Die Bischofsweihen und die Zukunft der FSSPX

Meine große Sorge...


Erzbischof Marcel Lefebvre und die Piusbruderschaft. Caminante Wanderer stellt die Frage, was sie von der Römisch-katholischen Kirche der alt-bischöflichen Klerisei und den Altkatholiken unterscheidet.
Erzbischof Marcel Lefebvre und die Piusbruderschaft. Caminante Wanderer stellt die Frage, was sie von der Römisch-katholischen Kirche der alt-bischöflichen Klerisei und den Altkatholiken unterscheidet.

Von Cami­nan­te Wanderer*

Mor­gen wird die FSSPX vier Bischö­fe ohne päpst­li­ches Man­dat wei­hen. Nach dem Codex des Kano­ni­schen Rech­tes wird über die wei­hen­den und geweih­ten Per­so­nen die Exkom­mu­ni­ka­ti­on latae sen­ten­tiae ver­hängt wer­den, und es ist zu erwar­ten, daß der Papst die­sel­be Stra­fe aus­drück­lich erklä­ren wird. Zwar gibt es angeb­lich schlüs­si­ge Dar­stel­lun­gen, die behaup­ten, daß sich die Exkom­mu­ni­ka­tio­nen auch auf Prie­ster und Gläu­bi­ge erstrecken wer­den, doch ist dies nicht wahr­schein­lich. Ich schät­ze, daß Leo XIV. sich an die von Johan­nes Paul II. begrün­de­te Recht­spre­chung hal­ten wird, die bei den ersten Wei­hen die­ser Art ange­wandt wurde.

Ich muß sagen, daß es sich hier­bei um ein beson­ders schmerz­li­ches The­ma für die gan­ze Kir­che han­delt – gera­de des­halb ver­ste­he ich die Eupho­rie vie­ler nicht – und auch für mich per­sön­lich, da ich der FSSPX eine gro­ße Dank­bar­keit ent­ge­gen­brin­ge: Ich habe durch ihre Prie­ster unzäh­li­ge Male die Sakra­men­te emp­fan­gen, und ich habe vie­le sehr lie­be und inni­ge Freun­de unter ihren Gläu­bi­gen. Den­noch bin ich, wie ich bereits sag­te, als die Wei­hen ange­kün­digt wur­den, mit die­ser Maß­nah­me nicht ein­ver­stan­den, und ich wer­de die­sen Bei­trag dazu ver­wen­den, die wich­tig­sten Grün­de zu erläu­tern, die mich zu die­ser Auf­fas­sung führen.

Ich wer­de mich nicht auf die Fra­ge der Zweck­mä­ßig­keit die­ser Wei­hen bezie­hen, denn ich habe bei die­ser Ange­le­gen­heit nichts zu ent­schei­den, obwohl ich von mei­nem beschei­de­nen Stand­punkt aus nicht ver­ste­he, war­um sie die­se Wei­hen nicht wäh­rend des Pon­ti­fi­ka­tes von Fran­zis­kus vor­ge­nom­men haben, der sie nicht bestraft hät­te. Und da ich weder Theo­lo­ge noch Kir­chen­recht­ler bin, bezie­hen sich mei­ne Grün­de auch nicht auf die­se Fach­ge­bie­te, denn es wäre nicht seri­ös, über Din­ge zu urtei­len, die ich nicht ken­ne, auch wenn ich auf eini­ge weni­ge Punk­te ein­ge­hen werde.

Was die Exkom­mu­ni­ka­tio­nen betrifft, erlau­be ich mir, an ihrer Gül­tig­keit zu zwei­feln, eben­so wie ich stets an der Gül­tig­keit der ersten Exkom­mu­ni­ka­tio­nen durch Johan­nes Paul II. gezwei­felt habe. Mein Zwei­fel grün­det sich auf eine Tat­sa­che, die vie­le Kano­ni­sten ver­tre­ten: Der CIC von 1983 ent­hält ein sub­jek­ti­ves Ele­ment, aus dem geschlos­sen wer­den kann, daß die­se Exkom­mu­ni­ka­tio­nen ungül­tig sein könn­ten und daß sie jeden­falls, um gül­tig zu sein, nach einem kano­ni­schen Ver­fah­ren aus­ge­spro­chen wer­den müß­ten; eine ein­fa­che päpst­li­che Erklä­rung wäre dafür nicht ausreichend.

