Der Tod einer Königin

Richtigstellungen zu Marie Antoinette

Die Guillotine war die Mordmaschine der französischen Revolution. Ihr fiel auch das Königspaar zum Opfer.
Die Guillotine war die Mordmaschine der französischen Revolution. Ihr fiel auch das Königspaar zum Opfer.

Am 21. Juni 1791 wur­de Marie Antoi­net­te zusam­men mit ihrer gan­zen Fami­lie ver­haf­tet und im Tui­le­rien-Palast unter Haus­ar­rest gestellt. Im Som­mer 1792 wur­den sie in den Ker­ker gewor­fen und ihr Mann, König Lud­wig XVI. (1774–1791/92), im Janu­ar 1793 hin­ge­rich­tet. Den erst sie­ben Jah­re alten Sohn, Kron­prinz Lou­is Charles, hat­te man ihr ent­zo­gen. Das Kind wur­de von den Revo­lu­tio­nä­ren gefol­tert, um ein „Geständ­nis“ für ver­leum­de­ri­sche Ankla­gen gegen die Köni­gin zu erzwin­gen. Es soll­te die Eltern nur kurz über­le­ben. Im Alter von zehn Jah­ren starb der Dau­phin, der von den Mon­ar­chi­sten als Lud­wig XVII. gezählt wur­de, im Pari­ser Temp­le-Gefäng­nis an den Haftbedingungen.

Sei­ne Mut­ter, die nie Anteil an den Regie­rungs­ge­schäf­ten hat­te, war zunächst auch in die­sem Gefäng­nis ein­ge­sperrt, das die Revo­lu­tio­nä­re im ein­sti­gen Hoch­mei­ster­sitz der Tem­pel­rit­ter ein­ge­rich­tet hat­ten. Im Som­mer 1793 wur­de Marie Antoi­net­te in das Con­cier­ge­rie-Gefäng­nis ver­legt und damit auch von ihrer Toch­ter getrennt. In einem Far­ce-Pro­zeß wur­de über sie, die als „Wit­we Capet“ ange­re­det wur­de, zu Gericht geses­sen. Das Todes­ur­teil stand schon fest. Die hand­ver­le­se­nen Geschwo­re­nen fäll­ten es ein­stim­mig. Am 16. Okto­ber 1793 wur­de die Köni­gin guillotiniert.

Weni­ge Gestal­ten der Geschich­te sind ver­zerr­ter im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis prä­sent, was das lan­ge Fort­wir­ken bös­ar­ti­ger Pro­pa­gan­da­mär­chen belegt. Marie Antoi­net­te war als öster­rei­chi­sche Erz­her­zo­gin und Kai­ser­toch­ter Tei­len des fran­zö­si­schen Adels ver­haßt. Die­se Abnei­gung gegen die Habs­bur­ge­rin traf sich mit dem revo­lu­tio­nä­ren Geist der Fein­de der Mon­ar­chie und der alten Ord­nung. Von die­ser unge­wöhn­li­chen Quer­front wur­den gegen sie schon vor der Hoch­zeit mit dem Dau­phin von Frank­reich, dem Sohn Lud­wigs XV., Schmutz­kü­bel­kam­pa­gnen betrie­ben, lan­ge vor Aus­bruch der Revo­lu­ti­on. Dar­an änder­te sich auch nichts, als sie 1774 Köni­gin von Frank­reich wurde.

In die Geschich­te ging Marie Antoi­net­te als Pro­to­typ des fleisch­ge­wor­de­nen las­zi­ven, welt­frem­den und arro­gan­ten Hoch­muts von Mon­ar­chen und Hoch­adel ein. Noch heu­te weiß jedes Kind, daß sie auf die For­de­run­gen des hun­gern­den Vol­kes nach Brot geant­wor­tet habe: „Dann sol­len sie Kuchen essen“. Die Ver­ach­tung der Not­lei­den­den schlecht­hin. Nur: Marie Antoi­net­te hat die­sen Satz nie gesagt. Er wur­de ihr ange­dich­tet, und das in übler Absicht. Die behaup­te­te Anek­do­te ist das, was wir heu­te Fake News nen­nen, eine Falsch­mel­dung mit weit­rei­chen­den und ver­hee­ren­den Fol­gen. Den­noch wird sie noch heu­te frisch fröh­lich wei­ter­ver­brei­tet. Sie paß­te den Revo­lu­tio­nä­ren zu gut ins Kon­zept, und deren Geist bestimmt noch heu­te die Geschichts­schrei­bung zu den dama­li­gen Ereig­nis­sen. Der Sie­ger schreibt bekannt­lich die Geschichte.

