Seit mehreren Jahrzehnten beschäftigt sich Don Curzio Nitoglia mit philosophischen und theologischen Fragen, mit Kirchengeschichte und auch mit dem Verhältnis zwischen Christentum und Judentum. In seinen Schriften und Vorträgen widmete er sich besonders der sogenannten Judenfrage aus theologischer Sicht, dem Antisemitismus, dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Erklärung Nostra aetate. Außerdem veröffentlichte er ein Buch über den Alten Bund und das Verhältnis zwischen Kirche und Judentum.
Als Kritiker des Zweiten Vatikanischen Konzils und von Nostra aetate vertritt er in seinen Stellungnahmen eine klare Unterscheidung zwischen dem theologischen Antijudaismus und dem biologischen bzw. rassischen Antisemitismus. Gerade wegen der Besonderheit seiner Positionen dokumentieren wir das Interview, das Cinzia Notaro mit ihm führte, da in mehreren europäischen Staaten die umstrittene Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von 2016 zunehmend auch zur Grundlage rechtlicher und teilweise strafrechtlicher Maßnahmen gemacht werden soll. Kritiker befürchten, daß dadurch auch bestimmte Formen der Kritik am Staat Israel und an seiner Politik – etwa am militärischen Vorgehen im Gaza-Streifen – unter den Antisemitismusbegriff fallen und damit rechtlich verfolgt werden könnten. 45 Staaten und rund 1.300 weitere Institutionen, darunter Regionen, Kommunen und Universitäten, haben die IHRA-Definition übernommen oder sich zu ihr bekannt, darunter die Bundesrepublik Deutschland, Österreich, die Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Italien und die meisten EU-Mitgliedsstaaten.
In Italien sollen auf dieser Grundlage derzeit strafrechtlich verschärfte Maßnahmen eingeführt werden, gegen die sich erheblicher Widerstand formiert. Kritiker werfen der IHRA-Definition und insbesondere ihren politischen Befürwortern vor, unter dem Vorwand der Bekämpfung des Antisemitismus die Freiheit der politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung einzuschränken. Ihrer Auffassung nach soll der Politik des Staates Israel damit ein Sonderstatus eingeräumt werden, der sie einer vergleichbaren öffentlichen Kritik entziehen soll, wie sie gegenüber jedem anderen Staat selbstverständlich zulässig ist.
Als Gegenentwurf legten Wissenschaftler 2021 die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (Jerusalem Declaration on Antisemitism, JDA) vor. Sie bemüht sich um eine schärfere Unterscheidung zwischen Haß und Feindseligkeit gegenüber Juden als Juden einerseits und legitimer politischer Kritik andererseits. Danach muß es grundsätzlich möglich sein, den Staat Israel, seine Regierung und staatlichen Institutionen, seine Politik sowie auch jüdische Organisationen politisch und sachlich zu kritisieren – nach denselben Maßstäben, die auch gegenüber jedem anderen Staat und jeder anderen Organisation gelten. Ebenso muß religiöse, theologische Kritik am Judentum konkret in der Unterscheidung zwischen Christentum und Judentum.
Die italienische Rechtsregierung von Giorgia Meloni, die selbst einem neofaschistischen Elternhaus entstammt und in der Jugendorganisation der neofaschistischen Partei aktiv war, dann in deren Nachfolgeparteien, will als erster Staat weltweit ein Gesetz zum Antisemitismus einführen und darin die umstrittene IHRA-Definition einschließlich ihrer Beispiele gesetzlich kodifizieren.
Das Interview mit Don Nitoglia will die Debatte über den neuen Gesetzentwurf zum Antisemitismus, die historische und religiöse Bedeutung des Begriffs, das Verhältnis von Antijudaismus und Antisemitismus, die Rolle von Nostra aetate sowie die Veränderung des Verhältnisses zwischen katholischer Kirche und Judentum nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil näher beleuchten.
Cinzia Notaro: Don Curzio, Sie unterscheiden zwischen religiösem Antijudaismus und modernem Antisemitismus? Wo würden Sie heute die Grenze zwischen einer theologischen Kritik am Judentum und einem eigentlichen antijüdischen Vorurteil ziehen?
