Der nigerianische Menschenrechtsaktivist Emeka Umeagbalasi kritisierte den vatikanischen Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin scharf. Umeagbalasi, Vorsitzender von Intersociety, wirft dem Kardinal vor, die extreme Gewalt gegen Christen in Nigeria zu verharmlosen und damit den islamistischen Tätern indirekt Schutz zu gewähren.
In einem Interview mit der katholischen US-Nachrichtenplattform Crux machte Umeagbalasi deutlich, daß die diplomatische Wortwahl Parolins die moralische Autorität der Kirche gegenüber den verfolgten Gläubigen untergrabe.
Die Kritik bezieht sich auf Äußerungen Parolins vom Oktober dieses Jahres, in denen er die Gewalt gegen Christen in Nigeria als „sozialen Konflikt“ und nicht als religiös motiviert darstellte. Die Aussagen fielen während einer Veranstaltung des Vatikans zum Jahresbericht 2025 über Religionsfreiheit des päpstlichen Hilfswerks Kirche in Not, in dem Nigeria zu den Staaten mit den gravierendsten Verletzungen der Religionsfreiheit gezählt wird.
„Parolin gewährt den Tätern Schutz“
Umeagbalasi betont, daß die Relativierung des religiösen Hintergrunds der Massaker die verfolgten Christen ihrer moralischen Verteidigung beraube und die Extremisten ermutige, ihre Angriffe fortzusetzen. Die von Parolin gewählte diplomatische Sprache relativiere die Ernsthaftigkeit der Situation und sende das gefährliche Signal aus, daß die Kirche die gezielte, religiös motivierte Gewalt nicht öffentlich anerkenne.
Der Menschenrechtsaktivist verweist auf internationale Berichte, die ein anderes Bild zeichnen, als es der Kardinalstaatssekretär tat: Laut dem KiN-Report 2025, der 196 Länder untersuchte, leben zwei Drittel der Weltbevölkerung in Staaten, in denen die Religionsfreiheit gravierend verletzt wird. Nigeria wird in der Kategorie der Länder geführt, in denen die „Verfolgung“ herrscht. Die Berichte heben hervor, daß die Gewalt eine Kombination aus islamistischem Extremismus und staatlichem Versagen darstellt.
Umeagbalasi zufolge demoralisiere die Haltung von Kardinal Parolin die Christen, die in ihrer exponierten Position von der Kirche Klarheit und Führung erwarten. Die Verharmlosung des religiösen Aspekts der antichristlichen Gewalt stehe im Widerspruch zu den nigerianischen Verfassungsbestimmungen und zum internationalen Recht auf Religionsfreiheit.

Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, besteht aus 36 Staaten und der Bundeshauptstadt. In zehn Staaten des Nordens gilt die Scharia für alle dort lebenden Menschen. Auch die christliche Minderheit von 15 bis 20 Prozent der Bewohner ist ihr unterworfen. Zwei Hauptgruppen sind verantwortlich für die Gewalt in Nigeria. Im Nordosten die Dschihadmiliz Boko Haram und im Nordwesten und in den mittleren Staaten die muslimischen Fulani-Milizen.
Die naheliegende Lösung des Konflikts durch Teilung des Landes zum Schutz der Christen, wie es 2011 im Sudan geschehen ist, wird weder vom derzeitigen politischen Establishment des Landes noch von der internationalen Staatengemeinschaft diskutiert.
Obwohl selbst VaticanNews 2023 von über 50.000 in Nigeria getöteten Christen berichtete, wird auch vom Heiligen Stuhl keine Teilung des Landes in einen christlichen Süden und einen islamischen Norden angeregt.
Da es keine Religionszählungen gibt, sind die Zahlenangaben vage. Einig sind sich die unterschiedlichen Quellen, daß Christen und Muslims etwa gleich stark sind, wobei manche Angaben ein leichtes islamisches Übergewicht angeben. Der Anteil der Christen wird mit 46 bis 49 Prozent angegeben, jener der Muslims mit 46 bis 51 Prozent.
Fakten widerlegen offizielle Darstellung
Umeagbalasi weist auch die Behauptung zurück, die Gewalt betreffe Muslime und Christen gleichermaßen. Er erklärt, daß muslimische Opfer meist interne Konflikte zwischen islamischen Gruppierungen in mehrheitlich muslimischen Bundesstaaten wie Zamfara, Sokoto oder Katsina betreffen. Christen hingegen würden gezielt aufgrund ihres Glaubens angegriffen.
Die Zahlen sprechen für sich: Von zehn religiös motivierte Tötungen in Nigeria betreffen sieben Christen und drei Muslime. Diese Ungleichverteilung zeige die systematische Absicht hinter der antichristlichen Gewalt.
Ein Jahrzehnte währender Genozid
Die Verfolgung von Christen in Nigeria ist kein neues Phänomen. Seit den 1950er Jahren kam es sporadisch zu Angriffen, doch ab 1999 verschärfte sich die Lage dramatisch, als zwölf nördliche Bundesstaaten die Scharia einführten. Der Aufstieg der islamistischen Terrormiliz Boko Haram ab 2009, verantwortlich unter anderem für Massenentführung von Mädchen wie im Jahr 2014, markierte einen weiteren Wendepunkt hin zur Gewalteskalation.
Auch Priester und Seminaristen sind Ziel der Angriffe. So berichtete die Diözese Auchi im Juli über einen Überfall auf das Kleine Seminar der Unbefleckten Empfängnis, bei dem ein Wachmann getötet und drei Seminaristen entführt wurden. Im August griffen Islamisten ein christliches Dorf an, töteten drei Menschen und verletzten weitere – nur zwei Monate nach einem Massaker in derselben Region mit über 200 Toten.
Laut dem Jahresbericht 2025 der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) wird die Gewalt durch das zögerliche oder unterlassene Eingreifen der nigerianischen Regierung begünstigt.
Parolins Haltung deckt sich mit offizieller Regierungslinie
Umeagbalasi äußerte Besorgnis darüber, daß Parolins Aussagen der offiziellen Regierungslinie Nigerias entsprechen, die seit Jahren die religiöse Komponente der Gewalt leugnet. Es sei besonders gravierend, daß der Kardinalstaatssekretär diese Darstellung stützt und damit eine Version der Ereignisse verstärkt, die die systematische Christenverfolgung verschleiert.
Parolins Wortmeldungen stießen auch innerhalb der Kirche auf Kritik. So bezeichnete Erzbischof Carlo Maria Viganò, der von 1992 bis 1998 Apostolischer Nuntius in Nigeria war, die Reduzierung der Gewalt auf einen „sozialen Konflikt“ als Verfälschung der Realität. Er sprach von einer „grausamen und genozidalen“ Verfolgung katholischer Gläubiger, deren Täter „aus Haß gegen den Glauben“ handelten und eine islamistische Agenda verfolgen, die Scharia durchzusetzen und die Christen als Ungläubige zu bekämpfen. In diesem Kontext komme die Verharmlosung einem Verrat an den verfolgten Christen gleich.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanNews/MiL (Screenshots)