1870: Rom wird Hauptstadt – zwischen Licht und vielen Schatten

Der Sieger schreibt die Geschichte

"Die Jagd ist eröffnet." Kirchenfeindliche Karikatur aus der Zeit zwischen 1861 und 1870 - mit geopolitischem Kontext. Die Garibaldiner schießen auf Kleriker. Der neue italienische König will den Papst abschießen. Der Franzose ruft: "Im Kirchenstaat wird nicht gejagt". Der Brite antwortet, während er sein Gewehr lädt: "Laß ihn (den italienischen König) einen guten Schuß machen, dann sind wir alle zufrieden."
"Die Jagd ist eröffnet." Kirchenfeindliche Karikatur aus der Zeit zwischen 1861 und 1870 - mit geopolitischem Kontext. Die Garibaldiner schießen auf Kleriker. Der neue italienische König will den Papst abschießen. Der Franzose ruft: "Im Kirchenstaat wird nicht gejagt". Der Brite antwortet, während er sein Gewehr lädt: "Laß ihn (den italienischen König) einen guten Schuß machen, dann sind wir alle zufrieden."

Von Anto­nel­lo Cannarozzo*

Bevor ich die­sen Arti­kel geschrie­ben habe, habe ich ich bewußt län­ger gewar­tet, um fest­zu­stel­len, wie das histo­ri­sche Datum des 20. Sep­tem­ber 1870, das an die Ein­nah­me Roms und das Ende des Kir­chen­staa­tes und damit der welt­li­chen Herr­schaft der Päp­ste erin­nert, seit eini­gen Jah­ren immer mehr ver­blaßt und inzwi­schen weit­ge­hend tot­ge­schwie­gen wird.

Ein Gedenk­tag, der sei­ne ein­sti­ge Spreng­kraft ver­lo­ren hat – nicht nur, weil seit den genann­ten Ereig­nis­sen mehr als 150 Jah­re ver­gan­gen sind. Wenn wir jedoch die Geschich­te Ita­li­ens auf­merk­sam, ohne Fil­ter, Zen­sur oder ideo­lo­gi­sche Scheu­klap­pen, erneut betrach­ten, sto­ßen wir auf Vor­gän­ge, die kei­nes­wegs rühm­lich sind. Gewalt und Kor­rup­ti­on waren – neben zahl­rei­chen heroi­schen Taten – wesent­li­che Bestand­tei­le des Risor­gi­men­to, der ita­lie­ni­schen natio­na­len Eini­gungs­be­we­gung. Um so mehr, als es sich bei der Ent­ste­hung Ita­li­ens nicht um eine natio­na­le Eini­gung im eigent­li­chen Sin­ne han­del­te, son­dern um die gewalt­sa­me Anne­xi­on sou­ve­rä­ner Staa­ten durch das Haus Savoy­en und des­sen Staat. Damit wur­de gegen jede Norm des­sen ver­sto­ßen, was wir heu­te als Völ­ker­recht bezeich­nen würden.

Um zu ver­deut­li­chen, daß die Ein­nah­me Roms angeb­lich auch für die Kir­che ein Segen gewe­sen sei, wird häu­fig der unglück­li­che Aus­spruch von Papst Paul VI. zitiert, wonach die „Vor­se­hung dem Papst­tum die Sor­gen der welt­li­chen Macht genom­men habe, damit es sei­ne geist­li­che Sen­dung in der Welt bes­ser erfül­len kön­ne“. Zu behaup­ten, die welt­li­che Macht des Pap­stes sei damit jedoch been­det wor­den, wäre ungenau.

Die päpst­li­che Herr­schaft ist gewiß auf ein win­zi­ges, im wesent­li­chen sym­bo­li­sches Ter­ri­to­ri­um redu­ziert. Gera­de die­ses Ter­ri­to­ri­um aber bewahrt die Frei­heit der Kir­che und des Pap­stes davor, der Macht irgend­ei­nes ande­ren Staa­tes unter­wor­fen zu sein. Der Papst ist im Vati­kan souverän.

Im 19. Jahr­hun­dert stör­te die­se Macht jedoch vie­le „Patrio­ten“, die mit der Frei­mau­re­rei, den ver­schie­de­nen intel­lek­tu­el­len Zir­keln jener Zeit und auch mit inter­na­tio­na­len Wirt­schafts­in­ter­es­sen ver­bun­den waren.

Krie­ge wer­den – damals wie heu­te – nicht allein mit Waf­fen gewon­nen, son­dern auch mit dem, was wir heu­te Fake News nen­nen. Und die ita­lie­ni­schen Staa­ten, ins­be­son­de­re der bour­bo­nisch regier­te Staat Bei­der Sizi­li­en und der Kir­chen­staat, waren bevor­zug­te Zie­le sol­cher Kampagnen.

