Knapp am Atomkrieg vorbei

Appell von Papst Leo XIV. zur Deeskalation


Leo XIV. appellierte eindringlich, nicht weiter an der Eskalationspirale zu drehen. Für heute nacht stand der Einsatz von Atomwaffen gegen den Iran im Raum.
Leo XIV. appellierte eindringlich, nicht weiter an der Eskalationspirale zu drehen. Für heute nacht stand der Einsatz von Atomwaffen gegen den Iran im Raum.

Die Welt hat in den ver­gan­ge­nen Tagen einen Moment äußer­ster Anspan­nung erlebt. Nie seit Anfang der 1960er Jah­re war die Mensch­heit einem Atom­krieg näher als ver­gan­ge­ne Nacht. Im Vor­feld des Aus­lau­fens eines von Donald Trump gesetz­ten Ulti­ma­tums an den Iran ver­dich­te­ten sich in den USA und in Isra­el die Signa­le einer mög­li­chen mili­tä­ri­schen Eska­la­ti­on. Öffent­li­che Äuße­run­gen aus poli­ti­schen und media­len Krei­sen blie­ben in den USA teils bewußt vage, teils auf­fal­lend unver­hoh­len. Beob­ach­ter konn­ten sie kaum anders denn als indi­rek­te Dro­hun­gen inter­pre­tie­ren, die sogar den Ein­satz von Atom­waf­fen in den Raum stell­ten. Offi­zi­ell wur­de eine sol­che Absicht aus Washing­ton spä­ter demen­tiert – doch der Ein­druck einer gefähr­li­chen Grenz­über­schrei­tung bleibt.

Noch beun­ru­hi­gen­der wirk­ten par­al­lel dazu Stim­men aus Isra­el, wo der mög­li­che Ein­satz nuklea­rer Mit­tel offen im Fern­se­hen dis­ku­tiert wur­de. In der Sum­me ent­stand ein Kli­ma, das welt­weit schlimm­ste Befürch­tun­gen nähr­te: die rea­le Gefahr einer unkon­trol­lier­ba­ren Eska­la­ti­on, die weit über einen regio­na­len Kon­flikt hin­aus­ge­hen und glo­ba­le Ver­wü­stun­gen nach sich zie­hen könnte.

Umso grö­ßer war die Erleich­te­rung, als schließ­lich – unter Ver­mitt­lung Paki­stans und offen­bar mit Unter­stüt­zung Pekings und Mos­kaus – eine zwei­wö­chi­ge Waf­fen­ru­he ver­kün­det wur­de. Für einen Moment schien die Welt, vor Schrecken erstarrt, den Atem anzu­hal­ten, um dann erleich­tert auszuatmen.

Inmit­ten die­ser dra­ma­ti­schen Ent­wick­lung erhob auch der Hei­li­ge Stuhl sei­ne Stim­me mit gro­ßer Deut­lich­keit. Papst Leo XIV. wand­te sich in einer spon­ta­nen Erklä­rung an die Öffent­lich­keit, als er Castel Gan­dol­fo ver­ließ. Sei­ne Wor­te mar­kie­ren eine bemer­kens­wer­te Ver­schär­fung des Tons ange­sichts der dro­hen­den Eskalation.

Wört­lich erklär­te der Papst: „Heu­te, wie wir alle wis­sen, ist die­se Dro­hung gegen das gan­ze ira­ni­sche Volk aus­ge­spro­chen wor­den. Das ist wirk­lich inak­zep­ta­bel.“ Und wei­ter führ­te er aus: „Gewiß, es gibt Fra­gen des Völ­ker­rechts, aber es geht weit dar­über hin­aus. Es ist eine mora­li­sche Fra­ge zum Wohl des gan­zen Volkes.“

Mit Dring­lich­keit rück­te der Papst die unschul­di­gen Opfer in den Mit­tel­punkt: „Ich möch­te alle ein­la­den, wirk­lich im Her­zen an so vie­le unschul­di­ge Men­schen zu den­ken, so vie­le Kin­der, so vie­le alte Men­schen, völ­lig unschul­di­ge Per­so­nen, die eben­falls Opfer die­ser Eska­la­ti­on eines Krie­ges wären.“ Zugleich stell­te er die grund­le­gen­de Fra­ge, die wie ein mora­li­scher Impe­ra­tiv über der gesam­ten Situa­ti­on steht: „Keh­ren wir zum Dia­log zurück. Wie kön­nen wir die Pro­ble­me lösen, ohne an die­sen Punkt zu gelangen?“

In sei­ner wei­te­ren Anspra­che warn­te er vor der Spi­ra­le der Gewalt und rief unmiß­ver­ständ­lich zur Umkehr auf: „Wir müs­sen viel beten. Aber wir müs­sen auch Wege suchen, um zu kom­mu­ni­zie­ren […] zu sagen: Wir wol­len kei­nen Krieg, wir wol­len Frieden.“

Bemer­kens­wert ist dabei auch die vor­sich­ti­ge Bezug­nah­me auf das Kon­zept des „gerech­ten Krie­ges“. Wenn der Papst von einem Kon­flikt spricht, „den vie­le als unge­recht betrach­ten“, ver­mied er bewußt eine end­gül­ti­ge eige­ne Bewer­tung, deu­te­te jedoch zugleich an, wie weit sich die gegen­wär­ti­ge Ent­wick­lung von klas­si­schen moral­theo­lo­gi­schen Kri­te­ri­en ent­fernt hat.

