Eine wachsende Zahl von Staaten – sowohl aus dem klar kommunistischen als auch aus dem ausgeprägt kapitalistischen Lager – verzeichnet seit Jahren dramatische demografische Rückgänge. Zwar variieren die sozioökonomischen Systeme, doch der gemeinsame Nenner ist eindeutig: Geburtenraten liegen weltweit weit unter dem Niveau, das zur Stabilität einer Bevölkerung nötig wäre.
Taiwan: Alarmierende demografische Entwicklung
Taiwan (Republik China) verzeichnet inzwischen die niedrigste Fertilitätsrate weltweit. Im Jahr 2025 lag die Geburtenrate dort bei lediglich 0,8 Kindern je Frau, weit unter dem für die Bevölkerungsstabilität erforderlichen Niveau von 2,1. Seit 2016 hat sich die Zahl der jährlichen Geburten innerhalb von zehn Jahren fast halbiert: von über 208.000 auf etwa 107.812 im Jahr 2025. Gleichzeitig schrumpfte die Bevölkerung, während die Zahl der Menschen über 65 Jahren 20 Prozent übersteigtund Taiwan zur „super‑überalterten Gesellschaft“ macht.
Diese Entwicklung ging so weit, daß Taiwan 2025 Südkorea, einem anderen Land westlich-kapitalistischer Prägung, als Staat mit der geringsten Geburtenrate weltweit ablöste – ein Indikator dafür, wie drastisch die demographische Lage auf der Insel zugespitzt ist
Kommunistische Staaten: Rotchina und Vietnam im demographischen Abwärtsstrudel
Auch kommunistisch geprägte Staaten stehen vor ähnlichen Herausforderungen. In Rotchina (Volksrepublik China) fiel die Zahl der Geburten 2025 auf den niedrigsten Stand seit Gründung der Volksrepublik, mit etwa 7,9 Millionen Neugeborenen und einer fortgesetzten Bevölkerungsabnahme. Trotz intensiver staatlicher Förderprogramme wirkt sich der ökonomische Druck, hohe Lebenshaltungskosten und strukturbedingt geringe Familiengründung negativ auf die Fertilität aus. Die jahrelange Umerziehung durch die 1979 eingeführte Ein-Kind-Politik, die mehr Geburten ächtete und bestrafte, hat sich, obwohl 2016 aufgehoben und seit 2021 sogar durch eine Drei-Kind-Politik ersetzt, tief in das Denken junger Erwachsener eingeprägt. Planwirtschaft funktioniert, auch auf der demographischen Ebene, zwar in destruktiver, aber nicht in konstruktiver Richtung.
Vietnam, ein weiterer Staat mit kommunistischer Führung, hat zwar seit 2025 formell seine Zwei‑Kind-Politik aufgehoben, spürt aber ebenfalls den demographischen Druck: Die Fertilitätsrate liegt weiterhin deutlich unter dem Ersatzniveau und das Arbeitskräftepotenzial wird bereits mittelfristig abnehmen.
Kapitalistische Demokratien: Niedrige Geburtenraten als Normalfall
In den kapitalistisch geprägten westlichen Industriestaaten zeichnet sich dasselbe Muster ab: Fast alle entwickelten OECD‑Länder haben Fertilitätsraten unter dem Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau. Beispiele reichen von Japan über die Bundesrepublik Deutschland bis zu den USA und weiteren Gesellschaften, in denen wirtschaftlicher Wohlstand, Bildungsniveau und Erwerbstätigkeit von Frauen mit niedrigen Geburtenraten einhergehen.
Diese Tendenz trifft nicht nur Taiwan oder Ostasien, sondern ebenso viele westeuropäische Staaten. Der Begriff „Birth dearth“ (Geburtenmangel) beschreibt diesen globalen Rückgang der Geburtenraten in hochentwickelten Gesellschaften, die heute oft weit unter dem Niveau liegen, das zur Erhaltung der Bevölkerung nötig wäre.
Gemeinsame Ursachen trotz unterschiedlicher Systeme
Die Ursachen für diesen demographischen Niedergang über ideologische Grenzen hinweg sind vielschichtig, doch einige Muster wiederholen sich:
- Hohe Lebenshaltungskosten und wirtschaftliche Unwägbarkeiten wirken in allen entwickelten Systemen als Hemmnisse für Familiengründung.
- Bildung, Erwerbstätigkeit und urbaner Lebensstil verschieben Familiengründungen in spätere Lebensphasen und reduzieren die durchschnittliche Kinderzahl.
- Soziale Erwartungshaltungen und Arbeitsmarktbedingungen wirken oft entgegengesetzt zu klassischen familiären Strukturen.
Hinzukommen ideologische Rahmenbedingungen, die von führenden Vertretern beider Systeme geteilt werden:
- Seit den 1960er wird von Kräften beider Systeme angetrieben eine weltweite Anti-Kind-Kampagne betrieben
- Die Erfindung der Anti-Baby-Pille, ein Hauptinstrument dieser Kampagne, entkoppelte Sexualität und Verantwortung, was zu einem tiefgreifenden Mentalitätswandel führte.
- Die Legalisierung der Abtreibung, die zum größten Massenmord der Menschheitsgeschichte führte, erstmals eingeführt 1920 in der UdSSR (kommunistisch), übernommen seit den späten 1960er jahren durch westliche Staaten (kapitalistisch).
Diese Faktoren treten also unabhängig davon auf, ob ein Staat formal kommunistisch, sozialistisch oder liberal‑kapitalistisch organisiert ist. In der Volksrepublik China etwa fand sich nicht trotz, sondern wegen jahrzehntelanger staatlicher Familienplanungspolitik eine demographische Krise ein; in der Republik China (Taiwan) und Südkorea markiert der demographische Rückgang einen tiefgreifenden sozialen Wandel; und auch klassische kapitalistische Gesellschaften Europas und Nordamerikas erleben vergleichbare Trends. Dort ist die Migrationspolitik in Teilen eine direkte Folge des demographischen Niedergangs, propagiert häufig von den gleichen Kräften.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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