Gottesmordthese und Passionsfrömmigkeit

Katholischer Widerstandsgeist


Jesus wird vom Sanhedrin, dem höchsten jüdischen gesetzgebenden, religiösen und richterlichen Gremium im antiken Israel, zum Tode verurteilt.
Jesus wird vom Sanhedrin, dem höchsten jüdischen gesetzgebenden, religiösen und richterlichen Gremium im antiken Israel, zum Tode verurteilt.

Eine Erör­te­rung von Hubert Hecker

Der FAZ-Jour­na­list Tho­mas Jan­sen behaup­tet in sei­nem Leit­ar­ti­kel vom 8.11.2025, die kirch­li­che Leh­re von den Juden als Got­tes­mör­dern hät­te in Deutsch­land „einen Nähr­bo­den für den völ­ker­mör­de­ri­schen Anti­se­mi­tis­mus der Natio­nal­so­zia­li­sten“ geschaf­fen. Ähn­lich äußert sich der ame­ri­ka­ni­sche Sozi­al­wis­sen­schaft­ler David I. Kert­zer in dem ZDF/Ar­te-Film „Papst Pius XII. und der Holo­caust“ vom Janu­ar 2025: Die „vie­len (deut­schen) Katho­li­ken“ als Voll­strecker des Holo­caust wären über die Sonn­tags­pre­dig­ten ihrer Pfar­rer mit der jahr­hun­der­te­al­ten Tra­di­ti­on der Ver­un­glimp­fung der Juden als Got­tes­mör­der und Chri­sten­fein­de geimpft worden.

Ist das Theo­rem von den Juden als Got­tes­mör­der wirk­lich „annä­hernd zwei­tau­send Jah­re“ die Leh­re der Kir­che gewe­sen? Sind die Behaup­tun­gen über die Wir­kung der Got­tes­mord­the­se in der NS-Zeit wis­sen­schaft­lich fundiert?

Die Ankla­ge an die Adres­se von Juden als Got­tes­mör­der wur­de erst­mals von Bischof Meli­to von Sar­des um 160 n. Chr. in sei­ner Oster­pre­digt erho­ben. Im dama­li­gen Theo­lo­gen­streit um die Per­son Jesu als Mensch oder Gott plä­dier­te der mono­phy­si­ti­sche Bischof dafür: Mit Jesus ist Got­tes Sohn ermor­det wor­den. Und als Got­tes­mör­der iden­ti­fi­zier­te er „Isra­el“, also das Volk der Juden.

Das Wort von der Hin­rich­tung Jesu Chri­sti als Got­tes­mord durch „die“ Juden ist in mehr­fa­cher Hin­sicht ver­fehlt: Histo­risch und biblisch hat­te allein die römi­sche Besat­zungs­macht das Recht auf Todes­ur­teil und Voll­streckung. Aller­dings gab es jüdi­sche Befür­wor­ter und Antrei­ber für die Tötung Jesu. Die gehör­ten zur herr­schen­den Ober­schicht der Juden und waren nicht das Volks­kol­lek­tiv. Theo­lo­gisch bedeu­tet das durch Jesu Opfer­tod ver­gos­se­ne Blut „zur Ver­ge­bung der Sün­den“ das ver­söh­nen­de Opfer­blut des Neu­en Bun­des. Es ruft nicht nach Rache oder Ver­gel­tung, wie Mt 27,25 fälsch­lich aus­ge­legt wird.

Schließ­lich war es Petrus selbst, der die Schuld der jüdi­schen Todes­be­trei­ber Jesu rela­ti­vier­te. Nach Apo­stel­ge­schich­te 3,17–19 sag­te Petrus zu sei­nen jüdi­schen Volks­ge­nos­sen: „Ihr habt den Urhe­ber des Lebens getö­tet. Aber ich weiß, Brü­der, ihr habt aus Unwis­sen­heit gehan­delt, eben­so eure Füh­rer.“ Doch Gott habe mit Lei­den und Tod des Mes­si­as die Vor­aus­sa­gen der Pro­phe­ten in Erfül­lung gehen las­sen. Dar­um „bekehrt euch, damit getilgt wer­den eure Sün­den.“ Unter Berück­sich­ti­gung der Unwis­sen­heits­an­nah­me, dass der Jude Jesus sich den Got­tes­sohn­ti­tel blas­phe­misch ange­maßt hät­te, ent­la­ste­te Petrus die betei­lig­ten Juden sowohl von der Ankla­ge der Got­tes­tö­tung als auch des Mor­des aus nied­ri­gen Moti­ven. Damit han­del­te Petrus im Gei­ste Jesu, der selbst am Kreuz gesagt hat­te: „Vater, ver­gib ihnen, denn sie wis­sen nicht, was sie tun“ (Lk 32,34).

