Deutsch-synodale Desorientierung: grundstürzende Neu-Lehre zu Bibel und Zeitgeist

Der Synodale Weg zum BRUCH mit Bibel, Tradition und Lehramt (7)

Die Analyse der "theologischen Orientierung" des Synodalen Wegs entpuppt sich als Vehikel einer grundstürzenden Neu-Lehre.
Die Analyse der "theologischen Orientierung" des Synodalen Wegs entpuppt sich als Vehikel einer grundstürzenden Neu-Lehre.

Eine theo­lo­gi­sche Ana­ly­se des syn­oda­len Ori­en­tie­rungs­tex­tes von Hubert Hecker

Das Syn­odal­prä­si­di­um leg­te auf der Drit­ten Syn­odal­ver­samm­lung Anfang Febru­ar 2022 in Frankfurt/​Main sei­nen theo­lo­gi­schen „Ori­en­tie­rungs­text“1 zur zwei­ten Lesung vor. Die Dele­gier­ten der Voll­ver­samm­lung stimm­ten der geän­der­ten Fas­sung mit 86 Pro­zent zu, bei den Bischö­fen war die Zustim­mungs­ra­te 72 Prozent.

Das 24-sei­ti­ge Schrei­ben erhebt den Anspruch, „die theo­lo­gi­sche Basis zu klä­ren, auf der die Arbeit in den Foren (sowie der Syn­odal­ver­samm­lung) gelin­gen kann“.2 Die­se Ori­en­tie­rung auf gelin­gen­de Per­for­mance des Syn­oda­len Wegs lässt die Ten­denz der Aus­ar­bei­tung durch­schei­nen: eine nach­träg­li­che theo­lo­gi­sche Apo­lo­gie der Forums­tex­te zu kirch­li­chen Struk­tur­ver­än­de­run­gen mit dem Ziel einer neu­en räte­de­mo­kra­ti­schen Kirchenverfassung.

Der Ori­en­tie­rungs­text erscheint zunächst als theo­lo­gi­sches Trak­tat, in dem das geschrie­be­ne und über­lie­fer­te Wort Got­tes als offen­ba­ren­de Selbst­mit­tei­lung Got­tes behan­delt wird (Kap. 10–36). Der kürz­lich von Papst Fran­zis­kus zum Kir­chen­leh­rer erho­be­ne Bischof Ire­nä­us von Lyon († um 200) hat als Erster die zwei oben genann­ten Grund­prin­zi­pi­en der katho­li­schen Her­me­neu­tik her­aus­ge­ar­bei­tet: „In die­ser Ord­nung und Rei­hen­fol­ge ist die kirch­li­che Über­lie­fe­rung auf uns gekom­men“, also die gött­li­che Offen­ba­rung in der Schrift und über­lie­fert in der apo­sto­li­schen Tra­di­ti­on.3

Über die­se klas­si­sche kirch­li­che Grund­la­gen­leh­re legt der Ori­en­tie­rungs­text zwei wei­te­re theo­lo­gi­sche Erkennt­nis­quel­len, soge­nann­te ‚loci theo­lo­gi­ci‘ wie den ‚Glau­bens­sinn der Gläu­bi­gen‘ und die ‚Zei­chen der Zeit‘ (Kap. 37–49). Die­se ‚theo­lo­gi­schen Orte‘ wer­den von den Syn­oda­len neu­er­dings als Erschei­nun­gen der gött­li­chen Gegen­wart ange­se­hen und ihnen damit eben­falls Offen­ba­rungs­cha­rak­ter zugesprochen.

Mit die­ser Ver­dopp­lung der theo­lo­gi­schen Erkennt­nis­quel­len läuft der syn­oda­le Text­an­satz dar­auf hin­aus, die Ver­bind­lich­keit der vom Lehr­amt aus­ge­leg­ten schrift­li­chen und über­lie­fer­ten Got­tes­wor­te zu rela­ti­vie­ren, indem die von der Theo­lo­gie gedeu­te­ten Zeit­zei­chen und der Glau­bens­sinn die ursprüng­li­che Offen­ba­rungs­wor­te in Schrift und Tra­di­ti­on retu­schie­ren und entwerten.

