Ein neuer Bericht von Kirche in Not dokumentiert die weltweite Verschärfung der Christenverfolgung. Islamismus, religiöser Nationalismus und staatlicher Totalitarismus bedrohen die Kirche. Besonders dramatisch ist die Lage in Afrika – doch auch in Asien und Lateinamerika wird das Christentum zunehmend zur Zielscheibe.
Christenverfolgung ist kein Relikt vergangener Jahrhunderte. Sie gehört zu den bedrückendsten Realitäten der Gegenwart – und sie verschärft sich. Das zeigt der neue Bericht „Verfolgt und vergessen? 2024–2026“ des päpstlichen Hilfswerks Kirche in Not, der am 27. Oktober in London vorgestellt wurde. In zehn der 18 untersuchten Länder hat sich die Lage der Christen im Berichtszeitraum verschlechtert. Eine allgemeine Verbesserung verzeichnet keines.
Kirche in Not wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom niederländischen Prämonstratenserpater Werenfried van Straaten als Ostpriesterhilfe gegründet. Mit seinem Hilfswerk half der „Speckpater“ von Flandern aus den vierzehn Millionen Deutschen, die aus Ostdeutschland und deutschen Minderheitengebieten vertrieben worden waren. Besonderes Augenmerk galt den vertriebenen katholischen Priestern, damit sie die Möglichkeit erhielten, die Seelsorge ihrer vertriebenen Landsleute fortzusetzen. Seit den 1950er Jahren unterstützte das Hilfswerk auch die verfolgte Kirche hinter dem Eisernen Vorhang. Dieser Erweiterung des Einsatzgebietes folgte 1969 die Umbenennung des Hilfswerks in Kirche in Not. Der Hauptsitz befindet sich in Königstein im Taunus. Heute ist das Hilfswerk weltweit tätig. 2011 wurde es von Benedikt XVI. zu einer Päpstlichen Stiftung erhoben.
Die Zahlen des neuen Berichts sind erschütternd: Weltweit leben rund 413 Millionen Christen in Ländern, in denen ihre Freiheit zur Religionsausübung schwerwiegend verletzt wird. Etwa 220 Millionen sind unmittelbar von Verfolgung betroffen. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, Familien und Gemeinden, deren Existenz durch Gewalt, Vertreibung, staatliche Repression und gesellschaftliche Ausgrenzung bedroht ist.
Der Berichtszeitraum reicht von August 2024 bis Juni 2026. Kirche in Not benennt drei zentrale Ursachen: islamistische Gewalt, autoritäre staatliche Repression und religiösen Nationalismus. Die Methoden unterscheiden sich, das Ziel ist oft dasselbe: Christen sollen aus dem öffentlichen Leben verdrängt, ihrer Rechte beraubt oder zur Aufgabe ihres Glaubens gezwungen werden.
Nigeria: Christsein unter Todesgefahr
Das Zeugnis des Nigerianers Solomon Ako macht die Brutalität dieser Verfolgung greifbar. Der 33jährige Christ wurde bei einem Überfall islamischen Milizionäre auf sein Dorf im Norden Nigerias verschleppt. Seine Entführer verlangten, daß er und die übrigen Geiseln zum Islam übertreten. Als sie sich weigerten, wurden sie geschlagen, gefoltert und angekettet. Stundenlang hielt man sie in kaltem Wasser fest. Die Drohung war unmißverständlich: Wer dem christlichen Glauben nicht abschwört, muß mit dem Tod rechnen.
Solomons Schicksal steht für die Lage vieler Christen in Nigeria. Besonders im sogenannten Middle Belt werden christliche Bauerngemeinschaften immer wieder von bewaffneten Gruppen angegriffen. Neben dschihadistischen Organisationen wie Boko Haram und dem Islamischen Staat in Westafrika spielen radikalisierte Fulani-Milizen eine zentrale Rolle. Die Gewalt hat auch ethnische, politische und wirtschaftliche Ursachen und trifft ebenso Muslime. Das darf jedoch nicht dazu führen, den gezielten religiösen Charakter zahlreicher Angriffe zu verschweigen.
Millionen Christen gehören in Nigeria zu den Binnenvertriebenen. Werden ihre Dörfer zerstört und ihre Bewohner dauerhaft vertrieben, verschwinden nicht nur Häuser und Lebensgrundlagen. Mit ihnen gehen über Generationen gewachsene kirchliche Strukturen verloren. Es geht um die Zukunft christlichen Lebens in ganzen Landstrichen.
Auch Burkina Faso, Mali und Mosambik sind Brennpunkte islamistischer Gewalt. Im Sahel breiten dschihadistische Gruppierungen ihren Einfluß aus; Christen werden ermordet, vertrieben oder zur Anpassung an islamische Vorschriften gezwungen. In Mosambiks Provinz Cabo Delgado terrorisieren islamistische Kämpfer seit 2017 die Bevölkerung. Kirche in Not verweist auf rund 1.000 getötete Christen. Kirchen und Wohnhäuser werden zerstört, Menschen entführt, Frauen und Kinder verschleppt.
Afrika ist damit zu einem Zentrum der Christenverfolgung geworden. Die Gewalt bedroht nicht nur einzelne Gläubige. Sie untergräbt die Möglichkeit, in ganzen Regionen überhaupt noch als christliche Gemeinschaft zu leben.
Wenn der Staat zum Verfolger wird
Nicht überall sind Milizen und Terrorgruppen die Täter. In Asien geht die Bedrohung vielfach vom Staat selbst aus.
In Nordkorea gilt das Christentum als Gefahr für die Herrschaft des Regimes. Der Glaube muß im Untergrund gelebt werden. Wer entdeckt wird, riskiert Haft, Folter, Zwangsarbeit oder den Tod. Schon eine Bibel kann zum Beweismittel werden, ein Gebet zur lebensgefährlichen Handlung.
