Am 5. März empfing Papst Leo XIV. im Vatikan zwei Religionssoziologen, deren Forschungsarbeit sich unter anderem mit einem der sensibelsten Themen des gegenwärtigen kirchlichen Lebens befaßt: der überlieferten lateinischen Messe. Der britische Theologe und Religionssoziologe Stephen Bullivant sowie der US-amerikanische Datenwissenschaftler Stephen Cranney arbeiten gemeinsam an einer umfangreichen Studie über Katholiken, die den traditionellen römischen Ritus besuchen.
Die beiden Wissenschaftler bereiten derzeit ein Buch mit dem Titel “Trads: Latin Mass Catholics in the United States” vor, das auf Umfragen, ethnographischer Feldforschung und Interviews basiert und im Herbst 2026 erscheinen soll.
Daß der Papst sich persönlich mit Forschern trifft, die empirische Daten zum überlieferten Ritus erheben, ist bemerkenswert – zumal das Thema seit Jahren, zugespitzt seit dem argentinischen Pontifikat, zu den kontroversesten Fragen innerhalb der katholischen Kirche gehört.
Zudem fällt die gewährte Audienz in einen Moment erhöhter Spannung, seit die Priesterbruderschaft St. Pius X. Anfang Februar die bevorstehende Weihe neuer Bischöfe ankündigte, die auch ohne päpstliches Mandat geweiht werden sollen. Die Piusbruderschaft, gegründet 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre als Reaktion auf die von ihm abgelehnte nachkonziliare Liturgiereform, gilt als Pionier in der Traditionsbewahrung, weshalb ihr und dem Umgang des Heiligen Stuhls mit ihr eine besondere Bedeutung zukommt.
Eine Debatte, die von Vermutungen geprägt war
In ihrem Forschungsansatz kritisieren Bullivant und Cranney vor allem eines: den Mangel an verläßlichen Daten. Zu lange sei über die Gemeinschaften der Tradition nur auf der Grundlage von Meinungen, historischen Interpretationen oder polemischen Zuschreibungen gesprochen worden.

Ihre Untersuchungen zeichnen dagegen ein deutlich differenzierteres Bild.
So zeigen ihre Umfragen etwa, daß eine große Mehrheit der Teilnehmer der traditionellen Liturgie keineswegs grundsätzlich in Opposition zum Zweiten Vatikanischen Konzil steht. In einer Erhebung erklärten rund zwei Drittel der Befragten, die Konzilslehren zumindest in gewissem Maße anzuerkennen. Vorbehalte bestehen punktuell an bestimmten Dokumenten und Formulierungen.
Ebenso wird deutlich, daß Gruppen mit tatsächlich schismatischer Haltung nur einen kleinen Teil der gesamten Szene ausmachen.
Mit anderen Worten: Die Realität der traditionellen Gemeinden ist komplexer und kirchlich weit loyaler, als es in der öffentlichen Debatte, insbesondere von ihren Gegnern, häufig dargestellt wird.
Weit bedeutsamer sind andere von Bullivant und Cranney erhobene Daten: Mehr als die Hälfte aller praktizierenden Katholiken zeigen ein Interesse am überlieferten Ritus. Die Tradition hat empirisch gesehen ein großes Potential.
Der Schatten von Traditionis custodes
Die Brisanz des gestrigen Treffens ergibt sich aus dem kirchenpolitischen Kontext.
Im Jahr 2021 erließ Papst Franziskus das Motu proprio Traditionis custodes, das den Gebrauch der Heiligen Liturgie nach dem Meßbuch von 1962 erheblich einschränkte und den Diözesanbischöfen strenge Vorgaben machte. Das konnte vom Episkopat als römische Einladung gesehen werden, repressiv gegen den überlieferten Ritus vorzugehen. Seitdem sind viele Meßorte der traditionellen Liturgie verschwunden oder mußten in provisorische Räume ausweichen – ein Vorgang, der auch in internationalen Medien als Ausdruck eines innerkirchlichen Konflikts beschrieben wurde.