Die zwei genann­ten ‚loci theo­lo­gi­ci‘ sind aber kei­ne neu­en Erkennt­nis­quel­len, son­dern von der Kir­che schon lan­ge als lehr­amt­li­che Inter­pre­ta­ti­ons­kon­tex­te inte­grier­te Dimen­sio­nen der dog­ma­ti­schen Grund­prin­zi­pi­en der katho­li­schen Kir­che. Es ist dage­gen eine Neu-Leh­re der deut­schen Syn­odal­theo­lo­gen, die ‚theo­lo­gi­schen Orte‘ in den Rang von Offen­ba­rungs­quel­len erhö­hen zu wol­len. Mit die­sen Neue­rungs­in­stru­men­ten sol­len die grund­stür­zen­den Beschlüs­se des Syn­oda­len Wegs ein­ge­lei­tet, begrün­det und abge­si­chert werden.

In die­sem syn­oda­len Ansatz besteht der grund­le­gen­de BRUCH mit der vom Lehr­amt aus­ge­leg­ten Schrift und Tradition.

Abkehr von der biblischen Christologie und Erlösungstheologie

I. In den Kapi­teln 13 bis 20 folgt man zunächst der tra­di­tio­nel­len Leh­re über die Bibel als „inspi­riert von Gott“, „siche­res Wahr­heits­kri­te­ri­um für jede Leh­re“, „höch­ste Richt­schnur“ für die Kir­che. In den fol­gen­den sie­ben Abschnit­ten jedoch wird die Ver­bind­lich­keit der Hl. Schrift in ver­schie­de­nen Anläu­fen eher zer­re­det (21): Viel­sei­tig­keit der Tex­te, ver­schie­de­ne Blick­win­kel, Viel­falt des Glau­bens – da klingt schon die For­de­rung nach ‚plu­ra­ler Theo­lo­gie‘ an oder die ‚Sexua­li­tät der Viel­falt‘ als Anwen­dungs­mu­ster im Forum IV. Betont wird die Hl. Schrift als Men­schen­wort (22) – das kann man bekannt­lich nach allen Regeln der Kunst wen­den und drehen.

Doch die chri­sto­lo­gi­sche Mit­te der neu­te­sta­ment­li­chen Ver­kün­di­gung bleibt leer: Jesus Chri­stus, der Weg, die Wahr­heit und das Leben, Erlö­ser von Sün­de und Tod, von Gott bestä­tigt durch die Auf­er­weckung und als Domi­nus zur Rech­ten Got­tes sit­zend, vor dem jedes Knie sich beu­gen muss. Statt­des­sen stuft man die inkar­na­to­ri­sche Her­ab­kunft des wah­ren Got­tes in den wah­ren Men­schen Jesu her­ab zu einem pro­phe­ti­schen „Zei­chen der heil­sam-befrei­en­den Nähe Got­tes“ (39). Jesus als mensch­li­cher Hin­weis­ge­ber auf den nahen Gott wie ande­re Pro­phe­ten?! Kein Hei­land und Ret­ter, kein Brot des Lebens und Licht der Welt?!

Die chri­sto­lo­gi­sche Leer­stel­le des Ori­en­tie­rungs­tex­tes bzw. die Degra­die­rung des Gott­men­schen und Erlö­sers Jesus Chri­stus zu einem (Zeit-)„Zeichen der Nähe Got­tes“ mar­kiert den syn­oda­len BRUCH mit der über­lie­fer­ten, chri­stus­zen­trier­ten Bibeltheologie.

