Im Komplex von St. Andreas bei Betiga im kroatischen Istrien sind frühchristliche Mosaiken aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. wieder sichtbar geworden. Obwohl schon in den 1970er Jahren entdeckt, waren sie zu ihrem Schutz fast ein halbes Jahrhundert lang der Öffentlichkeit weitgehend verborgen geblieben. Unter den Inschriften befindet sich auch jene von Felicianus und Ingenua. Das Ehepaar bezeichnet sich darin als peccatores nimis, also als „große Sünder“, und erklärt, das betreffende Werk zu Ehren der Heiligen finanziert bzw. ausführen lassen zu haben.
Über das persönliche Leben von Felicianus und Ingenua wissen wir praktisch nichts. Ihre Namen sind ausschließlich durch die Inschrift überliefert. Dennoch geben sie einen bemerkenswerten Einblick in die Entstehung einer frühen christlichen Kultstätte im ländlichen Istrien. Die erhaltene Inschrift wurde sinngemäß rekonstruiert als:
In honore beatorum sanctorum Felicianus et Ingenua peccatores nimis fecerunt.
„Zu Ehren der seligen Heiligen haben Felicianus und Ingenua, die überaus großen Sünder, dieses Werk ausführen lassen.“
Die Selbstbezeichnung als peccatores nimis ist bemerkenswert. Sie entspricht der im frühen Christentum verbreiteten Vorstellung christlicher Demut und Selbsterniedrigung vor Gott wegen eines ausgeprägten Sündenbewußtseins. Die Archäologen und Kunsthistoriker sind dankbar für das Paradoxe ihrer Stiftung: Felicianus und Ingenua wollten sich als unwürdige Menschen bezeichnen und bewahrten durch ihre Stiftung ihre Namen rund 1600 Jahre lang.
Eine „Wiederentdeckung“ nach fast fünfzig Jahren
Das Mosaik wurde im Rahmen einer neuen archäologischen Untersuchung des Archäologischen Museums Istriens in Pula (Pola) erneut sichtbar. Die eigentliche Freilegung hatte bereits zwischen 1975 und 1979 stattgefunden; anschließend wurden die Mosaikflächen wieder zugedeckt.

Die heutigen Untersuchungen können den Befund mit wesentlich präziseren Methoden ergänzen. Laserscanning, Photogrammetrie und dreidimensionale digitale Modellierung ermöglichen eine Dokumentation und Analyse, die bei den Grabungen der 1970er Jahre in dieser Form noch nicht zur Verfügung standen. Die gegenwärtige Kampagne ist daher eine archäologische Wiederentdeckung und Neubewertung des bereits ausgegrabenen Befundes.
Das Archäologische Museum Istriens führt den Komplex von St. Andreas heute als einen der bedeutendsten frühchristlichen Sakralbauten Istriens.
Die älteste Kapelle: eine cella trichora
Der älteste Kern des Komplexes ist eine eine frühchristliche, dreikonchige Memorialkapelle (Trikonchos), lateinisch cella trichora, die zu Beginn des 5. Jahrhunderts errichtet wurde.
Solche dreikonchigen Bauten gehören zum architektonischen Repertoire der spätantiken christlichen Welt. In Betiga war die Kapelle offenbar ursprünglich dem Totengedenken und der Bestattung gewidmet. Ein heute zerstörter Altartombus bzw. ein Grab im Bereich des Altars weist darauf hin, daß hier das Gedächtnis an einen Heiligen im Mittelpunkt stand. Die Identität dieser Person ist jedoch unbekannt.
Besonders interessant ist die Frage nach dem ursprünglichen Patrozinium. Die Inschrift von Felicianus und Ingenua spricht lediglich allgemein von den „Heiligen“; den Apostel Andreas nennt sie nicht. Es ist daher möglich, daß die Anlage ursprünglich einem anderen Heiligen oder einer Heiligengruppe, etwa allen Märtyrern, geweiht war. Die Bezeichnung als St.-Andreas-Kirche ist erst später belegt. Eine steinerne vorromanische Inschrift aus dem 9. Jahrhundert liefert dafür den entscheidenden Hinweis.
Vom kleinen Memorialbau zur Basilika
Noch im 5. Jahrhundert wurde die ursprüngliche Kapelle in eine wesentlich größere dreischiffige Basilika integriert. Die kleine cella trichora wurde dabei zum Altarbereich.