Auf dem Kon­zil von Nicaea im Jah­re 325 n. Chr. wur­de im Streit um die Wesens­na­tur des Mes­si­as‘ die Lösungs­for­mel gefun­den: Jesus Chri­stus ist „wah­rer Mensch und wah­rer Gott“. Mit die­ser Unter­schei­dung konn­ten das Lei­den und der Kreu­zes­tod dem Men­schen Jesus zuge­ord­net wer­den, der zugleich als Chri­stus, Hei­land und Got­tes­sohn die Men­schen von Sün­de und Tod erlö­ste. Nach die­ser Klä­rung waren die Begrif­fe von der Tötung Got­tes und den (jüdi­schen) Got­tes­mör­dern theo­lo­gisch unmög­lich gewor­den: Gott kann nicht lei­den und auch nicht getö­tet werden.

Die The­se vom Got­tes­mord von Sei­ten der Juden gehör­te nie zum Kern­be­stand der kirch­lich-kano­ni­schen Dog­ma­tik. Im nicae­ani­schen Glau­bens­be­kennt­nis heißt es aus­drück­lich: „…für uns (gelit­ten und) gekreu­zigt unter Pon­ti­us Pilatus“.

Gleich­wohl gab es auch nach Nicea zahl­rei­che pole­mi­sche Aus­sa­gen von christ­li­chen Theo­lo­gen gegen das Juden­tum. Dabei spiel­te die anti­ju­da­isti­sche Zeit­geist-Stim­mung im Römi­schen Reich eine trei­ben­de Rol­le. Die Zer­stö­rung des jüdi­schen Tem­pels 70 n. Chr., der Hei­mat­ver­lust der Juden, die Zer­streu­ung der Juden sowie ihre Unter­drückung durch die römi­sche Obrig­keit wur­den als Straffluch Got­tes gedeu­tet. Wofür? Eben für das Drin­gen und Drän­gen jüdi­scher Krei­se zum Tod Jesu sowie die angeb­li­che Selbst­ver­flu­chung von einer Volks­men­ge. Bei­de Hand­lun­gen von einer begrenz­ten jüdi­schen Grup­pe wur­den wei­ter­hin kol­lek­ti­vi­stisch inter­pre­tiert. Das „ver­stock­te“ jüdi­sche Volk habe Gott wegen der jüdi­schen Mit­ver­ant­wor­tung für die Kreu­zi­gung Chri­sti ver­wor­fen und daher des­sen Erwäh­lung zurück­ge­nom­men, sei­nen Bund gekündigt.

Im Hoch­mit­tel­al­ter wur­den die­se Ste­reo­ty­pe durch Legen­den von Ritu­al­mor­den und Hosti­en­fre­vel ver­fe­stigt. Wenn­gleich Papst und Kir­che die­se volks­re­li­giö­sen Ver­leum­dun­gen und dar­aus fol­gen­de Pogro­me viel­fach ver­ur­teil­ten, blieb doch in der kirch­li­chen Iko­no­gra­fie, teil­wei­se bei bild­li­chen Pas­si­ons­dar­stel­lun­gen die Auf­fas­sung von den mör­de­ri­schen Juden verbreitet.

Es ist aber auch von der kirch­lich-theo­lo­gi­schen Gegen­er­zäh­lung seit der Spät­an­ti­ke zu berich­ten. Papst Leo der Gro­ße (+ 461) bezog Jesu Ver­ge­bung für sei­ne Anklä­ger (Lk 23,34) aus­drück­lich auf die Juden. Damit war die in der Spät­an­ti­ke ver­brei­te­te Straf- und Fluch-Logik für die jüdi­sche Mit­ver­ant­wor­tung am Tod Jesu Chri­sti erst­mals in die spe­zi­fisch christ­li­che Ver­ge­bungs- und Ver­söh­nungs­lo­gik gewen­det wor­den. In die­sem Gei­ste for­mu­lier­te im frü­hen sieb­ten Jahr­hun­dert Papst Gre­gor der Gro­ße Grund­sät­ze für die Rech­te der Juden im Rah­men einer päpst­li­chen Schutz­herr­schaft, indem er sich gegen Zwangs­tau­fen, für den Schutz des Syn­ago­gen­got­tes­dien­stes und des jüdi­schen Besit­zes aus­sprach. Auf die­ser Basis erlie­ßen spä­te­re Päp­ste ab dem frü­hen 12. Jahr­hun­dert Schutz­bul­len, um den Juden ein fried­li­ches Leben in der christ­li­chen Gesell­schaft zu gewähr­lei­sten. Unter Andro­hung der Exkom­mu­ni­ka­ti­on war es ver­bo­ten, Juden unter Zwang zu tau­fen, ihnen Scha­den zuzu­fü­gen, ihre Feste und Syn­ago­gen­got­tes­dien­ste zu stö­ren, ihre Fried­hö­fe zu beschä­di­gen sowie sie zu ver­fol­gen oder zu töten.

