Wenn der Vorgänger zur Welt spricht

Das „persönliche Tagebuch“ von Papst Franziskus – präsentiert von Kardinal Fernández

"Das persönliche Tagebuch von Papst Franziskus" enthält, so die Verlagsankündigung, Aufzeichnungen von Jorge Mario Bergoglio aus der Zeit von 1992 bis 2024, die von Kardinal Tucho Fernández redigiert wurden.
"Das persönliche Tagebuch von Papst Franziskus" enthält, so die Verlagsankündigung, Aufzeichnungen von Jorge Mario Bergoglio aus der Zeit von 1992 bis 2024, die von Kardinal Tucho Fernández redigiert wurden.

Rom hat fast ein neu­es lite­ra­ri­sches Wun­der anzu­kün­di­gen: Am 24. Novem­ber soll welt­weit das Dia­rio per­so­nal di Papa Fran­ces­co erschei­nen, das per­sön­li­che Tage­buch Jor­ge Mario Berg­o­gli­os. Nicht etwa als nüch­ter­ne Edi­ti­on histo­ri­scher Quel­len, son­dern als Buch, das vom der­zei­ti­gen Prä­fek­ten des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re, Kar­di­nal Vic­tor Manu­el „Tucho“ Fernán­dez, Berg­o­gli­os Haupt­pro­te­gé, zusam­men­ge­stellt, prä­sen­tiert und kom­men­tiert wird. Der Vati­kan­ver­lag kün­digt das Werk als außer­ge­wöhn­lich wert­voll an, weil es die „Inner­lich­keit“ des ver­stor­be­nen Pon­ti­fex noch bes­ser zugäng­lich machen soll. Man darf ange­sichst sei­nes desa­strö­sen Pon­ti­fi­kats gespannt sein.

Mit dem Buch mel­det sich, wie es man­che nach der Ankün­di­gung pole­misch zuspitz­ten, ein Papst zu Wort, der seit dem 21. April 2025 tot ist – jeden­falls auf dem Papier. Sei­ne poli­ti­schen, theo­lo­gi­schen und kir­chen­po­li­ti­schen Pro­jek­te leben nur zu leben­dig wei­ter. Und nun bekommt die­se Fort­set­zung gewis­ser­ma­ßen eine Stim­me „aus dem Jen­seits“: Noti­zen, die Berg­o­glio zwi­schen dem 20. Dezem­ber 1992 und dem 18. August 2024 nie­der­ge­schrie­ben haben soll, wer­den post­hum ver­öf­fent­licht und von einem sei­ner eng­sten Ver­trau­ten eingeordnet.

Das hat etwas bemer­kens­wert Prak­ti­sches. Denn ein ver­stor­be­ner Papst kann bekannt­lich nicht mehr widersprechen.

War­um die­se Erwäh­nung, weil Fran­zis­kus als Papst zwar mehr Bücher unter sei­nem Namen ver­öf­fent­lich­te als je ein Papst vor mir, aber bis­her kein irgend­wie nen­nens­wer­ter, län­ge­rer, zusam­men­hän­gen­der Text bekannt wur­de, der tat­säch­lich aus sei­ner eige­nen Feder stammte.

Ein Tagebuch – oder ein posthumes Deutungsinstrument?

Es ist also gut zunächst die Fak­ten von den Erwar­tun­gen zu tren­nen. Die vati­ka­ni­sche Ankün­di­gung sagt, daß das Buch Noti­zen Berg­o­gli­os aus mehr als drei Jahr­zehn­ten „prä­sen­tiert und kom­men­tiert“. Sie sagt nicht, daß die vor­han­de­nen Auf­zeich­nun­gen voll­stän­dig und unver­än­dert ver­öf­fent­licht wer­den. Eben­so ist bis­lang nicht öffent­lich ersicht­lich, nach wel­chen Kri­te­ri­en das Mate­ri­al aus­ge­wählt wur­de oder wie groß der Anteil der eigent­li­chen Berg­o­glio-Noti­zen gegen­über den Erläu­te­run­gen Fernán­dez‘ ist.

Wer hat aus­ge­wählt? Was wur­de weg­ge­las­sen? Was wur­de zusam­men­ge­fügt? Und eben über­haupt: Was stammt tat­säch­lich aus der Feder Berg­o­gli­os und was aus der Feder von Fernán­dez, der nach­weis­lich seit spä­te­stens 1997 Berg­o­gli­os Ghost­wri­ter war?

Und nicht zuletzt noch eine Fra­ge: Wel­che Absicht steht hin­ter der Ver­öf­fent­li­chung gera­de jetzt?

