Rom hat fast ein neues literarisches Wunder anzukündigen: Am 24. November soll weltweit das Diario personal di Papa Francesco erscheinen, das persönliche Tagebuch Jorge Mario Bergoglios. Nicht etwa als nüchterne Edition historischer Quellen, sondern als Buch, das vom derzeitigen Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Kardinal Victor Manuel „Tucho“ Fernández, Bergoglios Hauptprotegé, zusammengestellt, präsentiert und kommentiert wird. Der Vatikanverlag kündigt das Werk als außergewöhnlich wertvoll an, weil es die „Innerlichkeit“ des verstorbenen Pontifex noch besser zugänglich machen soll. Man darf angesichst seines desaströsen Pontifikats gespannt sein.
Mit dem Buch meldet sich, wie es manche nach der Ankündigung polemisch zuspitzten, ein Papst zu Wort, der seit dem 21. April 2025 tot ist – jedenfalls auf dem Papier. Seine politischen, theologischen und kirchenpolitischen Projekte leben nur zu lebendig weiter. Und nun bekommt diese Fortsetzung gewissermaßen eine Stimme „aus dem Jenseits“: Notizen, die Bergoglio zwischen dem 20. Dezember 1992 und dem 18. August 2024 niedergeschrieben haben soll, werden posthum veröffentlicht und von einem seiner engsten Vertrauten eingeordnet.
Das hat etwas bemerkenswert Praktisches. Denn ein verstorbener Papst kann bekanntlich nicht mehr widersprechen.
Warum diese Erwähnung, weil Franziskus als Papst zwar mehr Bücher unter seinem Namen veröffentlichte als je ein Papst vor mir, aber bisher kein irgendwie nennenswerter, längerer, zusammenhängender Text bekannt wurde, der tatsächlich aus seiner eigenen Feder stammte.
Ein Tagebuch – oder ein posthumes Deutungsinstrument?
Es ist also gut zunächst die Fakten von den Erwartungen zu trennen. Die vatikanische Ankündigung sagt, daß das Buch Notizen Bergoglios aus mehr als drei Jahrzehnten „präsentiert und kommentiert“. Sie sagt nicht, daß die vorhandenen Aufzeichnungen vollständig und unverändert veröffentlicht werden. Ebenso ist bislang nicht öffentlich ersichtlich, nach welchen Kriterien das Material ausgewählt wurde oder wie groß der Anteil der eigentlichen Bergoglio-Notizen gegenüber den Erläuterungen Fernández‘ ist.
Wer hat ausgewählt? Was wurde weggelassen? Was wurde zusammengefügt? Und eben überhaupt: Was stammt tatsächlich aus der Feder Bergoglios und was aus der Feder von Fernández, der nachweislich seit spätestens 1997 Bergoglios Ghostwriter war?
Und nicht zuletzt noch eine Frage: Welche Absicht steht hinter der Veröffentlichung gerade jetzt?
Die Antwort auf die letzte Frage liegt ziemlich offen auf dem Tisch: Das Buch soll die Deutung des Pontifikats fortsetzen. Andrea Tornielli, der redaktionelle Direktor des römischen Kommunikationsdikasteriums, sagte ausdrücklich, man werde dadurch die „Innerlichkeit“ des argentinischen Pontifex noch besser kennenlernen können. Das ist eine offene Interpretationsansage.
Der Herausgeber ist nicht irgendwer
Über allem schwebt der Name des Herausgebers Víctor Manuel „Tucho“ Fernández.
Allein diese Personalie gibt dem Buch eine kirchenpolitische Note. Fernández war einer der engsten theologischen und politischen Vertrauten von Franziskus und steht heute selbst an einer Schlüsselstelle der römischen Kurie. Durch Franziskus. Unter seiner Leitung erschien 2023 die von erheblichen Teilen der Kirche offen abgelehnte Erklärung Fiducia supplicans, die Segnungen für Paare in irregulären Situationen, darunter Homo-Paare ermöglicht. Das Dokument betont zwar ausdrücklich, die kirchliche Lehre über die Ehe werde nicht verändert; doch ist das Gegenteil der Fall, denn zugleich bezeichnet es seine eigene theologische Reflexion als eine „Weiterentwicklung“ gegenüber früheren Aussagen des kirchlichen Lehramtes.
Wer also wissen möchte, in welchem kirchenpolitischen Milieu das neue Tagebuch präsentiert wird, braucht nicht lange zu suchen. Es genügt, auf den Herausgeber zu schauen, den Papst Leo XIV. nach wie vor im Vatikan an führender Stelle beläßt.
Fernández ist allerdings nicht nur wegen Fiducia supplicans eine umstrittene Figur. Bereits 1998 veröffentlichte er das Buch La pasión mística: espiritualidad y sensualidad. Das Buch wurde wegen seiner ausgesprochenen Sprache über mystische und körperliche Erfahrungen zum Gegenstand erheblicher Kritik und brachte Fernández den wenig schmeichelhaften Beinamen „Porno-Karidnal“ ein.
