Kardinal Müller: Wer die Kirche wirklich spaltet

Klarstellungen mit Blick auf das Kardinalskonsistorium


Papst Leo XIV. will einen starken Versuch unternehmen, die Kirche zu einen. Kardinal Müller stellte in diesem Zusammenhang klar, wer die Kirche wirklich spalte.
Papst Leo XIV. will einen starken Versuch unternehmen, die Kirche zu einen. Kardinal Müller stellte in diesem Zusammenhang klar, wer die Kirche wirklich spalte.

In einem aus­führ­li­chen Gespräch mit dem US-For­mat The World Over, mode­riert von Ray­mond Arro­yo, zeich­ne­te Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, ehe­ma­li­ger Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, am ver­gan­ge­nen 30. Okto­ber ein deut­li­ches Bild der gegen­wär­ti­gen kirch­li­chen Span­nun­gen. Nicht die Lie­be zur Über­lie­fe­rung sei ver­ant­wort­lich für Brü­che inner­halb der Kir­che, son­dern ein theo­lo­gisch-mora­li­scher „Pro­gres­si­vis­mus“, der, so der Pur­pur­trä­ger, zen­tra­le Ele­men­te des katho­li­schen Lehr­amts rela­ti­vie­re. Das Inter­view erhält vor dem Hin­ter­grund der jüng­sten Gerüch­te, daß Papst Leo XIV. für Anfang Janu­ar ein Kar­di­nals­kon­si­sto­ri­um ein­be­ru­fen wol­le, um die Ein­heit in der Kir­che zwi­schen pro­gres­si­ver und kon­ser­va­ti­ver Sei­te wie­der­her­zu­stel­len, eine beson­de­re Bedeutung.

Aus die­sem Grund scheint es ange­bracht, die Aus­sa­gen des Pur­pur­trä­gers, der von Bene­dikt XVI. in das Amt des Glau­bens­prä­fek­ten beru­fen wur­de. Nach Kar­di­nal Mül­ler sind es jene Strö­mun­gen, die sich selbst als fort­schritt­lich ver­ste­hen, die „nicht der Leh­re der Kir­che fol­gen“, mora­li­sche Kom­pro­mis­se for­dern und die Sakra­men­ten­ord­nung schwä­chen, etwa durch die Seg­nung von Homo­paa­ren. Die Treue zur Tra­di­ti­on wer­de fälsch­lich als Pro­blem mar­kiert, wäh­rend die tat­säch­li­che Ursa­che der Spal­tung – der Bruch mit dem über­lie­fer­ten Glau­bens­gut – über­deckt werde.

Zur Ein­schrän­kung des über­lie­fer­ten Ritus: Kei­ne theo­lo­gi­sche Begrün­dung zu erkennen

Aus­führ­lich äußer­te sich Kar­di­nal Mül­ler zur Situa­ti­on der über­lie­fer­ten römi­schen Lit­ur­gie, deren Zele­bra­ti­on in zahl­rei­chen Diö­ze­sen unter Auf­la­gen gestellt oder weit­ge­hend ein­ge­schränkt wur­de. Eine theo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung für sol­che Maß­nah­men gebe es nicht, beton­te der ehe­ma­li­ge Glau­bens­prä­fekt: „Man muß erklä­ren, was an der älte­ren Form der Lit­ur­gie falsch sein soll; bis­her gibt es dafür kei­ne tief­grün­di­ge theo­lo­gi­sche Begrün­dung“. Er kön­ne jene nicht ver­ste­hen, so der Kar­di­nal, die den über­lie­fer­ten Ritus beschnei­den. Wer gegen den tra­di­tio­nel­len Ritus vor­ge­he, kön­ne sich nur auf die Auto­ri­tät beru­fen, aber nicht auf die Theo­lo­gie. Eine Lösung der Fra­ge kön­ne nicht durch Auto­ri­ta­ris­mus erfol­gen. Es bedarf einer kla­ren theo­lo­gi­schen und nicht bloß poli­ti­schen Reflexion.

Scharf zurück­ge­wie­sen wur­den von Kar­di­nal Mül­ler die Äuße­run­gen des Chi­ca­go­er Kar­di­nals Bla­se Cupich, der den über­lie­fer­ten Ritus vor kur­zem als „Spek­ta­kel“ bezeich­net hat­te. Die­se Dar­stel­lung sei absurd, so Kar­di­nal Mül­ler: Über Jahr­hun­der­te hät­ten Päp­ste und Bischö­fe im alten Ritus zele­briert und gebe­tet – nicht aus Vor­lie­be für Effek­te, son­dern allein aus dem Bewußt­sein lit­ur­gi­scher Wahr­heit. Zuschrei­bun­gen wie jene Cupichs sei­en wohl mehr der erhoff­ten Medi­en­auf­merk­sam­keit geschul­det, aber kei­ne ernst­haf­ten theo­lo­gi­schen Argumente.