Damit veränderte sich auch die Bedeutung des Ortes. Aus einer Gedächtniskapelle entstand schrittweise ein größerer christlicher Sakralkomplex für eine größere Gemeinschaft.

Die ältesten Mosaiken der Kapelle sind vergleichsweise zurückhaltend gestaltet. Schwarz-weiße Ornamente, geometrische Muster, Kreuze und stilisierte Pflanzenmotive bilden ihren dekorativen Rahmen.
Mit dem Bau bzw. der Erweiterung der Basilika wurde die Ausstattung aufwendiger. Nun erscheinen mehrfarbige Mosaike mit Efeuranken, Lotusblüten und Kompositionen, die als Lebensbäume gedeutet werden. In ihnen verbinden sich spätantike Ornamentik und christliche Symbolik. Diese Verbindung ist charakteristisch für die Kunst der Spätantike. Christliche Gemeinden stellten vorhandene geometrische, pflanzliche und symbolische Motive in einen neuen religiösen Zusammenhang.
Die Stifter der Mosaiken
Felicianus und Ingenua waren nicht die einzigen Personen, deren Namen auf diese Weise erhalten blieben.
Weitere Mosaikinschriften nennen Menschen, die sich finanziell an der Ausstattung der Basilika beteiligten. Ein Priester namens Dalmatius soll etwa 300 römische Quadratfuß Mosaikboden finanziert haben, rund 26 m². Aquilinus und Urania stifteten gemeinsam mit ihrer Familie weitere rund 300 Quadratfuß, während Florentius und seine Angehörigen etwa 200 Quadratfuß übernahmen.
Diese Angaben sind kulturhistorisch wertvoll. Die Inschriften zeigen nicht nur, was gebaut wurde, sondern auch, wie eine christliche Gemeinde der Spätantike ihre Sakralbauten finanzierte.
Die Stifterinschriften lassen sich daher als eine Form des spätantiken sozialen Gedächtnisses verstehen. Frömmigkeit, familiäres Ansehen, Wohltätigkeit und gesellschaftlicher Status überschnitten sich. Eine Stiftung konnte religiöse Verdienste versprechen und zugleich das Andenken der eigenen Familie sichern.
Vom Heiligtum zum Kloster
Der Komplex wuchs über mehrere Jahrhunderte hinweg. Auf die Memorialkapelle und die Basilika folgten weitere Einrichtungen: ein Kloster, ein Baptisterium, eine Grabkapelle, ein Portikus bzw. Atrium sowie Wasserversorgungsanlagen und eine Zisterne.
Nach den archäologischen Befunden entstand das Kloster westlich der Kirche in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts. Die Klosterräume gruppierten sich um einen Bereich mit Wasserspeicher. Später kamen weitere Einrichtungen hinzu. Im 7. Jahrhundert entstand ein Baptisterium, im 8. Jahrhundert eine Grabkapelle. Der Ort war damit nicht mehr lediglich eine Kirche, sondern entwickelte sich zu einem religiösen Zentrum einer ländlichen christlichen Gemeinschaft.
Die spätere Ausstattung zeigt wiederum einen Wandel der künstlerischen Formen. Im frühen Mittelalter bzw. in vorromanischer Zeit wurden Teile der liturgischen Steinausstattung erneuert. Erhalten sind Fragmente von Chorschranken, Pilastern und Bögen eines Ziboriums mit charakteristischer Flechtbandornamentik. Manche Darstellungen setzen diese Neuausstattung ins 9. Jahrhundert.
Ein nicht mehr näher identifizierbare monastische Gemeinschaft lebte bereits in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts in Betiga. Später schloß sich diese dem Benediktinerorden an. Das Kloster wurde im 13. Jahrhundert aufgegeben. Die Gründe dafür sind nicht geklärt. Eine örtliche Überlieferung nennt die Pest. Danach verfiel der Komplex allmählich.
Betiga vor und während der Römerzeit
Um die Bedeutung von St. Andreas zu verstehen, muß man weiter zurückgehen.