Chri­stus wird nicht als Ursa­kra­ment erkannt, der im mysti­schen Leib der sakra­men­ta­len Kir­che wei­ter­lebt. Eine nega­ti­ve Schlüs­sel­stel­le mit Fol­gen: Der sakra­men­ta­le Cha­rak­ter der Kir­che wird nicht behan­delt. Auch die Sakra­men­te wie Bischofs-/Prie­ster­wei­he, Eucha­ri­stie und Ehe wer­den im Ori­en­tie­rungs­text und allen wei­te­ren Syn­odal­tex­ten marginalisiert.

Die neu­te­sta­ment­li­che Beru­fung zur „Frei­heit in Chri­stus“ (8) wird mit dem neu­zeit­li­chen Frei­heits­be­griff als „aktu­el­lem“ Schriftsinn (25) über­blen­det. Das (moder­ne) Frei­heits­recht, gegrün­det im frei­en Wil­len des Men­schen und sei­ner Selbst­lie­be, ist Vor­aus­set­zung per­so­na­len und gesell­schaft­li­chen Han­deln inklu­si­ve des Glau­bens. Aber die indi­vi­dua­li­sti­sche Frei­heit der Selbst­ver­wirk­li­chung muss not­wen­dig über­formt und begrenzt wer­den durch die Maxi­men der Ethik und des Glau­bens. Pau­lus ent­fal­tet sie im 5. Kapi­tel des Gala­ter­briefs: Der Apo­stel spricht dort von der Frei­heit, die von der Knecht­schaft des Geset­zes und der Sün­de befreit, sowie vom Frei­sein zum (Christus-)Glauben, der sich „durch Lie­be wirk­sam erweist“ (Gal 5,6). Die von Lie­be gelei­te­te christ­li­che Frei­heit ist immer Befrei­ung von Schlech­tem und zu Gutem. „Sie ent­steht aus der Lie­be Got­tes und wächst in der Näch­sten­lie­be.“4

Der Ori­en­tie­rungs­text dage­gen lei­tet aus der pau­li­ni­schen „Frei­heit in Chri­stus“ fälsch­lich die indi­vi­dua­li­sti­schen Frei­heits­rech­te ab wie Gewissens‑, Denk‑, Sprech- und Lehr­frei­heit (8/​23/​27). In die­sem Sin­ne könn­te auch die wei­te­re Frei­heits­rhe­to­rik ver­stan­den wer­den: „Ermu­ti­gung zur Frei­heit“ (17), „befrei­en­de Kraft“ aus Schrift und Tra­di­ti­on (36) oder „Eröff­nung von Frei­heits­räu­men“ (23). Bei letz­te­rer Stel­le wird auf Gal 5,1–13 ver­wie­sen. Doch das pau­li­nisch-christ­li­che Frei­heits­ver­ständ­nis steht im Gegen­satz zur indi­vi­dua­li­stisch-moder­nen Frei­heits­auf­fas­sung, die des­halb gera­de nicht die aktu­el­le und gegen­warts­re­le­van­te Form von bibli­scher Frei­heit sein kann.

Als Fol­ge der Auf­fas­sung von eher indi­vi­dua­li­sti­schen „Frei­heits­räu­men“ wird die Ori­en­tie­rung an der Hl. Schrift dar­auf redu­ziert, als „Kom­pass“ inhalts­lo­se Anstö­ße zu geben für ‚neue Wege, neue Her­aus­for­de­run­gen, um Neu­es zu erkun­den oder zu Krea­ti­vi­tät und Kri­tik‘ (24). Das christ­li­che Grund­ge­bot oder die inhalt­li­che Ori­en­tie­rung der Bibel auf die Got­tes- und Näch­sten­lie­be spie­len in dem syn­oda­len (Des-)Orientierungstext eine unter­ge­ord­ne­te Rolle.

