Der Souveräne Malteserorden führt bis morgen seine 68. internationale Wallfahrt nach Lourdes durch. Im Rahmen des Programms findet unter anderem ein „internationales Pontifikalamt“ statt, der Kardinal Arthur Roche, Präfekt des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung im Vatikan, vorstehen wird.
Der „Vorsteher“ in der Messe
Mit der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Einführung des Novus Ordo Missae (1970) wurde die bereits im Konzilsdokument Sacrosanctum concilium von 1963 erlaubte Konzelebration in der lateinischen Kirche normativ vorgesehen und stark gefördert. Damit veränderte sich auch die sprachliche Beschreibung der liturgischen Rollen.
Bis dahin war im römischen Sprachgebrauch durchgehend vom celebrans die Rede, also vom Priester, der die Messe zelebriert und damit das eucharistische Geschehen vollzieht. Diese Terminologie blieb im lateinischen Grundbestand der Liturgie weiterhin bestehen.
Mit der Zulassung und Förderung der Konzelebration ergab sich jedoch, konkret ab 1970, die Notwendigkeit, innerhalb gemeinsamer Feiern zwischen mehreren Priestern zu unterscheiden. Dabei etablierte sich der Begriff des praesidens (bzw. praesidens liturgiae) für denjenigen, der der Feier vorsteht, während die übrigen Priester als Konzelebranten bezeichnet werden.
Dabei ging es nicht nur um einen neuen Begriff, sondern um eine allgemeinere liturgietheologische Akzentverschiebung: die Gemeinde war nun das feiernde Subjekt, der Priester ihr Vorsitzender.
In den Volkssprachen wurden diese Begriffe seit den 1970er Jahren unterschiedlich übersetzt. Besonders früh setzte sich im deutschen Sprachraum die Bezeichnung „Vorsteher“ (wörtlich „Vorsitzender“) durch, die das lateinische praesidens funktional wiedergibt.
In Rom setzte sich diese Veränderung erst unter Papst Franziskus konsequent durch, insbesondere in den letzten Jahren seines Pontifikats, in denen er selbst nicht mehr zelebrierte, sondern sich am Altar durch Kardinäle vertreten ließ, sich jedoch als „Vorsteher“ ankündigen ließ. Diese auch optisch ungewöhnliche Situation wurde durch die 1963/1970 eingeführte Konzelebration ermöglicht.
Kardinal Roche in Lourdes
Die Anwesenheit von Kardinal Roche ist insofern bemerkenswert, als er in kirchlichen Debatten seit Jahren eine zentrale Rolle in der Umsetzung der vatikanischen Regulierung der Meßformen spielt. Konkret setzt er die Liturgiereform von 1970 um, während er im Sinne von Traditionis custodes die Zelebration des überlieferten Ritus torpediert.
Roche selbst betont hingegen, daß er nur für die konsequente Anwendung der geltenden liturgischen Normen stehe, wie sie insbesondere durch die jüngeren vatikanischen Regelungen zur Meßordnung bekräftigt wurden.

Neuerdings gibt es Gerüchte, die durch seine Anwesenheit in Lourdes neue Nahrung finden, daß Roche nächster Kardinalpatron des Malteserordens werden könnte. Im Herbst 2014 hatte Papst Franzikus Kardinal Raymond Burke auf diesen Posten strafversetzt. Der US-amerikanische Purpurträger war in der ersten Familiensynode jenes Jahres der äußere Wortführer der Verteidiger der traditionellen Ehe- und Morallehre gegen die Pläne von Papst Franziskus und Kardinal Walter Kasper gewesen, wiederverheiratete Geschiedene und andere „irreguläre Situationen“ zum Kommunionempfang zuzulassen. Franziskus setzte Burke als Präsident des Obersten Gerichtshofs der Apostolischen Signatur ab und entfernte ihn aus dem Vatikan, indem er ihn auf den Ehrenposten des Kardinalpatrons der Malteste wegbeförderte. Dort unterstützte der Kardinal jedoch den damaligen Fürsten und Großmeister Fra Matthew Festing gegen zeitgeistige Umtriebe. Fra Festing förderte im ältesten Ritterorden der Welt auch den überlieferten Römischen Ritus. Auch daran rächte sich Franziskus, indem er den 79. Großmeister 2017 zum Rücktritt zwang. Sein Nachfolger, der 2018 bis 2020 regierende 80. Großmeister Giacomo dalla Torre del Tempio di Sanguinetto erließ umgehend ein bis heute gültiges Dekret, das bei allen offiziellen Zeremonien des Malteserordens die Zelebration des überlieferten Ritus untersagt.