Aus die­sem Grund sahen Päp­ste wie Pius IX. und Leo XIII. im Risor­gi­men­to auch den Ver­such, „die Reli­gi­on Jesu Chri­sti aus­zu­rot­ten“. Und lei­der wird auch mehr als 160 Jah­re nach der Eini­gung Ita­li­ens die­se histo­ri­sche Rea­li­tät noch immer nicht aner­kannt, obwohl die Quel­len ent­spre­chen­de Hin­wei­se lie­fern. Statt des­sen wird bis­wei­len sogar behaup­tet, die gemein­sa­me katho­li­sche Iden­ti­tät der Ita­lie­ner sei – anstatt eine Berei­che­rung dar­zu­stel­len – gar ein Hin­der­nis für die natio­na­le Eini­gung gewesen.

Tat­säch­lich war der Kir­chen­staat, ent­ge­gen den Legen­den sei­ner dama­li­gen wie heu­ti­gen Geg­ner, im Ver­hält­nis zu den Maß­stä­ben sei­ner Zeit ein gut ver­wal­te­ter Staat. Die Städ­te bis hin zu den klein­sten Ort­schaf­ten legen davon Zeug­nis ab. Eine Rei­se durch Umbri­en, die Mar­ken oder Lati­um genügt, um einen Ein­druck davon zu bekom­men, wie das Leben im Kir­chen­staat orga­ni­siert war: Kran­ken­häu­ser, Kunst­wer­ke, öffent­li­che Bau­vor­ha­ben, Wohl­fahrts­ein­rich­tun­gen und Schulen.

Gewiß han­del­te es sich um eine ein­fa­che Wirt­schafts­ord­nung, aber sie ermög­lich­te den Men­schen ein Aus­kom­men. Von Aus­wan­de­rung wuß­te man im Kir­chen­staat kaum etwas – ganz anders als im Pie­mont und ande­ren Gegen­den der Halb­in­sel. Doch die Welt jener Kräf­te, die man heu­te als „star­ke Mäch­te“ bezeich­nen wür­de, stand den Katho­li­ken und ihrem Staat – oder, genau­er gesagt, Gott selbst – feind­lich gegenüber.

Die Idee der Einheit Italiens

Zum Schutz des Pap­stes stan­den die katho­li­schen Mäch­te nicht mehr zur Ver­fü­gung. Und die­je­ni­gen Staa­ten, die noch als katho­lisch bezeich­net wur­den, waren es viel­fach nur noch dem Namen nach, nicht aber in ihrem tat­säch­li­chen Handeln.

Von die­sem Zeit­punkt an war die Vor­stel­lung eines geein­ten Ita­li­ens nicht mehr auf­zu­hal­ten, und alles beweg­te sich auf die­ses Ziel zu. Dabei sei aus­drück­lich fest­ge­stellt: Unser Vater­land hat­te durch­aus das Recht und sogar die Pflicht, zu einer geein­ten Nati­on zu wer­den. Dar­an besteht kein Zwei­fel. Was wir jedoch kri­ti­sie­ren, ist die Art und Wei­se, wie die­ses Ziel erreicht wur­de – durch Gewalt und Täu­schungs­ma­nö­ver –, obwohl die Situa­ti­on auch auf wesent­lich fried­li­che­re Wei­se hät­te gelöst wer­den können.

Zunächst ein kur­zer Rückblick.

Die Mehr­heit der ita­lie­ni­schen Staa­ten streb­te bereits zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts nach irgend­ei­ner Form staat­li­cher Ein­heit. Ange­sichts der sozia­len, kul­tu­rel­len und wirt­schaft­li­chen Unter­schie­de wur­de vor allem ein föde­ra­les Modell mit Inter­es­se betrach­tet – man den­ke etwa an Vin­cen­zo Gio­ber­ti.1

Pius IX. stand die­ser Vor­stel­lung eines sol­chen Staats­we­sens wohl­wol­lend gegen­über, eben­so die Kir­che ins­ge­samt. So sehr, daß ihn man­che sogar als Libe­ra­len bezeich­ne­ten. Als jedoch die Idee eines geein­ten Ita­li­en zuneh­mend von anti­ka­tho­li­schen Kräf­ten wie dem Hau­se Savoy­en über­nom­men wur­de und in der Revo­lu­ti­on von 1848 mün­de­te, distan­zier­te sich der Papst davon und wur­de zu einem ent­schlos­se­nen Geg­ner die­ser Ent­wick­lung. Von die­sem Zeit­punkt an wur­de Pius IX. zum „Erz­feind“ der libe­ra­len Revolutionäre.