Betiga liegt an der Westküste Istriens, ungefähr 20 Kilometer nordwestlich von Pula, einst Österreichs wichtigster Hafen für die Kriegsmarine, und rund einen Kilometer nordöstlich des heutigen Ferienortes Barbariga. In der weiteren Umgebung befinden sich unter anderem noch nicht vollständig erforschte prähistorische Wall- und Hügelanlagen.
Im Jahr 177 v. Christus kam die Gegend von Betiga unter römische Herrschaft und wurde nun intensiv genutzt. Zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert n. Chr. entstanden hier mehrere römische Landvillen (villae rusticae bzw. Landgüter). Das Gebiet war Teil einer dicht genutzten Kulturlandschaft.
Die Nähe zur antiken Hafenstadt Pietas Iulia (heute Pula, italienisch Pola) war dabei von großer Bedeutung. Diese Hafenstadt entwickelte sich zu einem wichtigen römischen Zentrum und Hafen. Infrastruktur, Landwirtschaft und Seeverbindungen machten die westliche und südliche Küstenregion Istriens zu einer wohlhabenden Landschaft.

Zu den wichtigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen gehörten insbesondere Wein, Getreide und Olivenöl. Römische Villen waren daher nicht bloß luxuriöse Landsitze, sondern zugleich wirtschaftliche Produktionszentren. Die römische Herrschaft verwandelte Istrien in eine eng in das mediterrane Wirtschafts- und Verkehrsnetz eingebundene Landschaft.
Von den Histri zu den Kroaten
Die Geschichte der Bevölkerung Istriens ist allerdings wesentlich komplexer, als es moderne Begriffe wie „Kroaten“ und „Italiener“ vermuten lassen.
Vor der römischen Eroberung lebten hier verschiedene Bevölkerungsgruppen, insbesondere die Histri, von denen sich der Name Istrien ableitet. Die antike Bevölkerung läßt sich kulturell nicht mit einer der heutigen Nationen gleichsetzen.
Die Römer unterwarfen die Histri nach militärischen Auseinandersetzungen. Ab 177 v. Chr. setzte ein Prozeß politischer, wirtschaftlicher und kultureller Romanisierung ein.
In die Endphase des Weströmischen Reiches fällt die Entstehung der St.-Andreas-Kirche, sowohl der ursprünglichen Memorialkapelle als auch der Basilika.
Als das Weströmische Reich im Jahre 476 unterging, blieben gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen in vieler Hinsicht bestehen.
Auf die politische Herrschaft Roms folgten die Ostgoten, danach das Byzantinische Reich. Istrien gehörte von 539 bis 751 zum byzantinischen Herrschaftsbereich und wurde vom Exarchat Ravenna aus verwaltet. Die Gesellschaft war weiterhin von der romanisierten Provinzialbevölkerung geprägt. Auf die vor und nach Byzanz bestehende Germanenherrschaft verweisen die ostgotischen Gräber bei Pula und das Langobardengrab bei Brešac nahe Buzet.
Die Entstehung der Basilika von Betiga im 5. Jahrhundert zeigt, daß das Christentum in dieser ländlichen Landschaft bereits fest verankert war. Die Christianisierung bedeutete die Umformung der römischen zu einer christlich-spätantiken Kultur.
Die Menschen, die die Mosaike von Betiga stifteten, lebten in einer Welt, die sprachlich, rechtlich und kulturell noch stark vom Römischen Reich geprägt war, auch wenn sich die politische Ordnung bereits veränderte.
Die Ankunft der Slawen
Eine weitere entscheidende Veränderung begann um 600 nach Christus.
Awarisch-slawische Verbände drangen in dieser Zeit nach Istrien vor. Der Charakter dieser Prozesse war regional unterschiedlich. Es gab militärische Einfälle und Wanderungsbewegungen. Um 600 berichtet erstmals ein Papst, Gregor der Große, von Slawen, die über Istrien in Richtung Italien vordrangen.
Die archäologische und historische Forschung spricht von einem langwierigen demographischen und kulturellen Veränderungsprozeß, der folgte. Ab etwa 650 begann die slawische Besiedelung vor allem im Landesinneren und im nördlichen Teil Istriens, während die Städte und insgesamt die Westküste ihre romanische Bevölkerung und kulturellen Traditionen bewahrten.
