Leo XIV. ist Napoleon – aber welcher Napoleon?

Vielleicht ähnelt die Politik Leos XIV. tatsächlich derjenigen der Bonapartes, allerdings eher der des Neffen als der des Onkels

Leo XIV. mit Napoleon (links) und dessen Neffen Napoleon III. Wem ähnelt der päpstliche Regierungsstil nach dem bergoglianischen Chaos mehr: dem Neffen oder dem Onkel?
Leo XIV. mit Napoleon (links) und dessen Neffen Napoleon III. Wem ähnelt der päpstliche Regierungsstil nach dem bergoglianischen Chaos mehr: dem Neffen oder dem Onkel?

Von Cami­nan­te Wanderer*

Ore­mus pro Pon­tí­fice nostro Leo­ne. Domi­nus con­ser­vet eum, et viví­fi­cet eum, et bea­tum faci­at eum in ter­ra, et non tra­dat eum in ani­mam inimicorum.

Las­set uns beten für unse­ren Papst Leo. Der Herr behü­te ihn und erhal­te sein Leben, er las­se ihn geseg­net sein auf Erden und über­ge­be ihn nicht dem Haß sei­ner Feinde.

In der ver­gan­ge­nen Woche haben wir einen histo­ri­schen Streif­zug durch den Bona­par­tis­mus unter­nom­men. Ich glau­be, dabei ist deut­lich gewor­den, daß sich in der Kir­che seit min­de­stens 250 Jah­ren – man­che sagen, daß dies schon von Anfang an der Fall gewe­sen sei – jene für den Bona­par­tis­mus typi­schen Zyklen abge­spielt haben, die schließ­lich in eine Art Sta­bi­li­sie­rung und Nor­ma­li­sie­rung der neu­en Ideen mün­den, die sei­ner­zeit als revo­lu­tio­när auf­ge­tre­ten waren. Bevor wir also dar­über dis­ku­tie­ren, ob Papst Leo der Bona­par­te von Fran­zis­kus sein könn­te, soll­ten wir uns eines klar­ma­chen: Das wäre nichts Neu­es. Es wäre viel­mehr bei­na­he ein unaus­weich­li­ches Verhängnis.

Stel­len wir uns jedoch zunächst zwei not­wen­di­ge Fra­gen. Wäre es einem Papst unter den kon­kre­ten gegen­wär­ti­gen Bedin­gun­gen über­haupt mög­lich, kein Bona­par­te, son­dern viel­mehr ein Met­ter­nich zu sein? Mit ande­ren Wor­ten: Wäre ein reak­tio­nä­res oder restau­ra­ti­ves Pon­ti­fi­kat mög­lich? Das ist eine Fra­ge, die mit der Real­po­li­tik zu tun hat, und ich habe vor, mich ihr in der kom­men­den Zeit zu widmen.

Die zwei­te Fra­ge lau­tet: Läßt sich Fran­zis­kus bona­par­ti­sie­ren? Ich hal­te die­se Fra­ge für berech­tigt, denn ich weiß nicht, ob es über­haupt mög­lich ist, das Cha­os zu sta­bi­li­sie­ren. In der Phy­sik ist das durch­aus mög­lich; in der Kir­chen­po­li­tik dage­gen ist es ein Oxy­mo­ron. Das Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus war die orga­ni­sche Ent­fal­tung des Cha­os – ein wei­te­res Oxy­mo­ron. Und Unord­nung läßt sich ihrem Wesen nach nicht ord­nen. Die Refor­men von Fran­zis­kus zu sta­bi­li­sie­ren, hie­ße nichts ande­res, als das Cha­os auf allen mög­li­chen Gebie­ten fort­zu­set­zen: in der Orga­ni­sa­ti­on, der Leh­re, der Lit­ur­gie, im Kir­chen­recht, in der Moral und so wei­ter. Fran­zis­kus zu bona­par­ti­sie­ren, scheint mir des­halb unmög­lich zu sein – oder, anders gesagt: Es wäre Selbstmord.

