220 Millionen Christen unter Verfolgungsdruck – und die Welt schaut weg

Die ignorierte Verfolgung

Gut 15 Prozent der Christen leben in Staaten, in denen sie in ihrer Glaubensausübung eingeschränkt sind. Mehr als 200 Millionen Christen sind mit direkter Verfolgung konfrontiert.
Gut 15 Prozent der Christen leben in Staaten, in denen sie in ihrer Glaubensausübung eingeschränkt sind. Mehr als 200 Millionen Christen sind mit direkter Verfolgung konfrontiert.

Ein neu­er Bericht von Kir­che in Not doku­men­tiert die welt­wei­te Ver­schär­fung der Chri­sten­ver­fol­gung. Isla­mis­mus, reli­giö­ser Natio­na­lis­mus und staat­li­cher Tota­li­ta­ris­mus bedro­hen die Kir­che. Beson­ders dra­ma­tisch ist die Lage in Afri­ka – doch auch in Asi­en und Latein­ame­ri­ka wird das Chri­sten­tum zuneh­mend zur Zielscheibe.

Chri­sten­ver­fol­gung ist kein Relikt ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te. Sie gehört zu den bedrückend­sten Rea­li­tä­ten der Gegen­wart – und sie ver­schärft sich. Das zeigt der neue Bericht „Ver­folgt und ver­ges­sen? 2024–2026“ des päpst­li­chen Hilfs­werks Kir­che in Not, der am 27. Okto­ber in Lon­don vor­ge­stellt wur­de. In zehn der 18 unter­such­ten Län­der hat sich die Lage der Chri­sten im Berichts­zeit­raum ver­schlech­tert. Eine all­ge­mei­ne Ver­bes­se­rung ver­zeich­net keines.

Kir­che in Not wur­de nach dem Zwei­ten Welt­krieg vom nie­der­län­di­schen Prä­mon­stra­ten­ser­pa­ter Weren­fried van Stra­a­ten als Ost­prie­ster­hil­fe gegrün­det. Mit sei­nem Hilfs­werk half der „Speck­pa­ter“ von Flan­dern aus den vier­zehn Mil­lio­nen Deut­schen, die aus Ost­deutsch­land und deut­schen Min­der­hei­ten­ge­bie­ten ver­trie­ben wor­den waren. Beson­de­res Augen­merk galt den ver­trie­be­nen katho­li­schen Prie­stern, damit sie die Mög­lich­keit erhiel­ten, die Seel­sor­ge ihrer ver­trie­be­nen Lands­leu­te fort­zu­set­zen. Seit den 1950er Jah­ren unter­stütz­te das Hilfs­werk auch die ver­folg­te Kir­che hin­ter dem Eiser­nen Vor­hang. Die­ser Erwei­te­rung des Ein­satz­ge­bie­tes folg­te 1969 die Umbe­nen­nung des Hilfs­werks in Kir­che in Not. Der Haupt­sitz befin­det sich in König­stein im Tau­nus. Heu­te ist das Hilfs­werk welt­weit tätig. 2011 wur­de es von Bene­dikt XVI. zu einer Päpst­li­chen Stif­tung erhoben.

Die Zah­len des neu­en Berichts sind erschüt­ternd: Welt­weit leben rund 413 Mil­lio­nen Chri­sten in Län­dern, in denen ihre Frei­heit zur Reli­gi­ons­aus­übung schwer­wie­gend ver­letzt wird. Etwa 220 Mil­lio­nen sind unmit­tel­bar von Ver­fol­gung betrof­fen. Hin­ter die­sen Zah­len ste­hen Men­schen, Fami­li­en und Gemein­den, deren Exi­stenz durch Gewalt, Ver­trei­bung, staat­li­che Repres­si­on und gesell­schaft­li­che Aus­gren­zung bedroht ist.