Entleerung der kirchlichen Tradition als geschichtliche Abfolge von Neuaufbrüchen

II. In den wei­te­ren neun Kapi­teln wird das für die Offen­ba­rungs­schrif­ten ent­wickel­te Diver­si­täts- und Krea­ti­vi­täts­pro­gramm auch für die „viel­stim­mi­ge und viel­fäl­ti­ge Tra­di­ti­on“ durch­de­kli­niert: die kirch­li­che Tra­di­ti­on als ein dyna­mi­scher Pro­zess der Ver­än­de­run­gen – „der Got­tes­dienst wan­delt sich, die Leh­re ent­wickelt sich“ (30). Alles ist im Fluss, vie­les geht den Bach hin­un­ter. Tra­di­ti­on bedeu­te Offen­heit für die immer wie­der neue Gestalt der Kir­che und des Glau­bens, „für neue Ent­deckun­gen, neue Ein­sich­ten, neue Erfah­run­gen“ ange­sichts neu­er Her­aus­for­de­run­gen der Neuzeit.

Die kirch­lich-christ­li­che Tra­di­ti­on wird (wie die Bibel) inhalt­lich ent­leert und auf einen for­ma­len histo­ri­schen Wand­lungs­pro­zess von Neue­run­gen redu­ziert, als wenn sich die Kir­che in jeder Epo­che neu erfin­den müss­te. Zwei­fel­los ist kir­chen­ge­schicht­li­cher Wan­del als Ant­wort auf zeit­ge­schicht­li­che Her­aus­for­de­run­gen not­wen­dig. Dabei muss aller­dings der biblisch-kirch­li­che Iden­ti­täts­kern erhal­ten blei­ben. Das ist bei dem Ori­en­tie­rungs­text kaum erkennbar.

Die Text­au­toren zitie­ren zustim­mend ein Wort von Made­lei­ne Del­brel: Wir neu­zeit­li­che Chri­sten sei­en „zu jedem Auf­bruch bereit, weil unse­re Zeit uns so geformt“ habe und auch Chri­stus in die­sem heu­ti­gen Sau­se­schritt­tem­po mit­ge­hen müs­se (29). Damit ist ein kirch­li­ches Par­al­lel­pro­gramm zu der per­ma­nen­ten Kul­tur­re­vo­lu­ti­on der spät­bür­ger­li­chen Gesell­schaft for­mu­liert, in der das eman­zi­pier­te Indi­vi­du­um mobil und krea­tiv, inno­va­tiv und pro­gres­siv zu sein hat.

Dem­entspre­chend wird auch die kirch­li­che Tra­di­ti­on umde­fi­niert zu einer Anein­an­der­rei­hung von kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren Neu­auf­brü­chen aus dem Glau­bens­sinn der Gläu­bi­gen und in der jewei­li­gen Deu­tung der Zei­chen der Zeit. Dar­in wird der syn­oda­le BRUCH mit der apo­sto­li­schen Über­lie­fe­rung und dem kirch­li­chen Tra­di­ti­ons­ver­ständ­nis manifest.

Willkürliche Deutung der theologisch überhöhten Zeitzeichen

III. Nach der Rela­ti­vie­rung von Schrift und Tra­di­ti­on ori­en­tiert der Prä­si­di­ums­text ab Kapi­tel 37 auf die theo­lo­gi­schen Quel­len, die für die Syn­ode die wich­ti­ge­ren sind: die Zei­chen der Zeit. Dabei fokus­sie­ren sich die Syn­odal­theo­lo­gen auf ein ein­zi­ges Kon­zils­wort: Nach dem Doku­ment Gau­di­um et spes /​ GS, Kap. 4 soll­te die Kir­che „die Zei­chen der Zeit erfor­schen und im Lich­te des Evan­ge­li­ums deu­ten“. Gemeint sind mit den Zeit­zei­chen die epo­cha­len Ver­än­de­run­gen des jewei­li­gen Zeit­al­ters in Gesell­schaft, Wirt­schaft und Zeitgeist.

