Kardinal Camillo Ruini verstorben – Eine Schlüsselfigur der Nachkonzilszeit

Treuer Gefährte von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.


Kardinal Camillo Ruini mit Papst Benedikt XVI.
Kardinal Camillo Ruini mit Papst Benedikt XVI.

Mit dem Tod von Kar­di­nal Camil­lo Rui­ni am 16. Juni 2026 im Alter von 95 Jah­ren endet das Lebens­zeug­nis eines Kir­chen­man­nes, der in erheb­li­chem Maße die inne­re Struk­tur und die öffent­li­che Posi­tio­nie­rung der ita­lie­ni­schen Kir­che in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts präg­te. Rui­ni war nicht bloß Ver­wal­tungs­fi­gur oder ein Bischof unter vie­len, son­dern ein zen­tra­ler Archi­tekt jener kirch­li­chen Ord­nung, die unter Johan­nes Paul II. und in Tei­len noch unter Bene­dikt XVI. zu sta­bi­li­sie­ren ver­sucht wurde.

Aufstieg unter Johannes Paul II.

Die Kar­rie­re Rui­nis ist untrenn­bar mit der Per­so­nal­po­li­tik Johan­nes Pauls II. ver­bun­den. Der pol­ni­sche Papst, der die Kir­che nach den Span­nun­gen der spä­ten 1960er und der 1970er wie­der stär­ker in eine lehr­amt­lich aus­ge­rich­te­te und öffent­lich sicht­ba­re Posi­ti­on füh­ren woll­te, erkann­te früh die Fähig­kei­ten des ita­lie­ni­schen Theo­lo­gen und spä­te­ren Bischofs.

Rui­ni wur­de gezielt in jene Posi­tio­nen gebracht, in denen er nicht nur pasto­ra­le Ver­ant­wor­tung trug, son­dern struk­tu­rel­le Steue­rungs­funk­tio­nen aus­üb­te. Nach­dem sich Rui­ni als Weih­bi­schof einer nord­ita­lie­ni­schen Stadt mit stark pola­ri­sier­tem poli­ti­schen Kli­ma bewährt hat­te, ernann­te ihn der pol­ni­sche Papst 1986 zum Gene­ral­se­kre­tär der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz. 1991 folg­te die Ernen­nung zum Gene­ral­vi­kar von Rom und zum Vor­sit­zen­den der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz. Die­se Dop­pel­funk­ti­on bedeu­te­te fak­tisch eine sehr star­ke Bün­de­lung kirch­li­cher Macht in einer Per­son, die das Ver­trau­en des Pap­stes genß und des­sen pasto­ra­le Linie in Ita­li­en orga­ni­sa­to­risch absi­cher­te. Johan­nes Paul II. war bemüht die zen­tri­fu­ga­len Kräf­te unter Kon­trol­le zu brin­gen, indem er durch einen Mann sei­nes abso­lu­ten Ver­trau­ens selbst die Füh­rung über­nahm. For­mal ist der Papst Vor­sit­zen­der der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz und kann daher sowohl den Vor­sit­zen­den als auch den Gene­ral­se­kre­tär eigen­mäch­tig bestimmen.

Noch im Jahr 1991 wur­de Rui­ni von Johan­nes Paul II. in den Kar­di­nals­rang erho­ben und damit zum kirch­li­chen „Ope­ra­tor“ einer Pha­se, in der Rom bewußt auf Sta­bi­li­sie­rung, lehr­amt­li­che Klar­heit und öffent­li­che Prä­senz setzte.

Zugleich wur­de Rui­ni Erz­prie­ster der Late­ran­ba­si­li­ka, Mut­ter und Haupt aller Kir­chen weltweit.

Italienische Kirche als politisch-kultureller Akteur

Unter Kar­di­nal Rui­nis Füh­rung ent­wickel­te sich die Ita­lie­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz zu einem der ein­fluß­reich­sten kirch­li­chen Gre­mi­en Euro­pas. Fra­gen von Bio­ethik, Fami­lie, Lebens­schutz und gesell­schaft­li­cher Moral wur­den nicht als Rand­the­men behan­delt, son­dern als zen­tra­le Aus­ein­an­der­set­zungs­fel­der zwi­schen Kir­che und moder­ner Gesell­schaft ver­stan­den. Dabei han­del­te der Pur­pur­trä­ger aus der Emi­lia in allen sei­nen Schrit­ten in eng­ster Abspra­che mit dem Vatikan.

