Die Mosaiken von Sankt Andreas in Betiga

Reisenotizen

Mosaike in der Memorialkapelle von Betiga in Istrien
Mosaike in der Memorialkapelle von Betiga in Istrien


Im Kom­plex von St. Andre­as bei Beti­ga im kroa­ti­schen Istri­en sind früh­christ­li­che Mosai­ken aus dem 5. Jahr­hun­dert n. Chr. wie­der sicht­bar gewor­den. Obwohl schon in den 1970er Jah­ren ent­deckt, waren sie zu ihrem Schutz fast ein hal­bes Jahr­hun­dert lang der Öffent­lich­keit weit­ge­hend ver­bor­gen geblie­ben. Unter den Inschrif­ten befin­det sich auch jene von Feli­cia­nus und Inge­nua. Das Ehe­paar bezeich­net sich dar­in als pec­ca­to­res nimis, also als „gro­ße Sün­der“, und erklärt, das betref­fen­de Werk zu Ehren der Hei­li­gen finan­ziert bzw. aus­füh­ren las­sen zu haben.

Über das per­sön­li­che Leben von Feli­cia­nus und Inge­nua wis­sen wir prak­tisch nichts. Ihre Namen sind aus­schließ­lich durch die Inschrift über­lie­fert. Den­noch geben sie einen bemer­kens­wer­ten Ein­blick in die Ent­ste­hung einer frü­hen christ­li­chen Kult­stät­te im länd­li­chen Istri­en. Die erhal­te­ne Inschrift wur­de sinn­ge­mäß rekon­stru­iert als:

In hono­re bea­torum sanc­torum Feli­cia­nus et Inge­nua pec­ca­to­res nimis fecerunt.

„Zu Ehren der seli­gen Hei­li­gen haben Feli­cia­nus und Inge­nua, die über­aus gro­ßen Sün­der, die­ses Werk aus­füh­ren lassen.“

Die Selbst­be­zeich­nung als pec­ca­to­res nimis ist bemer­kens­wert. Sie ent­spricht der im frü­hen Chri­sten­tum ver­brei­te­ten Vor­stel­lung christ­li­cher Demut und Selbst­er­nied­ri­gung vor Gott wegen eines aus­ge­präg­ten Sün­den­be­wußt­seins. Die Archäo­lo­gen und Kunst­hi­sto­ri­ker sind dank­bar für das Para­do­xe ihrer Stif­tung: Feli­cia­nus und Inge­nua woll­ten sich als unwür­di­ge Men­schen bezeich­nen und bewahr­ten durch ihre Stif­tung ihre Namen rund 1600 Jah­re lang.

Eine „Wiederentdeckung“ nach fast fünfzig Jahren

Das Mosa­ik wur­de im Rah­men einer neu­en archäo­lo­gi­schen Unter­su­chung des Archäo­lo­gi­schen Muse­ums Istri­ens in Pula (Pola) erneut sicht­bar. Die eigent­li­che Frei­le­gung hat­te bereits zwi­schen 1975 und 1979 statt­ge­fun­den; anschlie­ßend wur­den die Mosa­ik­flä­chen wie­der zugedeckt.

Der Aus­gra­bungs­kom­plex von Sankt Andre­as in Beti­ga (Istri­en) mit der ursprüng­li­chen Memo­ri­al­ka­pel­le, der drei­schif­fi­gen Basi­li­ka und angren­zen­den Klostergebäuden

Die heu­ti­gen Unter­su­chun­gen kön­nen den Befund mit wesent­lich prä­zi­se­ren Metho­den ergän­zen. Laser­scan­ning, Pho­to­gram­me­trie und drei­di­men­sio­na­le digi­ta­le Model­lie­rung ermög­li­chen eine Doku­men­ta­ti­on und Ana­ly­se, die bei den Gra­bun­gen der 1970er Jah­re in die­ser Form noch nicht zur Ver­fü­gung stan­den. Die gegen­wär­ti­ge Kam­pa­gne ist daher eine archäo­lo­gi­sche Wie­der­ent­deckung und Neu­be­wer­tung des bereits aus­ge­gra­be­nen Befundes.

Das Archäo­lo­gi­sche Muse­um Istri­ens führt den Kom­plex von St. Andre­as heu­te als einen der bedeu­tend­sten früh­christ­li­chen Sakral­bau­ten Istriens.

Die älteste Kapelle: eine cella trichora

Der älte­ste Kern des Kom­ple­xes ist eine eine früh­christ­li­che, drei­kon­chi­ge Memo­ri­al­ka­pel­le (Tri­kon­chos), latei­nisch cel­la tricho­ra, die zu Beginn des 5. Jahr­hun­derts errich­tet wurde.

