Christlicher Zionismus – Entstehung, Entwicklung und theologische Problematik

Eine moderne christliche Häresie


Der christliche Zionismus und sein Einfluß auf die USA
Der christliche Zionismus und sein Einfluß auf die USA

Der soge­nann­te „christ­li­che Zio­nis­mus“ ist ein Phä­no­men, das bis zum Angriff der USA und Isra­els auf den Iran der brei­ten Öffent­lich­keit in Euro­pa unbe­kannt war. Auf­merk­sa­me Beob­ach­ter wuß­ten frei­lich schon län­ger um sei­ne Exi­stenz. Auf den ersten Blick erscheint die­se Strö­mung ie eine blo­ße poli­ti­sche Sym­pa­thie­be­we­gung, bei nähe­rer Betrach­tung offen­bart sie sich jedoch als eine eigen­tüm­li­che Ver­bin­dung von Theo­lo­gie, End­zeit­er­war­tung und geo­po­li­ti­scher Stra­te­gie. Sei­ne wach­sen­de Bedeu­tung – ins­be­son­de­re im angel­säch­si­schen Raum – macht es not­wen­dig, sei­ne Grund­la­gen, sei­ne Ent­wick­lung und sei­ne inne­ren Wider­sprü­che genau­er zu beleuchten.

Dabei ist aus katho­li­scher Sicht eine grund­sätz­li­che Vor­be­mer­kung uner­läß­lich: Der christ­li­che Zio­nis­mus stellt nicht bloß eine pro­ble­ma­ti­sche Fröm­mig­keits­rich­tung oder eine poli­tisch ein­sei­ti­ge Hal­tung dar, son­dern berührt den Kern der Glau­bens­leh­re selbst. Inso­fern ist er – in sei­nen zen­tra­len Aus­sa­gen – als eine Häre­sie zu bezeich­nen, da er wesent­li­che Inhal­te der christ­li­chen Heils­ge­schich­te ver­fälscht und in unzu­läs­si­ger Wei­se politisiert.

Begriff und Selbstverständnis des christlichen Zionismus

Unter christ­li­chem Zio­nis­mus ver­steht man jene reli­gi­ös moti­vier­te Hal­tung, die den Staat Isra­el nicht nur poli­tisch unter­stützt, son­dern ihm eine beson­de­re Rol­le im Heils­plan Got­tes zuschreibt. Die­se Über­zeu­gung speist sich aus einer sehr spe­zi­fi­schen, ein­sei­ti­gen Aus­le­gung bibli­scher Tex­te, vor allem der pro­phe­ti­schen Bücher des Alten Testa­ments sowie apo­ka­lyp­ti­scher Pas­sa­gen des Neu­en Testaments.

Nach die­ser Sicht­wei­se ist die Rück­kehr des jüdi­schen Vol­kes in das Land Isra­el kein histo­ri­scher Zufall, son­dern die sicht­ba­re Erfül­lung gött­li­cher Ver­hei­ßun­gen. Der moder­ne Staat Isra­el erscheint somit als ein heils­ge­schicht­li­ches Zei­chen, ja als not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für das Ein­tre­ten end­zeit­li­cher Ereig­nis­se. Die­se Deu­tung ist eng ver­bun­den mit der Erwar­tung der bal­di­gen Wie­der­kunft Chri­sti und einem dra­ma­ti­schen End­zeit­ge­sche­hen, das sich – so die Über­zeu­gung – wesent­lich im Nahen Osten abspie­len wird.

Historische Wurzeln des christlichen Zionismus

Die ideel­len Grund­la­gen des christ­li­chen Zio­nis­mus rei­chen bis in die frü­he Neu­zeit zurück. Sie sind in ihrer Ent­ste­hung ein Pro­dukt der Refor­ma­ti­on. Ins­be­son­de­re im eng­li­schen Puri­ta­nis­mus und spä­ter im Pie­tis­mus ent­wickel­ten sich Vor­stel­lun­gen, wonach die „Samm­lung Isra­els“ im Hei­li­gen Land ein ent­schei­den­der Schritt im gött­li­chen Heils­plan sei.

