Das langsame Verschwinden der Christen aus dem Heiligen Land


Die Chri­sten des Hei­li­gen Lan­des schla­gen erneut Alarm. Ver­tre­ter ver­schie­de­ner christ­li­cher Gemein­schaf­ten beklag­ten gestern, dem 2. Juni, in Jeru­sa­lem eine zuneh­men­de Atmo­sphä­re von Bedräng­nis, Gewalt und gesell­schaft­li­cher Aus­gren­zung. Die Ent­wick­lung betrifft sowohl Isra­el als auch Ost­je­ru­sa­lem (Alt­stadt) und die palä­sti­nen­si­schen Gebie­te. Beson­ders besorg­nis­er­re­gend ist dabei nicht nur die Zahl der doku­men­tier­ten Über­grif­fe, son­dern die Tat­sa­che, daß immer mehr christ­li­che Fami­li­en ihre histo­ri­sche Hei­mat ver­las­sen. Damit setzt sich ein Pro­zeß fort, der seit Jahr­zehn­ten anhält und inzwi­schen die Exi­stenz der ein­hei­mi­schen ara­bi­schen Chri­sten­heit im Ursprungs­land des Chri­sten­tums in Fra­ge stellt.

„Wir füh­len uns wie Wai­sen“, erklär­te Wadie Abu­nasar, Koor­di­na­tor des Forums der Chri­sten des Hei­li­gen Lan­des, bei einer Pres­se­kon­fe­renz in Ost­je­ru­sa­lem. Der christ­li­che Poli­to­lo­ge beklag­te eine unzu­rei­chen­de Reak­ti­on der israe­li­schen Behör­den auf Haß­de­lik­te gegen Chri­sten, man­geln­de Auf­merk­sam­keit sei­tens der poli­ti­schen Füh­rung Isra­els und das weit­ge­hen­de Schwei­gen der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft. Die Fol­ge sei eine zuneh­men­de Resi­gna­ti­on vie­ler Chri­sten, die kei­ne Zukunfts­per­spek­ti­ve mehr für sich und ihre Kin­der sehen.

Ein vom Ros­sing Cen­ter for Edu­ca­ti­on and Dia­lo­gue vor­ge­leg­ter Bericht doku­men­tier­te für das Jahr 2025 ins­ge­samt 155 anti­christ­li­che Vor­fäl­le in Isra­el. Erfaßt wur­den 61 kör­per­li­che Angrif­fe, 52 Attacken auf kirch­li­ches Eigen­tum, 28 Fäl­le von Belä­sti­gung sowie 14 Akte der Zer­stö­rung christ­li­cher Sym­bo­le und Hin­weis­schil­der. Beson­ders betrof­fen sind Kle­ri­ker und Ordens­frau­en, die regel­mä­ßig von Anspucken, Beschimp­fun­gen und ande­ren For­men öffent­li­cher Demü­ti­gung berich­ten. Die Täter stam­men häu­fig aus radi­kal­re­li­giö­sen jüdi­schen Milieus.

Zwar beto­nen die Autoren der Stu­die, daß die Mehr­heit der israe­li­schen Gesell­schaft sol­che Über­grif­fe ableh­ne, doch zugleich zei­gen Umfra­gen eine wach­sen­de Into­le­ranz gegen­über dem Chri­sten­tum ins­be­son­de­re unter jün­ge­ren und stär­ker reli­gi­ös gepräg­ten jüdi­schen Bevöl­ke­rungs­grup­pen. Die Chri­sten gewin­nen dadurch zuneh­mend den Ein­druck, in ihrer ange­stamm­ten Hei­mat uner­wünscht zu sein.

Noch dra­ma­ti­scher erscheint die Lage in den palä­sti­nen­si­schen Gebie­ten. Der katho­li­sche Pfar­rer Bas­har Fawad­leh berich­te­te von syste­ma­ti­schen Über­grif­fen israe­li­scher Sied­ler gegen die Ort­schaft Tai­beh (das histo­ri­sche Ephra­im) im West­jor­dan­land. Tai­beh ist das ein­zi­ge christ­li­che Dorf im Hei­li­gen Land, das sich durch die Jahr­hun­der­te hal­ten konn­te. Zu den Vor­fäl­len gehö­ren Brand­stif­tun­gen, Vieh­dieb­stäh­le, Sach­be­schä­di­gun­gen, die Zer­stö­rung land­wirt­schaft­li­cher Kul­tu­ren sowie Ein­schrän­kun­gen beim Zugang zu Fel­dern und Oli­ven­hai­nen. Bereits etwa fünf­zehn Fami­li­en hät­ten den Ort ver­las­sen, was für den Ort mit noch etwa 1200 Ein­woh­nern sehr viel ist. Für vie­le Chri­sten wer­de das Leben zuneh­mend unerträglich.

