Die Hoffnungen vieler tradionsverbundener Gläubigen auf eine Rücknahme der unter Papst Franziskus eingeführten Restriktionen gegen den überlieferten Ritus dürften sich nicht erfüllen, geht es nach Kardinal Arthur Roche, Präfekt des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. In einem Interview mit The Tablet sagte Roche, daß Papst Leo XIV. weder das Motu proprio Traditionis custodes ändern noch zum früheren Rechtszustand unter Summorum Pontificum von Papst Benedikt XVI. zurückkehren werde.
Der englische Kardinal sagte, Papst Leo werde „nicht zu Summorum Pontificum zurückgehen“. Damit bestätigte Roche die bisherige Linie des Heiligen Stuhles, die der Zelebration der überlieferten lateinischen Messe enge Grenzen setzt.
Die Frage der überlieferten Liturgie sei jedoch komplex, betonte der Kardinal. Im Mittelpunkt stehe „die Einheit der Kirche“. Die Eucharistie sei „das Sakrament der Einheit“ und der Ort, an dem alle Gläubigen gemeinsam die heilige Messe feiern sollten. Wenn die Liturgie beginne, die Gläubigen zu spalten, „stimme etwas ernsthaft nicht“.
Kardinal Roche wies zugleich Vorwürfe zurück, Anhänger der traditionellen Messe würden verfolgt. Er verwies darauf, daß unter den geltenden Bestimmungen weiterhin Möglichkeiten zur Feier der alten Liturgie bestünden. Zugleich kritisierte er scharf Äußerungen einzelner Vertreter traditioneller Kreise, die sich in verletzender Weise über kirchliche Verantwortliche äußerten.
Der Präfekt stellte jedoch klar, daß er die alte Form der Liturgie nicht als falsch ansehe. Der entscheidende Punkt liege vielmehr in der vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschten Erneuerung der Kirche und ihrer stärkeren missionarischen Ausrichtung. Die erneuerte Liturgie habe den Gläubigen einen größeren Reichtum an biblischen Texten und eine vertiefte Teilnahme am gottesdienstlichen Geschehen eröffnet.
Roche hob hervor, daß nach dem Verständnis der nachkonziliaren Liturgie das gesamte Volk Gottes Anteil an der Feier der Eucharistie habe. Weil die Getauften ein priesterliches Volk seien, feierten auch sie gemeinsam mit dem Priester.
Neben liturgischen Fragen sprach Kardinal Roche in dem Interview über seine letzten Begegnungen mit Papst Franziskus. Er berichtete, daß er den verstorbenen Papst noch am Tag vor dessen Tod gesehen habe. Franziskus habe seine Ärzte gebeten, ihn noch einmal zu den Menschen auf den Petersplatz zu bringen. Nach der Fahrt im Papamobil habe er gesagt: „Danke, daß ihr mich zu den Menschen gebracht habt.“
Roche widersprach außerdem dem Eindruck, der Vatikan sei ein abgeschlossener Ort fern von den Sorgen der Welt. Bei der jüngsten Kardinalsversammlung hätten Bischöfe aus Kriegsgebieten unmittelbar von der Härte und Grausamkeit bewaffneter Konflikte berichtet.
Der Kardinal betonte die Bedeutung der Begegnung mit den Ortskirchen. Besonders die Bischöfe aus ärmeren Ländern oder aus Gebieten mit Verfolgung zeigten häufig eine bemerkenswerte Lebendigkeit des Glaubens. Diese Begegnungen seien für ihn eine Ermutigung und ein Zeichen dafür, daß die Kirche lebendig sei.
Auf die Frage nach dem Wesen eines praktizierenden Katholiken antwortete Roche eindeutig: Ein Katholik müsse sich konkret an Christus binden, und diese Bindung zeige sich vor allem in der Teilnahme an der heiligen Messe. Der Glaube sei keine bloße innere Überzeugung, sondern eine wirkliche Verpflichtung.
Auch über persönliche Glaubenserfahrungen sprach der Kardinal. Er räumte ein, daß es in seinem Leben Zeiten des Fragens und Zweifelns gegeben habe. Als Beispiel nannte er die Enzyklika Humanae vitae von Papst Paul VI., deren Warnungen vor bestimmten Entwicklungen in der modernen Gesellschaft heute aus seiner Sicht neue Bedeutung gewonnen hätten.
Die größte geistliche Versuchung sei die Selbsttäuschung. Aus seiner Zeit als Krankenhausseelsorger erinnerte Roche an schwer leidende Menschen am Lebensende. Heute müsse niemand mehr unnötig unter Schmerzen leiden, doch echte Barmherzigkeit bestehe darin, die Würde und Menschlichkeit des Menschen bis zuletzt zu bewahren.
Die Kernaussage Kardinal Roches war jedoch, daß unter Papst Leo XIV. vorerst keine Rückkehr zu den großzügigeren Regelungen von Summorum Pontificum zu erwarten ist.
Kardinal Roche wurde 1975 für seine Heimatdiözese Leeds zum Priester geweiht und erwarb in Rom das Lizenziat in Theologie. Anschließend wurde er Generalsekretär der Bischofskonferenz von England und Wales. 2001 ernannte ihn Johannes Paul II. zum Weihbischof von Westminster; die Bischofsweihe empfing er von dem inzwischen verstorbenen Kardinal Cormac Murphy-O’Connor, damals Erzbischof von Westminster. Murphy-O’Connor, der Roche ausdrücklich als Weihbischof gewünscht hatte, gehörte zur purpurnen Vierergruppe des Team Bergoglio, das 2013 die Wahl von Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst vorbereitete.
2002 wurde Roche zum Koadjutorbischof von Leeds ernannt, wo er 2004 das Amt als Diözesanbischof antrat.
2012 berief ihn Papst Benedikt XVI. nach Rom und ernannte ihn zum Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung – eine Personalentscheidung, die bis heute Rätsel aufgibt. Benedikt ersetzte damit den traditionsfreundlichen Kurienerzbischof Joseph Augustine Di Noia OP durch den traditionsfeindlichen Roche.
Als Kardinal Robert Sarah altersbedingt als Präfekt der Gottesdienstkongregation emeritiert werden konnte und Benedikt XVI. aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu möglichen Reaktionen in der Lage war, beförderte Papst Franziskus Arthur Roche im Mai 2021 zum Präfekten und erließ zwei Monate später das restriktive, traditionsfeindliche Motu proprio Traditionis custodes.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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