Don Curzio Nitoglia: Der Antijudaismus ist eine theologische Frage: Man unterscheidet darin das Christentum vom talmudischen Judentum.
Das talmudische Judentum ist jener Teil Israels, der Jesus nicht als Messias angenommen hat, der ihn zurückgewiesen und deshalb seine Verurteilung bewirkt hat und ihn anschließend von der römischen Obrigkeit kreuzigen ließ, die allein das Todesurteil vollstrecken konnte, das der Sanhedrin bereits während der Nacht ausgesprochen hatte.
Der rassische Antisemitismus ist etwas, das die Semiten haßt, eigentich nicht nur die Juden, sondern auch die Araber, weil auch die Araber Nachkommen Sems sind, da Abraham mit Hagar, der Sklavin, die von den Pharaonen Ägyptens abstammte, einen Sohn hatte. Dieser Sohn hieß Ismael, und von Ismael stammen die Araber ab. Schon das Wort „Antisemitismus“ ist also ein mehrdeutiges, mißverständliches Wort, und man müßte genauer bestimmen, was damit gemeint ist.
Mit Antisemitismus meinen sie nur den Antijudaismus, den rassischen Antijudaismus. Sie haben den Begriff des Antisemitismus mit dem bloßen Antijudaismus gleichgesetzt, und das ist mit der katholischen Lehre nicht vereinbar.
Die katholische Lehre behandelt die theologische Frage des Verhältnisses zwischen dem Christentum, das auf dem Alten Testament gründet, und dem Neuen Testament. Nach der Erbsünde bringt die Schlange, der Teufel in Gestalt einer Schlange, Adam und Eva zu Fall und in die Erbsünde, und Gott verheißt einen Erlöser, der von einer Jungfrau, der Gottesmutter, geboren werden sollte. Der Erlöser sollte Jesus sein.
Dieser Erlöser wird von Adam und Eva bereits nach der Erbsünde und ihrer Bekehrung erwartet, später von den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob und schließlich von Mose. Mose führt das Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens nach vierzig Jahren der Wanderung durch die Wüste in das Gelobte Land, das Heilige Land. Mose selbst darf dort aber nicht einziehen: Josua wird es tun.
Unter theologischem Antijudaismus versteht man also die Auseinandersetzung zwischen dem Alten Testament, das durch das Neue Testament vollendet wird, und den Prophezeiungen des Alten Testaments, die Jesus bis ins kleinste Detail beschreiben. Er wird für dreißig Silberlinge verkauft werden, nicht für neunundzwanzig und nicht für einunddreißig; man wird ihm keinen Knochen zerbrechen; seine Seite, seine Hände und seine Füße werden durchbohrt werden. Es gibt etwa dreißig Prophezeiungen, die sich dann im Leben Jesu genau erfüllt haben, wie die Evangelien und die Apostelgeschichte berichten. Jesaja ist beeindruckend, und auch alle anderen Propheten beschreiben ihn bis ins kleinste Detail.
Mit der Menschwerdung des Wortes und dem Tod Jesu am Kreuz erleben wir dann eine Spaltung, ein Schisma, eine Trennung innerhalb des jüdischen Volkes. Ein kleiner Teil, eine kleine Restgruppe, wie der heilige Paulus sagt, bleibt dem Geist des Alten Testaments treu und nimmt den Messias, Jesus von Nazareth, so an, wie er prophezeit worden war. Ein anderer Teil jedoch, die Mehrheit Israels, weist Jesus als Messias zurück.
Sie weist ihn zurück, weil Jesus im Geist bereits des Alten Testaments das Himmelreich für alle Menschen verkündete, für Menschen aller Rassen und aller Gesellschaftsschichten und nicht nur für die Israeliten. Die jüdische Apokalyptik hingegen vertrat die Auffassung, der Messias werde ein König, ein Eroberer, ein kriegerischer, kämpfender Messias sein, der Israel die politische Herrschaft über die ganze Welt verschaffen werde.
So sehen wir bereits während der drei Jahre des öffentlichen Wirkens Jesu eine theologische Auseinandersetzung zwischen Jesus und dem Sanhedrin, den Hohenpriestern, den Priestern, den Pharisäern und den Schriftgelehrten. Das ist der christliche Antijudaismus des Evangeliums, des Neuen Testaments, das das Alte Testament vollendet, denn das Alte Testament gehört zum Christentum, das es durch das Neue Testament vollendet.
