In Jaffa, einem Stadtteil von Tel Aviv, ist erneut eine katholische Kirche Ziel eines Vandalenaktes geworden. In der Kirche St. Antonius von Padua wurden mehrere Statuen und Kruzifixe zerstört. Die israelische Polizei nahm einen etwa 20jährigen Juden fest, der im Verdacht steht, für die Beschädigungen verantwortlich zu sein. Die Ermittlungen dauern an.
Angriffe auf christliche Einrichtungen, Belästigungen und Akte des Vandalismus gegen Christen sind in Israel seit Jahren an der Tagesordnung und seit jüngster Zeit auch Gegenstand von internationalen Berichten. Wo Kreuze zerbrochen und Heiligenbilder zerstört werden, richtet sich der Angriff nicht lediglich gegen einen Gegenstand aus Stein oder Holz. Er trifft sichtbare Zeichen des christlichen Glaubens – und damit eine Gemeinschaft, deren Anwesenheit im Heiligen Land bis in die apostolische Zeit zurückreicht und deren Heilige Stätten sich in diesem Land befinden.
Gerade deshalb verdient die Entwicklung Aufmerksamkeit. Das Christentum ist im Land Jesu weder eine importierte Religion noch eine historische Fußnote. Christen gehören zum ursprünglichen religiösen und kulturellen Gefüge des Heiligen Landes. Ihre Gegenwart ist älter als die politischen Ordnungen, die heute über dieses Land bestimmen. Die christliche Präsenz in Kontinuität des vorchristlichen Judentums (Israeliten) ist seit zweitausend Jahren ununterbrochen.
Patriarch Pizzaballa: Das Böse hat nicht das letzte Wort
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Worte des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, bei seinem Besuch in Taibeh am 15. August besonderes Gewicht. Der Kardinal feierte dort am Hochfest Mariä Himmelfahrt die heilige Messe und sprach zu einer christlichen Gemeinde, deren Zukunftsperspektive unter dem Druck der gegenwärtigen Verhältnisse immer unsicherer wird. Das christliche Dorf wird seit Monaten von jüdischen Extremisten angegriffen mit dem Ziel, die Christen aus ihrer Heimat zu vertreiben.
Taibeh ist das einzige christliche Dorf im Heiligen Land, das alle Veränderungen, Umbrüche und Katastrophen überdauerte.
Kardinal Pizzaballa erinnerte an die Vision der Frau und des Drachen aus der Geheimen Offenbarung. Seine Botschaft war schlicht und zugleich radikal christlich: Das Böse kann mächtig erscheinen, aber seine Macht ist nicht absolut.
„Ich glaube an Gott“, sagte der Patriarch sinngemäß, auch wenn er auf menschlicher und weltlicher Ebene nicht für alles eine Antwort habe. Gerade aus diesem Glauben könne, trotz aller Widrigkeiten, in Taibeh weiterhin Leben hervorgehen.
Pizzaballa war bemüht, die geistliche Ermutigung ausdrücklich mit der Pflicht der Kirche zu verbinden, präsent zu bleiben. „Wir werden weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun“, um die kirchliche Präsenz im Heiligen Land zu bewahren.
Taibeh, das christliche Dorf im Westjordanland, steht dabei exemplarisch für eine Entwicklung, die über seine Grenzen hinausweist. Eine im Juli gegen die nichtjüdische Bevölkerung erlassene israelische Militäranordnung erklärte das Gebiet von Taibeh und Rimon zur geschlossenen Militärzone. Damit kann der Zugang von Pilgern, Journalisten, ausländischen Helfern und Besuchern sowie der Zugang zu religiösen und historischen Stätten vom Militär eingeschränkt werden. In einer solchen Lage wurde die physische Präsenz des Patriarchen zu einem pastoralen Zeichen.
Kardinal Pizzaballa warnte vor einer anderen, weniger sichtbaren Gefahr. Die schwierigen Umstände dürften das Herz der Christen nicht mit Angst, Verzweiflung und Verbitterung vergiften. Wenn das geschehe, so seine eindringliche Deutung, habe der „Drache“ gewonnen.
Er sagte damit: Christen können ihre Heimat verlieren, Kirchen können beschädigt, Kreuze zerbrochen und Rechte eingeschränkt werden. Aber die eigentliche Niederlage des Christen besteht nicht darin, daß ihm etwas genommen wird. Sie beginnt dort, wo er selbst aufhört, aus der Hoffnung zu leben.
Die Feier der Aufnahme Mariens in den Himmel bot dafür den passenden theologischen Horizont. Maria ist für die Kirche das Zeichen dafür, daß die Auferstehung Christi der Anfang einer neuen Wirklichkeit ist. Er öffnete den Weg zum ewigen Leben in der glückseligen Schauung Gottes. Wer die Welt nur nach Machtverhältnissen beurteilt, sieht den Drachen. Wer sie aber im Licht Gottes betrachtet, sieht bereits dessen Ende.
Das Heilige Land und die unbequeme Wahrheit über das Verhältnis von Christentum und Judentum
An dieser Stelle ist eine Klarstellung notwendig, die in der kirchlichen Debatte seit Jahrzehnten untergeht. Die Solidarität mit Juden gegen Antisemitismus und die Anerkennung des Judentums als geschichtlich mit dem Christentum verbundenes Volk Israel dürfen nicht dazu führen, die tatsächlichen religiösen Unterschiede zwischen Christentum und Judentum zu verwischen.
Das Christentum und das heutige, nachchristliche, rabbinische Judentum sind nicht zwei nahezu identische Varianten desselben Glaubens an den einen Gott. Ihre Gemeinsamkeiten im Bereich der alttestamentlichen Offenbarung sind real und grundlegend. Was den Christen allerdings als kohärente Vorausschau auf das Kommen den Messias gilt, spielt für die Juden bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Das Judentum speist sich vielmehr aus Schriften, die dem Christentum fremd sind. Ebenso grundlegend sind die Differenzen, die aus der Person Jesu Christi hervorgehen.
