Die New York Times, Flaggschiff des liberalen Establishments, berichtete am 5. September über eine stille, aber tiefgreifende Veränderung in Europa: Tausende Kirchen verlieren ihre ursprüngliche Funktion. Allein in Deutschland könnten in den kommenden zehn Jahren mehr als 20.000 Kirchen aufgegeben werden. Nun stellt sich die Frage, was mit den Gebäuden geschehen soll.
Ich würde die Passage nur behutsam eingreifen lassen, aber die Pointe am Schluß etwas schärfer herausarbeiten: Stilistisch geglättete Fassung
Nachfolgend werden die Ausführungen der US-amerikanischen Zeitung wiedergegeben. Zuvor sei jedoch eine Anregung erlaubt:
Die Bischöfe sollten jedem traditionsverbundenen Priester eine Kirche zur Verfügung stellen, damit er dort einen Meßort gründen oder einen bestehenden festigen kann.
Tatsache ist, daß im deutschen Sprachraum die größte Ecclesia-Dei-Gemeinschaft, die Priesterbruderschaft St. Petrus, über keine einzige eigene Kirche verfügt. Überall ist sie lediglich geduldeter Gast in einer Pfarr‑, Rektorats- oder Ordenskirche.
Während man in den amtskirchlichen Gremien darüber nachdenkt, was in den kommenden Jahren mit Tausenden von Kirchen geschehen soll, die mangels Gläubiger nicht mehr benötigt werden, behandelt man die Priester der Tradition – seien es Priester der Ecclesia-Dei-Gemeinschaften oder Diözesan- und Ordenspriester, von der Piusbruderschaft ganz zu schweigen – wie Aussätzige und verweigert ihnen jene Kirchen, die andernorts schon als überflüssig gelten.
Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Hier sucht man verzweifelt nach einer neuen Verwendung für Kirchen – dort verweigert man Priestern, die sie tatsächlich für den Gottesdienst nutzen wollen, den Zugang zu ihnen.
10.000 Kirchen bald überflüssig?
Die Entwicklung ist in Europa längst nicht mehr zu übersehen: Kirchen, die über Jahrhunderte zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens gehörten, stehen zunehmend leer. Mit dem Rückgang des christlichen Glaubens und der regelmäßigen Gottesdienstteilnahme verlieren immer mehr Gotteshäuser ihre ursprüngliche Funktion. Die US-amerikanische New York Times hat sich dieser Entwicklung in einem am 5. September 2026 veröffentlichten Beitrag der Journalistin Nina Siegal angenommen. Der Bericht trägt den Titel „What to Do With Europe’s ‘Zombie Churches’? These Artists Have Some Ideas.“
Besonders dramatisch ist die Lage nach Einschätzung der niederländischen Kunsthistorikerin und Kuratorin Hedwig Fijen in der Bundesrepublik Deutschland. Sie leitet die europäische Kunstbiennale Manifesta und geht davon aus, daß hier in den kommenden fünf bis zehn Jahren von den protestantischen Landeskirchen und der katholischen Kirche mehr als 20.000 Kirchen aufgegeben werden könnten. Zugleich, so berichtet die New York Times, sei mit weiteren Tausenden leerstehenden oder nicht mehr genutzten Kirchen in anderen Teilen Westeuropas zu rechnen. Es handelt sich dabei nicht um eine offizielle staatliche Prognose, sondern um eine Einschätzung Fijens angesichts der gegenwärtigen Entwicklung.
Kirchen vor ihrem letzten Gottesdienst
Wie tiefgreifend dieser Wandel ist, zeigt die New York Times am Beispiel der St.-Marien-Kirche im nordrhein-westfälischen Essen. Der markante Backsteinbau aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ist gegenwärtig noch Schauplatz von Kunstveranstaltungen im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr. Zehntausende Besucher haben dort seit Juni Ausstellungen, Installationen und Performances gesehen. Doch wenn die Biennale im Oktober endet, soll die Kirche abgerissen werden.
Damit steht St. Marien beispielhaft für eine Entwicklung, die weit über ein einzelnes Gebäude hinausgeht: Ein Bauwerk, das einst für eine lebendige christliche Gemeinde errichtet wurde, kann seine ursprüngliche Aufgabe nicht mehr erfüllen und muß sich nun entweder einer neuen Nutzung öffnen oder verschwindet.