Es ist ein Vorurteil zu sagen, die Juden hätten das Alte Testament und wir Christen das Neue Testament. Nein: Das Christentum hat das Alte Testament und das Neue Testament. Das talmudische, rabbinische, nachbiblische und nachchristliche Judentum hingegen weist nach dem Tod Jesu das Neue Testament zurück, Jesus als Messias, Jesus als wahren Menschen und wahren Gott, die Allerheiligste Dreifaltigkeit und weist damit auch die Lehre und die Prophezeiungen des Alten Testaments zurück.
Das ist also bereits die erste große Unterscheidung, die zwischen theologischem Antijudaismus und Antisemitismus beziehungsweise rassischem Antijudaismus getroffen werden muß.
Cinzia Notaro: Was ist Ihrer Meinung nach der wesentliche Unterschied zwischen dem Antijudaismus in der Geschichte der christlichen Theologie und dem rassischen Antisemitismus, der sich im modernen Europa entwickelt hat? Wann vollzieht sich historisch der Übergang vom einen zum anderen?
Don Curzio Nitoglia: Diese Unterscheidung haben wir im Grunde bereits oben gesehen und ausführlich behandelt. Wann vollzieht sich der Übergang vom katholischen theologischen Antijudaismus zum rassischen Antisemitismus? Nun, er vollzieht sich dann, wenn Europa und die Europäer den Glauben verlieren, wenn sie den Glauben an Jesus Christus verlieren und deshalb die Nation, das Vaterland, die Rasse, die Partei, die Macht, den Willen zur Macht, die Arbeiterklasse und den Klassenkampf an die Stelle Gottes, an die Stelle Jesu Christi setzen.
Cinzia Notaro: Über Jahrhunderte war das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum von theologischen Auseinandersetzungen, Spannungen und auch Diskriminierungen geprägt. Wie stark beeinflußt diese Geschichte weiterhin das Verhältnis zwischen Christen und Juden in der heutigen Welt?
Don Curzio Nitoglia: Was die Frage nach den Beziehungen zwischen Christen und Juden in der heutigen Welt betrifft, hängt die Angelegenheit leider mit Johannes Paul II. und bereits mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammen, insbesondere mit der Aussage, der Alte Bund sei niemals aufgehoben worden. Der Alte Bund wurde nicht zerstört, sondern durch den Neuen und Ewigen Bund vollendet worden. Es gibt seit Jesus Christus keinen Alten Bund mehr ohne Neuen Bund.
Wie ein Kind durch den Erwachsenen vollendet wird, so ist dieses Kind, das wächst und erwachsen wird, dasselbe Kind, das gewachsen ist; es zerstört das Kind nicht. Ich bin jetzt mit siebzig Jahren derselbe, der mit sieben, acht oder zehn Jahren ein Kind war, der aber seither gewachsen und älter geworden ist.
Ich muß also zwei Fehler, zwei Extreme vermeiden: Zum einen darf ich nicht leugnen, daß ich jetzt mit siebzig Jahren derselbe Mensch bin, der geboren wurde, dann vier, fünf, sechs oder zehn Jahre alt war und nach und nach ein junger Mensch, dann ein Erwachsener und jetzt ein älterer Mensch geworden ist.
So wie der erwachsene Mensch das Kind nicht zerstört, sondern es vollendet, so wird der Alte Bund durch den Neuen und Ewigen Bund, durch das Evangelium, nicht zerstört: Er wird vollendet, und das darf man nicht leugnen.
Es gibt diejenigen, die wie Markion im Alten Testament nur das Böse sehen, und das ist völlig falsch. Und es gibt andererseits diejenigen, die wie die Judaisier, die Christenjuden, die Modernisten und Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils sagen, der Alte Bund sei niemals aufgehoben worden.