Der Berichts­zeit­raum reicht von August 2024 bis Juni 2026. Kir­che in Not benennt drei zen­tra­le Ursa­chen: isla­mi­sti­sche Gewalt, auto­ri­tä­re staat­li­che Repres­si­on und reli­giö­sen Natio­na­lis­mus. Die Metho­den unter­schei­den sich, das Ziel ist oft das­sel­be: Chri­sten sol­len aus dem öffent­li­chen Leben ver­drängt, ihrer Rech­te beraubt oder zur Auf­ga­be ihres Glau­bens gezwun­gen werden.

Nigeria: Christsein unter Todesgefahr

Das Zeug­nis des Nige­ria­ners Solo­mon Ako macht die Bru­ta­li­tät die­ser Ver­fol­gung greif­bar. Der 33jährige Christ wur­de bei einem Über­fall isla­mi­schen Mili­zio­nä­re auf sein Dorf im Nor­den Nige­ri­as ver­schleppt. Sei­ne Ent­füh­rer ver­lang­ten, daß er und die übri­gen Gei­seln zum Islam über­tre­ten. Als sie sich wei­ger­ten, wur­den sie geschla­gen, gefol­tert und ange­ket­tet. Stun­den­lang hielt man sie in kal­tem Was­ser fest. Die Dro­hung war unmiß­ver­ständ­lich: Wer dem christ­li­chen Glau­ben nicht abschwört, muß mit dem Tod rechnen.

Solo­mons Schick­sal steht für die Lage vie­ler Chri­sten in Nige­ria. Beson­ders im soge­nann­ten Midd­le Belt wer­den christ­li­che Bau­ern­ge­mein­schaf­ten immer wie­der von bewaff­ne­ten Grup­pen ange­grif­fen. Neben dschi­ha­di­sti­schen Orga­ni­sa­tio­nen wie Boko Haram und dem Isla­mi­schen Staat in West­afri­ka spie­len radi­ka­li­sier­te Fula­ni-Mili­zen eine zen­tra­le Rol­le. Die Gewalt hat auch eth­ni­sche, poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ursa­chen und trifft eben­so Mus­li­me. Das darf jedoch nicht dazu füh­ren, den geziel­ten reli­giö­sen Cha­rak­ter zahl­rei­cher Angrif­fe zu verschweigen.

Mil­lio­nen Chri­sten gehö­ren in Nige­ria zu den Bin­nen­ver­trie­be­nen. Wer­den ihre Dör­fer zer­stört und ihre Bewoh­ner dau­er­haft ver­trie­ben, ver­schwin­den nicht nur Häu­ser und Lebens­grund­la­gen. Mit ihnen gehen über Gene­ra­tio­nen gewach­se­ne kirch­li­che Struk­tu­ren ver­lo­ren. Es geht um die Zukunft christ­li­chen Lebens in gan­zen Landstrichen.

Auch Bur­ki­na Faso, Mali und Mosam­bik sind Brenn­punk­te isla­mi­sti­scher Gewalt. Im Sahel brei­ten dschi­ha­di­sti­sche Grup­pie­run­gen ihren Ein­fluß aus; Chri­sten wer­den ermor­det, ver­trie­ben oder zur Anpas­sung an isla­mi­sche Vor­schrif­ten gezwun­gen. In Mosam­biks Pro­vinz Cabo Del­ga­do ter­ro­ri­sie­ren isla­mi­sti­sche Kämp­fer seit 2017 die Bevöl­ke­rung. Kir­che in Not ver­weist auf rund 1.000 getö­te­te Chri­sten. Kir­chen und Wohn­häu­ser wer­den zer­stört, Men­schen ent­führt, Frau­en und Kin­der verschleppt.

Afri­ka ist damit zu einem Zen­trum der Chri­sten­ver­fol­gung gewor­den. Die Gewalt bedroht nicht nur ein­zel­ne Gläu­bi­ge. Sie unter­gräbt die Mög­lich­keit, in gan­zen Regio­nen über­haupt noch als christ­li­che Gemein­schaft zu leben.

Wenn der Staat zum Verfolger wird

Nicht über­all sind Mili­zen und Ter­ror­grup­pen die Täter. In Asi­en geht die Bedro­hung viel­fach vom Staat selbst aus.