In sei­ner eng­li­schen Pas­sa­ge bekräf­tig­te er sei­nen Appell und prä­zi­sier­te ihn: „Suchen wir immer den Frie­den und nicht die Gewalt, leh­nen wir den Krieg ab, beson­ders einen Krieg, den vie­le als unge­recht betrach­ten, der wei­ter eska­liert und nichts löst.“ Mit Blick auf die welt­wei­te Lage füg­te er hin­zu: „Wir haben eine glo­ba­le Wirt­schafts­kri­se, eine Ener­gie­kri­se, eine Situa­ti­on gro­ßer Insta­bi­li­tät im Nahen Osten, die nur mehr Haß in der Welt hervorruft.“

Mit Nach­druck erin­ner­te er auch an die Ver­let­zung des Völ­ker­rechts: „Angrif­fe auf zivi­le Infra­struk­tur wider­spre­chen dem inter­na­tio­na­len Recht“, sei­en aber zugleich „ein Zei­chen für den Haß, die Spal­tung und die Zer­stö­rung, zu denen der Mensch fähig ist“.

Schließ­lich rich­te­te er einen bemer­kens­wert direk­ten Appell an die Bür­ger selbst: „Ich lade die Bür­ger aller betei­lig­ten Län­der ein, sich an die Auto­ri­tä­ten, an die poli­ti­schen Füh­rer zu wen­den […] und ihnen zu sagen, daß sie für den Frie­den arbei­ten und den Krieg immer ableh­nen sollen.“

Die Ereig­nis­se der letz­ten Tage hin­ter­las­sen den­noch einen tie­fen Schock. Sie wer­fen grund­le­gen­de Fra­gen über die stra­te­gi­sche und mora­li­sche Ori­en­tie­rung der poli­ti­schen Füh­run­gen in Washing­ton und Tel Aviv auf. Daß über­haupt Sze­na­ri­en denk­bar und öffent­lich dis­ku­tier­bar wur­den, die den Ein­satz von Atom­waf­fen ein­schlie­ßen, mar­kiert eine Zäsur von größ­ter Tragweite.

Auch Stim­men aus dem frie­dens­ori­en­tier­ten Lager in den USA, dar­un­ter Per­sön­lich­kei­ten wie Tucker Carl­son, haben die­se Ent­wick­lung scharf kri­ti­siert und vor den unkal­ku­lier­ba­ren Fol­gen einer sol­chen Eska­la­ti­ons­po­li­tik gewarnt. Carl­son appel­lier­te direkt an das US-ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär, sich Befeh­len zum Ein­satz von Atom­waf­fen zu ver­wei­gern. US-Prä­si­dent Trump erklär­te Carl­son des­halb zum „Dumm­kopf“ und mit „Dumm­köp­fen“ befas­se er sich nicht. Alles nur ein maka­bres Poker-Spiel um Verhandlungspositionen?

Die nun ver­ein­bar­te Waf­fen­ru­he ver­schafft der Welt eine Atem­pau­se – mehr nicht. Ob sie den Auf­takt zu ernst­haf­ten Ver­hand­lun­gen dar­stellt oder ledig­lich ein kur­zes Inne­hal­ten vor einer erneu­ten Zuspit­zung, bleibt offen. Im Vor­feld waren meh­re­re Ope­ra­tio­nen der Alli­anz aus USA und Isra­el geschei­tert, zuletzt am Kar­frei­tag ein ver­meint­li­cher Ver­such, in eine Atom­for­schungs­zen­trum im ira­ni­schen Isfa­han einzudringen.

Klar ist jedoch: Die jüng­sten Ereig­nis­se haben das Ver­trau­en in die Sta­bi­li­tät der inter­na­tio­na­len Ord­nung schwer erschüt­tert und die Dring­lich­keit einer Rück­be­sin­nung auf Diplo­ma­tie, Völ­ker­recht und mora­li­sche Ver­ant­wor­tung in aller Schär­fe vor Augen geführt. In die­sem Sin­ne wand­te sich Papst Leo XIV. so ein­dring­lich an die Staatsführer.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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