Johannes Paul II. sagte dies aber ausdrücklich in einem Brief an die Synagoge von Mainz am 17. November 1980: Er sagte, der Alte Bund sei niemals aufgehoben worden. Das ist falsch, denn der Alte Bund hat den Neuen vorbereitet, und mit dem Kommen des fleischgewordenen Wortes ging die Heilsordnung, dem Alten Testament, zu einer anderen Heilsordnung über, dem Neuen und Ewigen Testament. Das ist als lineare Entwicklung zu denken.
Die christliche Religion gründet also auf dem vorbereitenden Alten und dem vollendenden Neuen Testament.
Das Drama des heutigen theologischen Judentums besteht darin, daß es das Neue Testament, den Messias Jesus von Nazareth, zurückgewiesen und damit auch das Alte Testament zurückgewiesen hat. Tatsächlich stützt es sich eher als auf das Alte Testament auf einen Teil der Tora, einen Teil der Geschichte Israels und vor allem auf den Talmud und die Kabbala.
Die Kabbala ist die esoterische dogmatische Lehre, die Philosophie und Metaphysik des jüdischen magischen Denkens, und der Talmud ist die Morallehre, die auf der einen Seite stark von Pantheismus und auf der anderen Seite von Rassismus durchdrungen ist und laut der die israelitische Ethnie als das einzig wirklich menschliche Wesen, als die einzige Menschheit, angesehen wird, während die anderen, die nichtjüdischen Menschen, die sogenannten Gojim, nur sprechende Tiere seien.
Cinzia Notaro: Sie haben sich auch mit Nostra aetate beschäftigt. Welche Aspekte des Dokuments halten Sie konkret für theologisch problematisch?
Don Curzio Nitoglia: Dieser Fehler – daß der Alte Bund niemals aufgehoben worden sei – ist bereits in der Erklärung Nostra aetate enthalten, die am 28. Oktober 1965 verabschiedet wurde. Johannes Paul II. machte Nostra aetate zu einem seiner Hauptanliegen, nicht nur in Mainz am 17. November 1980, sondern auch in Rom, in der Großen Synagoge von Rom am Tiber, gegenüber der Tiberinsel, am 13. April 1986.
Er sagte, die Juden – nicht als Ethnie oder Rasse, sondern diejenigen, die als Israeliten nicht an Jesus, den Messias und die zweite Person der Dreifaltigkeit, glauben – seien unsere älteren Brüder.
Später präzisierte er am 31. Dezember 1986 beim Te Deum, das er in der Kirche Il Gesù in Rom sang: Sie seien „ältere Brüder im Glauben Abrahams“, denn im Alten Testament waren die älteren Brüder häufig böse, wie Kain gegenüber Abel und Saul gegenüber Jakob.
Als er sagte: „Ihr seid unsere älteren Brüder“, bat der römische Großrabbiner Elio Toaff nämlich um eine Präzisierung, eine Korrektur: „Ältere Brüder“ wie Kain gegenüber Abel? Nein: „ältere Brüder im Glauben Abrahams“. Das bedeutet: Ihr besitzt die Fülle des Glaubens, und wir sind euch gegenüber minderwertig, zurückgesetzt. Das ist aber völlig falsch: Es ist genau umgekehrt.
Damit erleben wir also eine Umkehrung der Religion im Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament: nicht nur der niemals aufgehobene Alte Bund, sondern auch das Judentum als älterer Bruder des Christentums im Glauben. Der christliche Glaube wäre demnach ein dem jüdischen Glauben untergeordneter Glaube, während das Judentum die allerheiligste Wahrheit und die Gottheit Jesu leugnet – die beiden zentralen Dogmen der einzigen wahren Religion, die auf dem Alten und dem Neuen Testament gründet.
Cinzia Notaro: Wie beurteilen Sie die durch das Zweite Vatikanische Konzil bewirkte Veränderung im Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Judentum? Sehen Sie in der neuen Ausrichtung eine konsequente Weiterentwicklung der katholischen Tradition oder einen Bruch mit ihr?
Don Curzio Nitoglia: Das Lehramt bis zu Pius XI., der sich vom Neuheidentum bestimmter radikaler Elemente des Dritten Reiches distanzierte, lehrt, daß es gerade das Volk Israel in seiner Mehrheit war, das den Messias Jesus von Nazareth zurückgewiesen und ans Kreuz geschlagen hat.