Auch die ortho­do­xen Chri­sten Jeru­sa­lems bekla­gen wach­sen­den Druck. Hani Bula­ta, Vor­sit­zen­der des Ara­bisch-Ortho­do­xen Ver­eins von Jeru­sa­lem, ver­wies auf die fort­schrei­ten­de Mar­gi­na­li­sie­rung der ara­bisch-christ­li­chen Bevöl­ke­rung der Hei­li­gen Stadt. Beson­de­re Empö­rung lösten die Vor­gän­ge wäh­rend der Fei­er des Hei­li­gen Feu­ers in der Gra­bes­kir­che im April aus. 

Das Hei­li­ge Feu­er (grie­chisch Agi­on Phos, ist das wich­tig­ste Ritu­al der ortho­do­xen Chri­sten­heit jedes Jahr am Kar­sams­tag vor dem ortho­do­xen Oster­fest in der Jeru­sa­le­mer Gra­bes­kir­che. Die Ost­kir­che spricht vom jähr­li­chen Oster­wun­der, bei dem sich eine Flam­me ohne mensch­li­ches Zutun direkt auf der Grab­plat­te des lee­ren Gra­bes Jesu in der Hei­lig-Grab-Kapel­le (Ädi­ku­la) ent­zün­det. Um Betrug aus­zu­schlie­ßen wird die Gra­bes­ka­pel­le am Mor­gen von israe­li­schen Poli­zi­sten peni­bel nach Streich­höl­zern oder Feu­er­zeu­gen durch­sucht, so wie es in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten osma­ni­sche Behör­den­ver­tre­ter taten. Dann wird die Gra­bes­ka­pel­le mit Wachs ver­sie­gelt. Mit­tags zieht der grie­chisch-ortho­do­xe Patri­arch von Jeru­sa­lem in fei­er­li­cher Pro­zes­si­on um die Gra­bes­ka­pel­le, legt alle fei­er­li­chen Gewän­der ab und betritt das hei­li­ge Grab mit zwei Bün­deln aus je 33 Ker­zen (eine Ker­ze je Lebens­jahr Jesu) und betet das Licht­ge­bet. Sobald sich das Hei­li­ge Feu­er ent­zün­det, ent­zün­det der Patri­arch dar­an die Bün­del der soge­nann­ten Jeru­sa­lem-Ker­zen.

In die­sem Jahr berich­te­ten zahl­rei­che Teil­neh­mer von poli­zei­li­chen Behin­de­run­gen und Zugangs­be­schrän­kun­gen, die nach Ansicht kirch­li­cher Ver­tre­ter den tra­di­tio­nel­len Sta­tus quo der hei­li­gen Stät­ten verletzten.

Die aktu­el­len Vor­fäl­le ste­hen jedoch nicht iso­liert da. Sie sind Aus­druck einer lang­fri­sti­gen Ent­wick­lung, die seit Jahr­zehn­ten anhält. Wäh­rend die Zahl der Chri­sten im Staat Isra­el seit des­sen Grün­dung abso­lut betrach­tet sogar leicht gestie­gen ist und heu­te bei rund 180.000 bis 184.000 Per­so­nen liegt, ist ihr Anteil an der Gesamt­be­völ­ke­rung mas­siv auf ledig­lich kaum mehr als zwei Pro­zent ein­ge­bro­chen. Die gro­ße Mehr­heit sind ara­bi­sche Christen.

Beson­ders dra­ma­tisch ist der Nie­der­gang der christ­li­chen Prä­senz in Jeru­sa­lem. Noch in den 1920er Jah­ren mach­ten Chri­sten etwa ein Vier­tel der Bevöl­ke­rung der Stadt aus. In Ost­je­ru­sa­lem mit der berühm­ten Alt­stadt lag ihr Anteil zeit­wei­se sogar bei rund fünf­zig Pro­zent. Heu­te sind es weni­ger als zwei Pro­zent. Die Stadt, in der sich zen­tra­le Hei­lig­tü­mer der Chri­sten­heit befin­den, ver­liert damit zuneh­mend ihre ein­hei­mi­schen christ­li­chen Bewohner.