Vom Mittelpunkt des Ortes zum ungenutzten Gebäude
Die Ursache liegt nach Darstellung der New York Times vor allem in der langfristigen Säkularisierung Europas. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger in vielen Ländern kontinuierlich zurückgegangen. Hinzu kommen veränderte gesellschaftliche Vorstellungen, Skandale, die Gläubige entfremdet haben, sowie demographische Veränderungen.
Eine von der Zeitung angeführte Untersuchung des Pew Research Center zeigt, daß sich im Jahre 2020 noch ungefähr zwei Drittel der Europäer als Christen bezeichneten. Gegenüber zehn Jahren zuvor bedeutete dies einen Rückgang um etwa neun Prozentpunkte. Zugleich bezeichneten sich viele Menschen, die christlich erzogen worden waren, inzwischen als konfessionslos beziehungsweise religiös ungebunden.
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel in der Bundesrepublik Deutschland. Nach Angaben der Manifesta, auf die sich der Bericht stützt, besuchten 1950 noch mehr als 90 Prozent der Westdeutschen die Kirche; heute seien es nur noch etwa 50 Prozent. Viele der nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Kirchen waren Teil einer ganz bestimmten Vorstellung vom Zusammenleben: Kirche, Kindergarten, Schule und Altersheim bildeten vielfach das Zentrum eines überschaubaren Wohnviertels. Mit dem gesellschaftlichen Wandel ist dieses Modell weitgehend verschwunden.
Wenn niemand mehr weiß, was mit einer Kirche geschehen soll
Das Problem besteht allerdings nicht nur darin, daß die Kirchen leer werden. Es fehlt vielfach auch an einem übergeordneten Konzept für den weiteren Umgang mit ihnen.
Die New York Times berichtet, daß es in der BRD keinen zentralen Plan dafür gebe, was mit den aufgegebenen Gebäuden geschehen soll. Deshalb suchen inzwischen Künstler, Denkmalschützer, Stadtplaner und säkulare Kulturorganisationen nach Möglichkeiten, die Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen.
Dabei geht es nicht nur um den Erhalt historischer Fassaden. Die Befürworter einer Umnutzung argumentieren vielmehr, daß Kirchen wegen ihrer Größe, ihrer besonderen Architektur und ihrer zentralen Lage weiterhin einen gesellschaftlichen Wert besitzen. Sie könnten Orte bleiben, an denen Menschen zusammenkommen – auch wenn dort nicht mehr gebetet wird.
In den Vorschlägen findet sich deshalb eine erstaunliche Bandbreite: Aus Kirchen können Gesundheitszentren, Buchhandlungen, Ausstellungsräume, kulturelle Einrichtungen oder andere gemeinschaftliche Räume werden. Im Rahmen der Manifesta im Ruhrgebiet wurden ehemalige Kirchen unter anderem für Kunst- und Musikinstallationen, einen Teegarten, einen künstlichen Strand und sogar einen Basketballplatz genutzt. Entscheidend sei dabei, so die von der New York Times befragten Beteiligten, daß die neuen Nutzungen möglichst gemeinsam mit der örtlichen Bevölkerung entwickelt werden.
„Zombie-Kirchen“ und die Suche nach neuem Leben
Für die noch geöffneten, aber kaum besuchten Kirchen hat sich inzwischen der Begriff „Zombie-Kirchen“ eingebürgert. Der schwedische Denkmalforscher Henrik Lindblad verwendet ihn für Gotteshäuser, die zwar noch bestehen und teilweise sogar unterhalten werden, deren Gemeinden jedoch weitgehend verschwunden sind.
Gerade darin liegt eine der grundlegenden Fragen: Muß ein Kirchengebäude verschwinden, wenn es nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck dient? Oder kann es eine neue Form von öffentlichem und gemeinschaftlichem Leben aufnehmen?
Die 2011 gegründete Organisation Future for Religious Heritage (mit der EU als Co-Gründer und Sitz in Brüssel) sieht in dieser Entwicklung eine gesamteuropäische Aufgabe. Kirchen waren nicht lediglich Orte des Gottesdienstes. Sie waren vielfach auch Orte gegenseitiger Hilfe, der Begegnung, der Unterstützung älterer Menschen sowie der Hilfe für Arme und Einwanderer. Ihr Verlust könne deshalb auch Auswirkungen auf das soziale Gefüge einer Gemeinde haben.