Die­se frü­hen Strö­mun­gen ver­ban­den eine inten­si­ve, oft wört­li­che Bibel­lek­tü­re mit einer aus­ge­präg­ten End­zeit­er­war­tung. Die Geschich­te wur­de als Abfol­ge gött­lich gelenk­ter Epo­chen ver­stan­den, an deren Ende eine dra­ma­ti­sche Zuspit­zung ste­hen soll­te. Bereits hier zeigt sich ein Denk­mu­ster, das spä­ter für den christ­li­chen Zio­nis­mus prä­gend wer­den soll­te: die enge Ver­knüp­fung aktu­el­ler poli­ti­scher Ereig­nis­se mit bibli­schen Prophezeiungen.

Ende des 19. Jahr­hun­derts tra­ten erste kon­kre­te Ver­bin­dun­gen zwi­schen christ­li­chen Unter­stüt­zern und dem ent­ste­hen­den poli­ti­schen Zio­nis­mus hin­zu. Ein­zel­ne pro­te­stan­ti­sche Krei­se began­nen, die jüdi­sche Rück­kehr nach Palä­sti­na aktiv zu för­dern – nicht zuletzt, weil sie dar­in eine Bestä­ti­gung ihrer theo­lo­gi­schen Erwar­tun­gen sahen.

Vor dem Hin­ter­grund der Schwä­che des Osma­ni­schen Rei­ches wur­de das Hei­li­ge Land im 19. Jahr­hun­dert für euro­päi­sche Chri­sten zuneh­mend leich­ter zugäng­lich. Die­se Ent­wick­lung stand zunächst noch in einem völ­lig christ­lich gepräg­ten Kon­text, in dem Pil­ger­we­sen und reli­gi­ös moti­vier­te Inter­es­sen domi­nier­ten. Glei­ches galt par­al­lel für jüdisch-reli­giö­se Bestre­bun­gen durch klei­ne Ansied­lun­gen in Palästina. 

Im wei­te­ren Ver­lauf ver­ban­den sich die­se Vor­stel­lun­gen jedoch mit dem auf­kom­men­den Zio­nis­mus als poli­ti­scher, lai­zi­sti­scher Idee, die Theo­dor Herzl for­mu­lier­te. Die­ser ent­wickel­te den Zio­nis­mus als bewuß­ter Kopie der natio­nal­staat­li­chen Denk­mo­del­le des spä­ten euro­päi­schen 19. Jahr­hun­derts, ins­be­son­de­re des Deutsch­na­tio­na­lis­mus, dem er selbst bis zu sei­nem Aus­schluß – weil Jude – ange­hört hatte.

Die Herausbildung des christlichen Zionismus als Bewegung

Trotz die­ser pro­te­stan­ti­schen Vor­läu­fer ist der christ­li­che Zio­nis­mus in sei­ner heu­ti­gen Gestalt erst ein Pro­dukt der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Ent­schei­den­de Impul­se gin­gen von drei Ent­wick­lun­gen aus.

Erstens wur­de die Grün­dung des Staa­tes Isra­el im Jah­re 1948 von vie­len pro­te­stan­ti­schen Chri­sten als spek­ta­ku­lä­re Bestä­ti­gung bibli­scher Ver­hei­ßun­gen inter­pre­tiert. Was zuvor als fer­ne Hoff­nung erschien, schien nun kon­kre­te histo­ri­sche Gestalt anzunehmen.

