Die verschlossene Grabeskirche

Heiliges Land: verschlossene Türen, geschlossene Augen


Das Tor zur Grabeskirche in Jerusalem wurde von Israels Behörden geschlossen. Seit dem 28. Februar ist keine Liturgie mehr möglich.
Das Tor zur Grabeskirche in Jerusalem wurde von Israels Behörden geschlossen. Seit dem 28. Februar ist keine Liturgie mehr möglich.

Isra­els Behör­den haben am 28. Febru­ar die Schlie­ßung der Gra­bes­kir­che in Jeru­sa­lem ver­ord­net. Seit­her ist das Hei­lig­tum von Gol­go­tha und das Hei­li­ge Grab nicht ein­mal für die Lit­ur­gie zugäng­lich. Mit vor­sich­ti­gen Wor­ten ver­sucht Pater Ibra­him Fal­tas vom Fran­zis­ka­ner­or­den, ein palä­sti­nen­sisch-ara­bi­scher Christ, in Jeru­sa­lem gebo­ren, das Leid über die staat­li­che Will­kür zu klagen.

Von P. Ibra­him Faltas*

Das gro­ße zwei­flü­ge­li­ge Por­tal, das seit Jahr­hun­der­ten den Ein­gang zum Hei­li­gen Grab schützt, war noch nie so lan­ge geschlos­sen. Krie­ge, Gefah­ren, Span­nun­gen, Pan­de­mien haben den Zugang zum Hei­li­gen Ort zwar ein­ge­schränkt, doch nie­mals über einen der­art lan­gen und unun­ter­bro­che­nen Zeit­raum. Die­se Zeit­span­ne fällt mit der inten­si­ven Zeit der Fasten­zeit zusam­men – einer Zeit der Besin­nung und des Gebets, die uns auf einem Weg führt, auf dem wir, selbst wenn nur ein Flü­gel geöff­net ist, durch die­ses Tor schrei­ten. Indem wir den­sel­ben Kreuz­weg gehen, der die Pas­si­on unse­res Herrn gese­hen hat, tre­ten wir ein in den Ort des Opfers von Jenem, der Sei­nen Tod in ewi­ges Heil ver­wan­delt hat. Die­se Türen, stets hei­lig, sind seit dem 28. Febru­ar geschlos­sen, und es ist uns noch immer nicht erlaubt, sie für jahr­tau­sen­de­al­te Riten zu öff­nen, die nicht nur Aus­druck von Tra­di­ti­on und Gewohn­heit sind.

Die Feiern des österlichen Triduums stehen in Frage

Das „Gehen, um anzu­kom­men“ ist eine stets neue Not­wen­dig­keit für jene, die die Schön­heit des Hei­li­gen Lan­des leben; es ist ein immer star­kes Bedürf­nis für die­je­ni­gen, die den Glau­ben in die­sem ver­wun­de­ten Land leben. Wir kön­nen uns nicht vor­stel­len, die Pas­si­on und den Tod Jesu nicht zu betrach­ten, wäh­rend wir über die Stei­ne gehen, die von sei­ner heil­brin­gen­den Gegen­wart Zeug­nis able­gen. Ich ver­stär­ke der­zeit bei den israe­li­schen Behör­den die Bit­te, zumin­dest die Kar­wo­che inner­halb der Mau­ern fei­ern zu dür­fen, die Gol­go­ta und das lee­re Grab bewah­ren. Wir wer­den alles tun, um eine kon­kre­te Prä­senz und ein Zeug­nis des Glau­bens in der Mut­ter­kir­che aller Kir­chen zu sein. Noch immer spü­ren wir die Kraft der Wor­te des hei­li­gen Johan­nes Paul II., als er sein Petrus­amt begann: „Habt kei­ne Angst! Öff­net, ja reißt die Tore weit auf für Chri­stus!“ Heu­te klin­gen die­se Wor­te wie eine Ein­la­dung zum Mut, den Glau­ben in Wahr­heit zu leben. Es wur­de uns nicht gestat­tet, am Hei­li­gen Grab den zwei­ten, drit­ten und vier­ten Fasten­sonn­tag zu fei­ern – nicht ein­mal bei geschlos­se­nen Türen, wie es wäh­rend der Pan­de­mie oder in ande­ren dunk­len und schmerz­haf­ten histo­ri­schen Momen­ten mög­lich gewe­sen war.