Sol­che drei­kon­chi­gen Bau­ten gehö­ren zum archi­tek­to­ni­schen Reper­toire der spät­an­ti­ken christ­li­chen Welt. In Beti­ga war die Kapel­le offen­bar ursprüng­lich dem Toten­ge­den­ken und der Bestat­tung gewid­met. Ein heu­te zer­stör­ter Altartom­bus bzw. ein Grab im Bereich des Altars weist dar­auf hin, daß hier das Gedächt­nis an einen Hei­li­gen im Mit­tel­punkt stand. Die Iden­ti­tät die­ser Per­son ist jedoch unbekannt.

Beson­ders inter­es­sant ist die Fra­ge nach dem ursprüng­li­chen Patro­zi­ni­um. Die Inschrift von Feli­cia­nus und Inge­nua spricht ledig­lich all­ge­mein von den „Hei­li­gen“; den Apo­stel Andre­as nennt sie nicht. Es ist daher mög­lich, daß die Anla­ge ursprüng­lich einem ande­ren Hei­li­gen oder einer Hei­li­gen­grup­pe, etwa allen Mär­ty­rern, geweiht war. Die Bezeich­nung als St.-Andreas-Kirche ist erst spä­ter belegt. Eine stei­ner­ne vor­ro­ma­ni­sche Inschrift aus dem 9. Jahr­hun­dert lie­fert dafür den ent­schei­den­den Hinweis.

Vom kleinen Memorialbau zur Basilika

Noch im 5. Jahr­hun­dert wur­de die ursprüng­li­che Kapel­le in eine wesent­lich grö­ße­re drei­schif­fi­ge Basi­li­ka inte­griert. Die klei­ne cel­la tricho­ra wur­de dabei zum Altarbereich.

Damit ver­än­der­te sich auch die Bedeu­tung des Ortes. Aus einer Gedächt­nis­ka­pel­le ent­stand schritt­wei­se ein grö­ße­rer christ­li­cher Sakral­kom­plex für eine grö­ße­re Gemeinschaft.

Die älte­sten Mosai­ken der Kapel­le sind ver­gleichs­wei­se zurück­hal­tend gestal­tet. Schwarz-wei­ße Orna­men­te, geo­me­tri­sche Muster, Kreu­ze und sti­li­sier­te Pflan­zen­mo­ti­ve bil­den ihren deko­ra­ti­ven Rahmen.

Mit dem Bau bzw. der Erwei­te­rung der Basi­li­ka wur­de die Aus­stat­tung auf­wen­di­ger. Nun erschei­nen mehr­far­bi­ge Mosai­ke mit Efeuran­ken, Lotus­blü­ten und Kom­po­si­tio­nen, die als Lebens­bäu­me gedeu­tet wer­den. In ihnen ver­bin­den sich spät­an­ti­ke Orna­men­tik und christ­li­che Sym­bo­lik. Die­se Ver­bin­dung ist cha­rak­te­ri­stisch für die Kunst der Spät­an­ti­ke. Christ­li­che Gemein­den stell­ten vor­han­de­ne geo­me­tri­sche, pflanz­li­che und sym­bo­li­sche Moti­ve in einen neu­en reli­giö­sen Zusammenhang.

Die Stifter der Mosaiken

Feli­cia­nus und Inge­nua waren nicht die ein­zi­gen Per­so­nen, deren Namen auf die­se Wei­se erhal­ten blieben.

Wei­te­re Mosa­ik­in­schrif­ten nen­nen Men­schen, die sich finan­zi­ell an der Aus­stat­tung der Basi­li­ka betei­lig­ten. Ein Prie­ster namens Dal­ma­ti­us soll etwa 300 römi­sche Qua­drat­fuß Mosa­ik­bo­den finan­ziert haben, rund 26 m². Aqui­li­nus und Ura­nia stif­te­ten gemein­sam mit ihrer Fami­lie wei­te­re rund 300 Qua­drat­fuß, wäh­rend Flo­ren­ti­us und sei­ne Ange­hö­ri­gen etwa 200 Qua­drat­fuß übernahmen.

Die­se Anga­ben sind kul­tur­hi­sto­risch wert­voll. Die Inschrif­ten zei­gen nicht nur, was gebaut wur­de, son­dern auch, wie eine christ­li­che Gemein­de der Spät­an­ti­ke ihre Sakral­bau­ten finanzierte.