Zwei­tens – als Vor­aus­set­zung für erstens – erleb­ten die evan­ge­li­ka­len Bewe­gun­gen in den USA seit den 1940er Jah­ren einen erheb­li­chen Auf­schwung. Mit dem Aus­bau eige­ner Medi­en­struk­tu­ren – ins­be­son­de­re durch Radio und Fern­se­hen – ent­stand eine neue Form reli­giö­ser Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on, wie sie die Welt bis dahin nicht gekannt hat­te. Pre­di­ger erreich­ten Mil­lio­nen­pu­bli­ka und präg­ten deren Welt­bild nachhaltig.

Drit­tens – und dies stellt den eigent­li­chen Wen­de­punkt dar – wirk­te der Sechs­ta­ge­krieg des Jah­res 1967 wie ein Kata­ly­sa­tor. Isra­el ging weit­ge­hend aus eige­ner Kraft (Frank­reich war damals der wich­tig­ste Waf­fen­lie­fe­rant, nicht die USA) als mili­tä­ri­scher und poli­ti­scher Sie­ger her­vor. Die zio­ni­sti­schen Kräf­te in Isra­el und welt­weit erkann­ten jedoch die Not­wen­dig­keit, Unter­stüt­zung und Ver­bün­de­te zu suchen und initi­ier­ten breit­an­ge­leg­te, vor allem indi­rek­te Kam­pa­gnen in der west­li­chen Welt. Die Haupt­kon­zen­tra­ti­on lag dabei auf den USA. Dort tra­fen sie auf erstark­te evan­ge­li­ka­le Krei­se, die die mili­tä­ri­schen Erfol­ge Isra­els, ins­be­son­de­re die Ein­nah­me Ost-Jeru­sa­lems, als unmit­tel­ba­res Ein­grei­fen Got­tes deu­te­ten. Die Ereig­nis­se schie­nen, aus ihrer Sicht, die bibli­schen Pro­phe­zei­un­gen nicht nur zu bestä­ti­gen, son­dern gera­de­zu vor den Augen der Zeit­ge­nos­sen zu erfüllen.

Erst von die­sem Zeit­punkt an ent­wickel­te sich der christ­li­che Zio­nis­mus zu einer brei­ten, mobi­li­sie­rungs­fä­hi­gen pro­te­stan­ti­schen Bewe­gung mit erheb­li­cher poli­ti­scher Reichweite.

Netzwerke, Akteure und mediale Verbreitung

Seit dem Ende der 1960er Jah­re ent­stand ein dich­tes Geflecht aus Pre­di­gern, Orga­ni­sa­tio­nen, Medi­en und poli­ti­schen Akteu­ren, das den christ­li­chen Zio­nis­mus nach­hal­tig prägte.

Im Zen­trum stan­den cha­ris­ma­ti­sche evan­ge­li­ka­le Pre­di­ger, die ihre Bot­schaf­ten über Mas­sen­me­di­en ver­brei­te­ten. Bücher mit end­zeit­li­chen Sze­na­ri­en erreich­ten Mil­lio­nen­auf­la­gen, reli­giö­se Fern­seh­sen­der gewan­nen ste­tig an Ein­fluß. Par­al­lel dazu ent­stan­den Orga­ni­sa­tio­nen, die sich aus­drück­lich der Unter­stüt­zung Isra­els ver­schrie­ben und zugleich als Schnitt­stel­le zur Poli­tik fungierten. 

Die­se Struk­tu­ren waren kei­nes­wegs nur reli­gi­ös, son­dern von Anfang an auch poli­tisch und stra­te­gisch aus­ge­rich­tet. Sie ermög­lich­ten die Bün­de­lung finan­zi­el­ler Res­sour­cen, die geziel­te Beein­flus­sung der öffent­li­chen Mei­nung und die Mobi­li­sie­rung gro­ßer Wählergruppen.

Im Zusam­men­hang mit der Wahl von Ronald Reagen 1980 zum US-Prä­si­den­ten wur­de erst­mals von einem ent­schei­den­den Bei­trag evan­ge­li­ka­ler Krei­se gespro­chen – und damit auch des christ­li­chen Zio­nis­mus, obwohl die­ser Umstand damals noch wenig öffent­li­che Beach­tung fand.