Die Anklage des Gottesmordes finden wir in den Evangelien: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25); wir finden sie bei den Kirchenvätern, ohne Ausnahme.
Eine konvertierte Jüdin, Denise Judant, die inzwischen verstorben ist, sie war Patristikerin, hat zwei schöne Bücher geschrieben. Sie studierte die Kirchenväter und war, als das Dokument Nostra aetate erschien, entsetzt, weil Nostra aetate ihrer Ansicht nach die Theorie des Gottesmordes leugnete.
Sie sagt, diese Theorie finde sich nicht nur in der Heiligen Schrift, sondern bei sämtlichen Kirchenvätern, den lateinischen wie den griechischen, ohne Ausnahme. In ihren Büchern stellt sie eine Anthologie entsprechender Texte zusammen und führt sie bis ins 5. Jahrhundert, bis zum heiligen Augustinus.
Das ist also die Wahrheit, die wir in der Heiligen Schrift und in der Tradition finden, den beiden Quellen der Offenbarung. Die Tradition ist die Auslegung der Kirchenväter, die die Bedeutung der Heiligen Schrift erklären, denn „der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 3,6). Und schließlich kommt die letzte Aussage, die letzte Erklärung vom Lehramt.
Wir haben mittelalterliche päpstliche Bullen und solche aus der Zeit der Gegenreformation sowie die letzte Enzyklika Mit brennender Sorge von Pius XI., in denen ausdrücklich von der Verantwortung des Volkes, jenes Volkes, jenes Teils des Volkes Israel, gesprochen wird, das Jesus als das fleischgewordene Wort, als Messias, zurückgewiesen und ans Kreuz geschlagen hat.
Cinzia Notaro: Ist es möglich, die jüdische Religion, ihre theologische Tradition oder bestimmte ihrer Auslegungen zu kritisieren, ohne diese Kritik in Feindseligkeit gegenüber Juden als Personen und als Gemeinschaft zu verwandeln?
Don Curzio Nitoglia: Ja, natürlich. Zunächst einmal hat das Judentum als Religion im Jahre 70 n. Chr. aufgehört zu existieren, weil eine Religion ein Priestertum, ein Opfer und einen Altar benötigt, auf dem das Opfer dargebracht wird.
Die Zerstörung des Tempels bedeutet die Zerstörung des Altars. Der einzige Ort, an dem Jahwe, dem einen Gott, durch das israelitische Priestertum des Alten Testaments ein Opfer dargebracht werden konnte, war der Tempel von Jerusalem.
Dieser Tempel wurde im Jahre 70 n. Chr. von den Römern unter Vespasian von Titus zerstört.
Daher ist das heutige Judentum im strengen Sinne eine Form der Religiosität, eine Philosophie, eine ideologische Weltanschauung, aber keine Religion.
Religio kommt von religare, also „verbinden“: den Menschen durch ein Priestertum, das als Vermittler, als Brücke zwischen Mensch und Gott fungiert, mit Gott zu verbinden, indem Gott an einem Gott geweihten Ort ein Opfer dargebracht wird.
Da dieser Ort der Tempel war, und zwar ausschließlich der Tempel von Jerusalem, konnten nur die Priester aus der Nachkommenschaft Aarons und aus dem Stamm Levi das Opfer darbringen, und das Opfer konnte ausschließlich im Tempel von Jerusalem dargebracht werden.
Mit der Zerstörung des Tempels verbrannten auch die Verzeichnisse der Nachkommen Aarons und Levis. Daher wissen man seit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. bis heute nicht mehr, wer die Priester sind; es gibt keinen Ort mehr, an dem das Opfer dargebracht werden kann, und keinen Altar mehr.
Es fehlen die drei Elemente, die eine Religion ausmachen, und es ist daher theologisch nicht korrekt, im strengen Sinn von einer jüdischen Religion zu sprechen.
Es gibt eine Art von Religiosität, die jedoch, wie ich bereits gesagt habe, auf der Kabbala und dem Talmud beruht.
Der Talmud ist eine Morallehre, aber eine sehr, sehr rassische, voller Haß und Verachtung gegenüber allen Gojim oder Nichtjuden. Wenn man diese jüdische Denkweise kritisiert, muß man darauf achten, die Fehler des talmudischen, rabbinischen und kabbalistischen Judentums entschieden anzuprangern, ohne aber in Haß gegenüber demjenigen zu verfallen, der als Israelit geboren wurde, auch und nicht zuletzt weil er sich bekehren kann.