Mit der fränkischen Eroberung Istriens im Jahr 788 verstärkte sich die slawische Besiedlung. Unter fränkischer Herrschaft wurden gezielt Slawen angesiedelt, vor allem auf bisher wenig genutzten Flächen. Das berühmte Placitum von Rižana von 804 dokumentiert die daraus entstandenen Konflikte zwischen der alteingesessenen romanischen Bevölkerung Istriens und der die Slawen fördernden neuen politischen und sozialen Ordnung.
Karl der Große war an der Sicherung und Stabilisierung der Grenze im strategisch wichtigen Istrien interessiert. Hier stieß das von ihm erneuerte Römische Reich im Westen auf das Byzantinische Reich. Zugleich waren kurz zuvor Slawen aus dem Osten in dieses Gebiet vorgedrungen. Die Städte Istriens, die das umliegende Hinterland kontrollierten, waren weiterhin stark romanisch geprägt und standen Byzanz nahe. Karl der Große setzte ihnen im Hinterland die slawische Bevölkerung entgegen: Durch ihre gezielte Ansiedlung konnte er den byzantinischen Einfluss eindämmen, die Slawen in sein Reich integrieren und sie zugleich mit der Sicherung der südöstlichen Grenze betrauen.
Diese Entwicklung ist für die spätere ethnische Struktur Istriens von grundlegender Bedeutung.
Eine geteilte Sprach- und Kulturlandschaft
Im Laufe des Frühmittelalters entstand damit jene charakteristische, wenn auch nie vollständige Zweiteilung Istriens: Die Küstenstädte bewahrten die romanisch später venezianisch bzw. italienisch geprägten kulturellen und sprachlichen Traditionen, während Teile des ländlichen und zentralen Istriens zunehmend slawischsprachig wurden: im Norden slowenisch‑, im mittleren und südlichen Teil kroatischsprachig.
Nach der karolingischen Herrschaft kam Istrien 952 zum Herzogtum Baiern und wurde Teil des ostfränkisch-deutschen Reichs. Im Zuge der Aufteilung des alten bairischen Stammesherzogtums, gelangte Istrien unter Kaiser Otto II. zum neuerrichteten Herzogtum Kärnten und wurde 1040 zu einer eigenen, dem Kaiser direkt unterstellten, also reichunmittelbaren Markgrafschaft erhoben. Zum ersten Markgrafen ernannte Kaiser Heinrich III. den Grafen Poppo I. von Weimar.
Bereits 1077 übertrug Kaiser Heinrich IV. die Markgrafschaft dem Patriarchen von Aquileia, der zum Reichsfürsten wurde. Als sich die Herrschaft des Patriarchen im Hochmittelalter abschwächte, nützte die Seerepublik Venedig, die ihrerseits aus dem Byzantinischen Reich hervorgegangen war, die Gelegenheit, um sich im 13. Jahrhundert die romanisch geprägten Küstenstädte einzugliedern. Das Reich war in der kaiserlosen Zeit zu schwach, um wirksam entgegenzutreten.
Die Küstengebiete wurden aus dem Reichsverband herausgelöst und standen unter der Herrschaft Venedigs, während das größere Hinterland, die Grafschaft Mitterburg (Pazin), im Reich verblieb, aber 1372 von den Patriarchen von Aquileia an die Habsburger überging. Ethnisch und sprachlich erfolgte durch diese Zweiteilung eine Entflechtung, indem der Küstenbereich nun stärker venezianisch bzw. italienisch, das Hinterland stärker slowenisch bzw. kroatisch geprägt wurde.
Die offizielle historische Darstellung der heutigen kroatischen Gespanschaft Istrien auf ihrer Internetseite lautet: Die Halbinsel lag über Jahrhunderte am Schnittpunkt romanischer, slawischer und germanischer Kulturen und wurde wiederholt durch Migrationen und politische Herrschaftswechsel geprägt.
Habsburgische Zeit und Nationalisierung im 19. Jahrhundert
Nach dem Ende der von Napoleon beseitigten venezianischen Republik wurde Istrien 1797 unter Habsburg in einer Hand vereint. Nach einem kurzen napoleonischen Intermezzo wurden die Markgrafschaft Istrien, die reichsunmittelbare Stadt Triest und die gefürstete Grafschaft Görz zum Österreichischen Küstenland zusammengefasst – einem Verband dreier selbstständiger Kronländer beziehungsweise landesrechtlich eigenständiger Einheiten unter gemeinsamer Verwaltung.