Eine wirk­li­che theo­lo­gi­sche Wen­de kam mit der Wie­der­ent­deckung der Got­tes­knecht­lie­der von Jesa­ia 53 im Hoch­mit­tel­al­ter zum Tra­gen: „Er trug unse­re Krank­heit und lud auf sich unse­re Schmer­zen. Um unse­rer Mis­se­tat wil­len ward er ver­wun­det, um unse­rer Sün­den wil­len zer­schla­gen….. Durch sei­ne Wun­den sind wir geheilt.“ Und 1 Kor 15,3: „Chri­stus ist für unse­re Sün­den gestor­ben gemäß der Schrift.“ Wenn das blu­ti­ge Selbst­op­fer Chri­sti uns von unse­rer Sün­den­last befreit, heißt das umge­kehrt, dass wir mit unse­ren Sün­den Lei­den und Kreu­zes­tod Chri­sti heils­not­wen­dig gemacht haben. In die­sem Sin­ne heißt es in dem Hym­nus „Sal­ve caput cruen­ta­tum“ des Arnulf von Löwen zu Anfang des 13. Jahr­hun­derts, bis heu­te bekannt als Lied „Oh Haupt von Blut und Wun­den“: „Oh Herr, was du erdul­det /​ ist alles mei­ne Last; ich hab‘ es selbst ver­schul­det /​ was du getra­gen hast.“

Die Kreu­zes- und Pas­si­ons­fröm­mig­keit der spät­mit­tel­al­ter­li­chen devo­tio moder­na ersetz­te die Ankla­gen, Fluch­wor­te und Ver­gel­tungs­ge­dan­ken gegen die jüdi­schen Trei­ber zu Jesu Tod durch den ankla­gen­den Bezug auf die eige­ne Sün­den­schuld. Die Erkennt­nis, dass der wirk­li­che Grund und zugleich die Erlö­sungs­be­stim­mung für Lei­den und Tod Jesu die Sün­den der Men­schen sind, setz­te sich in der frü­hen Neu­zeit in der katho­li­schen Kir­che beson­ders nörd­lich der Alpen durch. Römi­schen Besu­chern fiel auf, dass vor jedem grö­ße­ren Ort in Deutsch­land ein Kult­ort des „Kal­va­ri­en­bergs“ zu fin­den war. In Gör­litz wur­de im 16. Jahr­hun­dert die noch heu­te erhal­te­ne via dolo­ro­sa mit sie­ben Kreuz­weg­sta­tio­nen eingerichtet.

Beschlos­sen in den dog­ma­ti­schen Aus­sa­gen des Kon­zils von Tri­ent (1545–1563), wur­de die Ein­sicht von der sün­den­be­ding­ten Pas­si­on Chri­sti im triden­ti­ni­schen Kate­chis­mus fest­ge­schrie­ben und ist dort für die katho­li­sche Pfar­rer- und Volks­bil­dung seit 450 Jah­re ver­an­kert. Seit dem 17. Jahr­hun­dert wur­de die neue Pas­si­ons­fröm­mig­keit als Andacht an den sie­ben Sta­tio­nen der soge­nann­ten Fuß­fäl­le prak­ti­ziert, im 19. Jahr­hun­dert bei den 14 Sta­tio­nen der Kreuz­we­ge, die in jeder Pfarr­kir­che ein­ge­rich­tet waren und viel­fach auch als Bild­stock­weg in der Orts­ge­mar­kung. In den Kreuz­weg­an­dach­ten der Fasten­zeit medi­tie­ren die Katho­li­ken die Pas­si­on Chri­sti: „Gegei­ßelt und mit Dor­nen gekrönt wird der Hei­li­ge von den Sün­dern ver­ur­teilt.“ Oder: „Betrach­te, wie Jesus unter das Kreuz fällt /​ auch mei­ne Sün­den fügen ihm Schmer­zen zu /​ unse­ret­we­gen ward er geschun­den /​ für uns gelit­ten zu unse­rem Heil.“