Im Juni 1995 ver­tei­dig­te Pater Gerald E. Mur­ray an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na in Rom mit gro­ßem Glanz sei­ne Dis­ser­ta­ti­on über das The­ma: The Cano­ni­cal Sta­tus of the Lay Faithful Asso­cia­ted with the Late Arch­bi­shop Mar­cel Lefeb­v­re and the Socie­ty of St. Pius X: Are they Excom­mu­ni­ca­ted as Schis­ma­tics? („Der kano­ni­sche Sta­tus der mit dem ver­stor­be­nen Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re und der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. ver­bun­de­nen Lai­en­gläu­bi­gen: Sind sie als Schis­ma­ti­ker exkommuniziert?“).

In jenen Jah­ren leb­te ich in Rom, und ich erin­ne­re mich, daß die Ver­tei­di­gung die­ser Dis­ser­ta­ti­on eine gro­ße Men­schen­men­ge anzog und gro­ßes Auf­se­hen erreg­te. Sie wur­de mit der höch­sten Bewer­tung ange­nom­men. Pater Mur­ray, ein ame­ri­ka­ni­scher Prie­ster ohne jede Ver­bin­dung zur Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., ver­trat die Ansicht, daß die gegen Erz­bi­schof Lefeb­v­re, Bischof de Castro May­er und die vier ohne päpst­li­ches Man­dat geweih­ten Bischö­fe aus­ge­spro­che­ne Exkom­mu­ni­ka­ti­on latae sen­ten­tiae nach stren­gem Kir­chen­recht nicht gül­tig gewe­sen sei; eben­so wenig sei der damit ver­bun­de­ne Vor­wurf eines for­ma­len Schis­mas gültig.

Das Ergeb­nis der Dis­ser­ta­ti­on lautete:

„Die Prü­fung der Umstän­de, unter denen Mon­si­gno­re Lefeb­v­re zur Bischofs­wei­he schritt, im Lich­te der Cano­nes 1321, 1323 und 1324, führt zumin­dest zu einem erheb­li­chen Zwei­fel, wenn nicht sogar zu einer ver­nünf­ti­gen Gewiß­heit gegen die Gül­tig­keit der von der Bischofs­kon­gre­ga­ti­on aus­ge­spro­che­nen Exkommunikation.“

Das Argu­ment stütz­te sich dar­auf, daß Lefeb­v­re unter einer sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung eines Not­stan­des gehan­delt habe (can. 1323, Nr. 4 und can. 1324 §1, Nr. 8), was nach dem CIC von 1983 — im Unter­schied zum frü­he­ren Codex — eine straf­be­frei­en­de oder straf­mil­dern­de Wir­kung besitzt, selbst wenn die­se Wahr­neh­mung irr­tüm­lich oder schuld­haft gewe­sen sein sollte.

Es stimmt, daß Pater Mur­ray im Som­mer 1996 teil­wei­se von sei­ner eige­nen Dis­ser­ta­ti­on abrück­te und daß der Päpst­li­che Rat für die Inter­pre­ta­ti­on der Geset­zes­tex­te sei­ne geän­der­te Auf­fas­sung ver­öf­fent­lich­te, wonach die Exkom­mu­ni­ka­tio­nen gerecht­fer­tigt gewe­sen sei­en. Den­noch sind Mur­rays kir­chen­recht­li­che Argu­men­te soli­de, und die von mir befrag­ten Kano­ni­sten hal­ten sei­ne Posi­ti­on für sehr ver­nünf­tig. Wenn dies damals der Fall war, wird es auch die­ses Mal so sein.

Was das Schis­ma betrifft – die­ses klei­ne, stig­ma­ti­sie­ren­de Wort, das Neo­kon­ser­va­ti­ve und Pro­gres­si­sten so ger­ne ver­wen­den – so ist es sehr ein­fach, es der Bru­der­schaft zuzu­schrei­ben. Ich glau­be jedoch nicht, daß es sich ledig­lich dar­um han­delt, den Lefeb­v­ri­sten ein Eti­kett auf den Rücken zu kleben.

Ein Schis­ma­ti­ker zu sein ist eine ern­ste Ange­le­gen­heit, und wenn sie es sind, um wie­viel mehr sind es dann die deut­schen Syn­oda­len oder, um nicht wei­ter aus­zu­ho­len, die Schar der Boo­mer-Prie­ster, die in ihren Sonn­tags­pre­dig­ten Irr­leh­ren ver­brei­ten und sich auf die­se Wei­se von dem ent­fer­nen, was der apo­sto­li­sche Glau­be lehrt.