In Nord­ko­rea gilt das Chri­sten­tum als Gefahr für die Herr­schaft des Regimes. Der Glau­be muß im Unter­grund gelebt wer­den. Wer ent­deckt wird, ris­kiert Haft, Fol­ter, Zwangs­ar­beit oder den Tod. Schon eine Bibel kann zum Beweis­mit­tel wer­den, ein Gebet zur lebens­ge­fähr­li­chen Handlung.

Auch in der Volks­re­pu­blik Chi­na bean­sprucht die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei die Kon­trol­le über das reli­giö­se Leben. Die soge­nann­te Sini­sie­rung soll Kir­chen und Glau­bens­pra­xis der poli­ti­schen Ideo­lo­gie unter­ord­nen. Geist­li­che wer­den über­wacht, nicht geneh­mig­te Akti­vi­tä­ten unter­bun­den und Gemein­den, die sich der staat­li­chen Len­kung wider­set­zen, unter Druck gesetzt. Selbst reli­giö­se Inhal­te im Inter­net und kirch­li­che Über­tra­gun­gen unter­lie­gen zuneh­mend Geneh­mi­gung und Kon­trol­le. Der Staat will nicht nur bestim­men, was öffent­lich gesagt wer­den darf, son­dern auch, unter wel­chen Bedin­gun­gen geglaubt wer­den kann.

Indien und Pakistan: Religiöser Nationalismus und Rechtlosigkeit

Eine wei­te­re Gefahr ist der reli­giö­se Natio­na­lis­mus. Beson­ders deut­lich zeigt sie sich in Indi­en. Dort wur­den 2025 mehr als 700 Vor­fäl­le anti­christ­li­cher Gewalt regi­striert. Die Ent­wick­lung steht im Zusam­men­hang mit der hind­una­tio­na­li­sti­schen Hin­dut­va-Ideo­lo­gie, die Indi­en als hin­du­isti­schen Staat ver­steht und reli­giö­se Min­der­hei­ten als Fremd­kör­per betrachtet.

Got­tes­dien­ste wer­den gestört, Gläu­bi­ge ange­grif­fen und kirch­li­che Ein­rich­tun­gen bedroht. Soge­nann­te Anti­kon­ver­si­ons­ge­set­ze, die vor Zwangs­be­keh­run­gen schüt­zen sol­len, wer­den zuneh­mend gegen Chri­sten ein­ge­setzt. Selbst das Recht auf eine wür­di­ge Bestat­tung wird christ­li­chen Fami­li­en strei­tig gemacht. Wenn Ange­hö­ri­ge gezwun­gen wer­den, die sterb­li­chen Über­re­ste ihrer Ver­stor­be­nen wie­der aus­zu­gra­ben, ist die Aus­gren­zung längst in den All­tag vorgedrungen.

In mehr­heit­lich isla­mi­schen Paki­stan sind Chri­sten Blas­phe­mie­vor­wür­fen, gesell­schaft­li­cher Feind­se­lig­keit und man­geln­dem staat­li­chem Schutz aus­ge­setzt. Ein von Kir­che in Not unter­stütz­ter Bericht der paki­sta­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz doku­men­tiert für 2025 schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen: töd­li­che Über­grif­fe, fal­sche oder miß­bräuch­li­che Blas­phe­mie­an­kla­gen sowie Ent­füh­run­gen und Zwangs­ver­hei­ra­tun­gen christ­li­cher Mädchen.

Schon eine blo­ße Anschul­di­gung wegen angeb­li­cher Got­tes­lä­ste­rung kann Men­schen in Lebens­ge­fahr brin­gen und gan­ze Gemein­den einem auf­ge­hetz­ten Mob aus­lie­fern. Die Angrif­fe auf Kir­chen und Wohn­häu­ser in Jar­an­wa­la im August 2023, bei denen nach Anga­ben von Kir­che in Not 26 Kir­chen und rund 80 Wohn­häu­ser beschä­digt wur­den, zei­gen die Fol­gen. Die straf­recht­li­che Auf­ar­bei­tung bleibt unzureichend.