Als Arro­yo auf eine jüngst von Papst Leo XIV. gegen­über Crux gemach­te Bemer­kung ver­wies, die Mes­se kön­ne über­all auf Latein gefei­ert wer­den, aber nur nach dem Novus Ordo, stell­te Kar­di­nal Mül­ler klar: Das Zwei­te Vati­ka­num habe kei­ne „neue Lit­ur­gie“ geschaf­fen, weil die alte falsch gewe­sen wäre. Sein Anlie­gen sei allein die Ver­ständ­lich­keit für jene gewe­sen, die der latei­ni­schen Spra­che nicht mäch­tig sind.

Eine überflüssige Kontroverse, die die Kirche lähmt

Die anhal­ten­den lit­ur­gi­schen Kon­flik­te bezeich­ne­te der Kar­di­nal als „unfrucht­ba­re und unnö­ti­ge“ Kon­tro­ver­se. Man kön­ne sich mit Häre­sie aus­ein­an­der­set­zen — nicht aber mit denen, die ein­fach die alte Lit­ur­gie bevor­zu­gen. Beson­ders kri­tisch bewer­te­te er es, wenn Bischö­fe Anhän­gern der tra­di­tio­nel­len Lit­ur­gie rie­ten, zu Hau­se zu blei­ben oder sich der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. anzu­schlie­ßen. Sol­che Rat­schlä­ge ver­grö­ßer­ten die Spal­tung, statt sie zu hei­len. Er for­der­te statt­des­sen einen ernst­haf­ten Dia­log, der Span­nun­gen abbaue, statt neue zu erzeugen.

Der Kar­di­nal zeig­te sich über­zeugt, daß die „beste Lösung“ jene war, die Papst Bene­dikt XVI. gefun­den hat­te, indem er bei­de For­men des Römi­schen Ritus neben­ein­an­der akzeptierte.

Warnung vor einem theologisch entkernten „Relativismus“ im Vatikan

Kar­di­nal Mül­ler zeig­te sich zudem besorgt über eine wach­sen­de Ten­denz zu theo­lo­gi­schem Rela­ti­vis­mus im Vati­kan, ins­be­son­de­re in der Pra­xis des inter­re­li­giö­sen Dia­logs. Der Dia­log mit ande­ren Reli­gio­nen kön­nen auf die Zusam­men­ar­beit zu bestimm­ten Fra­gen statt­fin­den, aber nicht zur Schaf­fung einer gemein­sa­men „Welt­re­li­gi­on“, denn Jesus Chri­stus „ist die Wahrheit“. 

Als Bei­spiel für eine bedenk­li­che Form des „Dia­logs“ nann­te der Kar­di­nal die Ein­rich­tung eines mus­li­mi­schen Gebets­raums auf vati­ka­ni­schem Ter­ri­to­ri­um. Das sei ein Schritt der kirch­li­chen „Selbst­re­la­ti­vie­rung“. Nicht ech­te theo­lo­gi­sche Über­zeu­gung ste­he dahin­ter, kön­ne sie auch gar nicht, son­dern der Wunsch, als beson­ders offen zu erscheinen.

Unklar sei zudem, ob die zustän­di­gen vati­ka­ni­schen Stel­len über­haupt kon­sul­tiert wor­den sei­en. Kar­di­nal Mül­ler warn­te, daß bestimm­te isla­mi­sche Grup­pen eine sol­che Geste als Aner­ken­nung einer reli­giö­sen Über­ord­nung inter­pre­tie­ren könn­ten. Man kön­ne nicht unter­schied­li­che reli­giö­se Leh­ren auf eine Stu­fe stel­len, wenn die­se dia­me­tral ver­schie­de­ne Vor­stel­lun­gen von Frie­den, Frei­heit oder Men­schen­wür­de hät­ten. „Wir kön­nen das nicht ver­mi­schen. Wir sind nicht ein­fach ‚Fra­tel­li tut­ti‘“, sag­te der Kar­di­nal mit deut­li­cher Spit­ze gegen ein umstrit­te­nes gleich­na­mi­ges Doku­ment von Papst Fran­zis­kus über die Brü­der­lich­keit aller Menschen.

Mit sei­nen Aus­sa­gen leg­te der ehe­ma­li­ge Glau­bens­prä­fekt erneut den Fin­ger in jene Wun­den, die die inner­kirch­li­che Debat­te domi­nie­ren: den Umgang mit der Tra­di­ti­on, die Ver­su­chung eines theo­lo­gisch unschar­fen Fort­schritts­be­griffs und die Fra­ge, wie­viel an Iden­ti­tät die Kir­che im Zei­chen des Dia­logs preis­ge­ben wol­le und dürfe.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: EWTN/​Youtube (Screen­shot)