Ähn­lich ver­hält es sich in Beth­le­hem, dem Geburts­ort Jesu Chri­sti. Dort stell­ten Chri­sten bis weit ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Bevöl­ke­rung. Schät­zun­gen spre­chen von 80 bis 86 Pro­zent. Noch in der Zwi­schen­kriegs­zeit gab es in der Stadt nur Kirch­tür­me, aber kei­ne Mina­ret­te. In den 1980er Jah­ren wur­den die Chri­sten in der Geburts­stadt Jesu und ihrer Umge­bung zur Min­der­heit. In den palä­sti­nen­si­schen Gebie­ten sind Chri­sten inzwi­schen auf rund ein Pro­zent der Gesamt­be­völ­ke­rung geschrumpft.

Kirch­li­che Beob­ach­ter sehen meh­re­re Ursa­chen für die­se Ent­wick­lung. Neben der poli­ti­schen Unsi­cher­heit und den wie­der­keh­ren­den Gewalt­aus­brü­chen spie­len wirt­schaft­li­che Fak­to­ren eine ent­schei­den­de Rol­le. Vie­le christ­li­che Fami­li­en leben direkt oder indi­rekt vom Pil­ger­tou­ris­mus. Seit der Coro­na-Pan­de­mie, dem Gaza-Krieg und den regio­na­len Span­nun­gen ist die­ser Wirt­schafts­zweig fast zum Erlie­gen gekom­men. Arbeits­plät­ze feh­len, Wohn­raum ist knapp und die Per­spek­ti­ven für jun­ge Fami­li­en sind schlecht. 

Der Jeru­sa­le­mer Bene­dik­ti­ner­abt Niko­de­mus Schna­bel warn­te des­halb kürz­lich vor der Gefahr eines „christ­li­chen Dis­ney­land“. Die hei­li­gen Stät­ten könn­ten zwar bestehen blei­ben, doch die ein­hei­mi­schen Chri­sten, die seit den Tagen der Apo­stel dort leben, droh­ten zu ver­schwin­den. Eine Kir­che ohne christ­li­che Fami­li­en, ohne leben­di­ge Gemein­den und ohne loka­le Gläu­bi­ge wäre nur noch eine musea­le Kulis­se. „Es gibt kei­ne Weih­nacht ohne Beth­le­hem, kei­ne Ver­kün­di­gung ohne Naza­reth und kein Ostern ohne Jeru­sa­lem“, mahn­te der Abt.

Die Lage der Chri­sten im Hei­li­gen Land ist damit weit mehr als eine regio­na­le Min­der­hei­ten­fra­ge. Sie berührt die Zukunft jener Gemein­schaf­ten, die ihre Wur­zeln unmit­tel­bar in die Anfän­ge des Chri­sten­tums zurück­füh­ren. Wäh­rend Poli­tik und Medi­en viel­fach ande­re Aspek­te des Nah­ost­kon­flikts in den Mit­tel­punkt stel­len, voll­zieht sich nahe­zu unbe­merkt ein histo­ri­scher Ader­laß. Soll­te die gegen­wär­ti­ge Ent­wick­lung anhal­ten, könn­te das Land der Bibel zwar wei­ter­hin sei­ne Hei­lig­tü­mer besit­zen, aber immer weni­ger Chri­sten, die dort ihren Glau­ben leben.

Bis zum Ersten Welt­krieg genos­sen die Chri­sten des Hei­li­gen Lan­des über ein hal­bes Jahr­hun­dert hin­weg die Auf­merk­sam­keit und Unter­stüt­zung meh­re­rer christ­li­cher Mäch­te Euro­pas. Heu­te hin­ge­gen scheint das Inter­es­se west­li­cher Regie­run­gen exklu­siv dem Staat Isra­el zu gel­ten, wäh­rend die christ­li­chen Gemein­schaf­ten des Lan­des zwi­schen jüdi­schen und isla­mi­schen Inter­es­sen zuneh­mend auf­ge­rie­ben werden.