Man darf sich also daran erinnern, daß ausgerechnet dieser Kardinal nun als Interpret der intimsten schriftlichen Hinterlassenschaft des verstorbenen Papstes auftritt.
Das ist zumindest bemerkenswert.
Die passende Stimme für ein posthumes Programm?
Das Pontifikat Franziskus‘ war geprägt von einer endlosen Reihe von Konfliktfeldern, von denen er einige übernahm, die meisten aber selbst eröffnete: Synodalität, Frauenämter, die Diskussion über das Diakonat der Frau, die Frage nach verheirateten Priestern, die pastorale Neubewertung homosexueller Beziehungen und schließlich der kirchenpolitische Kurs gegen die überlieferte römische Liturgie.
Es wäre naiv, die kirchenpolitische Dimension der Veröffentlichung zu übersehen. Denn das Pontifikat ist beendet. Die Auseinandersetzungen, die es ausgelöst hat, sind es nicht.
Wieviel von diesen bergoglianischen Konflikten werden Kirche und Welt mit Hilfe seiner posthumen Tagebuchaufzeichnungen erneut vorgelegt? An Kandidaten fehlt es nicht: Die Palette reicht nicht nur vom Frauendiakonat über verheiratete Priester, Ökumenismus und Scalfari-Lehramt. Da gibt vor allem Bergoglios Erzfeind und Bergoglios Lieblingsprojekt: den überlieferten Ritus und die Homosexualisierung.
Bezüglich der Feindseligkeit gegenüber der Tradition ist unschwer darin einer der markantesten Brüche mit dem Pontifikat von Benedikts XVI. zu erkennen.
Während die demonstrativ bei jeder Gelegenheit gezeigten Homo-Freundlichkeiten die Anpassung an den globalistischen Mainstream einzeigen.
Der Inhalt des Buches wird anhand der Auswahl und der Interpretation offenlegen, welcher Franziskus der Nachwelt präsentiert wird. Es besteht also kein Zweifel, daß sich der historische Bergoglio deutlich vom edierten Bergiglio unterscheiden wird.
Der Herausgeber als Dolmetscher des Verstorbenen
Besonders auffällig ist deshalb die Formulierung der vatikanischen Verlagsankündigung: Fernández „präsentiert und kommentiert“ die Aufzeichnungen. Die Publikation ist ein redigiertes Buch. Damit erhält Fernández eine bemerkenswerte Rolle. Er wird zum Dolmetscher des toten Papstes.
Und ein Dolmetscher besitzt Macht: Er entscheidet, welchen Satz er hervorhebt, welchen Zusammenhang er herstellt, welche Entwicklung er konstruiert und welche Passage er dem Leser als Schlüssel zum Verständnis präsentiert.
Das ist bei einem gewöhnlichen historischen Tagebuch schon relevant. Bei einem Papst ist es von erheblicher Bedeutung.
Bei einem Papst, dessen Nachfolger die von ihm eingeleiteten Entwicklungen teilweise fortführt, nur bedingt korrigiert und teilweise neu gewichtet, ist es kirchenpolitisch brisant.
Der tote Papst als Autorität für die Zukunft
Man könnte deshalb vermuten, daß dieses Buch weniger ein Schlußstrich unter das Pontifikat Franziskus als vielmehr dessen zweite Lebensphase einleitet. Die erste Phase war das tatsächliche Pontifikat. Die zweite ist die Interpretation des Pontifikats. Und diese zweite Phase kann unter Umständen noch lange dauern. Es wurde an dieser Stelle wiederholt auf ein vergiftetes Erbe hingewiesen.
Ein posthumes Tagebuch eignet sich dafür hervorragend. Denn persönliche Notizen besitzen eine besondere Aura. Was ein Papst „privat“ gedacht habe, erscheint vielen Menschen authentischer als eine offizielle Erklärung. Aus einem persönlichen Satz kann so nachträglich ein programmatisches Bekenntnis werden.
Der Leser hört gewissermaßen Franziskus selbst.
Oder genauer: Er hört Franziskus durch die Auswahl und Kommentierung seines Herausgebers.
Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Frankfurt, fünf Sprachen, 94 Länder
Der Vatikan behandelt das Projekt entsprechend groß. Die Veröffentlichung soll am 24. November gleichzeitig in fünf Sprachen erfolgen und in 94 Ländern erhältlich sein. Vom 7. bis 11. Oktober soll das Buch während der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden.
Es handelt sich also nicht um eine kleine historische Quellenedition für Spezialisten. Hier wird ein globales Franziskus-Narrativ fortgeschrieben.
Und gerade deshalb sollte man sich nicht mit der Frage begnügen, was Franziskus geschrieben hat. Man muß ebenso fragen: Wer entscheidet, was wir davon lesen? Und: Wer erklärt uns, was es bedeutet?
Die Antwort auf beide Fragen liegt bereits vor: Kardinal Víctor Manuel Fernández.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Katholisches.info
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