Die Stif­ter­in­schrif­ten las­sen sich daher als eine Form des spät­an­ti­ken sozia­len Gedächt­nis­ses ver­ste­hen. Fröm­mig­keit, fami­liä­res Anse­hen, Wohl­tä­tig­keit und gesell­schaft­li­cher Sta­tus über­schnit­ten sich. Eine Stif­tung konn­te reli­giö­se Ver­dien­ste ver­spre­chen und zugleich das Andenken der eige­nen Fami­lie sichern.

Vom Heiligtum zum Kloster

Der Kom­plex wuchs über meh­re­re Jahr­hun­der­te hin­weg. Auf die Memo­ri­al­ka­pel­le und die Basi­li­ka folg­ten wei­te­re Ein­rich­tun­gen: ein Klo­ster, ein Bap­ti­ste­ri­um, eine Grab­ka­pel­le, ein Por­ti­kus bzw. Atri­um sowie Was­ser­ver­sor­gungs­an­la­gen und eine Zisterne.

Nach den archäo­lo­gi­schen Befun­den ent­stand das Klo­ster west­lich der Kir­che in der zwei­ten Hälf­te des 5. Jahr­hun­derts. Die Klo­ster­räu­me grup­pier­ten sich um einen Bereich mit Was­ser­spei­cher. Spä­ter kamen wei­te­re Ein­rich­tun­gen hin­zu. Im 7. Jahr­hun­dert ent­stand ein Bap­ti­ste­ri­um, im 8. Jahr­hun­dert eine Grab­ka­pel­le. Der Ort war damit nicht mehr ledig­lich eine Kir­che, son­dern ent­wickel­te sich zu einem reli­giö­sen Zen­trum einer länd­li­chen christ­li­chen Gemeinschaft.

Die spä­te­re Aus­stat­tung zeigt wie­der­um einen Wan­del der künst­le­ri­schen For­men. Im frü­hen Mit­tel­al­ter bzw. in vor­ro­ma­ni­scher Zeit wur­den Tei­le der lit­ur­gi­schen Stein­aus­stat­tung erneu­ert. Erhal­ten sind Frag­men­te von Chor­schran­ken, Pila­stern und Bögen eines Zibo­ri­ums mit cha­rak­te­ri­sti­scher Flecht­band­or­na­men­tik. Man­che Dar­stel­lun­gen set­zen die­se Neu­aus­stat­tung ins 9. Jahrhundert.

Ein nicht mehr näher iden­ti­fi­zier­ba­re monasti­sche Gemein­schaft leb­te bereits in der zwei­ten Hälf­te des 5. Jahr­hun­derts in Beti­ga. Spä­ter schloß sich die­se dem Bene­dik­ti­ner­or­den an. Das Klo­ster wur­de im 13. Jahr­hun­dert auf­ge­ge­ben. Die Grün­de dafür sind nicht geklärt. Eine ört­li­che Über­lie­fe­rung nennt die Pest. Danach ver­fiel der Kom­plex allmählich.

Betiga vor und während der Römerzeit

Um die Bedeu­tung von St. Andre­as zu ver­ste­hen, muß man wei­ter zurückgehen.

Beti­ga liegt an der West­kü­ste Istri­ens, unge­fähr 20 Kilo­me­ter nord­west­lich von Pula, einst Öster­reichs wich­tig­ster Hafen für die Kriegs­ma­ri­ne, und rund einen Kilo­me­ter nord­öst­lich des heu­ti­gen Feri­en­or­tes Bar­ba­ri­ga. In der wei­te­ren Umge­bung befin­den sich unter ande­rem noch nicht voll­stän­dig erforsch­te prä­hi­sto­ri­sche Wall- und Hügelanlagen.

Im Jahr 177 v. Chri­stus kam die Gegend von Beti­ga unter römi­sche Herr­schaft und wur­de nun inten­siv genutzt. Zwi­schen dem 1. und 5. Jahr­hun­dert n. Chr. ent­stan­den hier meh­re­re römi­sche Land­vil­len (villae rusti­cae bzw. Land­gü­ter). Das Gebiet war Teil einer dicht genutz­ten Kulturlandschaft.

Die Nähe zur anti­ken Hafen­stadt Pie­tas Iulia (heu­te Pula, ita­lie­nisch Pola) war dabei von gro­ßer Bedeu­tung. Die­se Hafen­stadt ent­wickel­te sich zu einem wich­ti­gen römi­schen Zen­trum und Hafen. Infra­struk­tur, Land­wirt­schaft und See­ver­bin­dun­gen mach­ten die west­li­che und süd­li­che Küsten­re­gi­on Istri­ens zu einer wohl­ha­ben­den Landschaft.