Der Staat Isra­el defi­niert sich selbst als „jüdi­scher Staat“, wes­halb Chri­sten die Staats­bür­ger­schaft nicht erwer­ben kön­nen. Auch ist es für Chri­sten fak­tisch unmög­lich Land zu kau­fen oder zu pach­ten. Rund 93 Pro­zent des gesam­ten Bodens wird von der Isra­el Land Aut­ho­ri­ty ver­wal­tet. Fast 70 Pro­zent ist direk­tes Staats­ei­gen­tum. Rund 13 Pro­zent gehö­ren dem Jewish Natio­nal Fund, einer Unter­or­ga­ni­sa­ti­on des Zio­ni­sti­schen Welt­kon­gres­ses, wei­te­re 10 Pro­zent sind indi­rek­tes Staats­ei­gen­tum. Nur sie­ben Pro­zent des Lan­des befin­det sich in Pri­vat­be­sitz, davon fast die Hälf­te in jüdi­schem Pri­vat­be­sitz. und nicht ein­mal vier Pro­zent in ara­bi­schem Pri­vat­be­sitz bzw. im Besitz nicht­jü­di­scher Kör­per­schaf­ten, vor allem christ­li­cher Kir­chen. Vor der Errich­tung der bri­ti­schen Herr­schaft (1918) befan­den sich nicht ein­mal zwei Pro­zent der Flä­che in jüdi­scher Hand, vor Errich­tung des Staa­tes Isra­el (1948) kaum mehr als sechs Prozent.

Die Isra­el Land Aut­ho­ri­ty hat den sat­zungs­mä­ßi­gen Auf­trag, alles Land „für das jüdi­sche Volk“ zu erwer­ben und zu erhal­ten, wes­halb sie weder Land an Nicht-Juden ver­kauft noch ver­pach­tet, auch wenn die israe­li­sche Rechts­ord­nung for­mell jede Dis­kri­mi­nie­rung bei der Ver­ga­be staat­li­chen Lan­des aus­schließt. Selbst die Bear­bei­tung des Bodens soll nicht durch Nicht-Juden erfol­gen, denn dann sei es nicht mehr „jüdi­sches Land“, so die The­se eini­ger jüdi­scher Grup­pen. In allen genann­ten Fäl­len bestä­ti­gen Aus­nah­men die Regel. So kön­nen nicht­jü­di­sche Ehe­part­ner nach meh­re­ren Jah­ren des Auf­ent­halts in Isra­el ein­ge­bür­gert wer­den. Es gab auch schon Bei­spie­le ver­ein­zel­ter Ein­bür­ge­run­gen von christ­li­chen Kle­ri­kern nicht-ara­bi­scher Herkunft.

Unter­des­sen strei­ten die zio­ni­sti­schen Par­tei­en, wie groß „Groß-Isra­el“ sein soll. Einig sind sie sich jedoch dar­in, daß der Staat Isra­el nicht auf das Gebiet beschränkt sein soll, das ihm der UN-Tei­lungs­plan von 1947 (Reso­lu­ti­on 181) ursprüng­lich zuge­wie­sen hat­te. Wäh­rend die Ver­ein­ten Natio­nen dem jüdi­schen Staat etwa 55 Pro­zent des Man­dats­ge­biets west­lich des Jor­dan zuspra­chen, umfaßt das israe­li­sche Staats­ge­biet durch Erobe­rung und Anne­xi­on heu­te rund 78 bis 80 Pro­zent die­ses Raumes.

Dar­über hin­aus übt Isra­el in den ver­blei­ben­den 20 Pro­zent (West­jor­dan­land und Gaza) in unter­schied­li­chem Umfang mili­tä­ri­sche und sicher­heits­po­li­ti­sche Kon­trol­le aus. 

Die Golan­hö­hen, die nicht Teil des UN-Tei­lungs­ge­biets waren, son­dern ursprüng­lich zu Syri­en gehör­ten, wur­den von Isra­el eben­falls besetzt und annek­tiert, was inter­na­tio­nal über­wie­gend nicht aner­kannt wird.

Aktu­ell trei­ben die israe­li­schen Trup­pen eine eth­ni­sche Säu­be­rung im Süd­li­ba­non vor­an. Es ist noch unklar, ob die Regie­rung in Jeru­sa­lem eine ent­völ­ker­te Puf­fer­zo­ne schaf­fen oder auch Tei­le des Süd­li­ba­nons annek­tie­ren will.

Die Beru­fung des Westens auf Völ­ker­recht und Men­schen­rech­te erscheint nicht sel­ten situa­ti­ons­ab­hän­gig. Mili­tär­ope­ra­tio­nen, Ver­trei­bun­gen, Anne­xio­nen und ande­re For­men der Gewalt wer­den je nach poli­ti­scher Inter­es­sen­la­ge ver­ur­teilt, tole­riert oder unterstützt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons




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