In der bis­he­ri­gen Tra­di­ti­on bis zum Kon­zil stell­te sich die Kir­che unter den Anspruch, die Zeit­strö­mun­gen im Gei­ste des Evan­ge­li­ums zu prü­fen, nach Wer­tig­keit und Ver­ein­bar­keit mit Bibel und kirch­li­cher Leh­re kri­tisch zu unter­schei­den und schließ­lich Bewer­tun­gen abzu­ge­ben. So gin­gen schon die frü­hen Chri­sten mit den viel­fäl­ti­gen Zeit­strö­mun­gen des Hel­le­nis­mus um: „Prü­fet alles, das Gute behal­tet!“. Das Zwei­te Vati­ca­num sagt in GS 11: Sofern die zeit­ge­nös­si­schen Wer­te „aus der gott­ge­ge­be­nen Anla­ge des Men­schen her­vor­ge­hen, sind sie gut“ – ein natur­recht­li­cher Ansatz. Ande­re bedürf­ten „infol­ge der Ver­derbt­heit des mensch­li­chen Her­zens“ der Läuterung.

Der Ori­en­tie­rungs­text gibt die­sem berech­tig­ten Auf­trag des Kon­zils eine völ­lig ande­re Rich­tung: Einer­seits wird der Gott­mensch Jesus Chri­stus zu einem pro­phe­ti­schen (Zeit-)„Zeichen der Nähe Got­tes“ (39) degra­diert – und damit der über­zeit­li­che Gel­tungs­an­spruch sei­ner Leh­re rela­ti­viert (sie­he oben). Ande­rer­seits wer­den die säku­lar-histo­ri­schen „Zei­chen der Zeit“ theo­lo­gisch auf­ge­wer­tet mit der Behaup­tung, in ihnen offen­bar­ten sich die „Spu­ren der heil­sam-befrei­en­den Gegen­wart Got­tes“, in ihnen sei Gott selbst zu ent­decken, aus ihnen sei Got­tes Wil­le zu erken­nen. Die Behaup­tung, dass Gott laut GS 11 „an den Zei­chen der Zeit sei­nen Rat­schluss mit­teilt“, ist grob falsch.

Mit die­sen The­sen hebt die neue Syn­oden­theo­lo­gie die jewei­li­gen Zeit­läuf­te selbst in den Rang einer wei­te­ren Offen­ba­rungs­quel­le neben der Bibel – mit der Ten­denz, die Zeit­strö­mun­gen als aktu­el­le Fin­ger­zei­ge Got­tes über die Bibel zu stel­len – ein wei­te­rer BRUCH mit der bis­he­ri­gen kirch­li­chen Leh­re, wie sie im Kon­zil fest­ge­schrie­ben ist.

Die Kri­tik an die­ser unbi­bli­schen Über­hö­hung der jewei­li­gen geschicht­li­chen Zeit­zei­chen sowie deren rich­ti­ge theo­lo­gi­sche Ein­ord­nung als wich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­ons­kon­tex­te (Ände­rungs­an­trag Ä68) wur­de auf Emp­feh­lung des Prä­si­di­ums mit knapp 80 Pro­zent der Stim­men abgelehnt.

Für die über­höh­te Zeit­zei­chen­theo­lo­gie beruft man sich auf den blau­äu­gi­gen Fortschritts‑, Welt- und Heils­op­ti­mis­mus von Papst Johan­nes XXIII. (38). Selbst das Kon­zil mit sei­ner Prü­fung und Unter­schei­dung der Zeit­zei­chen ist da deut­lich rea­li­sti­scher und bibel­nä­her mit den Aus­füh­run­gen, dass die Men­schen indi­vi­du­ell und kol­lek­tiv im Kampf zwi­schen Gut und Böse stän­den, zur Sün­de geneigt sei­en und der Gna­de bedürf­ten (GS 13).