Was das Haus Savoy­en, das vor der Eini­gung im König­reich Sar­di­ni­en-Pie­mont regier­te, betrifft, so sei dar­an erin­nert, daß es 1848 den Jesui­ten­or­den auf­hob und deren Besitz ent­eig­ne­te – und das durch ein König­reich, das bis dahin den Katho­li­zis­mus als Staats­re­li­gi­on bezeich­net und dies in der Alber­ti­ni­schen Ver­fas­sung fest­ge­schrie­ben hat­te. Damit nicht genug: 1855 wur­den auch die Bet­tel­or­den und die klau­su­rier­ten Frau­en­klö­ster auf­ge­ho­ben – ins­ge­samt 35 reli­giö­se Orden.

Doch die anti­ka­tho­li­sche Maschi­ne­rie kam damit nicht zum Stillstand.

1873 wur­den die­se Ver­fol­gun­gen der Katho­li­ken auch auf das „befrei­te“ Rom aus­ge­wei­tet. Nicht weni­ger als 57 000 Ordens­leu­te waren seit 1855 durch die Ordens- und Klo­ster­auf­he­bun­gen in ganz Ita­li­en betrof­fen. Ihr Besitz wur­de ent­eig­net. Und alles geschah stets im Namen der Frei­heit. Letzt­lich aber berei­cher­te die Ent­eig­nung die neu­en Besit­zer, ganz im Sin­ne Cavours von einem „frei­en Staat in einer frei­en Kir­che“. Und eben­falls im Namen der Frei­heit wur­den zahl­rei­che Prie­ster ins Gefäng­nis gesteckt, weil sie gegen die­se unge­rech­ten und frei­heits­feind­li­chen Geset­ze pro­te­stiert hatten.

Man kann fest­stel­len, daß sich zwi­schen 1848 und 1929, dem Jahr der Late­ran­ver­trä­ge, in Ita­li­en etwas ereig­ne­te, das noch schwer­wie­gen­der war als die Beschlag­nah­mung von Eigen­tum oder Maß­nah­men, wel­che die Reli­gi­ons­frei­heit ein­schränk­ten: Es bestand der Wil­le, die tie­fen Wur­zeln der ita­lie­ni­schen Nati­on zu durch­tren­nen – Wur­zeln, die eng mit der Kir­che und der katho­li­schen Tra­di­ti­on ver­bun­den waren.

Die Rhetorik des Risorgimento

Hin­zu kommt eine der gro­ßen Legen­den, auf denen ein erheb­li­cher Teil der Risor­gi­men­to-Rhe­to­rik auf­ge­baut wur­de: Die ita­lie­ni­schen Völ­ker, die den ver­schie­de­nen Staa­ten und Klein­staa­ten der Halb­in­sel unter­wor­fen waren, ins­be­son­de­re unter der angeb­lich schlech­ten Herr­schaft des Pap­stes und der Bour­bo­nen, von den Habs­bur­gern ganz zu schwei­gen, hät­ten in einer gera­de­zu tra­gi­schen Lage gelebt.

Doch – so lau­tet die hagio­gra­phi­sche Erzäh­lung – zum Glück gab es den guten König von Sar­di­ni­en, Vik­tor Ema­nu­el II., der mit über­aus groß­zü­gi­gem Her­zen bereit­stand, sie vom frem­den Joch zu befrei­en. Dabei sprach er selbst nur Fran­zö­sisch und kaum Pie­mon­te­sisch, geschwei­ge denn Ita­lie­nisch. Sei­ne Groß­zü­gig­keit soll jedoch, wie zahl­rei­che Quel­len ver­mu­ten las­sen, weni­ger von der Sor­ge um das angeb­li­che Volk „in Ket­ten“ ange­trie­ben gewe­sen sein als vom Inter­es­se an den Reich­tü­mern der ver­schie­de­nen Staa­ten – ins­be­son­de­re des König­reichs Bei­der Sizi­li­en. Des­sen Schatz­kam­mern waren im Gegen­satz zu den erschöpf­ten pie­mon­te­si­schen Staats­fi­nan­zen reich­lich mit Gold gefüllt. Die pie­mon­te­si­schen Finan­zen wie­der­um waren durch zwei „Befrei­ungs­krie­ge“ mit enor­men Kosten bela­stet und befan­den sich seit län­ge­rer Zeit in der Hand inter­na­tio­na­ler Banken.

In die­sem rhe­to­ri­schen Umfeld steht ein Satz, der sich als Beginn der spä­te­ren natio­na­len Eini­gung tief in das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis ein­ge­brannt hat. Vik­tor Ema­nu­el II. sag­te am 10. Janu­ar 1859: „Ich bin nicht unemp­find­lich gegen­über dem Schmer­zens­schrei, der sich aus so vie­len Tei­len Ita­li­ens an mich rich­tet.“

Damit recht­fer­tig­te er den soge­nann­ten Zwei­ten Ita­lie­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krieg – auch gegen­über den euro­päi­schen Regie­run­gen und ihren diplo­ma­ti­schen Vertretungen.