Hier gibt es den rassischen Antisemitismus: „olim judeus semper judeus“ – einmal als Jude geboren, immer Jude. Ein konvertierter Jude aber, wie die Apostel, die Allerheiligste Gottesmutter und Jesus als Mensch, ist vollkommen Christ und Gott lieb und wohlgefällig.
Israel hingegen, das die Gottheit Jesu leugnet und sie nicht anerkennen will, obwohl es sich – sofern es sich ihrer bewußt ist – dessen bewußt ist, was in den Propheten des Alten Testaments geschrieben steht, und die Wunder Jesu miterlebt hat: die Auferweckung des Lazarus, der bereits stank, verwest war und seit vier Tagen tot im Grab lag, sowie die Auferstehung Jesu. Daher müssen die vom Sanhedrin entsprechend instruierten Wachen lügen und sagen: „Die Jünger Jesu sind in der Nacht gekommen und haben ihn geraubt, während wir schliefen.“
Der heilige Augustinus macht sich über sie lustig und sagt: Wenn ihr geschlafen habt, wie konntet ihr dann sehen, daß es die Jünger Jesu waren?
Hier besteht also die Möglichkeit einer Kritik an der jüdischen, talmudischen, rabbinischen und kabbalistischen Religiosität und Philosophie, ohne in Haß zu verfallen. Rechtmäßig ist jedoch die Notwehr: Wenn jemand angegriffen wird, kann und muß er sich selbstverständlich verteidigen.
Ihre zweite Frage, die theologische Kritik am talmudischen Judentum, ist klar vom Haß und vom antijüdischen Vorurteil zu unterscheiden.
Ein Vorurteil ist eine vorgefaßte Meinung, eine falsche Vorstellung, die der Wirklichkeit nicht entspricht und die man sich aus Unwissenheit, Leichtfertigkeit, Haß oder Böswilligkeit bildet.
Haß hingegen – niemand darf irgendjemanden hassen, und einem Unschuldigen darf niemals Gewalt angetan werden. Notwehr gegenüber jemandem, der einen Unschuldigen angreift, ist hingegen zulässig.
Die Theologie unterscheidet beim Haß zwischen dem Haß der Feindschaft und dem Haß der Böswilligkeit. Der Haß aus Böswilligkeit ist immer unerlaubt und sündhaft. Damit ist gemeint, daß ich einem Menschen geistiges Übel wünsche, daß ich ihm wünsche, verdammt zu werden: Das darf ich niemals jemandem wünschen.
Der Haß aus Feindschaft hingegen bedeutet, anders als der Haß aus Böswilligkeit: Ich muß mich im biblischen Sinne aufgrund seiner Ideen und Handlungen vom Feind Gottes, der Kirche und des Evangeliums Jesu Christi distanzieren. Ich muß ihn mit den legitimen Waffen der Logik, der Theologie und der Philosophie bekämpfen, damit er sich bekehrt und seine Seele gerettet wird.
Cinzia Notaro: Besteht Ihrer Meinung nach beim neuen Gesetzentwurf die Gefahr, daß unterschiedliche Kategorien wie Antisemitismus, Antijudaismus, Antizionismus und die Kritik an der Politik des Staates Israel miteinander vermischt werden?
Don Curzio Nitoglia: Nach dem Mancino-Gesetz von 1993 neigt der neue Gesetzentwurf dazu, Antisemitismus und Antizionismus gleichzusetzen, ohne zwischen Antijudaismus und Antiarabismus einerseits und Antizionismus andererseits zu unterscheiden.
Wenn jemand die Entstehung des Staates Israel im Jahre 1948 kritisiert – eines Staates, der den Juden von Großbritannien zugestanden worden sei, das über das Heilige Land sich ein Mandat des Völkerbundes gesichert hatte, nachdem es 1917 an die Stelle des im Ersten Weltkrieg besiegten Osmanischen Reiches getreten war –, dann kann man durchaus darüber diskutieren, ob die Juden überhaupt das Recht hatten, einfach die Hälfte Palästinas zu erhalten, die ihnen von Großbritannien zugesprochen worden war.