Ursachen und Hintergründe

Die Attrak­ti­vi­tät des christ­li­chen Zio­nis­mus läßt sich nur ver­ste­hen, wenn man sei­ne reli­giö­sen, psy­cho­lo­gi­schen und poli­ti­schen Dimen­sio­nen gemein­sam betrachtet.

Reli­gi­ös bie­tet er eine schein­bar kla­re Deu­tung der Geschich­te: Kom­ple­xe geo­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen wer­den in ein über­schau­ba­res Sche­ma gött­li­cher Vor­se­hung ein­ge­ord­net. Für vie­le Gläu­bi­ge ent­steht dadurch ein Gefühl von Gewiß­heit und Orientierung.

Psy­cho­lo­gisch kommt hin­zu, daß end­zeit­li­che Sze­na­ri­en offen­bar eine beson­de­re Fas­zi­na­ti­on aus­üben und im evan­ge­li­ka­len Bereich eine wich­ti­ge Rol­le spie­len. Sie ver­dich­ten die Geschich­te zu einem dra­ma­ti­schen Gesche­hen mit kla­ren Fron­ten und ein­deu­ti­gen Rol­len­ver­tei­lun­gen. Das Gut-Böse-Sche­ma ist ein­deu­tig. Die­ses alt­te­sta­ment­lich gepräg­te Den­ken bestimm­ter, vor allem eng­li­scher Pro­te­stan­ten, die als soge­nann­te Dis­sen­ters (Abweich­ler) nach Nord­ame­ri­ka aus­wan­der­ten, prä­gen dort bis heu­te das kol­lek­ti­ve christ­li­che Grundverständnis.

Poli­tisch schließ­lich eröff­ne­te sich nach 1967 ein Feld gegen­sei­ti­ger Inter­es­sen. Israe­li­sche Akteu­re erkann­ten früh das Poten­ti­al evan­ge­li­ka­ler Unter­stüt­zung in den USA – sowohl finan­zi­ell als auch poli­tisch. Umge­kehrt fan­den evan­ge­li­ka­le Grup­pen in der Unter­stüt­zung Isra­els ein kon­kre­tes Betä­ti­gungs­feld für ihre theo­lo­gi­schen Über­zeu­gun­gen und end­zeit­li­chen Projektionen.

Es wäre also ver­kürzt, hier nur von einer ein­sei­ti­gen zio­ni­sti­schen „Instru­men­ta­li­sie­rung“ der US-Evan­ge­li­ka­len zu spre­chen. Viel­mehr ent­wickel­te sich eine wech­sel­sei­ti­ge Bezie­hung, in der reli­giö­se Über­zeu­gung und poli­ti­sche Stra­te­gie inein­an­der­grei­fen. Es ent­wickel­te sich ein gemein­sa­mes Ziel, wenn auch aus unter­schied­li­chen Motiven.

Einfluß auf die Politik der USA

Der poli­ti­sche Ein­fluß des christ­li­chen Zio­nis­mus, ins­be­son­de­re in den USA, ist kaum zu über­schät­zen. Evan­ge­li­ka­le Chri­sten stel­len eine bedeu­ten­de Wäh­ler­grup­pe dar, deren außen­po­li­ti­sche Prä­fe­ren­zen – vor allem in bezug auf Isra­el – von poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern nicht igno­riert wer­den können.

Hin­zu­kommt die Lob­by­ar­beit zio­ni­sti­scher poli­ti­scher Grup­pen, allen vor­an des Ame­ri­can Isra­el Public Affairs Com­mit­tee (AIPAC), einer 1954 gegrün­de­ten Lob­by-Orga­ni­sa­ti­on, die den Wahl­kampf einer gro­ßen Mehr­heit der US-Sena­to­ren und der Abge­ord­ne­ten des Reprä­sen­tan­ten­hau­ses finan­zi­ell unterstützt.