In der katho­li­schen Fröm­mig­keit von Pfar­rern und Gläu­bi­gen wird seit 450 Jah­ren das Lei­den und der Kreu­zes­tod Chri­sti eben nicht als Fol­ge jüdi­schen Wir­kens ange­se­hen. Wenn in den Jahr­hun­der­ten der Neu­zeit eini­ge weni­ge Theo­lo­gen noch die alte Got­tes­mord­the­se und deren anti­ju­da­isti­sche Impli­ka­tio­nen ver­tra­ten, so war das ein kirch­li­ches Rand­phä­no­men, jeden­falls nicht hand­lungs­re­le­vant im Ver­hält­nis der Katho­li­ken zu den Juden.

Auf Initia­ti­ve der hol­län­di­schen, zum Katho­li­zis­mus kon­ver­tier­ten Jüdin Sophie van Leer wur­de 1926 in Rom die „Prie­ster­li­che Ver­ei­ni­gung der Freun­de Isra­els“ gegrün­det. Zu der Grup­pe gehör­ten 3000 Prie­ster, 328 Bischö­fe und 19 Kar­di­nä­le, unter ihnen der Mün­che­ner Erz­bi­schof Micha­el von Faul­ha­ber. In der Zeit des wach­sen­den Anti­se­mi­tis­mus‘ in Euro­pa war es Absicht der Prie­ster und Ordens­leu­te, die Freund­schaft und Ver­söh­nung der Katho­li­ken mit dem Volk des Alten Bun­des anzu­bah­nen. Ins­be­son­de­re soll­te die miss­ver­ständ­li­che Kar­frei­tags­bit­te gegen die „per­fi­den“ Juden ersetzt wer­den durch eine ange­mes­se­ne Formulierung.

Nach der auf­ge­zeig­ten Wen­dung der katho­li­schen Theo­lo­gie seit dem Kon­zil von Tri­ent sowie der Initia­ti­ve der Amici Isra­el im Jahr­zehnt vor der NS-Macht­er­grei­fung sind die Anschul­di­gun­gen zu bewer­ten, die zu Anfang des Arti­kels vor­ge­stellt sind.

Auf die­sem Hin­ter­grund ist es unbe­grün­det und falsch, was die wiki­pe­dia-Sei­te unter dem The­ma „Got­tes­mord“ pau­schal zur christ­li­chen Hal­tung schreibt: „Ab 1933 recht­fer­tig­ten Chri­sten aller Kon­fes­sio­nen die staat­li­che Ver­fol­gung der Juden als Fol­ge des angeb­li­chen Got­tes­mor­des, durch den sie einen angeb­li­chen ‚Fluch‘ auf sich gezo­gen hätten.“

Die Sei­te kann für ihre The­se nicht einen ein­zi­gen katho­li­schen Schrift­stel­ler auf­bie­ten. Sie ver­weist allein auf den Grün­der der luthe­risch-frei­kirch­li­chen Her­manns­bur­ger Mis­si­on – und Diet­rich Bon­hoef­fer. Der reka­pi­tu­lier­te im April 1933 als Reak­ti­on auf den NS-Juden­boy­kott die klas­si­sche Got­tes­mord­the­se der Spät­an­ti­ke: „Das aus­er­wähl­te Volk, das den Erlö­ser der Welt ans Kreuz schlug, muss in lan­ger Lei­dens­ge­schich­te den Fluch sei­nes Lei­dens tragen.“

Der alt-neue Anti­ju­da­is­mus, gestützt auf die Hetz­re­den von Mar­tin Luther, hat­te in den evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen frak­ti­ons­über­grei­fend brei­te­ste Unter­stüt­zung. Er wur­de seit Anfang der 1930er Jah­re getra­gen von der Zwei-Drit­tel-Mehr­heit der „Deut­schen Chri­sten“, die sich ursprüng­lich „Chri­sten in der NSDAP“ nann­ten. Die­se pro­te­stan­ti­sche Bewe­gung kann mit eini­ger Berech­ti­gung als der „Nähr­bo­den für den völ­ker­mör­de­ri­schen Anti­se­mi­tis­mus des Natio­nal­so­zia­lis­mus“ ange­se­hen wer­den, so die For­mu­lie­rung von Tho­mas Jan­sen. Es ist aller­dings „infam“ von dem FAZ-Jour­na­li­sten, die zutref­fen­de Ankla­ge gegen den Pro­te­stan­tis­mus zu ver­schwei­gen und sie statt­des­sen der dies­be­züg­lich unschul­di­gen katho­li­schen Kir­che auf­zu­la­den: Eine Metho­de der Schuld­ver­schie­bung auf den ‚Sün­den­bock‘ Kirche.