Dem ver­meint­lich „hei­li­gen Feu­er“ des Patrio­tis­mus steht jedoch ein Aus­zug aus einem Brief ent­ge­gen, den Giu­sep­pe La Fari­na, der Sekre­tär von Camil­lo Graf Cavour2, an Don Filip­po Bar­to­lo­meo, einen libe­ral gesinn­ten Prie­ster aus Mes­si­na, schrieb: „Es ist not­wen­dig, daß das Werk von den Völ­kern selbst begon­nen wird; das Pie­mont wird dann geru­fen wer­den, aber nie­mals vor­her.“ Mit ande­ren Wor­ten: Erst wird das Feu­er gelegt, danach ruft man die Feuerwehr.

Der Brief fährt fort: „Wenn es dies selbst tun wür­de, wür­de man von Erobe­rung spre­chen und eine euro­päi­sche Koali­ti­on gegen uns auf­brin­gen.“ Damit begrün­de­te er zugleich die Hal­tung des savoy­ischen Herr­schers: „König Vik­tor Ema­nu­el hat erklärt, daß er sei­ne Dik­ta­tur nicht über Völ­ker aus­deh­nen kön­ne, die nicht nach ihm rufen. Wenn sie jedoch ruhig blei­ben, geben sie der Diplo­ma­tie Anlaß zu behaup­ten, daß sie mit der Regie­rung zufrie­den sei­en, die sie haben.“

Es muß­te also gehan­delt wer­den: Man muß­te einen Kon­flikt erzeu­gen, um anschlie­ßend ein­grei­fen zu können.

Doch trotz des erheb­li­chen orga­ni­sa­to­ri­schen und finan­zi­el­len Auf­wan­des waren die anfäng­li­chen Ergeb­nis­se dürf­tig. Die Halb­in­sel geriet nicht so in Brand, wie man es sich in den bes­se­ren Salons Turins vor­ge­stellt hat­te. Den Revo­lu­tio­nä­ren gelang es ledig­lich, in Flo­renz, Peru­gia und in den emi­lia­ni­schen Her­zog­tü­mern eini­ge soge­nann­te „Volks­auf­stän­de“ zu orga­ni­sie­ren – obwohl die Mehr­heit der Bür­ger dar­an über­haupt nicht teilnahm.

Die eigent­li­che Fru­stra­ti­on aber lag in Nea­pel und Rom. Dort gab es prak­tisch nichts, was man hät­te tun kön­nen, um das Volk auf­zu­wie­geln: Der Papst und der König erfreu­ten sich bei ihren Unter­ta­nen gro­ßer Beliebtheit.

Trotz­dem wur­den unab­hän­gi­ge Staa­ten, die nie­mals jeman­dem den Krieg erklärt hat­ten, über­fal­len und dem savoy­ischen Herr­schafts­ge­biet ein­ver­leibt – und die euro­päi­schen Staa­ten sahen die­sem Vor­ge­hen gleich­gül­tig zu. Eine der vie­len beschä­men­den Epi­so­den der Geschichte.

Nach­dem die ver­schie­de­nen Staa­ten erobert waren, konn­te König Vik­tor Ema­nu­el – da er ja, wie erwähnt, von so über­aus „groß­zü­gi­gem“ Cha­rak­ter war – selbst­ver­ständ­lich nicht über künf­ti­ge Unter­ta­nen herr­schen, ohne deren Zustim­mung einzuholen.

Daher wur­den Ple­bis­zi­te ein­be­ru­fen, bei denen das „end­lich von sei­nen Ket­ten befrei­te Volk“ – um die dama­li­ge pathe­ti­sche Spra­che zu ver­wen­den – mit gro­ßer Mehr­heit ent­schied, unter der savoy­ischen Fah­ne Ita­lie­ner sein zu wollen.

Zuerst geschah dies in der Emi­lia, also im Her­zog­tum Par­ma und Pia­cen­za, bis dahin regiert vom Haus Bour­bon-Par­ma, und im Her­zog­tum Mode­na, Reg­gio und Gua­stal­la, bis dahin regiert vom Haus Öster­reich-Este, sowie im Groß­her­zog­tum Tos­ka­na, das bis dahin eben­falls von einer habs­bur­gi­schen Linie regiert war. Am 21. Okto­ber folg­te das ehe­ma­li­ge bour­bo­ni­sche Staats­ge­biet Bei­der Sizilien.