Beti­ga bei Peroj an der Süd­west­kü­ste Istri­ens zwi­schen Pula (Pola) und Rovinj (Rovi­g­no)

Zu den wich­ti­gen land­wirt­schaft­li­chen Erzeug­nis­sen gehör­ten ins­be­son­de­re Wein, Getrei­de und Oli­ven­öl. Römi­sche Vil­len waren daher nicht bloß luxu­riö­se Land­sit­ze, son­dern zugleich wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­zen­tren. Die römi­sche Herr­schaft ver­wan­del­te Istri­en in eine eng in das medi­ter­ra­ne Wirt­schafts- und Ver­kehrs­netz ein­ge­bun­de­ne Landschaft.

Von den Histri zu den Kroaten

Die Geschich­te der Bevöl­ke­rung Istri­ens ist aller­dings wesent­lich kom­ple­xer, als es moder­ne Begrif­fe wie „Kroa­ten“ und „Ita­lie­ner“ ver­mu­ten lassen.

Vor der römi­schen Erobe­rung leb­ten hier ver­schie­de­ne Bevöl­ke­rungs­grup­pen, ins­be­son­de­re die Histri, von denen sich der Name Istri­en ablei­tet. Die anti­ke Bevöl­ke­rung läßt sich kul­tu­rell nicht mit einer der heu­ti­gen Natio­nen gleichsetzen.

Die Römer unter­war­fen die Histri nach mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Ab 177 v. Chr. setz­te ein Pro­zeß poli­ti­scher, wirt­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Roma­ni­sie­rung ein.

In die End­pha­se des West­rö­mi­schen Rei­ches fällt die Ent­ste­hung der St.-Andreas-Kirche, sowohl der ursprüng­li­chen Memo­ri­al­ka­pel­le als auch der Basilika.

Als das West­rö­mi­sche Reich im Jah­re 476 unter­ging, blie­ben gesell­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che Struk­tu­ren in vie­ler Hin­sicht bestehen.

Auf die poli­ti­sche Herr­schaft Roms folg­ten die Ost­go­ten, danach das Byzan­ti­ni­sche Reich. Istri­en gehör­te von 539 bis 751 zum byzan­ti­ni­schen Herr­schafts­be­reich und wur­de vom Exar­chat Raven­na aus ver­wal­tet. Die Gesell­schaft war wei­ter­hin von der roma­ni­sier­ten Pro­vin­zi­al­be­völ­ke­rung geprägt. Auf die vor und nach Byzanz bestehen­de Ger­ma­nen­herr­schaft ver­wei­sen die ost­go­ti­schen Grä­ber bei Pula und das Lan­go­bar­den­grab bei Brešac nahe Buzet.

Die Ent­ste­hung der Basi­li­ka von Beti­ga im 5. Jahr­hun­dert zeigt, daß das Chri­sten­tum in die­ser länd­li­chen Land­schaft bereits fest ver­an­kert war. Die Chri­stia­ni­sie­rung bedeu­te­te die Umfor­mung der römi­schen zu einer christ­lich-spät­an­ti­ken Kultur.

Die Men­schen, die die Mosai­ke von Beti­ga stif­te­ten, leb­ten in einer Welt, die sprach­lich, recht­lich und kul­tu­rell noch stark vom Römi­schen Reich geprägt war, auch wenn sich die poli­ti­sche Ord­nung bereits veränderte.

Die Ankunft der Slawen

Eine wei­te­re ent­schei­den­de Ver­än­de­rung begann um 600 nach Christus.

Awa­risch-sla­wi­sche Ver­bän­de dran­gen in die­ser Zeit nach Istri­en vor. Der Cha­rak­ter die­ser Pro­zes­se war regio­nal unter­schied­lich. Es gab mili­tä­ri­sche Ein­fäl­le und Wan­de­rungs­be­we­gun­gen. Um 600 berich­tet erst­mals ein Papst, Gre­gor der Gro­ße, von Sla­wen, die über Istri­en in Rich­tung Ita­li­en vordrangen.

Die archäo­lo­gi­sche und histo­ri­sche For­schung spricht von einem lang­wie­ri­gen demo­gra­phi­schen und kul­tu­rel­len Ver­än­de­rungs­pro­zeß, der folg­te. Ab etwa 650 begann die sla­wi­sche Besie­de­lung vor allem im Lan­des­in­ne­ren und im nörd­li­chen Teil Istri­ens, wäh­rend die Städ­te und ins­ge­samt die West­kü­ste ihre roma­ni­sche Bevöl­ke­rung und kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen bewahrten.