Was in den spä­ten 1960er Jah­ren ent­stand, ent­wickel­te sich wei­ter, ver­dich­te­te sich nicht nur, son­dern radi­ka­li­sier­te sich auch. Im Lau­fe der Jahr­zehn­te ent­stan­den enge Ver­bin­dun­gen zwi­schen reli­giö­sen Füh­rern und poli­ti­schen Eli­ten. Unter­stüt­zung für Isra­el wur­de zu einem festen Bestand­teil kon­ser­va­ti­ver Poli­tik, wobei reli­giö­se Moti­ve und stra­te­gi­sche Inter­es­sen oft untrenn­bar mit­ein­an­der ver­schmol­zen. Es enstan­den gera­de­zu For­men mit Absolutheitsanspruch.

Die Fra­ge, ob die­ser Ein­fluß von Anfang an inten­diert war oder sich erst spä­ter ent­wickel­te, läßt sich nicht ein­deu­tig beant­wor­ten. Von zio­ni­sti­scher Sei­te ist die Fra­ge klar. Vie­les spricht dafür, daß auf pro­te­stan­ti­scher Sei­te ursprüng­lich theo­lo­gi­sche Über­zeu­gun­gen im Vor­der­grund stan­den, die jedoch im Lau­fe der Zeit zuneh­mend poli­tisch kana­li­siert und bewußt genutzt wurden.

Die besondere Rolle der US-Evangelikalen

Daß der christ­li­che Zio­nis­mus gera­de in den USA eine so gro­ße Reso­nanz fand, ist kein Zufall. Meh­re­re Fak­to­ren wir­ken hier zusammen.

Zum einen begün­stigt die in evan­ge­li­ka­len Krei­sen ver­brei­te­te wört­li­che Bibel­aus­le­gung eine direk­te Über­tra­gung bibli­scher Aus­sa­gen auf gegen­wär­ti­ge poli­ti­sche Ereig­nis­se. Zum ande­ren spielt der soge­nann­te Dis­pen­sa­tio­na­lis­mus eine zen­tra­le Rol­le, der Isra­el eine blei­ben­de heils­ge­schicht­li­che Son­der­stel­lung zuschreibt.

Hin­zu kommt eine aus­ge­präg­te End­zeit­er­war­tung, die kon­kre­te histo­ri­sche Ent­wick­lun­gen als Vor­bo­ten der Wie­der­kunft Chri­sti inter­pre­tiert. Schließ­lich bie­tet die US-ame­ri­ka­ni­sche Reli­gi­ons­land­schaft mit ihrer engen Ver­bin­dung von Glau­ben, Medi­en und Poli­tik einen beson­ders frucht­ba­ren Boden für sol­che Bewegungen.

Zu den bedenk­li­chen Fol­gen des christ­li­chen Zio­nis­mus gehö­ren legis­la­ti­ve Maß­nah­men zur Ein­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit. So ver­ab­schie­de­te der US-Con­greß einen Antrag, der Anti-Zio­nis­mus mit Anti­se­mi­tis­mus gleich­setzt und straf­be­wehrt. Ähn­li­che Bestre­bun­gen gibt es seit­her in Europa.

Theologische Bewertung aus katholischer Sicht: Der häretische Charakter

Aus katho­li­scher Sicht wirft der christ­li­che Zio­nis­mus nicht nur ein­zel­ne Schwie­rig­kei­ten auf, son­dern berührt fun­da­men­ta­le Glau­bens­wahr­hei­ten. Gera­de dar­in liegt sein häre­ti­scher Charakter.

