Leo XIV. und der Synodalismus

Von der säkularen Religion zum religiösen Säkularismus


Von Rober­to de Mattei*

Vor drei­ßig Jah­ren ver­öf­fent­lich­te der fran­zö­si­sche Histo­ri­ker Fran­çois Furet unmit­tel­bar nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on ein viel­be­ach­te­tes Buch, das sich als Bilanz des Kom­mu­nis­mus des 20. Jahr­hun­derts ver­stand („Das Ende der Illu­si­on. Der Kom­mu­nis­mus im 20. Jahr­hun­dert“, Mün­chen 1996). Die Ori­gi­na­li­tät des Wer­kes bestand dar­in, den Kom­mu­nis­mus nicht als Par­tei- oder Staats­sy­stem dar­zu­stel­len, son­dern als die Anzie­hungs­kraft einer Idee, die sich letzt­lich als Illu­si­on und damit als Uto­pie erwie­sen hat.

Der Weg die­ser Uto­pie, so schrieb Furet, „ist geheim­nis­vol­ler als die rea­le Geschich­te des Kom­mu­nis­mus“. Ihre welt­wei­te Aus­brei­tung war in der Tat weit umfas­sen­der als jene der kom­mu­ni­sti­schen Macht selbst. Das Ver­schwin­den des soge­nann­ten real exi­stie­ren­den Sozia­lis­mus bedeu­te­te jedoch den Ver­lust der Glaub­wür­dig­keit sei­nes geschicht­li­chen Heils­ver­spre­chens und damit sein Ende, inso­fern der Kom­mu­nis­mus auf­hör­te, als die strah­len­de Zukunft der Mensch­heit zu erschei­nen. Daher der Titel von Furets Buch: Die Ver­gan­gen­heit einer Illu­si­on.

Doch kön­nen wir wirk­lich sagen, daß die Ver­gan­gen­heit die­ser Illu­si­on tat­säch­lich ver­gan­gen ist? Zwar fehlt dem Kom­mu­nis­mus im Ver­gleich zum 20. Jahr­hun­dert heu­te ein ein­heit­li­ches Zen­trum wie einst die UdSSR, doch über­lebt er als Macht­sy­stem – wenn auch in unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen – in Chi­na, Ruß­land, Nord­ko­rea und Kuba. Vor allem aber über­lebt die kom­mu­ni­sti­sche Idee in einem geo­po­li­ti­schen Raum, der weit grö­ßer ist als jener, den die sie ver­kör­pern­den Regime ein­neh­men. Selbst in Gesell­schaf­ten, die sich nicht mit kom­mu­ni­sti­schen poli­ti­schen Syste­men iden­ti­fi­zie­ren, besteht ein ideo­lo­gi­sches Kli­ma fort, das weni­ger an die Illu­si­on als viel­mehr an das erin­nert, was man den grund­le­gen­den Irr­tum des Kom­mu­nis­mus nen­nen könn­te. Der Begriff der Illu­si­on bezeich­net näm­lich einen trü­ge­ri­schen, bis­wei­len edlen Traum, der an der Rea­li­tät zer­bricht. Der Irr­tum hin­ge­gen besteht in der hart­näcki­gen Behar­rung auf einer fal­schen Idee, selbst dann, wenn die Wirk­lich­keit sie wider­legt. Die Illu­si­on wird von der Hoff­nung auf eine idea­le Gesell­schaft getra­gen, die der Zukunft ange­hört; der Irr­tum hin­ge­gen ent­springt einer Revol­te gegen die Rea­li­tät der Gegenwart.

Die kom­mu­ni­sti­sche Gesell­schaft, wie sie von Marx und Engels im Mani­fest der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei (1848) ent­wor­fen wird, ist eine ega­li­tä­re und klas­sen­lo­se Gesell­schaft. Sie wird – so erklärt Niko­lai Bucha­rin in Das ABC des Kom­mu­nis­mus (1919) – „die Ein­tei­lung der Men­schen in Klas­sen, Rei­che und Arme, Herr­schen­de und Beherrsch­te besei­ti­gen“. Die­se mate­ria­li­sti­sche und ega­li­tä­re Kon­zep­ti­on ist offen­kun­dig uto­pisch. Der kom­mu­ni­sti­sche Irr­tum liegt jedoch weni­ger in der posi­ti­ven Skiz­ze eines Gesell­schafts­mo­dells als viel­mehr in der hart­näcki­gen Leug­nung jeg­li­cher Form von Ungleich­heit in allen sozia­len Bezie­hun­gen: zwi­schen Regie­ren­den und Regier­ten, Eltern und Kin­dern, Män­nern und Frau­en und so wei­ter. Heu­te ver­bin­det sich die­ser Ega­li­ta­ris­mus mit wei­te­ren öko­lo­gi­schen, femi­ni­sti­schen, pazi­fi­sti­schen, anti­ko­lo­nia­li­sti­schen, anti­west­li­chen und „woken“ Erzäh­lun­gen. Der Kom­mu­nis­mus hat auf­ge­hört, eine Teleo­lo­gie der Geschich­te zu sein, und ist zur Stim­me eines radi­ka­len Pro­tests gegen jede Ord­nung, jede Auto­ri­tät und jede natür­li­che wie sozia­le Dif­fe­renz geworden.