Die­se Pha­se war geprägt von einer bewuß­ten Gegen­po­si­ti­on zu zuneh­men­den Säku­la­ri­sie­rungs­ten­den­zen. Rui­ni ver­trat dabei kei­ne „inner­kirch­li­che Ver­wal­tungs­lo­gik“, son­dern eine klar mis­sio­na­risch ver­stan­de­ne Öffent­lich­keit der Kirche.

Benedikt XVI. und die Fortsetzung institutioneller Vertrauenslinien

Auch unter Bene­dikt XVI. blieb Rui­ni eine Figur des Ver­trau­ens im kirch­li­chen Zen­trum. Sei­ne Rol­le als Kar­di­nal­vi­kar von Rom und Archi­p­res­by­ter der Late­ran­ba­si­li­ka unter­strich sei­ne Stel­lung inner­halb der römi­schen Kir­chen­ver­fas­sung, wenn­gleich die per­sön­li­che Ver­bun­den­heit nicht jene wie mit dem pol­ni­schen Papst war. 2007/​2008 wur­de Rui­ni im Alter von 77 Jah­ren aus sei­nen füh­ren­den Ämtern emeritiert. 

Beson­de­re Bedeu­tung erhielt jedoch sei­ne spä­te­re Ernen­nung durch Bene­dikt XVI. zum Vor­sit­zen­den der inter­na­tio­na­len Unter­su­chungs­kom­mis­si­on zum Phä­no­men Med­jug­or­je. Die soge­nann­te Rui­ni-Kom­mis­si­on arbei­te­te meh­re­re Jah­re lang und woll­te ihre Ergeb­nis­se über­ge­ben, als Bene­dikt jedoch über­ra­schend sei­nen Amts­ver­zicht erklär­te. So erfolg­te die Über­ga­be erst 2014 unter Papst Fran­zis­kus und wur­de bis heu­te nicht ver­öf­fent­licht. Daß gera­de Rui­ni mit die­ser sen­si­blen Auf­ga­be betraut wur­de, zeigt die anhal­ten­de Ein­schät­zung sei­ner kirch­li­chen Urteils­kraft in Fra­gen von Leh­re, Fröm­mig­keit und kirch­li­cher Unterscheidung.

Rui­ni wird als Ver­tre­ter einer Epo­che gese­hen, in der die Kir­che noch mit insti­tu­tio­nel­ler Geschlos­sen­heit und lehr­amt­li­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit auf­trat. Er stand weni­ger für lit­ur­gi­sche oder spi­ri­tua­li­täts­be­zo­ge­ne Strö­mun­gen, son­dern für die kir­chen­po­li­ti­sche und struk­tu­rel­le Sta­bi­li­tät einer Pha­se, die heu­te viel­fach als abge­schlos­sen gilt. Zum über­lie­fer­ten Ritus und der damit ver­bun­de­nen Fra­ge äußer­te er sich nur sehr zurück­hal­tend. Er war in allem der päpst­li­chen Linie gegen­über loy­al, ohne sich lit­ur­gi­sche Fra­gen zu eigen zu machen.

Ins­ge­samt war Kar­di­nal Rui­ni kei­ne Figur der Restau­ra­ti­on, als den ihn pro­gres­si­ve Krei­se wie­der­holt zeich­ne­ten, son­dern ein Ver­tre­ter jener vati­ka­ni­schen Nach­kon­zils­ord­nung, die mit unter­schied­li­chen Akzen­ten, je nach Pon­ti­fi­kat, ver­such­te, Moder­ni­tät und kirch­li­che Kon­ti­nui­tät inner­halb eines klar hier­ar­chi­schen Rah­mens zu verbinden.

Schluß einer Epoche

Mit Camil­lo Rui­ni tritt eine jener Per­sön­lich­kei­ten ab, die nicht durch spek­ta­ku­lä­re Ein­zel­ent­schei­dun­gen, son­dern durch lang­fri­sti­ge Struk­tur­prä­gung kirch­li­cher Rea­li­tät wirk­sam wur­den. Er wirk­te mehr wie ein Statt­hal­ter für den ihn beauf­tra­gen­den Papst. Sei­ne Lauf­bahn ist eng ver­bun­den mit dem Pon­ti­fi­kat Johan­nes Pauls II., abge­schwächt auch jenem von Bene­dikt XVI., also jener Pha­se, in der die römi­sche Kir­che zunächst noch mit erheb­li­cher insti­tu­tio­nel­ler Auto­ri­tät in Gesell­schaft und Kul­tur hineinwirkte.

Sein Tod mar­kiert daher nicht nur das Ende eines Lebens, son­dern das sym­bo­li­sche Ende einer kirch­li­chen Gestalt, die in die­ser Form zuneh­mend schwindet.

Requiescat in pace.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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