Welches Recht hatte England, den Juden die Hälfte Palästinas zu geben, die fast zweitausend Jahre nach der Zerstörung des Tempels, in großer Zahl nach Palästina zurückkehrten1, die Hälfte des Landes in Besitz nahmen und kurze Zeit später weitere 20 bis 30 Prozent militärisch besetzten? Heute sind wir bei 80 Prozent des Territoriums angelangt.
Und wir erleben, was seit 1924 bis heute, besonders im Gazastreifen als auch im Westjordanland geschieht. Im Hinblick auf Gaza könnten sie sagen, daß es den Anschlag der Hamas vom 7. Oktober 2024 gegeben hat, im Westjordanland jedoch nicht. Dort betreiben die Siedler im Westjordanland allerdings eine ethnische Säuberung, eine Form des Völkermordes, und massakrieren die palästinensische Bevölkerung, die semitisch ist, weil sie Araber sind.
Wenn jemand den neuen Gesetzentwurf von 2026 kritisiert, der noch nicht von der Abgeordnetenkammer verabschiedet worden ist, sondern auf Widerstand stößt, was riskiert er dann? Weil er den Staat Israel und die Politik der gegenwärtigen Regierung des Staates Israel kritisiert, könnte er als Antisemit betrachtet werden. Netanjahu steht an der Spitze einer rechtsextremen Regierung; nicht jede Regierung Israels gehört jedoch Netanjahus Partei an.
Es gab linke Regierungen und rechte Regierungen wie die gegenwärtige unter Netanjahu, die aus Irgun2, Betar3 usw. heraus gegründet wurden.
Daher kann man rassistischen Antijudaismus nicht mit der Kritik am Zionismus und an der Regierung Israels gleichsetzen. Die Regierung Israels ist nicht der gesamte Staat Israel, denn sie repräsentiert nur einen Teil der israelischen Bevölkerung, auch wenn es sich derzeit um die Mehrheit handelt.
Was die Kritik an der Politik des Staates Israel betrifft, so ist diese zulässig, denn nicht alle Maßnahmen und Gesetze, die von den Regierungen eines Staates erlassen werden, sind hervorragend, gut oder akzeptabel. Alle unterliegen der Kritik.
Cinzia Notaro: Besteht auch die umgekehrte Gefahr, daß der Hinweis auf die Freiheit der Kritik dazu benutzt wird, Stereotype, Verschwörungstheorien oder Formen des Antisemitismus zu verbergen?
Don Curzio Nitoglia: Ich würde alle Fragen zur Schoah wegen der freiheitsbeschränkenden Gesetze überspringen.
Cinzia Notaro: Wo sollte die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und der Bekämpfung des Antisemitismus gezogen werden? Könnte eine zu weit gefaßte rechtliche Definition das Recht einschränken, Religionen, Ideologien oder geopolitische Fragen kritisch zu diskutieren?
Don Curzio Nitoglia: Die Meinungsfreiheit muß mit der Bekämpfung des Hasses gegen die Israeliten einhergehen.
Auch hier ist „Antisemitismus“ kein präziser Begriff: Man muß dem Wissenschaftler, dem Historiker, dem Philosophen und dem Theologen stets die Freiheit geben, die sogenannte Judenfrage, den Zionismus, die Politik, die Wirtschaft und die politische Macht zu untersuchen, die das Judentum im Laufe der Geschichte ausgeübt hat, ohne selbstverständlich in irgendeine Form von Haß und Gewalt gegen Juden überzugehen.
Cinzia Notaro: Sollte die Bekämpfung des Antisemitismus vor allem dem Gesetzgeber überlassen werden, oder sind Ihrer Ansicht nach Schule, Familie, Kirche und kulturelle Institutionen bei der Gewissensbildung noch stärker gefordert?
Don Curzio Nitoglia: Der Kampf gegen Haß und Gewalt – nicht nur gegen Israel, nicht nur gegen Semiten, Araber oder Juden, sondern gegen jeden, auch gegen Eskimos, Afrikaner, Italiener, Deutsche und Franzosen – muß eher der Gewissensbildung als den Gesetzen überlassen werden, die zu regelrechten Knebelgesetzen oder Rassengesetzen werden.