Hier lohnt sich ein kur­zer Blick auf die Dop­pel­zün­gig­keit des Hau­ses Savoy­en. Vor den Ple­bis­zi­ten wand­te sich der König an die Bevöl­ke­rung des Südens: „Mei­ne Trup­pen rücken unter euch vor, um die Ord­nung wie­der­her­zu­stel­len. Ich kom­me nicht, um euch mei­nen Wil­len auf­zu­zwin­gen, son­dern um den euren zur Gel­tung zu brin­gen. Ihr könnt ihn frei zum Aus­druck brin­gen. Die Vor­se­hung, die gerech­te Anlie­gen schützt, wird die Stim­me len­ken, die ihr in die Urne legt.“

Dabei „ver­gaß“ man die Mas­sa­ker auf Sizi­li­en und in Kam­pa­ni­en, die von sei­ner Armee – offi­zi­ell noch eine Inva­si­ons­ar­mee – häu­fig an der armen Bevöl­ke­rung ver­übt wor­den waren.

Die Ple­bis­zi­te wur­den am 4. und 5. Novem­ber in den Mar­ken und in Umbri­en fort­ge­setzt, die bei­de zuvor zum Kir­chen­staat gehört hatten.

Die „spontanen“ Aufstandsbewegungen

Die­ser Auf­ruf zur Abstim­mung war tat­säch­lich ein gro­ßer Erfolg, was die Betei­li­gung betraf – ein wenig wie in Nord­ko­rea. Aller­dings nur auf dem Papier. In vie­len Fäl­len gab es näm­lich mehr abge­ge­be­ne Stim­men als über­haupt Wäh­ler. Das sagt viel über die Abstim­mung und die zahl­rei­chen Mani­pu­la­tio­nen aus, die dabei statt­ge­fun­den haben sollen.

Gestützt auf das ple­bis­zi­tä­re Ergeb­nis erklär­te der König fei­er­lich: „Das all­ge­mei­ne Wahl­recht ver­leiht mir die sou­ve­rä­ne Herr­schaft über die­se edlen Pro­vin­zen. Ich neh­me die­sen hohen Beschluß des natio­na­len Wil­lens an – nicht aus Herrsch­sucht, son­dern aus dem Bewußt­sein, Ita­lie­ner zu sein.“

Auf die­sem trau­ri­gen Schau­spiel ent­stand das König­reich Italien.

Denn ange­sichts die­ser über­wäl­ti­gen­den Ergeb­nis­se gab es, wie bereits ange­deu­tet, zahl­rei­che Merk­wür­dig­kei­ten: etwa die außer­ge­wöhn­lich hohe Wahl­be­tei­li­gung. Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung war damals Analpha­be­ten, für die eine Wahl eine völ­lig neue Erfah­rung dar­stell­te. Den­noch war das ple­bis­zi­tä­re Ergeb­nis angeb­lich ein­deu­tig.3

In Wirk­lich­keit war es das Ergeb­nis einer gro­ßen Ver­wir­rung – aller­dings einer Ver­wir­rung, die gezielt erzeugt und ent­spre­chend insze­niert wor­den war.

Neh­men wir als Bei­spiel die Vor­gän­ge in der Tos­ka­na, wie sie sich in ähn­li­cher Wei­se auch in ande­ren Tei­len der Halb­in­sel abspiel­ten. Kurz vor dem Ple­bis­zit setz­te eine mas­si­ve Pres­se­kam­pa­gne ein. Sie ging so weit zu behaup­ten, daß jeder, der gegen die Anne­xi­on stim­men wür­de, als Feind des Vater­lan­des betrach­tet wer­de. Um mit Sicher­heit ein Ergeb­nis zugun­sten des Anschlus­ses zu gewähr­lei­sten, wur­den sämt­li­che Drucke­rei­en gezwun­gen, Stimm­zet­tel für die Ver­ei­ni­gung mit Pie­mont zu drucken. Wer sich wei­ger­te oder – schlim­mer noch – sei­ne Druck­ma­schi­nen Geg­nern der Anne­xi­on zur Ver­fü­gung stell­te, ris­kier­te buch­stäb­lich sein Leben.

Die savoy­ische Pro­pa­gan­da erzähl­te der­weil wei­ter­hin von einem stets unei­gen­nüt­zi­gen und ehren­haf­ten König, der den Wil­len der Völ­ker respektiere.

Nach die­sem lan­gen Vor­lauf keh­ren wir nun zur Erobe­rung Roms und zur Ankunft der neu­en Her­ren zurück. Wie in den ande­ren Gebie­ten orga­ni­sier­ten auch sie hier ein Ple­bis­zit – kaum einen Monat nach der Erobe­rung der Stadt. Es soll­te bewei­sen, daß die Stadt, nun von den „Ket­ten“ des Kir­chen­staa­tes befreit, gera­de­zu dar­auf gewar­tet habe, Teil des neu­en König­reichs Ita­li­en zu wer­den – und zwar selbst­ver­ständ­lich ohne irgend­ei­ne „Anre­gung“ aus Piemont.