Pater Sant­ia­go Mar­tín1 beschrieb vor eini­gen Wochen in sei­ner wöchent­li­chen Kolum­ne ein sehr anschau­li­ches Bild: Papst Leo habe eine Kir­che vor­ge­fun­den, die mit Bom­ben über­sät sei, die er ent­schär­fen müs­se. Dabei müs­se er äußerst behut­sam vor­ge­hen, denn die Bom­ben könn­ten ihm vor dem Gesicht explo­die­ren. Als Bei­spiel führ­te er Papst Bene­dikt an. Als die­ser begann, auf dem reak­tio­nä­ren Weg vor­an­zu­schrei­ten – gestat­ten Sie mir die­sen Aus­druck der Ein­fach­heit hal­ber –, began­nen ihm Bom­ben aller Art um die Ohren zu flie­gen: ange­fan­gen bei einem Kam­mer­die­ner, der ver­trau­li­che Doku­men­te stahl und der Pres­se zuspiel­te, bis hin zur Sper­rung des Zugangs der Vatik­an­bank zum SWIFT-System, wodurch ihr jede Mög­lich­keit genom­men wur­de, Geld zu bewe­gen – sie konn­te nicht ein­mal mehr die Monats­ge­häl­ter der San­piet­ri­ni bezahlen.

Was vie­le als Bona­par­ti­sie­rung des Fran­zis­kus-Pon­ti­fi­kats betrach­ten, könn­te dem­nach viel­mehr aus sehr lang­sa­men und vor­sich­ti­gen Regie­rungs­maß­nah­men bestehen, die sorg­fäl­tig durch­dacht sind, um unvor­her­ge­se­he­ne Explo­sio­nen zu verhindern.

Vie­le wer­den sagen, die­se Deu­tung sei nichts wei­ter als nai­ves Wunsch­den­ken. Das ist durch­aus mög­lich. Es ist aber eben­so mög­lich, daß es sich nicht um Wunsch­den­ken han­delt. Nie­mand weiß es. Und andert­halb Jah­re Pon­ti­fi­kat sind ange­sichts der Umstän­de, unter denen Papst Leo die Kir­che vor­ge­fun­den hat, eine sehr kur­ze Zeit – bei­na­he gar kei­ne. Solan­ge wir es also nicht wis­sen kön­nen, bleibt uns nichts ande­res übrig, als nach Anzei­chen in die eine wie in die ande­re Rich­tung Aus­schau zu halten.

Ein erster Punkt zeich­net sich inzwi­schen immer deut­li­cher ab: Der Papst ist dabei, eini­ge der hei­kel­sten Pro­ble­me zu ent­schär­fen, die ihm sein Vor­gän­ger hin­ter­las­sen hat. Begon­nen hat er, wie nicht anders zu erwar­ten, im eige­nen Haus: im Vati­kan und in Rom, des­sen Bischof er ist.

Betrach­ten wir die wich­tig­sten Ver­än­de­run­gen im Vatikan

Am 12. März 2026 wur­de Kar­di­nal Kon­rad Kra­jew­ski von sei­nem Amt als päpst­li­cher Almo­se­ni­er ent­bun­den. Am 30. März ent­hob der Papst Mon­si­gno­re Edgar Peña Par­ra, einen gro­ßen Günst­ling von Fran­zis­kus, sei­nes Amtes als Sub­sti­tut des Staats­se­kre­ta­ri­ats. Am 3. Okto­ber traf es Kar­di­nal Mau­ro Gam­bet­ti, der sein Amt als Erz­prie­ster der Peters­ba­si­li­ka verlor.

Alle drei waren pro­mi­nen­te Per­sön­lich­kei­ten mit beträcht­li­cher Macht und ein­deu­tig berg­o­glia­ni­scher Prägung.

Von gerin­ge­rer media­ler Wir­kung, aber tie­fe­rer Bedeu­tung war die Ver­kün­dung des neu­en Grund­ge­set­zes des Staa­tes der Vati­kan­stadt am 31. Juli 2026. Damit wur­de das bis­he­ri­ge Grund­ge­setz voll­stän­dig auf­ge­ho­ben, obwohl es erst aus dem Jahr 2023 stamm­te und durch und durch berg­o­glia­ni­schen Ursprungs war.