Igor Scha­fa­re­witsch hat auf­ge­zeigt, daß die Ursprün­ge des Kom­mu­nis­mus bis zu mit­tel­al­ter­li­chen und pro­te­stan­ti­schen Häre­si­en zurück­rei­chen, etwa zu den Katha­rern, den Brü­dern des frei­en Gei­stes, den Täu­fern oder den Sek­ten der eng­li­schen Revo­lu­ti­on (Der Sozia­lis­mus als welt­ge­schicht­li­ches Phä­no­men, La Casa di Matrio­na, Mai­land 1980). Der Mar­xis­mus über­trug die ega­li­tä­ren For­de­run­gen die­ser Bewe­gun­gen auf den poli­ti­schen Hori­zont und prä­sen­tier­te sich als eine „säku­la­re Reli­gi­on“ – eine For­mel, die nach Autoren wie Eric Voe­gel­in und Augu­sto Del Noce die Imma­nen­ti­sie­rung der christ­li­chen escha­to­lo­gi­schen Span­nung zum Aus­druck bringt. Heu­te jedoch erle­ben wir eine Rück­über­tra­gung die­ser Irr­tü­mer von der poli­ti­schen auf die kirch­li­che Sphä­re, in Gestalt eines ega­li­tä­ren „Syn­oda­lis­mus“, der – in Umkeh­rung des Aus­drucks „säku­la­re Reli­gi­on“ – als „reli­giö­ser Säku­la­ris­mus“ bezeich­net wer­den könn­te. Nicht mehr die reli­giö­se Span­nung wird von der Poli­tik absor­biert, son­dern der poli­ti­sche Ega­li­ta­ris­mus wird von einer neu­en pro­gres­si­ven Reli­gi­on aufgenommen.

Die syn­oda­le Ideo­lo­gie hat selbst­ver­ständ­lich nichts mit den alten und ehr­wür­di­gen Syn­oden der Kir­che zu tun, noch mit einer legi­ti­men Form der Zusam­men­ar­beit des Pap­stes mit den Kar­di­nä­len und Bischö­fen durch bera­ten­de Orga­ne wie das Kon­si­sto­ri­um oder die Syn­oden. Der von den deut­schen Bischö­fen im Jahr 2019 eröff­ne­te syn­oda­le Pro­zeß (Syn­oda­ler Weg) und von der ultra­pro­gres­si­ven Theo­lo­gie theo­re­tisch unter­mau­er­te Ansatz ist viel­mehr als Instru­ment zur Demo­kra­ti­sie­rung der Kir­che zu ver­ste­hen, mit dem Ziel, ihre mon­ar­chi­sche und hier­ar­chi­sche Ver­fas­sung in eine ega­li­tä­re Struk­tur umzu­wan­deln, in der Papst und kirch­li­che Hier­ar­chie ihres Macht­in­halts ent­leert und die­ser auf die loka­len Gemein­schaf­ten über­tra­gen wird. Das neue Para­dig­ma grün­det auf der Vor­stel­lung der Kir­che als frei­wil­li­ger Gemein­schaft von Gläu­bi­gen (believer’s church), defi­niert durch einen Pakt unter Glei­chen. Nach die­sem Modell geht die ursprüng­li­che Gleich­heit der Mit­glie­der der Insti­tu­ti­on vor­aus, und Legi­ti­mi­tät ent­steht aus dem Wil­len des gesell­schaft­li­chen Kör­pers selbst. Der Kom­mu­nis­mus wen­det die­se vol­un­t­a­ri­sti­sche Logik auf die poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ord­nung an; der Syn­oda­lis­mus über­trägt sie auf die kirch­li­che Ord­nung, indem er die Kir­che als ver­trag­li­che Gemein­schaft von Glei­chen neu inter­pre­tiert, anstatt als hier­ar­chi­sche, gött­lich gestif­te­te Insti­tu­ti­on. In der syn­oda­len Auf­fas­sung wird die kirch­li­che Auto­ri­tät nicht als eine von Chri­stus her­ab­stei­gen­de Macht ver­stan­den, die durch eine unun­ter­bro­che­ne Ket­te hier­ar­chi­scher Suk­zes­si­on ver­mit­telt wird, son­dern als Man­dat, das aus dem Kon­sens der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen her­vor­geht, die sich in einer per­ma­nen­ten und deli­be­ra­ti­ven Ver­samm­lung konstituiert.