Die Ant­wort auf die letz­te Fra­ge liegt ziem­lich offen auf dem Tisch: Das Buch soll die Deu­tung des Pon­ti­fi­kats fort­set­zen. Andrea Tor­ni­el­li, der redak­tio­nel­le Direk­tor des römi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dik­aste­ri­ums, sag­te aus­drück­lich, man wer­de dadurch die „Inner­lich­keit“ des argen­ti­ni­schen Pon­ti­fex noch bes­ser ken­nen­ler­nen kön­nen. Das ist eine offe­ne Interpretationsansage.

Der Herausgeber ist nicht irgendwer

Über allem schwebt der Name des Her­aus­ge­bers Víc­tor Manu­el „Tucho“ Fernández.

Allein die­se Per­so­na­lie gibt dem Buch eine kir­chen­po­li­ti­sche Note. Fernán­dez war einer der eng­sten theo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Ver­trau­ten von Fran­zis­kus und steht heu­te selbst an einer Schlüs­sel­stel­le der römi­schen Kurie. Durch Fran­zis­kus. Unter sei­ner Lei­tung erschien 2023 die von erheb­li­chen Tei­len der Kir­che offen abge­lehn­te Erklä­rung Fidu­cia sup­pli­cans, die Seg­nun­gen für Paa­re in irre­gu­lä­ren Situa­tio­nen, dar­un­ter Homo-Paa­re ermög­licht. Das Doku­ment betont zwar aus­drück­lich, die kirch­li­che Leh­re über die Ehe wer­de nicht ver­än­dert; doch ist das Gegen­teil der Fall, denn zugleich bezeich­net es sei­ne eige­ne theo­lo­gi­sche Refle­xi­on als eine „Wei­ter­ent­wick­lung“ gegen­über frü­he­ren Aus­sa­gen des kirch­li­chen Lehramtes.

Wer also wis­sen möch­te, in wel­chem kir­chen­po­li­ti­schen Milieu das neue Tage­buch prä­sen­tiert wird, braucht nicht lan­ge zu suchen. Es genügt, auf den Her­aus­ge­ber zu schau­en, den Papst Leo XIV. nach wie vor im Vati­kan an füh­ren­der Stel­le beläßt.

Fernán­dez ist aller­dings nicht nur wegen Fidu­cia sup­pli­cans eine umstrit­te­ne Figur. Bereits 1998 ver­öf­fent­lich­te er das Buch La pasión místi­ca: espi­ri­tu­al­i­dad y sen­su­al­i­dad. Das Buch wur­de wegen sei­ner aus­ge­spro­che­nen Spra­che über mysti­sche und kör­per­li­che Erfah­run­gen zum Gegen­stand erheb­li­cher Kri­tik und brach­te Fernán­dez den wenig schmei­chel­haf­ten Bei­na­men „Por­no-Karid­nal“ ein.

Man darf sich also dar­an erin­nern, daß aus­ge­rech­net die­ser Kar­di­nal nun als Inter­pret der intim­sten schrift­li­chen Hin­ter­las­sen­schaft des ver­stor­be­nen Pap­stes auftritt.

Das ist zumin­dest bemerkenswert.

Die passende Stimme für ein posthumes Programm?

Das Pon­ti­fi­kat Fran­zis­kus‘ war geprägt von einer end­lo­sen Rei­he von Kon­flikt­fel­dern, von denen er eini­ge über­nahm, die mei­sten aber selbst eröff­ne­te: Syn­oda­li­tät, Frau­en­äm­ter, die Dis­kus­si­on über das Dia­ko­nat der Frau, die Fra­ge nach ver­hei­ra­te­ten Prie­stern, die pasto­ra­le Neu­be­wer­tung homo­se­xu­el­ler Bezie­hun­gen und schließ­lich der kir­chen­po­li­ti­sche Kurs gegen die über­lie­fer­te römi­sche Liturgie.

Es wäre naiv, die kir­chen­po­li­ti­sche Dimen­si­on der Ver­öf­fent­li­chung zu über­se­hen. Denn das Pon­ti­fi­kat ist been­det. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die es aus­ge­löst hat, sind es nicht.

Wie­viel von die­sen berg­o­glia­ni­schen Kon­flik­ten wer­den Kir­che und Welt mit Hil­fe sei­ner post­hu­men Tage­buch­auf­zeich­nun­gen erneut vor­ge­legt? An Kan­di­da­ten fehlt es nicht: Die Palet­te reicht nicht nur vom Frau­en­dia­ko­nat über ver­hei­ra­te­te Prie­ster, Öku­me­nis­mus und Scal­fa­ri-Lehr­amt. Da gibt vor allem Berg­o­gli­os Erz­feind und Berg­o­gli­os Lieb­lings­pro­jekt: den über­lie­fer­ten Ritus und die Homosexualisierung.