Zunächst wider­spricht die dem christ­li­chen Zio­nis­mus eige­ne Vor­stel­lung einer fort­dau­ern­den heils­ge­schicht­li­chen Son­der­stel­lung eines eth­ni­schen, gar ras­sisch defi­nier­ten irdi­schen Vol­kes dem katho­li­schen Ver­ständ­nis der Kir­che als des neu­en und uni­ver­sa­len Got­tes­vol­kes. Mit Chri­stus ist der Alte Bund in sei­ner heils­ge­schicht­li­chen Funk­ti­on erfüllt; eine Rück­kehr zu ter­ri­to­ri­al gebun­de­nen Heils­vor­stel­lun­gen stellt eine theo­lo­gi­sche Regres­si­on dar.

Jeder Rück­griff auf das Alte Tesam­tent, auf judai­sie­ren­de For­men oder gar eine spzi­el­le Aus­er­wählts­heits-Vor­stel­lun­gen des heu­ti­gen jüdi­schen Vol­kes ist auch katho­li­scher Schritt ein schwer­wie­gen­der Rück­schritt in vor­schrict­li­che Zeit und damit eine offe­ne Häresie.

Fer­ner liegt eine Ver­wechs­lung von Heils­ge­schich­te und Welt­ge­schich­te vor. Poli­ti­sche Ereig­nis­se wer­den unmit­tel­bar als Hand­lun­gen Got­tes inter­pre­tiert, ohne die not­wen­di­ge theo­lo­gi­sche Unter­schei­dung zu wah­ren. Dies führt zu einer Sakra­li­sie­rung des Poli­ti­schen, die dem christ­li­chen Glau­ben wesens­fremd ist.

Auch die Escha­to­lo­gie wird in unzu­läs­si­ger Wei­se ver­engt. An die Stel­le der von der Kir­che gelehr­ten Hoff­nung tritt ein System spe­ku­la­ti­ver End­zeit­sze­na­ri­en, das kon­kre­te histo­ri­sche Abläu­fe vor­weg­neh­men will und dabei den frei­en Rat­schluß Got­tes funktionalisiert.

Mit dem katho­li­schen Kul­tus kol­li­diert die dem christ­li­chen Zio­nis­mus eige­ne Ziel­set­zung fron­tal, an der Wie­der­errich­tung des Jeru­sa­le­mer Tem­pels mit­zu­wir­ken und ins­be­son­de­re die Vor­aus­set­zun­gen hier­für zu schaf­fen. Nach katho­li­schem Ver­ständ­nis ist der Jeru­sa­le­mer Tem­pel­kult jedoch mit dem Kreu­zes­tod Jesu Chri­sti end­gül­tig zu sei­nem Ende gekom­men. Die­se Voll­endung wird in der Über­lie­fe­rung sym­bo­lisch dar­in sicht­bar, daß beim Tod Jesu am Kreuz der Tem­pel­vor­hang zer­riß und damit offen­bar wur­de, daß das Aller­hei­lig­ste des Tem­pels leer war.

Bedenk­li­che poli­ti­sche Ver­quickung: Der evan­ge­li­ka­le Pre­di­ger John Hagee gehört zu den bekann­te­sten Ver­tre­tern des christ­li­chen Zio­nis­mus. Er steht US-Prä­si­dent Trump nahe. Am Tag nach dem Angriff der USA und Isra­els gegen den Iran pre­dig­te Hagee unter dem Mot­to des Mili­tär­an­griffs „Ope­ra­ti­on Epic Fury“

Schon der zwei­te Jeru­sa­le­mer Tem­pel kann in die­ser Per­spek­ti­ve ledig­lich als eine nach­ge­ord­ne­te, letzt­lich unvoll­kom­me­ne Kult­ge­stalt ver­stan­den wer­den. Der wah­re Kul­tus hin­ge­gen wur­de durch Chri­stus selbst am Abend vor sei­nem Lei­den ein­ge­setzt und fin­det sei­ne blei­ben­de Ver­wirk­li­chung im Meß­op­fer der Kirche.

Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint der Ver­such, den Jeru­sa­le­mer Tem­pel im alt­te­sta­ment­li­chen Sinn wie­der­auf­zu­rich­ten, aus katho­li­scher Sicht als ein Bruch mit dem christ­li­chen Glau­bens­ver­ständ­nis. Wer ein sol­ches Ziel theo­lo­gisch bejaht, kann im stren­gen Sinn aus katho­li­scher Sicht nicht mehr als Christ gel­ten. Hier und in ande­ren Berei­chen begibt sich der christ­li­che Zio­nis­mus auf blas­phe­mi­sches Terrain. 

Dar­an zeigt sich zugleich, in wel­chem Maß sich Tei­le des evan­ge­li­ka­len Zio­nis­mus durch eine nahe­zu abso­lu­te Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem moder­nen Staat Isra­el – einem Staat, der histo­risch erst weni­ge Jahr­zehn­te besteht und des­sen poli­ti­sche Ord­nung wesent­lich von lai­zi­sti­schen Vor­aus­set­zun­gen geprägt ist – vom klas­si­schen christ­li­chen Glau­bens­ver­ständ­nis ent­fernt haben.

Beson­ders pro­ble­ma­tisch ist in die­sem Kon­text auch die impli­zi­te Instru­men­ta­li­sie­rung des Juden­tums. In vie­len Vari­an­ten des christ­li­chen Zio­nis­mus wird das jüdi­sche Volk in ein vor­ge­zeich­ne­tes end­zeit­li­ches Dra­ma ein­ge­spannt, des­sen Aus­gang bereits fest­ge­legt ist. Damit wird es nicht um sei­ner selbst wil­len geach­tet, son­dern zu einem Mit­tel inner­halb eines theo­lo­gi­schen Systems gemacht.

In der Sum­me zeigt sich, daß der christ­li­che Zio­nis­mus wesent­li­che Ele­men­te der christ­li­chen Offen­ba­rung ver­zerrt. Er stellt daher nicht ledig­lich eine theo­lo­gi­sche Rand­mei­nung dar, son­dern ist in sei­nem Kern mit der katho­li­schen Glau­bens­leh­re unver­ein­bar und als Häre­sie zu qualifizieren.

Die dem christ­li­chen Zio­nis­mus impli­zi­te Häre­sie par­al­le­ler Heils­we­ge – eines christ­li­chen und eines wei­ter­hin eigen­stän­dig gül­ti­gen „alt­te­sta­ment­lich-jüdi­schen“ Heils­wegs – ist aus katho­li­scher Sicht nicht ver­ein­bar mit der Glau­bens­leh­re, wenn­gleich er in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten teil­wei­se auch in inner­kirch­li­che Debat­ten hin­ein­ge­tra­gen wur­de. Kri­ti­ker sehen dar­in eine direk­te und indi­rek­te Rück­wir­kung der oben genann­ten zio­ni­sti­schen Kam­pa­gnen und auch bestimm­ter evan­ge­li­ka­ler, zio­ni­stisch gepräg­ter Theo­lo­gien auf katho­li­sche Denk­fi­gu­ren, ins­be­son­de­re im Kon­text des inter­re­li­giö­sen Dialogs.

Die katho­li­sche Kir­che hält dem­ge­gen­über ein­deu­tig an der Ein­zig­keit des Heils in Jesus Chri­stus fest. Nach ihrem Ver­ständ­nis ist Jesus Chri­stus der uni­ver­sa­le Mitt­ler des Heils, und es gibt kei­nen von ihm unab­hän­gi­gen Heils­weg. Zugleich exi­stiert seit Jesus Chri­stus ein „Neu­es Isra­el“, das nicht eth­nisch oder poli­tisch, son­dern sakra­men­tal zu ver­ste­hen ist: als das Volk Got­tes aus Juden und Hei­den, das durch die Tau­fe in der Kir­che Chri­sti zur Ein­heit beru­fen ist.