Die­se ega­li­tä­re Kon­zep­ti­on war bereits impli­zit in den The­sen des Mar­si­li­us von Padua ent­hal­ten, die von Papst Johan­nes XXII. in der Bul­le Licet iux­ta doc­tri­nam vom 23. Okto­ber 1327 ver­ur­teilt wur­den, noch bevor sie von pro­te­stan­ti­schen Sek­ten for­mu­liert wur­de. Nach den Leh­ren von Mar­si­li­us und Johan­nes von Jan­dun liegt die Auto­ri­tät in der Kir­che nicht beim Papst, son­dern in der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen (uni­ver­si­tas fide­li­um), ohne daß es eine Über­ord­nung von Kle­ri­kern gegen­über Lai­en gäbe, da alle Gläu­bi­gen im wesent­li­chen gleich sei­en. Gegen die­se „Söh­ne Beli­als“ hat die Kir­che fest­ge­legt, daß es „häre­tisch, irrig und der Hei­li­gen Schrift wider­spre­chend“ ist zu behaup­ten, „alle Gläu­bi­gen sei­en in Macht und geist­li­cher Auto­ri­tät gleich“, und daß „zwi­schen Prie­stern und Lai­en kein Unter­schied bestehe außer in einem bloß mensch­li­chen Amt“ (J. V. Logras­so, Eccle­siae et Sta­tus fon­tes sel­ec­ti, Gre­go­ria­na, Rom 1952, S. 228–234).

Die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz hat sich selbst ein­be­ru­fen, um sich an die Spit­ze eines „syn­oda­len Weges“ zu stel­len, des­sen Ziel es ist, die „ver­bind­li­chen“ Beschlüs­se ihres „per­ma­nen­ten Syn­ods“ auf die Welt­kir­che aus­zu­deh­nen. Dazu zäh­len die Gleich­stel­lung von Kle­ri­kern und Lai­en, die sakra­men­ta­le Wei­he von Frau­en sowie die voll­stän­di­ge Ein­be­zie­hung Homo­se­xu­el­ler in die Kir­che, ein­schließ­lich des Zugangs zu allen Sakra­men­ten, auch zur Ehe (Julio Lore­do, José Anto­nio Ure­ta: Der welt­wei­te syn­oda­le Pro­zeß: Eine Büch­se der Pan­do­ra. 100 Fra­gen und 100 Ant­wor­ten, mit einem Vor­wort von S. E. Kar­di­nal Ray­mond Leo Bur­ke, Deut­sche Gesell­schaft zum Schutz von Tra­di­ti­on, Fami­lie und Pri­vat­ei­gen­tum, Frank­furt am Main 2023). Die Irr­tü­mer des kom­mu­ni­sti­schen Ega­li­ta­ris­mus brei­ten sich somit wei­ter­hin in der Welt aus.

Der Hei­li­ge Stuhl hat wie­der­holt ein­ge­grif­fen, um die deut­schen Bischö­fe zu war­nen, seit­dem Erz­bi­schof Filip­po Ian­no­ne – den Leo XIV. im Jahr 2025 an die Spit­ze des Dik­aste­ri­ums für die Bischö­fe berief – ihrem Vor­sit­zen­den Georg Bät­zing schrieb, um dar­auf hin­zu­wei­sen, daß die­se dis­rup­ti­ven The­men „nicht die Kir­che in Deutsch­land betref­fen, son­dern die Welt­kir­che und – mit weni­gen Aus­nah­men – nicht Gegen­stand von Bera­tun­gen oder Ent­schei­dun­gen einer Teil­kir­che sein können“.

Die deut­schen Bischö­fe jedoch haben die Mah­nun­gen aus Rom wie­der­holt igno­riert. Ihr Ziel scheint – wie der Vati­ka­nist Nico Spun­to­ni in Il Giorn­a­le vom 17. Janu­ar fest­stellt – dar­in zu bestehen, „eine deut­sche Ansteckung aus­zu­lö­sen, die den Rest der Kir­che erfaßt“. Wird der neo­kom­mu­ni­sti­sche Syn­oda­lis­mus in der abschlie­ßen­den Ver­samm­lung des Syn­oda­len Weges, die vom 29. bis 31. Janu­ar in Stutt­gart statt­fin­den soll, eine neue und radi­ka­le­re Aus­prä­gung fin­den? Oder wird der revo­lu­tio­nä­re Pro­zeß der deut­schen Bischö­fe eine stra­te­gi­sche Rück­zugs­be­we­gung erfah­ren? In jedem Fall wird Papst Leo XIV. vor einer der ersten ent­schei­den­den Fra­gen sei­nes Pon­ti­fi­kats stehen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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