Als theo­lo­gie­ge­schicht­li­ches Bei­spiel für rele­van­te Zei­chen der Zeit nann­te der Trie­rer Weih­bi­schof Jörg Micha­el Peters die Bedeu­tung der Erkennt­nis­se von Pla­ton und Ari­sto­te­les für das ver­tief­te Ver­ständ­nis der Theo­lo­gie in Anti­ke und Mit­tel­al­ter. Doch deren phi­lo­so­phi­sche Leh­ren waren zwar als „Samen­kör­ner der Wahr­heit“ nütz­lich für wis­sen­schaft­li­chen und theo­lo­gi­schen Erkennt­nis­zu­wachs, aber nie­mals wur­den sie in den Rang von offen­ba­ren­den Quel­len von Got­tes Gegen­wart, Wil­le und Rat­schluss erho­ben. Das sind in Wirk­lich­keit Bei­spie­le gegen die offen­ba­rungs­theo­lo­gi­sche Über­hö­hung der Zeit­zei­chen im Orientierungstext.

Es spricht eben­falls gegen die theo­lo­gisch über­höh­ten Zeit­zei­chen, dass weder im Kon­zils­do­ku­ment noch im Syn­oden­text Prüf­kri­te­ri­en ange­ge­ben wer­den, wie sie im Lich­te des Evan­ge­li­ums zu deu­ten sind. Daher sind die Inter­pre­ta­tio­nen anfäl­lig für will­kür­li­che Aus­füh­run­gen ent­spre­chend der jewei­li­gen kir­chen­po­li­ti­schen Ausrichtung.

Bischof Franz-Josef Bode hat den Syn­oda­len schon frü­her die Deu­tung von Zeit­zei­chen bei­spiel­haft mit auf den Weg gege­ben: Die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät von zuneh­men­den Schei­dun­gen bei jeder drit­ten Ehe müss­te als Zeit­zei­chen und Hin­weis Got­tes dahin gedeu­tet wer­den, dass die biblisch-kirch­li­che Ehe­leh­re und Sexu­al­mo­ral gelockert wer­den soll­te, um die Kluft zwi­schen christ­li­cher Norm und Lebens­wirk­lich­keit in Rich­tung der sozia­len Fak­ti­zi­tät zu schlie­ßen. Dar­aus erwächst dann das Bestre­ben, geschie­de­nen Wie­der­ver­hei­ra­te­ten den kirch­li­chen Segen zu geben.

In ähn­li­chem Deu­tungs­mu­ster äußer­te sich der Frank­fur­ter Dekan und Syn­oda­le Johan­nes zu Eltz: Die brei­te gesell­schaft­li­che Akzep­tanz von homo­se­xu­el­len Bezie­hun­gen und ihren gesetz­li­chen Nie­der­schlag in der ‚Ehe für alle‘ möch­te der Prä­lat gern als ‚Zei­chen der Zeit‘ mit gött­li­chem Hin­weis­cha­rak­ter deu­ten und des­halb auch in der Kir­che ein­füh­ren – etwa mit einem ehe-ana­lo­gen Paar­se­gen für gleich­ge­schlecht­lich ori­en­tier­te Men­schen.5

Mit den bibli­schen Schrif­ten könn­ten sol­che Vor­schlä­ge nie­mals begrün­det wer­den. Nach dem Jesus-Wort im NT begeht der Ehe­bruch, der eine Geschie­de­ne hei­ra­tet. Für Paar­seg­nun­gen von Homo­se­xu­el­len gibt es weder im NT noch im alt­te­sta­ment­li­chen Schöp­fungs­be­richt irgend­wel­che Anhalts­punk­te. Aber mit der Zeit­zei­chen­deu­tung haben sich die Syn­oda­len ein theo­lo­gi­sches Instru­men­ta­ri­um geschaf­fen, mit dem sie das Evan­ge­li­um über­blen­den, ent­wer­ten und schließ­lich als grund­le­gen­de Begrün­dungs­ba­sis für kirch­li­ches Han­deln erset­zen können.

