramm gerüstet?

Kar­di­nal Fernán­dez: Der Papst ist in her­vor­ra­gen­der Ver­fas­sung. Heu­te mor­gen hat­te ich eine Audi­enz bei ihm. Ich sehe, daß er aus die­ser gesund­heit­li­chen Her­aus­for­de­rung sogar mit noch grö­ße­rem Enthu­si­as­mus und noch mehr Eifer für die Evan­ge­li­sie­rung her­vor­ge­gan­gen ist.

Außer­dem habe ich die Gele­gen­heit genutzt, um mir sämt­li­che Fra­gen zu sei­nem Gesund­heits­zu­stand beant­wor­ten zu las­sen. Ich habe die Audi­enz mit völ­li­ger Beru­hi­gung verlassen.

Mehr noch: Für mich steht ganz klar fest, daß wir wei­ter­hin mit einem lan­gen Pon­ti­fi­kat rech­nen können.

Fra­ge: Man­che sagen, daß der ope­ra­ti­ve Ein­griff einen Ein­schnitt bedeu­tet und sich der Arbeits­rhyth­mus von Robert Pre­vost dadurch grund­le­gend ver­än­dern könnte …

Kar­di­nal Fernán­dez: Wenn davon gespro­chen wird, daß man die Din­ge gewis­ser­ma­ßen „neu orga­ni­sie­ren“ oder „anpas­sen“ müs­se, bedeu­tet das ledig­lich, daß wir den Papst in die­sen Tagen nach der Ope­ra­ti­on nicht bedrän­gen soll­ten, damit er an einem ein­zi­gen Tag all das erle­digt, was sich wäh­rend sei­ner Abwe­sen­heit mög­li­cher­wei­se auf­ge­staut hat.

Das geschieht aller­dings auch nach einer mehr­tä­gi­gen Papstreise.

Ich selbst wur­de vor eini­gen Wochen wegen einer gut­ar­ti­gen Talg­zy­ste ope­riert. Dabei habe ich fest­ge­stellt, daß die Hei­lung und das Ver­nä­hen der Wun­de dem Kör­per zusätz­li­che Anstren­gun­gen abver­lan­gen. Aller­dings muß ich sagen, daß der Papst damit weni­ger Schwie­rig­kei­ten hat­te als ich.

Wenn ich mir ande­rer­seits anse­he, wie die Din­ge der­zeit lau­fen, kann ich nicht erken­nen, daß wir tat­säch­lich irgend etwas neu justie­ren müßten.

Gestern hat der Papst näm­lich eine Bespre­chung zu einem The­ma ein­be­ru­fen, mit dem sich bis­lang eine Grup­pe von Per­so­nen beschäf­tigt hat­te. Das zeigt, daß er nicht nur zu sei­nem gewöhn­li­chen Arbeits­tem­po zurück­ge­fun­den hat, son­dern ange­sichts der Her­aus­for­de­run­gen sogar sei­ne Initia­ti­ve verdoppelt.

Des­halb glau­be ich, daß es sich inzwi­schen nicht ein­mal mehr lohnt, wei­ter über die­ses The­ma zu sprechen.

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vida Nue­va (Screen­shot)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*