Die FSSPX hält schlicht an den Grund­sät­zen des Glau­bens und der Lit­ur­gie fest, wel­che die Kir­che wäh­rend zwan­zig Jahr­hun­der­ten bewahrt hat; nicht mehr und nicht weni­ger, ohne etwas hin­zu­zu­fü­gen oder weg­zu­neh­men. Es fällt mir schwer, dar­in ein Schis­ma zu erken­nen. Etwas ande­res ist es, daß es Mit­glie­der der Bru­der­schaft, Prie­ster und Lai­en, gibt, die einen schis­ma­ti­schen Geist besit­zen; das ist wahr, aber man kann nicht das Gan­ze nach einem Teil beurteilen.

Es gibt aller­dings eine Tat­sa­che, die die­ser letz­ten Argu­men­ta­ti­on ent­ge­gen­steht. Es ist bekannt, daß die FSSPX eige­ne Gerich­te besitzt, die sich mit Ehe­nich­tig­keits­ver­fah­ren befas­sen. Mit ande­ren Wor­ten: Ehen, die von den gewöhn­li­chen diö­ze­sa­nen Gerich­ten für nich­tig erklärt wur­den, wer­den von der Bru­der­schaft nicht als sol­che anerkannt.

Wenn dies so ist – und es ist so – bedeu­tet dies, daß sich die Bru­der­schaft eine Gerichts­bar­keit über die Gläu­bi­gen anmaßt, und sich Gerichts­bar­keit anzu­ma­ßen, ist äußerst schwerwiegend.

Man könn­te argu­men­tie­ren, daß die­se „Gerich­te“ in Wahr­heit Kom­mis­sio­nen von Kano­ni­sten sind, die inter­ne Gut­ach­ten abge­ben, um das Ver­hal­ten ihrer Gläu­bi­gen zu len­ken. Die tech­ni­sche Fra­ge lau­tet: Stel­len sie wirk­li­che Gerich­te im kano­ni­schen Sin­ne dar, also Orga­ne, die Urtei­le mit recht­lich bin­den­der Wir­kung im äuße­ren Bereich der Kir­che fällen?

Wenn sie außer­halb der Bru­der­schaft kei­ne kano­nisch aner­kann­ten Rechts­wir­kun­gen her­vor­brin­gen, könn­ten sie eher als inter­ne Bera­tung denn als eigent­li­che Aus­übung von Gerichts­bar­keit bezeich­net wer­den. Die Tat­sa­che bleibt jedoch bestehen, daß die­se Bera­tun­gen in der Pra­xis wie Urtei­le behan­delt wer­den. Es han­delt sich um eine ern­ste Fra­ge, aber da ich kein Kano­nist bin, las­se ich sie hier ste­hen, damit die Fach­leu­te sie lösen mögen, wenn sie können.

Kom­men wir nun zu dem, was mei­ner Mei­nung nach das Schwer­wie­gend­ste an die­sen Wei­hen ist, über die theo­lo­gi­schen und dog­ma­ti­schen Fra­gen hin­aus. Ich sehe dar­in ein histo­ri­sches Argu­ment und ein wei­te­res, das ich ein exi­sten­ti­el­les nen­nen würde.

Das erste besteht dar­in, sich anzu­se­hen, was mit jenen Gemein­schaf­ten geschah, die sich aus ver­schie­de­nen, alle­samt ver­ständ­li­chen Grün­den von der sicht­ba­ren Gemein­schaft der Kir­che trennten.

Die Kir­che von Utrecht, die sich von Rom trenn­te, indem sie eige­ne Bischö­fe weih­te, stell­te sich nicht als neue Kir­che dar, son­dern als Fort­set­zung der ursprüng­li­chen katho­li­schen Kir­che in den Nie­der­lan­den, treu zur patri­sti­schen und kon­zi­lia­ren Tra­di­ti­on gegen­über den ultra­mon­ta­nen Neuerungen.

Etwas Ähn­li­ches geschah mit den Alt­ka­tho­li­ken nach dem Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Vor eini­gen Wochen las ich eini­ge Schrif­ten von Johann von Döl­lin­ger, dem Füh­rer die­ser letz­te­ren Bewe­gung, und es erstaunt, daß er Ende des 19. Jahr­hun­derts Argu­men­te und Aus­drücke ver­wen­de­te, die fast iden­tisch sind mit denen, wel­che die FSSPX heu­te benutzt:

„Wir tren­nen uns nicht von Rom, son­dern Rom trennt sich von der katho­li­schen Kir­che und vom Christentum.“

Das sind sei­ne Wor­te, und sie klin­gen uns sehr ver­traut. Man muß nur betrach­ten, was mit die­sen bei­den Gemein­schaf­ten geschah, die sich von der sicht­ba­ren Gemein­schaft getrennt haben. War­um soll­te ihre Ent­wick­lung anders ver­lau­fen als das, was mit der Bru­der­schaft in eini­gen Jahr­zehn­ten gesche­hen könnte?