Bislang hat Papst Leo XIV. diese Regelung seines Vorgängers unverändert bestehen lassen, trotz der großen in ihn gesetzten Hoffnungen, die von ihm in seinen Antrittsansprachen zum Ziel erhobene Einheit und Versöhnung wiederherzustellen. Doch die Frage, ob und in welcher Form eine Neubewertung von Traditionis custodes und insgesamt im Umgang mit der Tradition erfolgen könnte, bleibt offen.
Eine vorsichtige Neuorientierung?
In französischen katholischen Medien wird seit einiger Zeit darauf hingewiesen, daß die liturgische Frage nicht isoliert betrachtet werden könne. Kommentatoren betonen, daß eine dauerhafte Einheit der Kirche auch davon abhängt, legitime spirituelle Sensibilitäten zu respektieren.
Gerade Frankreich ist seit Jahrzehnten eines der Länder, in denen die traditionelle Liturgie besonders lebendig geblieben ist. Viele französische Autoren sehen in ihr nicht nur eine nostalgische Praxis, sondern eine Form der Evangelisierung, die junge Familien und Berufungen anzieht.
Ähnliche Stimmen kommen aus Italien. Dort wird in kirchlichen Kommentaren zunehmend betont, daß die Auseinandersetzung um die Liturgie nicht als Kulturkampf geführt werden dürfe. Mehrere italienische Beobachter plädieren dafür, die Realität der Gemeinden nüchtern zu betrachten: Wo die traditionelle Messe mit kirchlicher Loyalität verbunden sei, könne sie auch eine pastorale Ressource sein.
In diesem Licht erscheint das Treffen mit Bullivant und Cranney besonders interessant. Denn ihre Forschung zielt genau auf diese nüchterne Betrachtung ab: nicht Ideologie, sondern empirische Wirklichkeit.
Eine Kirche, die hört?
Papst Leo XIV. hat sich bislang in liturgischen Fragen bewußt zurückhaltend geäußert. Gleichzeitig betont er in verschiedenen Reden immer wieder die Bedeutung der kirchlichen Einheit und der Suche nach sichtbarer Gemeinschaft unter den Christen.
Vor diesem Hintergrund könnte das Treffen mit den beiden Sozialwissenschaftlern als ein Zeichen verstanden werden: Der Papst möchte sich ein möglichst realistisches Bild von der Situation machen, wo sein Vorgänger Franziskus desinteressiert und beratungsresistent seine persönlichen Abneigungen kultivierte.
Gerade weil die Diskussion um den überlieferten Ritus häufig von Emotionen geprägt ist, könnte eine solide empirische Grundlage helfen, das Gespräch in den obersten Etagen der Kirche zu versachlichen.
Ein kleines Zeichen – mit möglicher Tragweite
Die Audienz selbst war kurz und privat, und der Vatikan veröffentlichte keine Details über den Inhalt des Gesprächs.
Doch allein die Tatsache, daß sich der Papst für diese Forschung interessiert, könnte von Bedeutung sein.
Denn die Studien von Bullivant und Cranney weisen darauf hin, daß der überlieferte Ritus keineswegs nur ein Randphänomen ist. Vielmehr handelt es sich um eine lebendige Realität, die in vielen Teilen der Kirche – besonders unter jungen Familien – neue Dynamik entfaltet. Dies ist umso bemerkenswerter, da er seit 57 Jahren an einer freien Entfaltung gehindert wird.
Will die Kirche die Zeichen der Zeit wirklich erkennen, muß sie auch diese Wirklichkeit ernst nehmen.
Vielleicht war das Treffen im Vatikan daher mehr als eine akademische Begegnung.
Es könnte ein stiller Hinweis darauf sein, daß die Diskussion um die überlieferte Liturgie nicht abgeschlossen ist – und daß ihre Zukunft möglicherweise differenzierter beurteilt werden wird, als es die bergoglianischen Frontstellungen vermuten lassen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Frontdeckel des Buches
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