Mit der frän­ki­schen Erobe­rung Istri­ens im Jahr 788 ver­stärk­te sich die sla­wi­sche Besied­lung. Unter frän­ki­scher Herr­schaft wur­den gezielt Sla­wen ange­sie­delt, vor allem auf bis­her wenig genutz­ten Flä­chen. Das berühm­te Pla­ci­tum von Riža­na von 804 doku­men­tiert die dar­aus ent­stan­de­nen Kon­flik­te zwi­schen der alt­ein­ge­ses­se­nen roma­ni­schen Bevöl­ke­rung Istri­ens und der die Sla­wen för­dern­den neu­en poli­ti­schen und sozia­len Ordnung.

Karl der Gro­ße war an der Siche­rung und Sta­bi­li­sie­rung der Gren­ze im stra­te­gisch wich­ti­gen Istri­en inter­es­siert. Hier stieß das von ihm erneu­er­te Römi­sche Reich im Westen auf das Byzan­ti­ni­sche Reich. Zugleich waren kurz zuvor Sla­wen aus dem Osten in die­ses Gebiet vor­ge­drun­gen. Die Städ­te Istri­ens, die das umlie­gen­de Hin­ter­land kon­trol­lier­ten, waren wei­ter­hin stark roma­nisch geprägt und stan­den Byzanz nahe. Karl der Gro­ße setz­te ihnen im Hin­ter­land die sla­wi­sche Bevöl­ke­rung ent­ge­gen: Durch ihre geziel­te Ansied­lung konn­te er den byzan­ti­ni­schen Ein­fluss ein­däm­men, die Sla­wen in sein Reich inte­grie­ren und sie zugleich mit der Siche­rung der süd­öst­li­chen Gren­ze betrauen.

Die­se Ent­wick­lung ist für die spä­te­re eth­ni­sche Struk­tur Istri­ens von grund­le­gen­der Bedeutung.

Eine geteilte Sprach- und Kulturlandschaft

Im Lau­fe des Früh­mit­tel­al­ters ent­stand damit jene cha­rak­te­ri­sti­sche, wenn auch nie voll­stän­di­ge Zwei­tei­lung Istri­ens: Die Küsten­städ­te bewahr­ten die roma­nisch spä­ter vene­zia­nisch bzw. ita­lie­nisch gepräg­ten kul­tu­rel­len und sprach­li­chen Tra­di­tio­nen, wäh­rend Tei­le des länd­li­chen und zen­tra­len Istri­ens zuneh­mend sla­wisch­spra­chig wur­den: im Nor­den slowenisch‑, im mitt­le­ren und süd­li­chen Teil kroatischsprachig.

Nach der karo­lin­gi­schen Herr­schaft kam Istri­en 952 zum Her­zog­tum Bai­ern und wur­de Teil des ost­frän­kisch-deut­schen Reichs. Im Zuge der Auf­tei­lung des alten bai­ri­schen Stam­mes­her­zog­tums, gelang­te Istri­en unter Kai­ser Otto II. zum neu­errich­te­ten Her­zog­tum Kärn­ten und wur­de 1040 zu einer eige­nen, dem Kai­ser direkt unter­stell­ten, also rei­ch­un­mit­tel­ba­ren Mark­graf­schaft erho­ben. Zum ersten Mark­gra­fen ernann­te Kai­ser Hein­rich III. den Gra­fen Pop­po I. von Weimar.

Bereits 1077 über­trug Kai­ser Hein­rich IV. die Mark­graf­schaft dem Patri­ar­chen von Aqui­leia, der zum Reichs­für­sten wur­de. Als sich die Herr­schaft des Patri­ar­chen im Hoch­mit­tel­al­ter abschwäch­te, nütz­te die See­re­pu­blik Vene­dig, die ihrer­seits aus dem Byzan­ti­ni­schen Reich her­vor­ge­gan­gen war, die Gele­gen­heit, um sich im 13. Jahr­hun­dert die roma­nisch gepräg­ten Küsten­städ­te ein­zu­glie­dern. Das Reich war in der kai­ser­lo­sen Zeit zu schwach, um wirk­sam ent­ge­gen­zu­tre­ten.
Die Küsten­ge­bie­te wur­den aus dem Reichs­ver­band her­aus­ge­löst und stan­den unter der Herr­schaft Vene­digs, wäh­rend das grö­ße­re Hin­ter­land, die Graf­schaft Mit­ter­burg (Pazin), im Reich ver­blieb, aber 1372 von den Patri­ar­chen von Aqui­leia an die Habs­bur­ger über­ging. Eth­nisch und sprach­lich erfolg­te durch die­se Zwei­tei­lung eine Ent­flech­tung, indem der Küsten­be­reich nun stär­ker vene­zia­nisch bzw. ita­lie­nisch, das Hin­ter­land stär­ker slo­we­nisch bzw. kroa­tisch geprägt wurde. 