In ähn­li­cher dif­fa­mie­ren­der Wei­se geht der ame­ri­ka­ni­sche Autor David I. Kert­zer vor, ein Pro­fes­sor für Sozi­al­wis­sen­schaft mit Schwer­punkt-Stu­di­en zur ita­lie­ni­schen Neu­zeit. In dem ZDF/Ar­te-Film „Papst Pius XII. und der Holo­caust“ vom Janu­ar 2025 wird er als ein­sei­ti­ger Kron­zeu­ge auf­ge­ru­fen, um das angeb­li­che Schwei­gen des Pap­stes zur nazi­sti­schen Juden­ver­fol­gung zu unter­mau­ern. In die­sem Zusam­men­hang behaup­tet er (im Film und sei­nem Buch „Der Papst, der schwieg“ auf S. 544): Es sei­en vie­le deut­sche Katho­li­ken gewe­sen, die aktiv am Juden­mord vor Erschie­ßungs­grä­ben und Gas­kam­mern mit­wirk­ten. Die Voll­strecker des Holo­causts hät­ten sich dabei als „gute Katho­li­ken“ betrach­ten kön­nen, weil sie ihre anti­se­mi­ti­schen Taten aus den Sonn­tags­pre­dig­ten ihrer Pfar­rer hät­ten recht­fer­ti­gen kön­nen, in denen die „jahr­hun­der­te­al­te Tra­di­ti­on der Ver­un­glimp­fung der Juden“ als Got­tes­mör­der und Chri­sten­fein­de gelehrt wor­den wäre.

An den spe­ku­la­ti­ven Aus­sa­gen die­ser Pas­sa­ge ist nicht ein ein­zi­ger Halb­satz histo­risch halt- und beleg­bar. Kert­zer wird bei den 12.000 katho­li­schen Geist­li­chen in der Hit­ler­zeit nicht eine ein­zi­ge Pre­digt vor­le­gen kön­nen, in der die Juden als Got­tes­mör­der ange­klagt wer­den. Des­halb konn­ten sich die weni­gen (im Ver­gleich zu den Pro­te­stan­ten) Tauf­schein­ka­tho­li­ken, die sich frei­wil­lig zur Toten­kopf-SS für die Ver­nich­tungs-KZs mel­de­ten, auch nicht für gute Katho­li­ken halten.

Bei sei­ner Igno­ranz zu den Kir­chen­ver­hält­nis­sen in Deutsch­land scheut sich Kert­zer nicht, sei­ne Unkennt­nis mit fal­schen Beschul­di­gun­gen der deut­schen Geist­li­chen zu kaschie­ren. Von denen wur­den mehr als fünf­tau­send von NS-Staat und ‑Par­tei schi­ka­niert, drang­sa­liert, kri­mi­na­li­siert oder nicht weni­ge ins KZ ver­bracht, etwa weil „der nie­de­re Kle­rus das Ideen­gut des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu Ras­se und Blut ablehnt“, wie der Gesta­po-Lage­be­richt für den Raum Arns­berg von Ende 1935 notier­te. Wei­ter heißt es dort: „Die (NS-) Maß­nah­men gegen das Juden­tum und das Ste­ri­li­sa­ti­ons­ge­setz sind daher Gegen­stand dau­ern­der Het­ze von Sei­ten katho­li­scher Pfarrer.“

Die­se Ein­schät­zung der katho­li­schen Kir­che als „eine oppo­si­tio­nell ein­ge­stell­te Groß­or­ga­ni­sa­ti­on“ bestä­tigt der Histo­ri­ker Götz Aly in sei­nem neu­en Buch: „Wie konn­te das gesche­hen?“ auf S. 200. „Anders als im Fall der vie­len wil­li­gen Pro­te­stan­ten hat­te sich der katho­li­sche Wider­stands­geist bereits in der kate­go­ri­schen Ableh­nung von Zwangs­ste­ri­li­sie­run­gen, Füh­rer­ver­got­tung und Ras­sen­pa­ra­dig­ma geäußert“.

Bild: You­tube (Screen­shot)

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