Der Malteserorden selbst befindet sich seit einigen Jahren in einer Phase intensiver, von Papst Franziskus verodneter innerer Neuordnung. Seit dem bergoglianischen Putsch von 2017 griff der Heilige Stuhl unter Franziskus mehrfach ein, um „Reformprozesse“ in Gang zu setzen. Der Orden erhielt in der Folge neue Konstitutionen, die seine institutionellen Strukturen enger an die vatikanischen Vorgaben binden.
2017 wurde Kardinal Burke zwar nicht auch als Kardinalpatron abgesetzt, aber dennoch erneut bestraft, indem Franziskus dem US-Amerikaner die Vertretung des Heiligen Stuhls beim Malteserorden entzog und den damaligen Kurienerzbischof Angelo Becciu zum Sonderdelegaten ernannte. Becciu wurde von Franziskus 2018 zum Kardinal erhoben, stürzte aber 2020 über eine Immobilienspekulation in London. Das deshalb gegen ihn eingeleitete Gerichtsverfahren ist noch anhängig.
Schon wenige Tage bevor Kardinal Burke Mitte 2023 sein 75. Lebensjahr vollendete, ersetzte ihn Franziskus unter Verweis auf kanonische Altersbeschränkungen als Kardinalpatron durch den Jesuiten Gianfranco Kardinal Ghirlanda – der zu deisem Zeitpunkt bereits über 80 war. Anfang Juli wird Kardinal Ghirlanda seinen 83. Geburtstag begehen, weshalb demnächst mit der Neuernennung des Kardinaltrons der Malteser gerechnet wird.
Rupniks Kunst
Die Bilder von Kardinal Roches Anwesenheit in Lourdes machten einen weiteren Punkt sichtbar: Die Mosaiken des Priesterkünstlers und ehemaligen Jesuiten Marko Ivan Rupnik sind im Marienheiligtum weiterhin sichtbar. Sie wurden nicht entfernt. Rupnik wird von einem Dutzend Ordensfrauen des sexuellen und psychischen Mißbrauchs beschuldigt. Das römischen Verfahren gegen ihn ist seit Jahren anhängig, kommt aber auch ein Jahr nach dem Tod von Papst Franziskus – Rupniks schützende Hand – nicht vom Fleck.
Aus Rücksicht auf Mißbrauchsopfer wurden ab Juli 2024 die Rupnik-Mosaike in Lourdes nicht mehr beleuchtet. Im Frühjahr 2025 wurden als noch deutlicheres Zeichen jene direkt über den Eingangstoren zum Heiligtum überdeckt, aber nicht entfernt. Diese Abdeckungen sind noch da, verdecken aber nur einen kleinen Teil der Rupnik-Mosaike, was den Eingriff von Anfang an eher zeifelhaft erscheinen ließ.
Ergebnisse einer damals eingesetzten Arbeitsgruppe, die Vorschläge erarbeiten sollte, was mit den Mosaiken geschehen solle, wurden bisher nicht bekannt. Offizielle diözesane Stellen verweisen auf laufende Prüfprozesse und den Bedarf weiterer Klärung.
Die Glaubenskongregation hatte Rupniks Exkommunikation als Tatstrafe festgestellt, doch wurde sie nie exekutiert, da Franziskus seinen Ordensmitbruder schützte. Erst auf öffentlichen Druck hin ordnete er 2023 ein neues Verfahren gegen Rupnik an, das sich seither aber nicht von der Stelle rührt.
Kardinal Roche ist einer der bedeutendsten Repräsentanten des bergoglianischen Pontifikats. Franziskus ernannte den englischen Purpurträger 2021, zwei Monate vor Erlaß des traditionsfeindlichen Motu proprio Traditionis custodes, zum Präfekten des römischen Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung.
Ob der Malteserorden, ob Rupnik und seine Werke, ob Lourdes, ob Kardinal Roche und der überlieferte Ritus, überall scheinen die 13 Jahre des bergoglianischen Pontifikats gegenwärtig zu sein und die Gegenwart der Kirche zu belasten.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: orderofmalta.int/Order de Malte/Facebook (Screenshots)
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