Die offi­zi­el­le histo­ri­sche Dar­stel­lung der heu­ti­gen kroa­ti­schen Gespan­schaft Istri­en auf ihrer Inter­net­sei­te lau­tet: Die Halb­in­sel lag über Jahr­hun­der­te am Schnitt­punkt roma­ni­scher, sla­wi­scher und ger­ma­ni­scher Kul­tu­ren und wur­de wie­der­holt durch Migra­tio­nen und poli­ti­sche Herr­schafts­wech­sel geprägt.

Habsburgische Zeit und Nationalisierung im 19. Jahrhundert

Nach dem Ende der von Napo­le­on besei­tig­ten vene­zia­ni­schen Repu­blik wur­de Istri­en 1797 unter Habs­burg in einer Hand ver­eint. Nach einem kur­zen napo­leo­ni­schen Inter­mez­zo wur­den die Mark­graf­schaft Istri­en, die reichs­un­mit­tel­ba­re Stadt Tri­est und die gefür­ste­te Graf­schaft Görz zum Öster­rei­chi­schen Küsten­land zusam­men­ge­fasst – einem Ver­band drei­er selbst­stän­di­ger Kron­län­der bezie­hungs­wei­se lan­des­recht­lich eigen­stän­di­ger Ein­hei­ten unter gemein­sa­mer Verwaltung.

Im 19. Jahr­hun­dert änder­te sich die Bedeu­tung von Spra­che und eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit grund­le­gend. Aus einer vor­mo­der­nen Gesell­schaft mit zahl­rei­chen loka­len, regio­na­len und reli­giö­sen Iden­ti­tä­ten ent­wickel­ten sich zuneh­mend moder­ne Nationalgesellschaften.

Ita­lie­ni­sche und kroa­ti­sche bzw. slo­we­ni­sche Bewe­gun­gen began­nen, Schu­len, Ver­ei­ne, Ver­wal­tung und poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen für ihre jewei­li­gen natio­na­len Zie­le zu nutzen.

Die öster­rei­chi­schen Volks­zäh­lun­gen erfaß­ten die Umgangs- bzw. All­tags­spra­che. 1910 wur­den bei der all­ge­mei­nen Volks­zäh­lung rund 147.000 Ita­lie­ner, 168.000 Kroa­ten, 55.000 Slo­we­nen und 12.500 Deut­sche gezählt. Die Ita­lie­ner waren dabei wegen ihrer star­ken wirt­schaft­li­chen Stel­lung in den Küsten­städ­ten vorherrschend.

Im 19. Jahr­hun­dert ent­stand somit die moder­ne Kon­kur­renz zwi­schen ita­lie­ni­scher, kroa­ti­scher und slo­we­ni­scher natio­na­ler Iden­ti­tät, die im 20. Jahr­hun­dert dra­ma­ti­sche poli­ti­sche Fol­gen haben sollte.

Istrien im 20. Jahrhundert: Italianisierung, Krieg und Exodus

Nach dem Ersten Welt­krieg kam Istri­en 1918 zum König­reich Ita­li­en: nicht nur die mehr­heit­lich ita­lie­ni­schen Küsten­ge­bie­te, son­dern auch das gan­ze slo­we­ni­sche und kroa­ti­sche Hin­ter­land. Unter dem faschi­sti­schen Regime wur­de eine schar­fe Ita­lia­ni­sie­rungs­po­li­tik vor­an­ge­trie­ben. Kroa­ti­sche und slo­we­ni­sche Insti­tu­tio­nen, Schu­len und kul­tu­rel­le Orga­ni­sa­tio­nen wur­den auf­ge­löst oder ver­bo­ten. Ita­lie­nisch wur­de zur allei­ni­gen Amts- und Schulsprache.

Nach dem Zusam­men­bruch Ita­li­ens 1943 kam es in Istri­en zu bewaff­ne­ten Kämp­fen. Die Wehr­macht besetz­te das Gebiet, das wegen sei­ner stra­te­gi­schen Bedeu­tung und eth­ni­schen Gemen­gen­la­ge aber nicht mehr Ita­li­en über­ge­ben, son­dern als Son­der­ve­wal­tungs­zo­ne dem Gau­lei­ter von Kärn­ten unter­stellt wur­de. Gegen die Ita­lia­ni­sie­rungs­po­li­tik waren ver­schie­de­ne Grup­pen aktiv, auch katho­li­sche. Bewaff­net gegen die Wehr­macht kämpf­ten aber vor allem kom­mu­ni­sti­sche Par­ti­sa­nen­ver­bän­de und domi­nier­ten das wei­te­re Geschehen.