Bezüg­lich der Feind­se­lig­keit gegen­über der Tra­di­ti­on ist unschwer dar­in einer der mar­kan­te­sten Brü­che mit dem Pon­ti­fi­kat von Bene­dikts XVI. zu erkennen. 

Wäh­rend die demon­stra­tiv bei jeder Gele­gen­heit gezeig­ten Homo-Freund­lich­kei­ten die Anpas­sung an den glo­ba­li­sti­schen Main­stream ein­zei­gen.

Der Inhalt des Buches wird anhand der Aus­wahl und der Inter­pre­ta­ti­on offen­le­gen, wel­cher Fran­zis­kus der Nach­welt prä­sen­tiert wird. Es besteht also kein Zwei­fel, daß sich der histo­ri­sche Berg­o­glio deut­lich vom edier­ten Ber­giglio unter­schei­den wird.

Der Herausgeber als Dolmetscher des Verstorbenen

Beson­ders auf­fäl­lig ist des­halb die For­mu­lie­rung der vati­ka­ni­schen Ver­lags­an­kün­di­gung: Fernán­dez „prä­sen­tiert und kom­men­tiert“ die Auf­zeich­nun­gen. Die Publi­ka­ti­on ist ein redi­gier­tes Buch. Damit erhält Fernán­dez eine bemer­kens­wer­te Rol­le. Er wird zum Dol­met­scher des toten Papstes.

Und ein Dol­met­scher besitzt Macht: Er ent­schei­det, wel­chen Satz er her­vor­hebt, wel­chen Zusam­men­hang er her­stellt, wel­che Ent­wick­lung er kon­stru­iert und wel­che Pas­sa­ge er dem Leser als Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis präsentiert.

Das ist bei einem gewöhn­li­chen histo­ri­schen Tage­buch schon rele­vant. Bei einem Papst ist es von erheb­li­cher Bedeutung.

Bei einem Papst, des­sen Nach­fol­ger die von ihm ein­ge­lei­te­ten Ent­wick­lun­gen teil­wei­se fort­führt, nur bedingt kor­ri­giert und teil­wei­se neu gewich­tet, ist es kir­chen­po­li­tisch brisant.

Der tote Papst als Autorität für die Zukunft

Man könn­te des­halb ver­mu­ten, daß die­ses Buch weni­ger ein Schluß­strich unter das Pon­ti­fi­kat Fran­zis­kus als viel­mehr des­sen zwei­te Lebens­pha­se ein­lei­tet. Die erste Pha­se war das tat­säch­li­che Pon­ti­fi­kat. Die zwei­te ist die Inter­pre­ta­ti­on des Pon­ti­fi­kats. Und die­se zwei­te Pha­se kann unter Umstän­den noch lan­ge dau­ern. Es wur­de an die­ser Stel­le wie­der­holt auf ein ver­gif­te­tes Erbe hingewiesen.

Ein post­hu­mes Tage­buch eig­net sich dafür her­vor­ra­gend. Denn per­sön­li­che Noti­zen besit­zen eine beson­de­re Aura. Was ein Papst „pri­vat“ gedacht habe, erscheint vie­len Men­schen authen­ti­scher als eine offi­zi­el­le Erklä­rung. Aus einem per­sön­li­chen Satz kann so nach­träg­lich ein pro­gram­ma­ti­sches Bekennt­nis werden.

Der Leser hört gewis­ser­ma­ßen Fran­zis­kus selbst.

Oder genau­er: Er hört Fran­zis­kus durch die Aus­wahl und Kom­men­tie­rung sei­nes Herausgebers.

Das ist ein klei­ner, aber ent­schei­den­der Unterschied.

Frankfurt, fünf Sprachen, 94 Länder

Der Vati­kan behan­delt das Pro­jekt ent­spre­chend groß. Die Ver­öf­fent­li­chung soll am 24. Novem­ber gleich­zei­tig in fünf Spra­chen erfol­gen und in 94 Län­dern erhält­lich sein. Vom 7. bis 11. Okto­ber soll das Buch wäh­rend der Frank­fur­ter Buch­mes­se vor­ge­stellt werden.

Es han­delt sich also nicht um eine klei­ne histo­ri­sche Quel­len­edi­ti­on für Spe­zia­li­sten. Hier wird ein glo­ba­les Fran­zis­kus-Nar­ra­tiv fortgeschrieben.

Und gera­de des­halb soll­te man sich nicht mit der Fra­ge begnü­gen, was Fran­zis­kus geschrie­ben hat. Man muß eben­so fra­gen: Wer ent­schei­det, was wir davon lesen? Und: Wer erklärt uns, was es bedeutet?

Die Ant­wort auf bei­de Fra­gen liegt bereits vor: Kar­di­nal Víc­tor Manu­el Fernández.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Katho​li​sches​.info

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*