Auch in der Volksrepublik China beansprucht die Kommunistische Partei die Kontrolle über das religiöse Leben. Die sogenannte Sinisierung soll Kirchen und Glaubenspraxis der politischen Ideologie unterordnen. Geistliche werden überwacht, nicht genehmigte Aktivitäten unterbunden und Gemeinden, die sich der staatlichen Lenkung widersetzen, unter Druck gesetzt. Selbst religiöse Inhalte im Internet und kirchliche Übertragungen unterliegen zunehmend Genehmigung und Kontrolle. Der Staat will nicht nur bestimmen, was öffentlich gesagt werden darf, sondern auch, unter welchen Bedingungen geglaubt werden kann.
Indien und Pakistan: Religiöser Nationalismus und Rechtlosigkeit
Eine weitere Gefahr ist der religiöse Nationalismus. Besonders deutlich zeigt sie sich in Indien. Dort wurden 2025 mehr als 700 Vorfälle antichristlicher Gewalt registriert. Die Entwicklung steht im Zusammenhang mit der hindunationalistischen Hindutva-Ideologie, die Indien als hinduistischen Staat versteht und religiöse Minderheiten als Fremdkörper betrachtet.
Gottesdienste werden gestört, Gläubige angegriffen und kirchliche Einrichtungen bedroht. Sogenannte Antikonversionsgesetze, die vor Zwangsbekehrungen schützen sollen, werden zunehmend gegen Christen eingesetzt. Selbst das Recht auf eine würdige Bestattung wird christlichen Familien streitig gemacht. Wenn Angehörige gezwungen werden, die sterblichen Überreste ihrer Verstorbenen wieder auszugraben, ist die Ausgrenzung längst in den Alltag vorgedrungen.
In mehrheitlich islamischen Pakistan sind Christen Blasphemievorwürfen, gesellschaftlicher Feindseligkeit und mangelndem staatlichem Schutz ausgesetzt. Ein von Kirche in Not unterstützter Bericht der pakistanischen Bischofskonferenz dokumentiert für 2025 schwere Menschenrechtsverletzungen: tödliche Übergriffe, falsche oder mißbräuchliche Blasphemieanklagen sowie Entführungen und Zwangsverheiratungen christlicher Mädchen.
Schon eine bloße Anschuldigung wegen angeblicher Gotteslästerung kann Menschen in Lebensgefahr bringen und ganze Gemeinden einem aufgehetzten Mob ausliefern. Die Angriffe auf Kirchen und Wohnhäuser in Jaranwala im August 2023, bei denen nach Angaben von Kirche in Not 26 Kirchen und rund 80 Wohnhäuser beschädigt wurden, zeigen die Folgen. Die strafrechtliche Aufarbeitung bleibt unzureichend.
Syrien und Nicaragua: Die Kirche zwischen Terror und staatlicher Repression
Auch im Nahen Osten, der Wiege des Christentums, ist die Lage dramatisch. Nach Jahren des Bürgerkriegs, der Auswanderung und der Gewalt sind Syriens christliche Gemeinschaften stark geschrumpft. Die politischen Umbrüche haben keine verläßliche Sicherheit gebracht. Der islamistische Anschlag auf die griechisch-orthodoxe Mar-Elias-Kirche in Damaskus im Juni 2025, bei dem zahlreiche Menschen getötet und verletzt wurden, führte die Verwundbarkeit der Christen erneut vor Augen.
Wenn die ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt ihre Heimat verlassen müssen, verschwindet nicht nur eine religiöse Minderheit. Ein wesentlicher Teil der historischen und kulturellen Identität des Nahen Ostens geht verloren.
Daß Christenverfolgung nicht auf islamistisch geprägte Gesellschaften beschränkt ist, zeigt Nicaragua. Das Regime Daniel Ortegas geht systematisch gegen die katholische Kirche vor. Kirchliche Einrichtungen werden beschlagnahmt, Seminare geschlossen, Geistliche verhaftet oder ins Exil gezwungen. Die Kirche gilt als politischer Gegner, weil sie sich der staatlichen Kontrolle nicht vollständig unterwirft. Nach Angaben von Kirche in Not wurde sogar die Einreise mit einer Bibel behindert.
Christenverfolgung hat also kein einheitliches ideologisches Gesicht. Sie entspringt islamistischem Fanatismus, hinduistischem Nationalismus, kommunistischem Totalitarismus oder autoritärer Machtpolitik. Gemeinsam ist diesen Formen der Verfolgung die Mißachtung eines elementaren Rechts: daß Menschen ihren Glauben frei leben und die Kirche unabhängig wirken dürfen.
Das Schweigen des Westens
Nicht nur die Verbrechen selbst geben Anlaß zur Sorge. Auch die Reaktion der internationalen Öffentlichkeit ist unzureichend. Die Verfolgung von Christen erhält in westlichen Medien und in der internationalen Politik häufig nicht die Aufmerksamkeit, die das Ausmaß der Gewalt verlang
Der Bericht ist keine weltweite Gesamterhebung aller Formen von Christenfeindlichkeit, Diskriminierung oder Einschränkung religiöser Freiheit. Er konzentriert sich auf Länder, in denen die Situation besonders prekär ist, und dokumentiert dort vor allem Gewalt, Vertreibung, Inhaftierung und staatliche Repression. Dennoch fällt auf, daß Druck, Repression und Verfolgung in westlichen Staaten, z. B. wegen Kritik an der massenhaften Tötung ungeborener Kinder oder der Homo-Ideologie, nicht thematisiert werden
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Kirche in Not international (Screenshot)
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