Die nicht ein­hei­mi­schen Ita­lie­ner, die erst nach 1918 in das istri­sche Hin­ter­land gekom­men waren, ver­lie­ßen das Land nach 1943 wie­der aus Angst vor Repres­sio­nen für die faschi­sti­sche Entnationalisierungspolitik. 

Die ein­hei­mi­sche ita­lie­ni­sche Bevöl­ke­rung im Küsten­strei­fen ver­ließ zwi­schen 1945 und 1956 im soge­nann­ten Exodus ihre Hei­mat. Das hat­te vor allem zwei Grün­de: zum einen, weil die Alli­ier­ten das Gebiet schritt­wei­se Jugo­sla­wi­en zuge­spra­chen und zum ande­ren, weil dort seit 1945 die Kom­mu­ni­sten herrsch­ten. Kurz nach ihrer Macht­über­nah­me erfolg­te 1946/​47 die erste gro­ße Aus­wan­de­rungs­wel­le. Ins­ge­samt dürf­ten min­de­stens 130.000 Ita­lie­ner Istri­en ver­las­sen haben. Und mit ihnen ging auch eine vie­le Jahr­hun­der­te alte Prä­gung des Lan­des ver­lo­ren, von der heu­te noch die Bau­wei­se, die Kirch­tür­me, Fami­li­en­na­men und auch Gerich­te auf den Spei­se­kar­ten sprechen.

Im Unter­schied zu den Deut­schen in Ost­deutsch­land und dem Suden­ten­land wur­den die Ita­lie­ner Istri­ens nicht direkt ver­trie­ben. Es herrsch­ten jedoch Repres­si­on und poli­ti­sche Unsi­cher­heit: Unter dem kom­mu­ni­sti­schen Regime kam es zu Ent­eig­nun­gen, Ver­haf­tun­gen und teil­wei­se gewalt­sa­mer Verfolgung. 

Was das faschi­sti­sche Regime durch Ita­lia­ni­sie­rung gegen die Sla­wen ange­strebt hat­te, wur­de nach Kriegs­en­de von den kom­mu­ni­sti­schen Macht­ha­bern gegen die Ita­lie­ner in die Tat umge­setzt. Es wur­de weit­ge­hend Tabu­la rasa gemacht. In bei­den Fäl­len war Unrecht die trei­ben­de Kraft.

Die eth­ni­sche und sprach­li­che Struk­tur Istri­ens ver­än­der­te sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg jeden­falls tiefgreifend.

Betiga und das heutige Istrien

Beti­ga liegt heu­te in der Repu­blik Kroa­ti­en und gehört ver­wal­tungs­mä­ßig zum Gebiet der Stadt Vodnjan (ita­lie­nisch Digna­no). Das Dorf ist klein; sei­ne Bevöl­ke­rung wird sta­ti­stisch mit dem benach­bar­ten Peroj zusam­men­ge­faßt. Neben der Land­wirt­schaft spielt heu­te zuneh­mend der Tou­ris­mus eine Rolle.

Fah­ne mit Wap­pen der Mark­graf­schaft Istri­en, die von 1040 bis 1918 existierte

Beti­ga gehör­te zum kroa­ti­schen Teil Istri­ens, obwohl es unter vene­zia­ni­scher Herr­schaft stand. Laut der öster­rei­chi­schen Volks­zäh­lung von 1910 leb­ten hier 98,4 Pro­zent Kroa­ten und 1,6 Pro­zent Italiener.

Die eth­nisch-kul­tu­rel­le Viel­falt Istri­ens kommt in die­ser Gegend auf ande­re Wei­se zum Aus­druck. Im Spät­mit­tel­al­ter wur­den katho­li­sche Alba­ner ange­sie­delt, die vor den Osma­nen flie­hen muß­ten. Sie assi­mi­lier­ten sich schnell. Im 17. Jahr­hun­dert folg­ten ihnen aus dem­sel­ben Grund Mon­te­ne­gri­ner. Sprach­lich assi­mi­lier­ten sich auch die­se, nicht aber reli­gi­ös, da sie ser­bisch-ortho­dox waren. Ihnen wur­de eine älte­re ortho­do­xe Kir­che in Pola zuge­wie­sen, die von Vene­dig schon frü­her für grie­chisch-ortho­do­xe Flücht­lin­ge aus dem Osma­ni­schen Reich, beson­ders aus Zypern, zuge­las­sen wor­den war. In Peroj ent­stand 1784 die ein­zi­ge ser­bisch-ortho­do­xe Kir­che Istri­ens.

