Von Hortator
Die Stellungnahme von Claves gegen die geplanten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) ist sorgfältig konstruiert, bleibt jedoch in einem entscheidenden Punkt unzureichend: Sie bewegt sich nahezu ausschließlich auf der Ebene formaler Argumentation und verfehlt damit die eigentliche Streitfrage. Denn im Zentrum steht nicht primär eine juristisch-formale, sondern eine sachlich-meritorische Problematik.
Die Argumentation von Claves kreist um die korrekte Interpretation von Lumen gentium, um die Unterscheidung zwischen Weihegewalt und Jurisdiktionsgewalt sowie um die Notwendigkeit der hierarchischen Gemeinschaft für die legitime Ausübung bischöflicher Funktionen. All dies ist in sich konsistent und entspricht der klassischen theologischen und kanonistischen Reflexion. Doch gerade darin liegt die Begrenzung dieser Argumentation: Sie setzt stillschweigend voraus, daß die gegenwärtige Situation der Kirche im wesentlichen der Normallage entspricht oder zumindest innerhalb der gewöhnlichen Kategorien hinreichend beschrieben werden kann.
Genau diese Voraussetzung wird von der Piusbruderschaft bestritten – und hier liegt der eigentliche Angelpunkt der Debatte. Und letztlich wird sie auch durch die bloße Existenz der Petrusbruderschaft, deren französischer Distrikt Claves herausgibt, bestätigt, denn andernfalls hätte sie keine Existenzberechtigung. Insofern erstaunt die reduktive Fixierung in der Frage.
Die Frage, ob eine Bischofsweihe ohne päpstliche Beauftragung formal legitim ist, kann nicht isoliert beantwortet werden, ohne die Umstände zu berücksichtigen, unter denen sie erfolgt. Das kirchliche Recht ist kein abstraktes System, das unabhängig von der konkreten Lage der Kirche angewendet werden kann; es ist vielmehr auf die Ordnung eines funktionierenden kirchlichen Lebens hin ausgerichtet. Wenn aber – wie von der Piusbruderschaft geltend gemacht – eine tiefgreifende Krise vorliegt, die Glaubenslehre, Liturgie und kirchliche Praxis betrifft, dann stellt sich notwendig die Frage, ob die gewöhnlichen Normen in gleicher Weise Anwendung finden können wie unter normalen Bedingungen.
Gerade hier bleibt Claves eine Antwort schuldig. Die Existenz oder Nichtexistenz einer Kirchenkrise wird nicht erwähnt, geschweige denn ernsthaft geprüft, sondern implizit vielmehr verneint, indem sie in der Argumentation schlicht keine Rolle spielt. Damit wird jedoch der zentrale Beweggrund der FSSPX ausgeblendet. Denn deren Position beruht nicht in erster Linie auf einer bestimmten Interpretation eines Konzilstextes, sondern auf der Überzeugung, daß eine außergewöhnliche Situation außergewöhnliche Maßnahmen erforderlich machen kann.
Das führt unmittelbar zur Unterscheidung zwischen formaler und meritorischer Beurteilung. Die formale Frage lautet: Entsprechen die geplanten Weihen den geltenden rechtlichen und strukturellen Normen der Kirche? Die meritorische Frage hingegen lautet: Sind diese Weihen unter den gegebenen Umständen notwendig oder zumindest gerechtfertigt, um das Heil der Seelen zu sichern?
Claves beantwortet ausschließlich die erste Frage und behandelt sie, als sei damit alles Wesentliche gesagt. Doch selbst eine negative Antwort auf die formale Frage würde die meritorische Frage nicht erledigen. Denn das kirchliche Handeln kennt – gerade in Ausnahmesituationen – die Möglichkeit, daß von der Norm abgewichen wird, ohne daß damit notwendig ein Bruch mit der Kirche intendiert oder verwirklicht wäre.