Im 19. Jahrhundert änderte sich die Bedeutung von Sprache und ethnischer Zugehörigkeit grundlegend. Aus einer vormodernen Gesellschaft mit zahlreichen lokalen, regionalen und religiösen Identitäten entwickelten sich zunehmend moderne Nationalgesellschaften.
Italienische und kroatische bzw. slowenische Bewegungen begannen, Schulen, Vereine, Verwaltung und politische Institutionen für ihre jeweiligen nationalen Ziele zu nutzen.
Die österreichischen Volkszählungen erfaßten die Umgangs- bzw. Alltagssprache. 1910 wurden bei der allgemeinen Volkszählung rund 147.000 Italiener, 168.000 Kroaten, 55.000 Slowenen und 12.500 Deutsche gezählt. Die Italiener waren dabei wegen ihrer starken wirtschaftlichen Stellung in den Küstenstädten vorherrschend.
Im 19. Jahrhundert entstand somit die moderne Konkurrenz zwischen italienischer, kroatischer und slowenischer nationaler Identität, die im 20. Jahrhundert dramatische politische Folgen haben sollte.
Istrien im 20. Jahrhundert: Italianisierung, Krieg und Exodus
Nach dem Ersten Weltkrieg kam Istrien 1918 zum Königreich Italien: nicht nur die mehrheitlich italienischen Küstengebiete, sondern auch das ganze slowenische und kroatische Hinterland. Unter dem faschistischen Regime wurde eine scharfe Italianisierungspolitik vorangetrieben. Kroatische und slowenische Institutionen, Schulen und kulturelle Organisationen wurden aufgelöst oder verboten. Italienisch wurde zur alleinigen Amts- und Schulsprache.
Nach dem Zusammenbruch Italiens 1943 kam es in Istrien zu bewaffneten Kämpfen. Die Wehrmacht besetzte das Gebiet, das wegen seiner strategischen Bedeutung und ethnischen Gemengenlage aber nicht mehr Italien übergeben, sondern als Sondervewaltungszone dem Gauleiter von Kärnten unterstellt wurde. Gegen die Italianisierungspolitik waren verschiedene Gruppen aktiv, auch katholische. Bewaffnet gegen die Wehrmacht kämpften aber vor allem kommunistische Partisanenverbände und dominierten das weitere Geschehen.
Die nicht einheimischen Italiener, die erst nach 1918 in das istrische Hinterland gekommen waren, verließen das Land nach 1943 wieder aus Angst vor Repressionen für die faschistische Entnationalisierungspolitik.
Die einheimische italienische Bevölkerung im Küstenstreifen verließ zwischen 1945 und 1956 im sogenannten Exodus ihre Heimat. Das hatte vor allem zwei Gründe: zum einen, weil die Alliierten das Gebiet schrittweise Jugoslawien zugesprachen und zum anderen, weil dort seit 1945 die Kommunisten herrschten. Kurz nach ihrer Machtübernahme erfolgte 1946/47 die erste große Auswanderungswelle. Insgesamt dürften mindestens 130.000 Italiener Istrien verlassen haben. Und mit ihnen ging auch eine viele Jahrhunderte alte Prägung des Landes verloren, von der heute noch die Bauweise, die Kirchtürme, Familiennamen und auch Gerichte auf den Speisekarten sprechen.
Im Unterschied zu den Deutschen in Ostdeutschland und dem Sudentenland wurden die Italiener Istriens nicht direkt vertrieben. Es herrschten jedoch Repression und politische Unsicherheit: Unter dem kommunistischen Regime kam es zu Enteignungen, Verhaftungen und teilweise gewaltsamer Verfolgung.
Was das faschistische Regime durch Italianisierung gegen die Slawen angestrebt hatte, wurde nach Kriegsende von den kommunistischen Machthabern gegen die Italiener in die Tat umgesetzt. Es wurde weitgehend Tabula rasa gemacht. In beiden Fällen war Unrecht die treibende Kraft.
Die ethnische und sprachliche Struktur Istriens veränderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls tiefgreifend.