Die heu­ti­gen Juden fol­gen der Tra­di­ti­on, die Jesus durch die Römer ans Kreuz schla­gen lie­ßen und der im Tal­mud, eben­so wie sei­ne Mut­ter, die Jung­frau Maria, und die Apo­stel auf die schänd­lich­ste und grau­sam­ste Wei­se dis­kre­di­tiert werden.

Wie jedem Men­schen steht aber auch ihnen der Weg zum Heil offen, durch die Taufe.

Schlußbemerkung

Der christ­li­che Zio­nis­mus ist ein Pro­dukt moder­ner Reli­gi­ons­ge­schich­te, das alte Deu­tungs­mu­ster mit neu­en media­len und poli­ti­schen Mög­lich­kei­ten ver­bin­det. Sei­ne Wir­kungs­kraft beruht gera­de auf die­ser Ver­bin­dung von Glau­bens­über­zeu­gung, emo­tio­na­ler Mobi­li­sie­rung und stra­te­gi­scher Orga­ni­sa­ti­on. Cha­rak­te­ri­stisch ist dabei eine enge poli­ti­sche Ver­flech­tung, die in aktu­el­len inter­na­tio­na­len Kri­sen­la­gen beson­ders deut­lich hervortritt.

In die­sem Kon­text wird auch die Rol­le poli­ti­scher Ent­schei­dungs­trä­ger in den USA dis­ku­tiert, die sich im Umfeld evan­ge­li­ka­ler und christ­lich-zio­ni­sti­scher Akteu­re bewe­gen. Dabei ent­steht in Tei­len der öffent­li­chen Wahr­neh­mung der Ein­druck einer Ver­schie­bung poli­ti­scher Prio­ri­tä­ten, die im Span­nungs­feld zwi­schen innen­po­li­ti­schen Leit­mo­ti­ven und außen­po­li­ti­schen Bin­dun­gen steht.

Kon­kret zeigt sich dies an US-Prä­si­dent Donald Trump, der mit der Aus­sa­ge Ame­ri­ca First die Wah­len gewann, wäh­rend ihm nun ent­täusch­te Wäh­ler vor­wer­fen, in Wirk­lich­keit eine Isra­el-First-Poli­tik zu betreiben.

Gera­de in einer emo­tio­nal, poli­tisch wie reli­gi­ös hoch auf­ge­la­de­nen Situa­ti­on ist eine nüch­ter­ne Ana­ly­se not­wen­dig. Sie ist erfor­der­lich, um die aus katho­li­scher Sicht irri­gen Grund­an­nah­men des christ­li­chen Zio­nis­mus klar zu benen­nen und zugleich zu ver­mei­den, daß in der öffent­li­chen Debat­te das Chri­sten­tum ins­ge­samt in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wird. Durch den stark mis­sio­na­ri­schen Cha­rak­ter tra­gen evan­ge­li­ka­le zio­ni­sti­sche Grup­pen die­se Ideo­lo­gie in alle Welt hinaus.

Die nüch­ter­ne Ana­ly­se zeigt, daß es sich beim christ­li­chen Zio­nis­mus nicht ledig­lich um eine Form reli­giö­ser Soli­da­ri­tät han­delt, son­dern um ein kom­ple­xes ideo­lo­gi­sches Gefü­ge – eines, das aus katho­li­scher Sicht nicht nur kri­tisch zu beur­tei­len, son­dern in sei­nen grund­le­gen­den Irr­tü­mern zurück­zu­wei­sen ist.

Ein grö­ße­rer Aus­schnitt des Sonn­tags­got­tes­dien­stes von John Hagee am Tag nach dem Beginn des Angriffs auf den Iran.

Zu den Kurio­si­tä­ten gehört auch die evan­ge­li­ka­le Pre­di­ge­rin Pau­la White, Trumps „geist­li­cher Bei­stand“ und bekann­te christ­li­che Zio­ni­stin. Das Video zeigt White bei einem „Exor­zis­mus“.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/​Youtube (Screen­shots)

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