In einem inter­es­san­ten Arti­kel aus der ver­gan­ge­nen Woche unter­sucht Andrea Gagli­ar­duc­ci, ein seriö­ser Vatik­an­be­ob­ach­ter, die Ver­än­de­run­gen und das lang­sa­me Ver­schwin­den der alten berg­o­glia­ni­schen Gar­de. Ich emp­feh­le die Lektüre.

Die Nach­richt, mit der wir am ver­gan­ge­nen Sams­tag auf­wach­ten – die Ernen­nung Mon­si­gno­re Vio­las zum Erz­prie­ster von St. Peter –, rela­ti­viert die­se Sicht­wei­se aller­dings ein wenig. Vio­la ist eben­falls eine Schöp­fung von Fran­zis­kus und aus lit­ur­gi­scher Sicht ein Fun­da­men­ta­list des Bugninismus.

Er wur­de jedoch nicht nach St. Peter beru­fen, um den Anhän­gern die­ser Rich­tung einen Gefal­len zu tun, son­dern um die monu­men­ta­le Unord­nung auf­zu­räu­men, die Gam­bet­ti hin­ter­las­sen hat. Wir wer­den sehen, was er hin­sicht­lich der Pri­vat­mes­sen unter­nimmt, die ver­bo­ten wor­den waren, und der Mes­sen im über­lie­fer­ten Ritus, die wei­ter­hin täg­lich in den Vati­ka­ni­schen Grot­ten gefei­ert wer­den. Ich glau­be aller­dings nicht, daß dies sei­ne vor­dring­lich­ste Sor­ge sein wird. Zunächst muß er sich bei­spiels­wei­se mit den Kano­ni­kern herumschlagen.

Die Ernen­nung selbst ist mise­ra­bel, hat aber zwei posi­ti­ve Sei­ten. Erstens wird Vio­la nicht Roches Nach­fol­ger an der Spit­ze des Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung. Das ist bereits eine gan­ze Men­ge. Zwei­tens gehört sein Nach­fol­ger, Mon­si­gno­re Aure­lio Gar­cía Mací­as, zu den besten Leu­ten, die man für die­ses Dik­aste­ri­um bekom­men kann. Aller­dings bezweif­le ich, daß er der tra­di­tio­nel­len Mes­se gewo­gen ist. Die­ser jüngst erschie­ne­ne Arti­kel von Info­va­ti­ca­na zeich­net ein recht tref­fen­des Bild von ihm.

Was das Bis­tum Rom betrifft, so ver­kün­de­te Leo XIV. am 24. Juni 2026 die Rege­lung Con­fir­ma fra­tres tuos. Sie ersetz­te die von Fran­zis­kus 2023 erlas­se­ne Kon­sti­tu­ti­on In Eccle­si­arum com­mu­nio­ne und ord­ne­te das Vika­ri­at Rom neu, indem sie ihm den syn­oda­len Cha­rak­ter nahm, den Berg­o­glio ihm ver­lie­hen hatte.

So ist etwa der Bischofs­rat, der zuvor der „ober­ste Ort der Ent­schei­dungs­fin­dung“ gewe­sen war, nun­mehr ledig­lich bera­ten­des Organ; den Vor­sitz führt der Kar­di­nal­vi­kar. Die Weih­bi­schö­fe, die zuvor in ihren jewei­li­gen Berei­chen eigen­stän­di­ge ordent­li­che stell­ver­tre­ten­de Lei­tungs­ge­walt besa­ßen, han­deln nun „in vol­ler Gemein­schaft mit dem Kar­di­nal­vi­kar“. Der Mode­ra­tor Curiae, eine neu geschaf­fe­ne Funk­ti­on zur Koor­di­nie­rung der Tätig­kei­ten des Vika­ri­ats, bleibt zwar der wich­tig­ste Mit­ar­bei­ter des Kar­di­nal­vi­kars, lei­tet aber nicht mehr die ein­zel­nen Ämter, wie es zuvor der Fall gewe­sen war. Mit ande­ren Wor­ten: Die Macht kehrt zum Kar­di­nal­vi­kar zurück.