Betiga und das heutige Istrien
Betiga liegt heute in der Republik Kroatien und gehört verwaltungsmäßig zum Gebiet der Stadt Vodnjan (italienisch Dignano). Das Dorf ist klein; seine Bevölkerung wird statistisch mit dem benachbarten Peroj zusammengefaßt. Neben der Landwirtschaft spielt heute zunehmend der Tourismus eine Rolle.

Betiga gehörte zum kroatischen Teil Istriens, obwohl es unter venezianischer Herrschaft stand. Laut der österreichischen Volkszählung von 1910 lebten hier 98,4 Prozent Kroaten und 1,6 Prozent Italiener.
Die ethnisch-kulturelle Vielfalt Istriens kommt in dieser Gegend auf andere Weise zum Ausdruck. Im Spätmittelalter wurden katholische Albaner angesiedelt, die vor den Osmanen fliehen mußten. Sie assimilierten sich schnell. Im 17. Jahrhundert folgten ihnen aus demselben Grund Montenegriner. Sprachlich assimilierten sich auch diese, nicht aber religiös, da sie serbisch-orthodox waren. Ihnen wurde eine ältere orthodoxe Kirche in Pola zugewiesen, die von Venedig schon früher für griechisch-orthodoxe Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich, besonders aus Zypern, zugelassen worden war. In Peroj entstand 1784 die einzige serbisch-orthodoxe Kirche Istriens.
Bei der jüngsten Volkszählung 2021 erklärten sich noch fünf Prozent der Bewohner Istriens als Italiener. Weitere fünf Prozent bekannten sich zu einer „regionalen Zugehörigkeit“, eine Formulierung, hinter der ein Teil der verbliebenen Italiener vermutet wird. Das kroatische Minderheitenrecht schützt heute die italienische Volksgruppe. Diese stellt einen stellvertretenden Župan in der Gespanschaft Istrien. In die Wählerlisten der italienischen Minderheit sind um fast 30 Prozent mehr Personen eingeschrieben, als sich bei der Volkszählung als Italiener bekannten.
Zudem gibt es in Istrien eine eigene Partei namens Istrische Demokratische Versammlung (Istarski demokratski sabor, IDS). Sie ist keine italienische Minderheitenpartei, sondern setzt sich aus Vertretern aller Volksgruppen zusammen, vertritt aber ausdrücklich eine istrische Regionalidentität mit der Forderung und Förderung von Autonomie, Dezentralisierung und der multikulturellen Besonderheit Istriens. Die IDS erreicht bei Wahlen in Istrien rund 30 Prozent der Stimmen, wobei sie vor allem in den ehemals venezianischen bzw. italienischen Küstengebieten auffallend stark ist.
Das heutige Istrien ist eine vielschichtige Kulturlandschaft.
Was die Mosaike von Betiga über diese Geschichte erzählen
Die Mosaike führen in eine Zeit zurück, lange bevor die heutigen nationale Identitäten existierten. Felicianus und Ingenua waren Menschen einer spätantiken, romanisierten Gesellschaft. Ihre Namen sind lateinisch, ihre christliche Frömmigkeit gehört zur spätantiken Mittelmeerwelt, und die von ihnen gestiftete Architektur steht in der frühchristlichen Bautradition des Römischen Reiches.
Zugleich lag ihre Kirche in einer Landschaft, deren politische, sprachliche und demographische Zusammensetzung sich später mehrfach verändern sollte. Die Geschichte von Betiga läßt sich daher beinahe als Querschnitt durch die Geschichte Istriens lesen:
Die Geschichte Istriens ist eine Geschichte von Überlagerungen. Das zeigt sich in Betiga besonders deutlich. Unter einem frühchristlichen Mosaik liegen die Spuren der römischen Villenlandschaft; über der spätantiken Kirche entstand eine mittelalterliche Basilika und ein Kloster.
Die Inschrift von Felicianus und Ingenua, zwei Menschen, deren persönliche Geschichte vollständig verloren ist, ließen ihre Namen vor rund 1600 Jahren in den Boden einer Kirche schreiben. Heute können wir nicht nur ihre Namen wieder lesen, sondern anhand des Gebäudes und seiner Umgebung eine ganze historische Welt rekonstruieren: die romanisierte Bevölkerung des spätantiken Istrien, die Ausbreitung des Christentums auf dem Land, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit lokaler Familien und die gesellschaftliche Bedeutung religiöser Stiftungen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/istria-culture.com (Screenshots)
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