Für das Ple­bis­zit muß­te eine For­mu­lie­rung gefun­den wer­den, die den Ein­druck von Ein­heit und Frei­heit ver­mit­tel­te. Der Mini­ster­rat schlug des­halb fol­gen­de For­mel für die Stimm­zet­tel vor: „In der Gewiß­heit, daß die ita­lie­ni­sche Regie­rung die Unab­hän­gig­keit der geist­li­chen Auto­ri­tät des Pap­stes gewähr­lei­sten wird, erklä­ren wir unse­ren Anschluß an das König­reich Ita­li­en unter der kon­sti­tu­tio­nell-mon­ar­chi­schen Regie­rung König Vik­tor Ema­nu­els II. und sei­ner könig­li­chen Nach­fol­ger.“

Doch es gab ein wirk­lich gro­ßes Hin­der­nis: Pius IX.

Nach der Beset­zung Roms und wäh­rend sei­ner soge­nann­ten „Gefan­gen­schaft im Vati­kan“ hat­te er den Katho­li­ken ver­bo­ten, an die­sem von den Inva­so­ren gewünsch­ten Ple­bis­zit teil­zu­neh­men. Er hoff­te dadurch, die Abstim­mung fak­tisch ungül­tig zu machen.

Die offi­zi­el­len, von den pie­mon­te­si­schen „Sie­gern“ ver­wal­te­ten Zah­len behaup­te­ten jedoch, daß 98 Pro­zent der 135.291 abge­ge­be­nen Stim­men für den Anschluß an Ita­li­en gewe­sen sei­en. Nur 1,11 Pro­zent, also knapp 1.507 Stim­men, sei­en beim Papst geblie­ben. Ins­ge­samt waren nur etwa 20 Pro­zent der Bevöl­ke­rung wahl­be­rech­tigt, da aus­schließ­lich Män­ner über 21 Jah­ren wäh­len durften.

Die Anne­xi­on wur­de schließ­lich durch könig­li­chen Erlaß vom 9. Okto­ber 1870 for­ma­li­siert. Arti­kel 1 bestimm­te, daß Rom und die römi­schen Pro­vin­zen Bestand­teil des neu­en König­reichs Ita­li­en wer­den sollten.

Die Schatten über der Abstimmung

Doch wel­che unab­hän­gi­ge und ver­trau­ens­wür­di­ge Auto­ri­tät hat­te die heik­le Orga­ni­sa­ti­on die­ser Abstim­mun­gen überwacht?

Aus­ge­rech­net der erst weni­ge Tage zuvor ernann­te Poli­zei­chef Filip­po Cur­let­ti wur­de damit betraut, ein Ver­trau­ens­mann Cavours. Sei­ne Bio­gra­phie zeugt aller­dings kei­nes­wegs von tadel­lo­ser mora­li­scher Inte­gri­tät. In der Schweiz war er als Draht­zie­her einer Ban­de pie­mon­te­si­scher Kri­mi­nel­ler in Abwe­sen­heit ver­ur­teilt wor­den, die sich dem Dieb­stahl, der Plün­de­rung und wei­te­ren Straf­ta­ten gewid­met hat­te. Dar­auf ver­öf­fent­lich­te er sei­ne „Ent­hül­lun­gen“, in denen er bekannt­gab, ein Agent Cavours gewe­sen zu sein.

Nicht gera­de die idea­le Beset­zung für einen Polizeichef!

In einem Memo­ran­dum, das eigent­lich geheim blei­ben soll­te und sich mit den vor­aus­ge­gan­ge­nen Ple­bis­zi­ten befaß­te, schrieb er unter ande­rem: „Was Mode­na betrifft, kann ich aus eige­ner Kennt­nis spre­chen, denn alles geschah unter mei­nen Augen und unter mei­ner Lei­tung. Im übri­gen ver­lie­fen die Din­ge in Par­ma und Flo­renz nicht anders.“

Wei­ter berich­te­te er, man habe sich die Kir­chen­re­gi­ster von den Pfarr­ge­mein­den geben las­sen, um dar­aus die Wäh­ler­li­sten zusam­men­zu­stel­len. Gleich­zei­tig rühm­te sich Cur­let­ti, sämt­li­che Stimm­zet­tel für die Abstim­mung über die Anne­xi­on selbst vor­be­rei­tet zu haben.