Doch damit nicht genug: Leo XIV. hat eine Säu­be­rung nach sei­ner eige­nen Art vor­ge­nom­men. Im Sep­tem­ber die­ses Jah­res ent­band er Weih­bi­schof Miche­le Di Tol­ve, der zugleich Rek­tor des römi­schen Prie­ster­se­mi­nars war, von sei­nen Auf­ga­ben und schick­te ihn als Bischof in ein abge­le­ge­nes Bis­tum. Außer­dem ernann­te er vier neue Weih­bi­schö­fe, alle­samt Römer.

Zugleich beschnitt er die Macht von Msgr. Rena­to Taran­tel­li Bac­ca­ri ganz erheb­lich, einer typi­schen Gestalt des Fran­zis­kus-Pon­ti­fi­kats. Fran­zis­kus selbst hat­te ihn 2018 zum Prie­ster geweiht und ihn 2024 zum Bischof erho­ben. Dabei hat­te er ihm das inzwi­schen abge­schaff­te Amt des Vize-Regen­ten über­tra­gen, das in der Pra­xis die Macht des Kar­di­nal­vi­kars ein­schränk­te. Hin­zu kamen meh­re­re wei­te­re, weni­ger bedeu­ten­de Veränderungen.

Für uns, die wir der römi­schen Welt fern­ste­hen, mögen das gering­fü­gi­ge und neben­säch­li­che Ver­än­de­run­gen sein. Ich glau­be aller­dings nicht, daß sie ganz so unbe­deu­tend sind. Der Papst bringt im eige­nen Haus Ord­nung in die Ver­hält­nis­se – und muß dazu Bom­ben entschärfen.

Eines der roten Kabel, die er zwei­fel­los durch­tren­nen konn­te, ohne eine Explo­si­on aus­zu­lö­sen, war die Ent­las­sung von Msgr. Peña Par­ra. Die­ser stand an der Spit­ze eines der mäch­tig­sten Netz­wer­ke im Vati­kan. Wir wer­den es nie erfah­ren, aber es wür­de mich nicht wun­dern, wenn der Hei­li­ge Vater die Ent­schär­fung gera­de die­ser Bom­be für uner­läß­lich gehal­ten hät­te, um anschlie­ßend lang­sam wei­te­re Refor­men vor­an­trei­ben zu können.

Hier erhebt sich aller­dings ein Ein­wand von beträcht­li­chem Gewicht: „Das sind kos­me­ti­sche und unzu­rei­chen­de Ver­än­de­run­gen. Er hat die gefähr­lich­sten Pro­zes­se nicht auf­ge­hal­ten, in die Fran­zis­kus die Kir­che hin­ein­ge­steu­ert hat – dar­un­ter den Syn­oda­len Pro­zeß über die Synodalität.“

Oder, wie Dia­ne Mon­tagna in der ver­gan­ge­nen Woche bei der Tagung zur katho­li­schen Iden­ti­tät in Pitts­burgh sag­te: Es hand­le sich um admi­ni­stra­ti­ve, nicht aber um lehr­mä­ßi­ge Ver­än­de­run­gen. Sie stell­te bei­spiels­wei­se die Fra­ge: „Hat Papst Leo XIV. die nöti­ge Klar­heit des Gei­stes, den Mut und den Wil­len, die Din­ge zu ändern – etwa die dra­ko­ni­schen Beschrän­kun­gen der triden­ti­ni­schen Messe?“ 

Es sieht nicht danach aus.

Sei­en wir jedoch nach­sich­tig. Das gebie­ten uns das Lie­bes­ge­bot sowie der dem Römi­schen Pon­ti­fex geschul­de­te Respekt und Gehorsam.

Zunächst möch­te ich sagen, daß es äußerst unrea­li­stisch wäre, zu erwar­ten, daß sich Pro­zes­se die­ser Art von einem Tag auf den ande­ren auf­hal­ten las­sen. Zwei­tens ist es mög­lich, daß der Papst sei­ne Stra­te­gie ausweitet.

Es blieb nahe­zu unbe­merkt, doch vor weni­gen Tagen wand­te sich der neue Prä­fekt des Dik­aste­ri­ums für die Geset­zes­tex­te, Msgr. Antho­ny Ran­d­az­zo, gegen bestimm­te Aus­le­gun­gen der Syn­oda­li­tät. Die­se betrach­ten die gegen­wär­ti­ge kirch­li­che Lage als Gele­gen­heit, Bestand­tei­le des Lebens und der Über­lie­fe­rung der Kir­che los­zu­wer­den, die man für über­holt hält.