Bei der jüng­sten Volks­zäh­lung 2021 erklär­ten sich noch fünf Pro­zent der Bewoh­ner Istri­ens als Ita­lie­ner. Wei­te­re fünf Pro­zent bekann­ten sich zu einer „regio­na­len Zuge­hö­rig­keit“, eine For­mu­lie­rung, hin­ter der ein Teil der ver­blie­be­nen Ita­lie­ner ver­mu­tet wird. Das kroa­ti­sche Min­der­hei­ten­recht schützt heu­te die ita­lie­ni­sche Volks­grup­pe. Die­se stellt einen stell­ver­tre­ten­den Župan in der Gespan­schaft Istri­en. In die Wäh­ler­li­sten der ita­lie­ni­schen Min­der­heit sind um fast 30 Pro­zent mehr Per­so­nen ein­ge­schrie­ben, als sich bei der Volks­zäh­lung als Ita­lie­ner bekannten. 

Zudem gibt es in Istri­en eine eige­ne Par­tei namens Istri­sche Demo­kra­ti­sche Ver­samm­lung (Istar­ski demo­k­rat­ski sab­or, IDS). Sie ist kei­ne ita­lie­ni­sche Min­der­hei­ten­par­tei, son­dern setzt sich aus Ver­tre­tern aller Volks­grup­pen zusam­men, ver­tritt aber aus­drück­lich eine istri­sche Regio­nal­iden­ti­tät mit der For­de­rung und För­de­rung von Auto­no­mie, Dezen­tra­li­sie­rung und der mul­ti­kul­tu­rel­len Beson­der­heit Istri­ens. Die IDS erreicht bei Wah­len in Istri­en rund 30 Pro­zent der Stim­men, wobei sie vor allem in den ehe­mals vene­zia­ni­schen bzw. ita­lie­ni­schen Küsten­ge­bie­ten auf­fal­lend stark ist.

Das heu­ti­ge Istri­en ist eine viel­schich­ti­ge Kulturlandschaft.

Was die Mosaike von Betiga über diese Geschichte erzählen

Die Mosai­ke füh­ren in eine Zeit zurück, lan­ge bevor die heu­ti­gen natio­na­le Iden­ti­tä­ten exi­stier­ten. Feli­cia­nus und Inge­nua waren Men­schen einer spät­an­ti­ken, roma­ni­sier­ten Gesell­schaft. Ihre Namen sind latei­nisch, ihre christ­li­che Fröm­mig­keit gehört zur spät­an­ti­ken Mit­tel­meer­welt, und die von ihnen gestif­te­te Archi­tek­tur steht in der früh­christ­li­chen Bau­tra­di­ti­on des Römi­schen Reiches.

Zugleich lag ihre Kir­che in einer Land­schaft, deren poli­ti­sche, sprach­li­che und demo­gra­phi­sche Zusam­men­set­zung sich spä­ter mehr­fach ver­än­dern soll­te. Die Geschich­te von Beti­ga läßt sich daher bei­na­he als Quer­schnitt durch die Geschich­te Istri­ens lesen:

Die Geschich­te Istri­ens ist eine Geschich­te von Über­la­ge­run­gen. Das zeigt sich in Beti­ga beson­ders deut­lich. Unter einem früh­christ­li­chen Mosa­ik lie­gen die Spu­ren der römi­schen Vil­len­land­schaft; über der spät­an­ti­ken Kir­che ent­stand eine mit­tel­al­ter­li­che Basi­li­ka und ein Kloster.

Die Inschrift von Feli­cia­nus und Inge­nua, zwei Men­schen, deren per­sön­li­che Geschich­te voll­stän­dig ver­lo­ren ist, lie­ßen ihre Namen vor rund 1600 Jah­ren in den Boden einer Kir­che schrei­ben. Heu­te kön­nen wir nicht nur ihre Namen wie­der lesen, son­dern anhand des Gebäu­des und sei­ner Umge­bung eine gan­ze histo­ri­sche Welt rekon­stru­ie­ren: die roma­ni­sier­te Bevöl­ke­rung des spät­an­ti­ken Istri­en, die Aus­brei­tung des Chri­sten­tums auf dem Land, die wirt­schaft­li­che Lei­stungs­fä­hig­keit loka­ler Fami­li­en und die gesell­schaft­li­che Bedeu­tung reli­giö­ser Stiftungen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/istria-culture.com (Screen­shots)

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