Wie bereits erwähnt, wur­den nach Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le zusätz­li­che Stimm­zet­tel in die Urnen gelegt, um die Zahl der abge­ge­be­nen Stim­men zu erhö­hen – selbst­ver­ständ­lich zugun­sten Pie­monts. Dafür habe man die Stimm­zet­tel der­je­ni­gen ver­wen­det, die der Abstim­mung fern­ge­blie­ben waren. „Wenn man schlecht denkt, begeht man zwar eine Sün­de, aber oft liegt man damit rich­tig“, sag­te der Christ­de­mo­krat Giu­lio Andreot­ti ein­mal, der zwi­schen 1972 und 1992 sie­ben Mal ita­lie­ni­scher Mini­ster­prä­si­dent war.

So scheint es auch bei den Geschichts­vor­gän­gen des geeig­n­ten Ita­li­ens zu sein.

Es ist daher kei­ne bös­wil­li­ge Unter­stel­lung, wenn man sich fragt, wie sol­che Ergeb­nis­se in Städ­ten und Dör­fern über­haupt zustan­de kom­men konn­ten. Die gerin­ge Erfah­rung mit Wah­len, ver­bun­den mit bewuß­ter Wahl­ent­hal­tung und Gleich­gül­tig­keit, erleich­ter­te die Mani­pu­la­ti­on und besei­tig­te prak­tisch jede wirk­sa­me Kontrolle.

So ent­stand eine der­ar­ti­ge Ver­wir­rung, daß Cur­let­ti wei­ter berich­ten konn­te: „… man ging dabei so rück­sichts­los vor, daß die Aus­zäh­lung eine grö­ße­re Zahl von Wäh­lern ergab als über­haupt ein­ge­schrie­be­ne Wahl­be­rech­tig­te vor­han­den waren.“

Das Gesetz der Garantien

Der Papst fühl­te sich als Gefan­ge­ner – und war nach eige­ner Auf­fas­sung auch tat­säch­lich ein Gefan­ge­ner – der pie­mon­te­si­schen Besat­zer. Die­se stell­ten ihn als hart­näcki­ges Hin­der­nis für die natio­na­le Frei­heit dar.

Doch stimmt es tat­säch­lich, daß Pius IX. die neue Zeit nicht ver­stan­den hat­te, die inzwi­schen über sei­nen ehe­ma­li­gen Staat her­ein­ge­bro­chen war?

Viel­mehr hat­te der Papst frü­her und kla­rer als ande­re erkannt, wohin die­se pie­mon­te­si­sche Poli­tik füh­ren würde.

Am 21. März 1871 ver­ab­schie­de­te die Abge­ord­ne­ten­kam­mer mit 185 gegen 106 Stim­men den Ent­wurf des soge­nann­ten „Geset­zes der Garan­tien“ (Leg­ge del­le Gua­ren­ti­gie). Am 20. Mai stimm­te auch der Senat dem Gesetz­ent­wurf mit 150 gegen 20 Stim­men zu. Anschlie­ßend wur­de er vom König unterzeichnet.

Abge­se­hen von den dar­in ent­hal­te­nen Zuge­ständ­nis­sen an die katho­li­sche Kir­che hät­te eine Annah­me die­ses Geset­zes durch den Papst fak­tisch bedeu­tet, daß er den neu­en ita­lie­ni­schen Staat und das Ende sei­ner eige­nen staat­li­chen Eigen­stän­dig­keit und Sou­ve­rä­ni­tät aner­kannt hätte.

Das Gesetz bestand aus 19 Arti­keln und war in zwei Tei­le gegliedert.

Der erste Teil regel­te die Vor­rech­te des Pap­stes, dem wei­ter­hin alle sou­ve­rä­nen Ehren sowie bestimm­te Eigen­tums­rech­te zuge­si­chert wur­den. Der zwei­te Teil regel­te die Bezie­hun­gen zwi­schen dem Staat und der katho­li­schen Kirche.

Der Papst akzep­tier­te das Gesetz jedoch nicht. Er ver­trat die Auf­fas­sung, daß er als Stell­ver­tre­ter Chri­sti ein Recht sowohl auf die geist­li­che als in sei­nem Staat auch auf die welt­li­che Macht habe und daß ihm letz­te­re allein durch Gewalt genom­men wor­den sei. Er bezeich­ne­te das Gesetz als ein „mon­strö­ses Erzeug­nis der revo­lu­tio­nä­ren Rechts­wis­sen­schaft“.