Die Niederlande als Vorbild – oder als Warnung
Wie eine solche Entwicklung aussehen kann, zeigt nach Darstellung der New York Times besonders deutlich die Niederlande. Dort setzte die große Säkularisierungswelle bereits in den 1960er und 1970er Jahren ein. Von ungefähr 7.000 Kirchen des Landes seien inzwischen rund 1.700 geschlossen oder verkauft worden.
Einige ehemalige Gotteshäuser in Amsterdam wurden zu Nachtklubs, Brauereien oder Ausstellungshallen. Eine Kirche im Süden des Landes wurde nach dem Einsatz der örtlichen Bevölkerung für ihren Erhalt in ein Gesundheitszentrum umgewandelt. Eine jahrhundertealte Dominikanerkirche in Maastricht dient seit 2006 als Buchhandlung.
Auch die auf den ersten Blick ungewöhnliche Nutzung einer Kirche als Sportstätte ist längst Realität: In Arnhem befinden sich Padelplätze im Inneren der ehemaligen St.-Josef-Kirche. Solche Beispiele zeigen, wie weit die Umwandlung sakraler Räume gehen kann, wenn die ursprüngliche Nutzung nicht mehr aufrechterhalten werden kann.
Ein gesamteuropäisches Problem
Die Entwicklung ist keineswegs auf die BRD und die Niederlande beschränkt. Die New York Times verweist auch auf Skandinavien sowie auf Länder wie Italien, Portugal und Spanien. Selbst in traditionell stärker katholisch geprägten Ländern ist die Bindung an die Kirche schwächer geworden.
In Skandinavien werden viele Kirchengebäude weiterhin öffentlich finanziert und unterhalten, obwohl manche nur noch von wenigen Gläubigen genutzt werden. In Portugal wiederum wurden bereits im 19. Jahrhundert zahlreiche Klöster und Konvente nach der Auflösung religiöser Orden aufgegeben, verkauft oder in Krankenhäuser, Schulen und Wohnungen umgewandelt. Auch heute wird dort nach neuen Möglichkeiten für eine öffentliche Nutzung historischer religiöser Gebäude gesucht.
Damit zeichnet sich ein gesamteuropäisches Problem ab: Was geschieht mit einem gewaltigen Bestand an Gebäuden, die zwar ihre ursprüngliche religiöse Funktion verlieren, zugleich aber einen erheblichen architektonischen, historischen und gesellschaftlichen Wert besitzen?
Vom sakralen Raum zum Gemeinschaftsort?
Für Hedwig Fijen liegt gerade in dieser Krise auch eine Möglichkeit. Die Kirchen könnten, so die im New York Times-Bericht wiedergegebene Überlegung, zu Orten neuer Gemeinschaft werden.
Das klingt zunächst paradox. Ausgerechnet die Gebäude, deren Gemeinden verschwinden, könnten wieder Orte der Begegnung werden – diesmal allerdings nicht unbedingt im religiösen Sinn. In einer Gesellschaft, in der insbesondere jüngere Menschen zunehmend unter Einsamkeit und sozialer Vereinsamung leiden, könnten solche Räume eine neue Funktion erhalten.
Damit verschiebt sich allerdings auch die Bedeutung der Gebäude. Aus dem Gotteshaus wird ein Kulturzentrum, aus dem Kirchenraum ein Veranstaltungsort, aus dem sakralen Raum ein öffentlicher Gemeinschaftsraum.
Die Frage, die Europa angesichts der schwindenden kirchlichen Bindung beantworten muß, lautet deshalb nicht mehr nur: Wie können wir die Kirchen erhalten? Sie lautet zunehmend: Was wollen wir von diesen Kirchen erhalten – die Gebäude, ihre Geschichte, ihre kulturelle Bedeutung oder auch ihren ursprünglichen geistlichen Charakter?
Der Bericht der New York Times zeigt, daß diese Frage bereits nicht mehr theoretisch ist. In der Bundesrepublik Deutschland, den Niederlanden und anderen europäischen Ländern hat die Umwandlung längst begonnen. Zehntausende Kirchen könnten in den kommenden Jahren vor der Entscheidung stehen: neue Nutzung, Verkauf, Aufgabe oder Abriß.
Die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union (Comece) wird am 22. und 23. September in Brüssel ein internationales Symposium veranstalten, um über „die Neubewertung und künftige Nutzung des religiösen Erbes“ zu beraten.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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