Zehn Jahre Gefängnis für katholische Dissidentin

Nguyen Ngoc Nhu Quynh alias „Mother Mushroom“ (vietnamesisch Mẹ Nấm) als Angeklagte vor dem Volksgerichtshof.
Nguyen Ngoc Nhu Quynh alias „Mother Mushroom“ (vietnamesisch Mẹ Nấm) als Angeklagte vor dem Volksgerichtshof.

(Peking) Gestern bestä­tig­te der viet­na­me­si­sche Volks­ge­richts­hof als Beru­fungs­in­stanz die Ver­ur­tei­lung der katho­li­schen Dis­si­den­tin Nguy­en Ngoc Nhu Quynh zu zehn Jah­ren Gefäng­nis wegen „staats­feind­li­cher Pro­pa­gan­da“.

Die 37jährige Dis­si­den­tin wur­de als „Mother Mushroom“ (viet­na­me­sisch Mẹ Nấm) bekannt. So nennt sich der Blog, den Nguy­en Ngoc Nhu Quynh 2006 nach einem Kran­ken­haus­be­such star­te­te. Damals sah sie die Ver­zweif­lung von armen Pati­en­ten, die mit völ­li­ger Gleich­gül­tig­keit behan­delt wur­den. So wur­de die Katho­li­kin zur Men­schen­rechts­ak­ti­vi­stin und lan­de­te 2009 erst­mals im Gefäng­nis. Sie hat­te sich gegen chi­ne­si­sche Bau­xi­t­mi­nen in Nord­viet­nam, deren Umwelt­zer­stö­rung und schlech­te Behand­lung der Ein­hei­mi­schen gewandt. Seit­her wur­de sie mit meh­re­ren Men­schen­rechts­prei­sen aus­ge­zeich­net.

Kritik an Umweltzerstörung und Mißachtung der Menschenwürde

In der Fol­ge schrieb sie über den rot­chi­ne­si­schen Impe­ria­lis­mus im Süd­chi­ne­si­schen Meer, über die Dis­si­den­ten, die in viet­na­me­si­schen Gefäng­nis­zel­len ster­ben und die vie­len Frau­en, die in Viet­nam inhaf­tiert sind, weil sie sich für Frei­heits- und Bür­ger­rech­te ein­ge­setzt haben.

Am 10. Okto­ber 2016 folg­te die zwei­te Ver­haf­tung. Seit­her sitzt die Mut­ter von zwei Kin­dern im Gefäng­nis. Ihre Kin­der leben bei der Groß­mutter. Laut Anga­ben des UNO-Hoch­kom­mis­sars für Men­schen­rech­te, wur­de sie wegen des Ver­sto­ßes gegen Arti­kel 88 des viet­na­me­si­schen Straf­ge­setz­bu­ches inhaf­tiert. Der Arti­kel bestraft „Pro­pa­gan­da gegen die Sozia­li­sti­sche Repu­blik Viet­nam“.

Offi­zi­ell wer­den ihr Blog-Ein­trä­ge über die Umwelt­ka­ta­stro­phe zur Last gelegt, für die der natio­nal­chi­ne­si­sche Kon­zern For­mo­sa Group ver­ant­wort­lich ist. Der Kon­zern ist in den zen­tral- und nord­viet­na­me­si­schen Pro­vin­zen aktiv.

Im Sep­tem­ber 2016 pro­te­stier­ten Tau­sen­de Bewoh­ner im Bezirk Ky Anh (Pro­vinz Ha Tinh) gegen die Ver­schmut­zung der Flüs­se durch die Stahl­in­du­strie der For­mo­sa Group. Ton­nen von Fischen star­ben und trie­ben 40.000 Fischer und ihre Fami­li­en in den Ruin. 200.000 Men­schen sind von der Umwelt­ka­ta­stro­phe direkt betrof­fen, ins­ge­samt viel mehr.

In der Pro­vinz Nghe An führ­te der Prie­ster Dang Huu Nam den Pro­test­zug sei­ner Pfarr­ge­mein­de an, deren Ange­hö­ri­ge zu den direkt Betrof­fe­nen gehö­ren. Die Poli­zei droh­te dem Prie­ster mit Ver­haf­tung und Ankla­ge wegen „staats­feind­li­cher Pro­pa­gan­da“, obwohl die Kund­ge­bung völ­lig fried­lich war. Der Grund: Die restrik­ti­ven viet­na­me­si­schen Geset­ze erlau­ben kei­ne Mas­sen­pe­ti­tio­nen. Nur der Ein­zel­ne darf auf sein Anlie­gen auf­merk­sam machen (der Prie­ster half dann 504 Fami­li­en getrenn­te Peti­tio­nen ein­zu­brin­gen. Die Regie­rung for­der­te vom Bischof die Ent­fer­nung des Prie­sters aus der Pro­vinz, was die­ser ablehn­te).

Staatsfeindliche Propaganda

Soweit die Theo­rie zum Gesetz. Wie der Fall Nguy­en Ngoc Nhu Quynh zeigt, ist die viet­na­me­si­sche Wirk­lich­keit noch weit restrik­ti­ver. Die katho­li­sche Dis­si­den­tin han­del­te zwar allein, das aber im Inter­net. Sie warf der Regie­rung in Hanoi vor, die Inter­es­sen der For­mo­sa Group mehr zu schüt­zen als die Gesund­heit der eige­nen Bevöl­ke­rung.

Vier Tage nach ihrer Ver­haf­tung wies ein Gericht die Ent­schä­di­gungs­for­de­run­gen der Fischer und ihrer Fami­li­en ab.

Am ver­gan­ge­nen 29. Juni wur­de sie von einem Gericht ihrer Hei­mat­pro­vinz Khanh Hoa zu zehn Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. Die­ses Urteil wur­de gestern von Volks­ge­richts­hof der Pro­vinz Ha Tinh bestä­tigt.

Zwei Tage vor der Beru­fungs­ver­hand­lung wur­de einem der Rechts­an­wäl­te von „Mẹ Nấm“ (Mother Mushroom) die Zulas­sung ent­zo­gen. Dabei han­delt es sich um einen der bekann­te­sten Rechts­an­wäl­te Viet­nams. Der Ein­griff schwäch­te ihre Ver­tei­di­gung und zeigt, wie ernst es der Regie­rung ist, jede Kri­tik an der chi­ne­si­schen Wirt­schafts­prä­senz in Viet­nam zu unter­drücken.

Nguy­en Ngoc Nhu Quynh bekann­te sich vor Gericht für unschl­dig. Ihrer Mut­ter wur­de die Teil­nah­me an der Ver­hand­lung ver­wei­gert. Wie Asia­News berich­tet, wur­den Besu­cher, die an der Ver­hand­lun­gen teil­neh­men woll­ten, von der uni­for­mier­ten Poli­zei miß­han­delt und ihre Mobil­te­le­fo­ne von Poli­zi­sten in Zivil beschlag­nahmt.

Weni­ge Tage zuvor war in der­sel­ben Sache For­mo­sa Group der 22 Jah­re alte Jour­na­list Nguy­en Van Hoa, der eng mit der katho­li­schen Kir­che des Lan­des zusam­men­ar­bei­te­te, zu sie­ben Jah­ren Gefäng­nis und drei Jah­ren Haus­ar­rest ver­ur­teilt wor­den.

„Die kom­mu­ni­sti­sche Regie­rung dul­det nichts, was ihrer Sicht­wei­se wider­spricht“, zitiert heu­te Asia­News eine viet­na­me­si­sche Quel­le.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Asia­News