Syrien und Nicaragua: Die Kirche zwischen Terror und staatlicher Repression

Auch im Nahen Osten, der Wie­ge des Chri­sten­tums, ist die Lage dra­ma­tisch. Nach Jah­ren des Bür­ger­kriegs, der Aus­wan­de­rung und der Gewalt sind Syri­ens christ­li­che Gemein­schaf­ten stark geschrumpft. Die poli­ti­schen Umbrü­che haben kei­ne ver­läß­li­che Sicher­heit gebracht. Der isla­mi­sti­sche Anschlag auf die grie­chisch-ortho­do­xe Mar-Eli­as-Kir­che in Damas­kus im Juni 2025, bei dem zahl­rei­che Men­schen getö­tet und ver­letzt wur­den, führ­te die Ver­wund­bar­keit der Chri­sten erneut vor Augen.

Wenn die älte­sten christ­li­chen Gemein­schaf­ten der Welt ihre Hei­mat ver­las­sen müs­sen, ver­schwin­det nicht nur eine reli­giö­se Min­der­heit. Ein wesent­li­cher Teil der histo­ri­schen und kul­tu­rel­len Iden­ti­tät des Nahen Ostens geht verloren.

Daß Chri­sten­ver­fol­gung nicht auf isla­mi­stisch gepräg­te Gesell­schaf­ten beschränkt ist, zeigt Nica­ra­gua. Das Regime Dani­el Orte­gas geht syste­ma­tisch gegen die katho­li­sche Kir­che vor. Kirch­li­che Ein­rich­tun­gen wer­den beschlag­nahmt, Semi­na­re geschlos­sen, Geist­li­che ver­haf­tet oder ins Exil gezwun­gen. Die Kir­che gilt als poli­ti­scher Geg­ner, weil sie sich der staat­li­chen Kon­trol­le nicht voll­stän­dig unter­wirft. Nach Anga­ben von Kir­che in Not wur­de sogar die Ein­rei­se mit einer Bibel behindert.

Chri­sten­ver­fol­gung hat also kein ein­heit­li­ches ideo­lo­gi­sches Gesicht. Sie ent­springt isla­mi­sti­schem Fana­tis­mus, hin­du­isti­schem Natio­na­lis­mus, kom­mu­ni­sti­schem Tota­li­ta­ris­mus oder auto­ri­tä­rer Macht­po­li­tik. Gemein­sam ist die­sen For­men der Ver­fol­gung die Miß­ach­tung eines ele­men­ta­ren Rechts: daß Men­schen ihren Glau­ben frei leben und die Kir­che unab­hän­gig wir­ken dürfen.

Das Schweigen des Westens

Nicht nur die Ver­bre­chen selbst geben Anlaß zur Sor­ge. Auch die Reak­ti­on der inter­na­tio­na­len Öffent­lich­keit ist unzu­rei­chend. Die Ver­fol­gung von Chri­sten erhält in west­li­chen Medi­en und in der inter­na­tio­na­len Poli­tik häu­fig nicht die Auf­merk­sam­keit, die das Aus­maß der Gewalt verlang

Der Bericht ist kei­ne welt­wei­te Gesamt­erhe­bung aller For­men von Chri­sten­feind­lich­keit, Dis­kri­mi­nie­rung oder Ein­schrän­kung reli­giö­ser Frei­heit. Er kon­zen­triert sich auf Län­der, in denen die Situa­ti­on beson­ders pre­kär ist, und doku­men­tiert dort vor allem Gewalt, Ver­trei­bung, Inhaf­tie­rung und staat­li­che Repres­si­on. Den­noch fällt auf, daß Druck, Repres­si­on und Ver­fol­gung in west­li­chen Staa­ten, z. B. wegen Kri­tik an der mas­sen­haf­ten Tötung unge­bo­re­ner Kin­der oder der Homo-Ideo­lo­gie, nicht the­ma­ti­siert werden

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Kir­che in Not inter­na­tio­nal (Screen­shot)

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