In einem Bei­trag, der auf die­ser Inter­net­sei­te auf­ge­grif­fen wur­de, warn­te er vor einer sol­chen Sicht­wei­se. Erneue­rung, so sei­ne Auf­fas­sung, bedeu­tet nicht, die Wur­zeln auf­zu­ge­ben, son­dern ihnen zu ermög­li­chen, neue Früch­te hervorzubringen.

Viel­leicht wird der Hei­li­ge Vater die Syn­oda­li­tät in der prak­ti­schen Umset­zung aus­brem­sen – beim Vika­ri­at Rom hat er es bereits getan –, das Ver­fah­ren in die Län­ge zie­hen und gleich­zei­tig eine recht­li­che Ver­tei­di­gungs­li­nie als wei­te­re Schutz­mau­er vorbereiten.

Das ist eine Mög­lich­keit, die ich hier ledig­lich zur Dis­kus­si­on stel­le. Ich räu­me aller­dings ein, daß ihr eini­ge Tat­sa­chen entgegenstehen.

So hat sich Papst Leo gro­ße Mühe gege­ben, per­sön­lich die nam­haf­te­sten Ver­tre­ter des welt­wei­ten kirch­li­chen Pro­gres­sis­mus für die dies­wö­chi­ge Syn­oden­ver­samm­lung zu Amo­ris lae­ti­tia auszuwählen.

Aller­dings setz­te er in sei­ner Eröff­nungs­an­spra­che am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag einen ande­ren Akzent. Dar­in sprach er über das rea­le und unver­meid­li­che Pro­blem der mensch­li­chen Gebrech­lich­keit. Gera­de die­ser Gesichts­punkt hat­te Fran­zis­kus als Ansatz­punkt dafür gedient, die Mög­lich­keit einer Kom­mu­ni­on­zu­las­sung für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne ins Spiel zu bringen.

Der Papst ging auf die­se hef­tig umstrit­te­nen Fra­gen nicht näher ein. Doch in sei­ner Rede schie­nen weder die mensch­li­che Gebrech­lich­keit noch die kul­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen einen Ver­zicht auf die Wahr­heit zu recht­fer­ti­gen. Eben­so wenig schie­nen sie einen Ver­zicht dar­auf zu bedeu­ten, „die Fül­le der Leh­re des Evan­ge­li­ums über die Fami­lie zu verkünden“.

Nun wird man ein­wen­den: „Tucho sitzt noch immer auf sei­nem Posten.“

Das stimmt. Und er wird dort auch blei­ben, bis sei­ne Amts­zeit abge­lau­fen ist – sofern nichts Unvor­her­ge­se­he­nes geschieht. Das ist mei­ne Prognose.

Nicht ein­mal Fran­zis­kus wag­te es, Kar­di­nal Mül­ler, mit dem ihn ein gegen­sei­ti­ger Haß ver­band, vor dem Ende von des­sen Amts­zeit abzu­set­zen. Leo wird es eben­falls nicht tun. Das ist nicht sei­ne Art.

Doch es geht nicht nur um Tucho. Vie­le ande­re sit­zen wei­ter­hin see­len­ru­hig auf ihren Posten – und es wer­den sogar noch mehr.

Soeben hat der Papst eine Ordens­frau, Schwe­ster Mary Tere­sa Bar­ron, zur Unter­se­kre­tä­rin des frü­her als Pro­pa­gan­da fidei bezeich­ne­ten Dik­aste­ri­ums ernannt. Sie hat erklärt, daß es Frau­en gebe, die sich zum Dia­ko­nat und zum Prie­ster­tum beru­fen fühlten.

Wenn wir über die Bischofs­er­nen­nun­gen spre­chen, die ich meist nur flüch­tig über­flie­ge, wür­de ich mir zu behaup­ten erlau­ben, daß die Mehr­heit schlecht, eini­ge aus­ge­spro­chen mise­ra­bel, ande­re gut und nur ganz weni­ge sehr gut sind.