Er muß der Familie anvertraut werden, weil die Eltern ihre Kinder erziehen müssen; der Kirche, die den Kindern die erste religiöse Erziehung vermittelt und zur Bildung des Gewissens beiträgt; und schließlich der Schule, in der die Kinder – es gibt sowohl katholische als auch weltliche Schulen – die Grundlagen der wissenschaftlichen, klassischen und humanistischen Bildung erlernen.
Übersetzung/Fußnoten: Giuseppe Nardi
Bild: Giuseppe Nardi
- Siehe auch: Der Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels – und die damit verbundenen Gefahren
- Die jüdische Einwanderung in das britischen Mandatsgebiet zwischen dem Beginn der Alija 1924 und der Ausrufung des Staates Israel 1948 belief sich auf rund 440.000 Personen. Seit der Gründung des Staates Israel sind rund 3,5 Millionen Juden eingewandert. ↩︎
- Die Irgun war eine bewaffnete paramilitärische zionistische Untergrundorganisation, die von 1931 bis 1948 im britischen Mandatsgebiet Palästina Terroranschläge verübte, um die Errichtung eines zionistischen Staates zu erzwingen. Ihr Gründer und Anführer war der aus Odessa gebürtige jüdische Zionist Wladimir Schabotinski (1880–1940), der sich dem politischen Zionismus verschrieben hatte und auf Empfehlung von Chaim Weizmann 1921 in die Leitung der Zionistischen Weltorganisation berufen worden war.
Der Zionismus war ein Produkt aschkenasischer Juden, die die damals in Europa virulente Idee des Nationalismus übernahmen, während die sephardischen Juden im Nahen Osten und Nordafrika, auch in Palästina, dem Zionismus desinteressiert und gleichgültig gegenüberstanden.
1925 gründete Schabotinski mit dem Bund der Zionistischen Revisionisten eine radikale Strömung innerhalb des Zionismus. Die Zionistischen Revisionisten lehnten in bezug auf die jüdische Landnahme und die Gründung eines Judenstaates in Palästina jeglichen Kompromiß mit der einheimischen arabischen Bevölkerung (das waren Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 70 Prozent Moslems und 30 Prozent Christen) ab. Dafür hatte er bereits 1923 das Wort von der „Eisernen Mauer aus jüdischen Bajonetten“ geprägt, die zwischen Juden und Arabern errichtet werden solle. Den anderen zionistischen Strömungen warf er Nachgiebigkeit und Schwachheit vor. Schabotinski forderte die Errichtung eines Judenstaates „zu beiden Seiten“ des Jordans (Eretz Israel). Er starb 1940 während eines Sommerlagers der Organisation Betar in den USA. ↩︎ - Betar war eine zionistische Jugendorganisation, die von Waldimir Schabotinski gegründet wurde. Ihr Gründungskongreß fand 1923 in Riga in Lettland statt. Betar war offiziell zwar ein Akronym, bezog sich jedoch auf die letzte Festung, die von den jüdischen Aufständischen im Bar-Kochba-Aufstand gegen die Römer gehalten wurde.
Betar gründete im damals faschistischen Italien ein Ausbildungszentrum. Die Ausbildungsteilnehmer, die sich auf den bewaffneten Einsatz zur Eroberung Palästinas vorbereiteten, marschierten 1936 bei der großen faschistischen Militärparade in Rom mit, mit der die italienische Eroberung Abessiniens (Äthiopiens) gefeiert wurde. Bei dieser Eroberung war es zu schwerwiegenden, rassistisch motivierten Kriegsverbrechen gekommen (Grausamkeiten gegen Gefangene, willkürliche Tötungen, Einsatz von Giftgas).
Die späteren rechten israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und Jitzchak Schamir waren Mitglieder von Betar. Aus Irgun und Betar ging 1948 die israelische Partei Cherut hervor, aus der 1977 wiederum der Likud hervorging.
Hannah Arendt und Albert Einstein verglichen 1948 in einem offenen Brief Schabotinskis Revisionistischen Zionismus mit „nationalsozialistischen und faschistischen Parteien“. ↩︎
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