Für den Christen ist der Christus, der Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort, der gekreuzigte und auferstandene Herr. Die Kirche glaubt, daß in ihm die Verheißungen Israels ihre Erfüllung gefunden haben und finden. Das rabbinische Judentum hingegen erkennt Jesus weder als Messias noch als göttlichen Sohn an und teilt daher gerade den christologischen Mittelpunkt des christlichen Glaubens nicht. Vielmehr gilt Christus wegen seines Anspruchs, der Sohn Gottes zu sein, als abscheulichster Gotteslästerer. Entsprechend werden Jesus Christus, die Apostel und Maria im Talmud auf die schlimmste Weise verachtet, verspottet und beleidigt.
Die Vorstellung, Juden und Christen würden im Grunde denselben Glauben besitzen und sich nur in einigen später hinzugekommenen „Einzelheiten“ unterscheiden, hält selbst einer oberflächlichen Überprüfung nicht stand. Die Unterschiede sind im entscheidenden Punkt unüberbrückbar: Sie betreffen die Offenbarung, die Person Christi, das Verständnis des Gesetzes, das Heilsgeschehen, die Bedeutung des Tempels, das Verhältnis von Opfer und Erlösung und die Frage, ob die messianischen Verheißungen bereits in Jesus Christus erfüllt worden sind.
Dabei ist zwischen dem biblischen Israel, dem Judentum zur Zeit Jesu und dem nachbiblischen beziehungsweise rabbinischen Judentum sorgfältig zu unterscheiden. Historische Entwicklungen dürfen nicht einfach ineinandergeschoben werden. Gerade Christen sollten sich davor hüten, aus Unkenntnis eine religiöse Gleichheit zu behaupten, die weder der christlichen Lehre noch der jüdischen Selbstauffassung entspricht.
Israel Shahak (1933–2001), ein israelischer Chemiker, Menschenrechtsaktivist und scharfer Kritiker der israelischen Politik, wurde für seine Schriften über Judentum, Zionismus und den Staat Israel bekannt. Zu seinen Grundthesen gehört: Je mehr Christen im Alten Testament lesen, desto wenig wissen sie über das heutige Judentum. Oder auch: Man könne sich keinen größeren Gegensatz vorstellen als jenen, zwischen dem Gott der Bibel und dem Gott des klassischen Judentums.
Shahak wurde 1933 als Israel Himmelstaub in Warschau geboren. Als Kind überlebte er das Warschauer Ghetto und später das Konzentrationslager Bergen-Belsen. 1945 kam er nach Palästina. Dort wurde er Professor für organische Chemie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Gleichzeitig leitete er von 1970 bis 1990 die israelische Liga für Menschen- und Bürgerrechte.
Aber gerade weil die Unterschiede ernst genommen werden müssen, sollte auch das Christentum den Mut zurückgewinnen, seine eigene Identität wieder klar auszusprechen. Der christliche Glaube ist nicht lediglich eine Spielart des Judentums und das Christentum nicht bloß ein ethischer Kommentar zur jüdischen Tradition. Sein Zentrum ist Christus, den das Judentum kategorisch und radikal ablehnt.
Leo XIV. fordert ein Ende der Gewalt
In diesen Zusammenhang fällt auch der Appell Papst Leos XIV. vom 16. August. Beim Angelus in Castel Gandolfo forderte der Papst ein Ende der wiederholten Gewalt gegen die palästinensische Zivilbevölkerung im Westjordanland und rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, die sogenannte Zwei-Staaten-Lösung, die Errichtung eines souveränen Palästinenserstaates, wie ihn der UNO-Teilungsplan von 1947 neben dem Staat Israel vorsieht, voranzubringen, um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu erreichen.
Der Appell wurde von lang anhaltendem Applaus der anwesenden Gläubigen begleitet.

Damit verbindet sich die Stimme des Papstes mit der Sorge des Patriarchen um die christliche Bevölkerung des Heiligen Landes. Kardinal Pizzaballa spricht aus der unmittelbaren Nähe zu den Gemeinden, die dort leben; Leo XIV. richtet den Blick auf die politische und internationale Dimension des Konflikts.
Beides gehört zusammen. Die Kirche kann die Gewalt gegen Zivilisten nicht schweigend hinnehmen – unabhängig davon, welcher Volksgruppe oder Religion die Betroffenen angehören. Vor allem muß sie darauf bestehen, daß die christliche Präsenz im Heiligen Land nicht als nebensächliches Relikt behandelt und der Zugang zu den Heiligen Stätten garantiert wird.
Der zerbrochene Kreuzweg von Jaffa, das bedrängte Christendorf Taibeh und der Appell des Papstes führen zu einer gemeinsamen Frage: Wird das Heilige Land auch künftig ein Land sein, in dem Christen als lebendige Gemeinschaft existieren können?
Die Antwort darauf wird nicht durch politische Resolutionen gegeben werden. Pizzaballas Wort weist in diese Richtung: Das Böse hat nicht die absolute Macht. Das ist mehr als Trost. Es ist eine Absage an die Versuchung der Verzweiflung.
Wo Kreuze zerbrochen werden, kann die Kirche nicht mit ängstlicher Zurückhaltung antworten. Wo Christen unter Druck geraten, darf sie nicht verstummen. Wo das Christentum im Namen eines falsch verstandenen Dialogs seine eigenen Glaubensinhalte verschweigt, verliert es jene Stimme, die das Heilige Land so dringend braucht.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/VaticanNews/Youtube (Screenshot)
Hinterlasse jetzt einen Kommentar