Und von den gro­tes­ken öku­me­ni­schen Begeg­nun­gen, die er sich gestat­tet und künf­tig noch gestat­ten wird, wol­len wir gar nicht erst anfan­gen – zumal er das Schreck­ge­spenst von Assi­si wie­der­be­le­ben will. Eben­so wenig läßt sich sei­ne Gering­schät­zung der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Gläu­bi­gen übersehen.

In all dem und in vie­lem ande­ren könn­te man tat­säch­lich Anzei­chen dafür erken­nen, daß Leo der Bona­par­te von Fran­zis­kus ist. Und ich bestrei­te die­se Mög­lich­keit keineswegs.


Rand­be­mer­kung: Viel­leicht könn­te im Fall von Kar­di­nal Fernán­dez tat­säch­lich etwas Uner­war­te­tes gesche­hen. Denn einen Monat vor dem Papst­be­such in Argen­ti­ni­en lie­fern sich die pur­pur­ro­ten Wit­wen einen erbit­ter­ten Kampf über die Gunst des Ver­stor­be­nen – und bewer­fen sich gegen­sei­tig mit Lei­chen. Ich mei­ne damit die hoch­wür­dig­sten Emi­nen­zen Víc­tor Manu­el Fernán­dez und Ángel Six­to Ros­si SJ.

Letz­te­rer hat­te Tucho vor eini­gen Jah­ren den Fall Prin­ci­pi ange­hängt. Die­ser Fall traf den Prä­fek­ten schwer, denn der aus dem Kle­ri­ker­stand ent­las­se­ne Prie­ster war seit den gemein­sa­men Semi­nar­jah­ren in Río Cuar­to ein enger Freund von ihm gewesen.

Vor einer Woche war dann Tucho an der Rei­he: Er warf Kar­di­nal Ros­si den Fall Sei­rut­ti vor die Füße. Msgr. Ricar­do Sei­rut­ti, Ros­sis Weih­bi­schof, war wegen „unan­ge­mes­se­nen Ver­hal­tens“ gegen­über zwei erwach­se­nen Per­so­nen von sei­nen Auf­ga­ben ent­bun­den worden.

Eini­gen Quel­len zufol­ge hat Tucho es auf Ros­sis Kopf abge­se­hen. Neben der Rache gehe es ihm dar­um, bereits jetzt eine neue Blei­be für die Zeit zu fin­den, wenn er in zwei Jah­ren Rom ver­las­sen wird müs­sen. Er hät­te nichts dage­gen, dann Erz­bi­schof von Cór­do­ba zu werden.

Die Kuria­len mei­nen aller­dings, er könn­te durch­aus etwas weni­ger hoch hin­aus­wol­len: Ros­si SJ das Leben schen­ken und sich auf dem Bischofs­sitz von Sant­ia­go del Este­ro nie­der­las­sen, den Kar­di­nal Bocalick wegen sei­ner bevor­ste­hen­den Pen­sio­nie­rung bald räu­men wird.

Tucho wür­de dadurch zum Pri­mas von Argen­ti­ni­en auf­stei­gen. Doch es scheint ihm nicht son­der­lich zu beha­gen, sich mit der Hit­ze von Sant­ia­go del Este­ro her­um­schla­gen zu müssen.


Es gibt jedoch noch eine ande­re Hypo­the­se, die gele­gent­lich auch in ande­ren Medi­en erwähnt wur­de: Leo sei nicht Napo­le­on Bona­par­te, son­dern Napo­le­on III.

Auch wenn ich damit Gefahr lau­fe, die­sen Arti­kel über­mä­ßig in die Län­ge zu zie­hen, möch­te ich hier­zu eine kur­ze Zwi­schen­be­mer­kung ein­schie­ben: Die Ent­wick­lung der Kir­che mit poli­ti­schen Bei­spie­len zu ver­glei­chen – in die­sem Fall mit sol­chen aus der fran­zö­si­schen Geschich­te –, ist ledig­lich eine Ana­lo­gie. Die Ana­lo­gie ist eine Erkennt­nis­me­tho­de, die von der Scho­la­stik und vor allem vom hei­li­gen Tho­mas von Aquin hoch­ge­schätzt wur­de. Par­te idem, par­te diver­sa: Ein Teil ist gleich, ein ande­rer ver­schie­den. Ein Teil des Ver­gleichs läßt sich über­tra­gen, ein ande­rer nicht. Mehr ist damit nicht gesagt.