Die­sen Ansatz demon­strier­te der bischöf­li­che Co-Prä­si­dent der Syn­ode, Georg Bät­zing, mit sei­nem State­ment zur lehr­amt­li­chen Note des Vati­kans bezüg­lich Seg­nung homo­se­xu­el­ler Paa­re vom März 2021. Er hat dabei zugleich ein neu­es metho­di­sches Vor­ge­hen zur Zeit­zei­chen­deu­tung auf­ge­zeigt: Kon­zils­ge­mäß soll­ten die Zei­chen der Zeit im Lich­te des Evan­ge­li­ums geprüft und gedeu­tet wer­den. Davon ist bei Bischof Bät­zing kei­ne Rede. Nach sei­ner tief­sten Über­zeu­gung soll­te die biblisch-kirch­li­che Sexu­alleh­re „im Lich­te der seit Jahr­zehn­ten vor­lie­gen­den human­wis­sen­schaft­li­chen und theo­lo­gi­schen Erkennt­nis“ geprüft und wei­ter­ent­wickelt wer­den. Sol­che „Ver­än­de­run­gen“ – in die­sem Fall die Ergeb­nis­se der Umkeh­rung des bibel­ba­sier­ten Prüf­vor­gangs – hät­ten immer schon „zum Wesen der Kir­che“ gehört.6

Bild: syn​oda​ler​weg​.de (Screen­shot)


1 Vor­la­ge des Syn­odal­prä­si­di­ums zur Ersten Lesung auf der Zwei­ten Syn­odal­ver­samm­lung für den Ori­en­tie­rungs­text, sie­he https://​www​.syn​oda​ler​weg​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​S​y​n​o​d​a​l​e​r​w​e​g​/​D​o​k​u​m​e​n​t​e​_​R​e​d​e​n​_​B​e​i​t​r​a​e​g​e​/​2​.​0​_​S​V​-​I​I​-​P​r​a​e​s​i​d​i​u​m​-​O​r​i​e​n​t​i​e​r​u​n​g​s​t​e​x​t​-​L​e​s​u​n​g​1​.​pdf

2 Ori­en­tie­rungs­text des Syn­oden­prä­si­di­ums Kap. 7: https://​www​.syn​oda​ler​weg​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​S​y​n​o​d​a​l​e​r​w​e​g​/​D​o​k​u​m​e​n​t​e​_​R​e​d​e​n​_​B​e​i​t​r​a​e​g​e​/​S​V​-​I​I​I​_​1​.​1​N​E​U​_​S​y​n​o​d​a​l​p​r​a​e​s​i​d​i​u​m​-​O​r​i​e​n​t​i​e​r​u​n​g​s​t​e​x​t​-​B​e​s​c​h​l​u​s​s​.​pdf

3 Papst Fran­zis­kus: Kar­di­nal Mül­ler ist ein „Mei­ster der katho­li­schen Leh­re“. Brief von Kar­di­nal Mül­ler zu Ire­nä­us von Lyon und Ant­wort­brief von Papst Fran­zis­kus, kath​.net 3. März 2022

4 Die Frei­heit ver­wirk­licht sich in der Näch­sten­lie­be, Bericht von Armin Schwi­bach über die Mitt­wochs­ka­te­che­se von Papst Fran­zis­kus am 20.10.2021 auf der Sei­te kath​.net

5 Raus aus der Sack­gas­se, kna-Bericht über die Pre­digt des Frank­fur­ter Stadt­de­kans in der Lim­bur­ger Kir­chen­zei­tung vom 19.9.2021

6 Inter­view mit Bischof Georg Bät­zing auf der Bis­tums­sei­te vom 24.3.2021: https://​bis​tumlim​burg​.de/​b​e​i​t​r​a​g​/​v​i​e​l​e​-​w​e​r​d​e​n​-​d​u​r​c​h​-​k​i​r​c​h​e​-​v​e​r​l​e​t​zt/

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2 Kommentare

  1. Das ist der Aus­tritt aus dem neu­en Bund. Wer Chri­stus als Für­spre­cher zur rech­ten Got­tes nicht aner­kennt, wird nach dem Gesetz (des alten Bun­des) gerichtet.

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