Die Mauern niederreißen, die daran hindern, den Nächsten zu lieben

Das Kli­ma des Schreckens im Hei­li­gen Land spie­gelt sich in der stän­di­gen Angst vor dem ande­ren wider, und es ist der fort­wäh­ren­de Druck von Gefahr und Unsi­cher­heit, der unsicht­ba­re Mau­ern errich­tet – Mau­ern, die man weder sieht noch berührt, die aber här­ter sind als Beton und schein­bar unüber­wind­bar. Wir müs­sen uns ver­ei­nen, um sie zu öff­nen, ja um sie weit auf­zu­rei­ßen für die Lie­be zum lei­den­den Näch­sten. Der Him­mel des Nahen Ostens ist noch immer dicht belegt: Rake­ten, Droh­nen, gegen­sei­ti­ge Angrif­fe durch­que­ren Tag und Nacht die Wol­ken, um Tod über Men­schen zu brin­gen, die ein­an­der nicht ken­nen, und um Leben, Geschich­te und Natur zu zer­stö­ren. Der Him­mel bedeckt alle und alles; die Werk­zeu­ge des Todes haben weder Augen noch Herz, sie ach­ten weder auf Natio­na­li­tät noch auf reli­giö­sen Glau­ben, sie sehen nicht die zer­brech­li­chen Kör­per, die bereits gelit­ten haben: Es ist eine Gewalt, die sich immer wie­der erneu­ert und jedes Mal aufs neue erschüttert.

Die Türen sowie die Augen des Herzens und des Verstandes öffnen

Beim Ange­lus am vier­ten Fasten­sonn­tag rief der Hei­li­ge Vater mit Nach­druck: „Waf­fen­ru­he!“ Er sprach die­se Wor­te mit Ent­schlos­sen­heit aus, und ihr Klang brach­te das mensch­li­che Leid und den Schmerz eines besorg­ten Vaters zum Aus­druck. Er hat uns erneut auf­ge­for­dert, „die Augen zu öff­nen“, „ein Chri­sten­tum mit offe­nen Augen zu leben“. Zwei Päp­ste – der hei­li­ge Johan­nes Paul II. und Leo XIV. – ermah­nen uns zur Kon­se­quenz, zur Teil­nah­me und zu akti­vem Han­deln im Leben in Chri­stus und im Glau­ben, mit einem Ver­trau­en, das nicht blind ist, und mit Hoff­nung. Wenn wir allein sind, scheint es unmög­lich, das Böse zu besie­gen, denn es ist schwer, die Wur­zeln der Gewalt aus­zu­rot­ten; mög­lich könn­te es wer­den, wenn wir unse­re Kräf­te ver­ei­nen und gemein­sam dem ent­ge­gen­tre­ten, was unmög­lich und müh­sam erscheint. Jesus öff­ne­te die Augen des Blind­ge­bo­re­nen, der Glau­ben hat­te und auf das Heil hoff­te. Augen, die dem Guten ver­schlos­sen sind, Augen, die von Macht geblen­det sind, kön­nen sich nicht öff­nen; sie ver­mö­gen das Lei­den und den Schmerz des Näch­sten nicht zu sehen und die Fol­gen eines anstecken­den und töd­li­chen Has­ses nicht auf­zu­hal­ten. Hel­fen wir den von Ver­zweif­lung erlo­sche­nen Augen, sich dem Mut zu öff­nen, sich zu ver­ei­nen, um die Wahr­heit ein­zu­for­dern. Dazu müs­sen wir die Türen sowie die Augen des Her­zens und des Ver­stan­des öff­nen. Es ist schwie­rig, aber mög­lich. Es braucht Mut!

*Ibra­him Fal­tas, Fran­zis­ka­ner­pa­ter, Lei­ter der Schu­len der Kusto­die des Hei­li­gen Landes

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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