Ich wer­de die Geschich­te Napo­le­ons III. hier nicht nach­er­zäh­len; man kann sie nach­le­sen. Für unse­re Zwecke genügt es, fest­zu­hal­ten, daß er ein fran­zö­si­scher Kai­ser war, der gleich­zei­tig kon­ser­va­ti­ve und libe­ra­le, ja sogar revo­lu­tio­nä­re Poli­tik betrieb.

Eine Per­sön­lich­keit, die zum Ver­ständ­nis die­ser Gestalt bei­tra­gen kann, ist Alexis de Toc­que­ville, der Mini­ster unter ihm gewe­sen war, als die­ser noch Lou­is-Napo­lé­on hieß und Prä­si­dent der Zwei­ten Repu­blik war.

Toc­que­ville bezeich­ne­te sich selbst als „einen Libe­ra­len neu­er Art“. Er ent­stamm­te einer Fami­lie des alten nor­man­ni­schen Adels, die durch die Schreckens­herr­schaft der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on dezi­miert wor­den war. Den­noch gelang­te er zu der Über­zeu­gung, daß der Vor­marsch der Gleich­heit, der Frei­heit und der Brü­der­lich­keit eine unum­kehr­ba­re, bei­na­he von der Vor­se­hung gewoll­te Ent­wick­lung war.

Sei­ne Fra­ge lau­te­te nicht, ob die Demo­kra­tie kom­men müs­se, son­dern viel­mehr, wie sich ver­hin­dern las­se, daß sie in Des­po­tis­mus entarte.

Und genau das soll­te den Grund­zug der Herr­schaft Napo­le­ons III. aus­ma­chen: Exzes­se ver­mei­den, sich anstän­dig und freund­lich geben, aber den revo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß fortsetzen.

Ein kon­kre­tes Bei­spiel mag dies ver­ständ­li­cher machen. Napo­le­on III. för­der­te die Eini­gung Ita­li­ens unter pie­mon­te­si­scher Vor­herr­schaft, hielt Radi­ka­le wie Gari­bal­di in Schach und ver­tei­dig­te zugleich den Papst mili­tä­risch in Rom – obwohl er zuließ, daß die­ser fast alles ande­re ver­lor.

Er woll­te sei­ne Sym­pa­thie für die ita­lie­ni­sche Frei­mau­rer­be­we­gung mit der katho­li­schen Tra­di­ti­on Frank­reichs in Ein­klang bringen.

Das Ergeb­nis war eine schwan­ken­de Poli­tik, die nie­man­den wirk­lich zufrie­den­stell­te: Die Ita­lie­ner betrach­te­ten ihn als Hin­der­nis auf dem Weg zu Rom als Haupt­stadt ihres geein­ten Staa­tes, wäh­rend die Katho­li­ken ihn als Kom­pli­zen bei der Berau­bung des Pap­stes ansa­hen. Mit ande­ren Wor­ten: Er reich­te bei­den Sei­ten Kalk und Sand – und zwar gleichzeitig.

Viel­leicht ähnelt die Poli­tik Leos XIV. tat­säch­lich der­je­ni­gen der Bona­par­tes, aller­dings eher der des Nef­fen als der des Onkels.

Die Tra­di­tio­na­li­sten und Kon­ser­va­ti­ven wird er kei­nes­wegs zufrie­den­stel­len. Aber auch die Pro­gres­si­sten wer­den mit ihm nicht glück­lich werden.

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Phi­lo­soph und Blogger.

Übersetzung/​Fußnote: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cami­nan­te Wanderer


  1. Pater Sant­ia­go Mar­tín Rodrí­guez (*1954 in Madrid) ist ein spa­ni­scher Prie­ster, Jour­na­list und Schrift­stel­ler. 1988 grün­de­te er die Gemein­schaft Fran­zis­ka­ner Mari­ens, die sich der Glau­bens­ver­mitt­lung und der Spi­ri­tua­li­tät der Dank­bar­keit wid­met. Er ist durch sei­ne Bücher und Medi­en­ar­beit zur Ver­brei­tung des katho­li­schen Glau­bens bekannt. ↩︎

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