Pius IX. wei­ger­te sich, das Gesetz anzu­er­ken­nen, und erklär­te dies in sei­ner Enzy­kli­ka Ubi nos vom 15. Mai 1871. Dar­in schrieb er unter anderem:

„Die sub­al­pine Regie­rung [sic] bemüh­te sich, die Katho­li­ken zu täu­schen und ihre Äng­ste zu beru­hi­gen, indem sie eini­ge wert­lo­se Pri­vi­le­gi­en und Immu­ni­tä­ten zusam­men­stell­te und fabri­zier­te, die gemein­hin ‚Garan­tien‘ genannt wer­den … Wir sind gezwun­gen, erneut zu bekräf­ti­gen, was wir bereits mehr­fach fei­er­lich erklärt haben: daß die welt­li­che Herr­schaft des Hei­li­gen Stuhls dem Römi­schen Pon­ti­fex durch einen beson­de­ren Rat­schluß der gött­li­chen Vor­se­hung ver­lie­hen wur­de und daß sie not­wen­dig ist, damit der Papst als sou­ve­rä­ner Pon­ti­fex kei­nem Für­sten und kei­ner welt­li­chen Macht unter­wor­fen ist.“

Das Ver­hält­nis zwi­schen den bei­den Sei­ten ver­schlech­ter­te sich wei­ter. 1874 ver­bot die römi­sche Kurie den Katho­li­ken aus­drück­lich, sich am poli­ti­schen Leben des neu­en Staa­tes zu betei­li­gen. Die­ses Ver­bot wur­de unter der For­mel „Non expe­dit“ bekannt.

Erst am 11. Febru­ar 1929, mit den Late­ran­ver­trä­gen, soll­te ein wirk­lich trag­fä­hi­ges und dau­er­haf­tes Abkom­men erreicht wer­den, das die jewei­li­gen poli­ti­schen und zivi­len Zustän­dig­kei­ten respektierte.

Zum Abschluß die­ses Arti­kels sei noch auf eine histo­ri­sche Iro­nie hin­ge­wie­sen: Etwas mehr als 70 Jah­re nach die­sen Ereig­nis­sen fand 1946 ein wei­te­res Ple­bis­zit statt – dies­mal zwi­schen Mon­ar­chie und Repu­blik. Es soll­te der vom Krieg völ­lig erschöpf­ten Nati­on eine neue insti­tu­tio­nel­le Ord­nung geben.

Auch die­ses Ple­bis­zit war von zahl­rei­chen Schat­ten begleitet.

Schließ­lich setz­te sich die Repu­blik durch und ver­ab­schie­de­te sich damit end­gül­tig vom Haus Savoy­en – ganz so, wie es der hei­li­ge Johan­nes Bos­co ein Jahr­hun­dert zuvor pro­phe­zeit hatte.

*Anto­nel­lo Can­n­a­roz­zo ist ein ita­lie­ni­scher Jour­na­list, er arbei­te­te unter ande­rem als Vati­ka­nist und Chef­re­dak­teur der Tages­zei­tung Il Popo­lo, von 1923 bis 2003 das offi­zi­el­le Organ der Christ­de­mo­kra­ten (DC); seit 1995 ist er frei­er Publi­zist. Sein Schwer­punkt liegt auf Geschich­te, Kir­che und gesell­schaft­li­chen Themen.

Übersetzung/​Fußnoten: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons


  1. Vin­cen­zo Gio­ber­ti (1801–1852) war ein ita­lie­ni­scher Phi­lo­soph und Poli­ti­ker des Risor­gi­men­to. In sei­nem Werk Del pri­ma­to mora­le e civi­le degli Ita­lia­ni (1843) ent­warf er ein föde­ra­les Modell für Ita­li­en: Die ver­schie­de­nen ita­lie­ni­schen Staa­ten soll­ten in einer Föde­ra­ti­on unter dem Ehren­vor­sitz des Pap­stes ver­bun­den wer­den, wäh­rend ihre poli­ti­sche Selbst­stän­dig­keit weit­ge­hend erhal­ten blie­be. Damit woll­te Gio­ber­ti die Ein­heit Ita­li­ens ohne revo­lu­tio­nä­ren Bruch und ohne zen­tra­li­sti­schen Ein­heits­staat errei­chen. Das Modell war dem Deut­schen Bund ver­gleich­bar. ↩︎
  2. Camil­lo Ben­so, Graf von Cavour (1810–1861) war pie­mon­te­si­scher Staats­mann und einer der wich­tig­sten Archi­tek­ten der ita­lie­ni­schen Eini­gung. Als Mini­ster­prä­si­dent Sar­di­ni­en-Pie­monts för­der­te der Frei­mau­rer Cavour Libe­ra­lis­mus, Wirt­schafts­ent­wick­lung und eine Tren­nung von Kir­che und Staat. ↩︎
  3. Im Roman „Il Gat­to­par­do“ von Giu­sep­pe Toma­si di Lam­pe­du­sa und des­sen Ver­fil­mung wur­den dies Wahl-Merk­wür­dig­kei­ten bzw. der Betrug lite­ra­risch the­ma­ti­siert. ↩︎

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