Die Berufung auf die Notwendigkeit der hierarchischen Gemeinschaft ist in diesem Zusammenhang zwar theologisch korrekt, aber argumentativ unzureichend, solange nicht geklärt wird, wie diese Gemeinschaft konkret zu verstehen ist, wenn innerhalb der Kirche selbst Spannungen, Unklarheiten oder sogar Widersprüche auftreten. Die Geschichte der Kirche zeigt, daß die äußere Form der Gemeinschaft nicht immer eindeutig mit der inneren Kontinuität des Glaubens zusammenfällt. Daraus ergibt sich zumindest die Möglichkeit, daß Maßnahmen, die formal als irregulär erscheinen, aus der Perspektive der Glaubensbewahrung eine gewisse temporäre Rechtfertigung beanspruchen können.
Ein weiterer Schwachpunkt der Stellungnahme liegt darin, daß sie den Eindruck erweckt, als sei die gegenwärtige Situation problemlos innerhalb der bestehenden Strukturen lösbar. Die Diskussion wird auf Fragen der Disziplin und der korrekten theologischen Terminologie reduziert. Damit entsteht ein Bild von kirchlicher Normalität, das von der Gegenseite gerade bestritten wird. Ob diese Diagnose der Piusbruderschaft zutrifft, wäre also die entscheidende Frage – doch sie wird von Claves weder aufgenommen noch widerlegt.
Gerade deshalb bleibt die Kritik letztlich unvollständig und unzulänglich. Sie trifft einzelne Argumentationslinien der FSSPX, ohne deren grundlegende Prämisse zu berühren. Man könnte sagen: Sie widerlegt Antworten, ohne die zugrunde liegende Frage ernsthaft zu stellen.
Schließlich ist auch die moralische Bewertung mit Vorsicht zu behandeln. Die von Claves veröffentlichte Stellungnahme neigt dazu, aus der objektiven Struktur der Handlung weitreichende Schlüsse zu ziehen, die bis in die Nähe eines impliziten Schismavorwurfs reichen. Dabei wird zwar eingeräumt, daß subjektiv keine schismatische Absicht vorliegen muß, doch bleibt die Darstellung insgesamt stark normativ zugespitzt. Angesichts der Komplexität der Situation erscheint eine solche Eindeutigkeit problematisch.
Denn tatsächlich liegt durch die offensichtliche Kirchenkrise eine nicht ideale Situation vor, in der unterschiedliche Gewissensentscheidungen möglich sind. Die Petrusbruderschaft entscheidet sich für einen Weg, der die strikte Einhaltung der bestehenden kirchenrechtlichen Ordnung betont und dafür beide Augen vor den Krisensymptomen auf hierarchischer Ebene verschließen muß. Die Piusbruderschaft hingegen sieht sich verpflichtet, unter Berufung auf einen kirchlichen Notstand anders zu handeln. Beide Positionen beanspruchen, dem Wohl der Kirche zu dienen, und beide tragen dem Umstand Rechnung, daß die gegenwärtige Lage Spannungen enthält, die sich nicht einfach auflösen lassen.
Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, daß es in der aktuellen Situation offenbar keine vollkommen befriedigende Lösung gibt. Eine solche würde voraussetzen, daß die zugrunde liegende Krise nicht existiert. Gerade deshalb greift eine rein formalistische Kritik zu kurz. Sie kann zeigen, daß eine Handlung nicht der Norm entspricht, aber sie kann nicht entscheiden, ob die Norm unter den gegebenen Umständen in gleicher Weise verpflichtend ist wie in einer intakten Ordnung.
Zusammenfassend läßt sich sagen: Die Stellungnahme von Claves ist in ihrer formalen Argumentation kohärent, bleibt jedoch inhaltlich unzureichend, weil sie die meritorische Dimension der Frage ausklammert. Solange diese Dimension nicht berücksichtigt wird, bleibt jede Beurteilung der geplanten Bischofsweihen notwendig unvollständig.
Bild: MiL
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