Histo­ria magi­stra vitae, sag­te Cice­ro. Und ein Bei­spiel dafür haben wir dar­in, daß einer der von Mon­si­gno­re Lefeb­v­re geweih­ten Bischö­fe sich auf­lehn­te und welt­weit eine Rei­he neu­er, sedis­va­kan­ti­sti­scher Bischö­fe hervorbrachte.

Das zwei­te Pro­blem ist greif­ba­rer und offen­sicht­li­cher. Die erste Gene­ra­ti­on der Lefeb­v­ri­sten (ich ver­wen­de die­sen Begriff ohne belei­di­gen­de Absicht), jene, die sich als Jugend­li­che oder Erwach­se­ne inmit­ten des kirch­li­chen Cha­os der sieb­zi­ger Jah­re der Bru­der­schaft anschlos­sen, leb­te ihre Situa­ti­on inner­lich mit der Fremd­heit, dem Schmerz und der Unbe­quem­lich­keit, in der Kir­che zu sein und doch nicht wirk­lich dazu­zu­ge­hö­ren; den Papst und die jahr­hun­der­te­al­ten Leh­ren der Kir­che zu ver­tei­di­gen und sich zugleich vom sel­ben Papst und vor allem von den Bischö­fen ver­folgt, ver­ach­tet und bestraft zu sehen.

Den­noch dach­ten sie, daß es sich um eine vor­über­ge­hen­de Situa­ti­on han­del­te, und sehn­ten sich nach der Rück­kehr zur „vol­len Gemein­schaft“, weil sie sicher waren, daß der Sturm vor­über­ge­hen würde.

Vie­le die­ser Gene­ra­ti­on sind bereits ver­stor­ben, und der Rest gehört zur Grup­pe der „älte­ren Erwachsenen“.

Die fol­gen­de Gene­ra­ti­on, jene, die heu­te zwi­schen vier­zig und sech­zig Jah­re alt ist, erleb­te die­se Unbe­quem­lich­keit und die­ses Bedürf­nis nicht in glei­cher Wei­se inner­lich; es wur­de für sie nor­mal, zur Mes­se „in die Kapel­le“ zu gehen, „in der Tra­di­ti­on“ zu ste­hen, den blau­en Auf­kle­ber auf das Auto zu kle­ben und sich all­mäh­lich von dem zu ent­fer­nen, was in der Pfar­rei um die Ecke, im ört­li­chen Bis­tum oder in der Welt­kir­che geschah.

Man kann sich leicht vor­stel­len, in wel­cher Situa­ti­on ihre Kin­der und Enkel leben, also die drit­te und vier­te Lefeb­v­re-Gene­ra­ti­on. Für sie ist die Kir­che die Kapel­le, und die ein­zi­gen Prie­ster und Bischö­fe, die sie ken­nen, sind jene der Bruderschaft.

Die­ser Pro­zeß hat sich in den ver­gan­ge­nen vier­zig Jah­ren ent­wickelt; die neu­en Bischofs­wei­hen wer­den eine neue Pha­se von wei­te­ren vier­zig Jah­ren eröffnen.

Was wird dann mit der sech­sten oder sieb­ten Gene­ra­ti­on der gebo­re­nen Lefeb­v­ri­sten gesche­hen? Wel­ches Bewußt­sein wer­den sie davon haben, zur ein­zi­gen und unge­teil­ten Kir­che Chri­sti zu gehö­ren, deren Ein­heit sich in der Gestalt des Römi­schen Pon­ti­fex findet?

Mei­ne gro­ße Sor­ge ist, daß sie das­sel­be Bewußt­sein haben wer­den wie heu­te die zehn­te Gene­ra­ti­on der Alt­ka­tho­li­ken. Und daß die FSSPX, von der Gemein­schaft der Kir­che getrennt, den­sel­ben Weg hin­ab­glei­tet wie alle Grup­pen, die sich von Petrus getrennt haben.

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Phi­lo­soph und Blogger.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cami­nan­te Wanderer

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