Das Kuchen­mär­chen stammt übri­gens von Jean-Jac­ques Rous­se­au, einem der wich­tig­sten Weg­be­rei­ter der Revo­lu­ti­on. Die­ser war aller­dings bereits vier Jah­re tot, als sei­ne Erzäh­lung 1782 erst­mals ver­öf­fent­licht wur­de. Geschrie­ben hat­te er sie bereits vie­le Jah­re zuvor und auch nie behaup­tet, daß sie mit der Toch­ter des römisch-deut­schen Kai­sers zu tun habe. Marie Antoi­net­te war damals noch ein klei­nes Kind, das im fer­nen Wien leb­te und noch nie­mand konn­te ahnen, daß sie ein­mal Köni­gin von Frank­reich wer­den wür­de. Im Stil von „Es war ein­mal“ schrieb Rous­se­au den Satz einer namen­lo­sen „gro­ßen Prin­zes­sin“ zu. Für die Revo­lu­tio­nä­re war es ein leich­tes, das Nar­ra­tiv sie­ben Jah­re spä­ter gegen die Köni­gin zu rich­ten. Nur zu bereit­wil­lig wur­de die­se „Varia­ti­on“ von ihren Anhän­gern ver­schlun­gen, die damit noch grö­ße­re Gärung ins Volk hin­ein­tra­gen konnten.

Marie Antoi­net­te mit ihren Kin­dern. Der erst­ge­bo­re­ne Lud­wig Joseph (rechts) ver­starb im Kin­des­al­ter noch vor Aus­bruch der Revo­lu­ti­on. Der Zweit­ge­bo­re­ne, Lud­wig Karl (Lud­wig XVII.), auf dem Schoß der Köni­gin, ende­te im Ker­ker der Revolution.

Wie die Kai­ser­toch­ter und Köni­gin Marie Antoi­net­te jen­seits nied­ri­gen Geschwät­zes gestor­ben ist, sagt jedoch mehr über sie aus. Ihr Hen­ker, Charles-Hen­ri San­son, führ­te ein Tage­buch. Zur Hin­rich­tung der Köni­gin ver­merk­te er dar­in, wie sich die Mas­sen der Schau­lu­sti­gen ent­lang der Stra­ßen drän­gel­ten, die vom Gefäng­nis zum Scha­fott führten:

„Als man am Palais Éga­li­té vor­über war, schien sie beun­ru­higt; sie betrach­te­te die zahl­rei­chen Haus­num­mern mit einem Gesichts­aus­druck, der mehr als Neu­gier­de ver­riet. Die Köni­gin hat­te vor­aus­ge­se­hen, daß man einem Prie­ster der römi­schen Kir­che nicht gestat­ten wür­de, ihr den höch­sten Trost der Reli­gi­on zu spen­den; sie war dar­über beun­ru­higt, aber ein nicht ver­ei­dig­tes Mit­glied des Kle­rus, der Abbé Magni­en, der in die Con­cier­ge­rie ein­ge­drun­gen war, hat­te ihr ver­spro­chen, sich am Tage ihrer Mar­ter in ein Haus der Rue Saint-Hono­ré zu bege­ben, um auf ihren Kopf die­se Abso­lu­ti­on in extre­mis zu ertei­len, für die die Kir­che all ihre Macht dem schlich­te­sten ihrer Mini­ster über­tra­gen hat. Die Num­mer die­ses Hau­ses war Marie-Antoi­net­te genannt wor­den und so such­te sie nach ihr; sie fand sie und bei einem Zei­chen, das nur sie ver­ste­hen konn­te, senk­te sie den Kopf, als sie den Prie­ster erkannt hat­te, ver­harr­te in einer andäch­ti­gen Hal­tung und bete­te; dann ent­wich ihrer Brust ein Seuf­zer der Erleich­te­rung und man sah ein Lächeln auf ihren Lippen.“

Der Kle­rus war von der Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung zur Unter­wer­fung unter den Staat gezwun­gen wor­den. Er soll­te einen Eid auf die Zivil­ver­fas­sung für den Kle­rus lei­sten. Nur so wur­de er wei­ter besol­det. Der Ent­zug der Lebens­grund­la­ge war nicht das ein­zi­ge Druck­mit­tel. Wer den Eid nicht lei­ste­te, wur­de zum „Gefähr­der der Nati­on“ erklärt, was soviel mein­te wie, daß die Prie­ster, die sich die­sem Macht­miß­brauch des Staa­tes ver­wei­ger­ten, als Staats­fein­de gal­ten. Papst Pius VI. ver­ur­teil­te den des­po­ti­schen Ein­griff des Staa­tes. Die Ver­wei­ge­rer, die stand­haft blie­ben, wur­den „Refrak­tä­re“ genannt, wäh­rend die Bischö­fe und Prie­ster, die den Eid lei­ste­ten, als „ver­ei­dig­ter“ oder „kon­sti­tu­tio­nel­ler“ Kle­rus bekannt wur­den. Nur die­ser war aner­kannt. Refrak­tä­re Prie­ster, die dabei erwischt wur­den, wie sie eine hei­li­ge Mes­se zele­brier­ten, wur­den hin­ge­rich­tet. Abbé Magni­en, der der Köni­gin die Abso­lu­ti­on in extre­mis erteil­te, war so ein refrak­tä­rer Priester.

Kon­sti­tu­tio­nel­le Prie­ster hat­te man vor der Abfahrt zur Hin­rich­tung im Gefäng­nis zur Köni­gin vor­ge­las­sen. Marie Antoi­net­te wies sie jedoch ab, weil sie kei­nen Bei­stand von schis­ma­ti­schen Prie­stern woll­te. In ihrem letz­ten Brief hat­te sie geschrieben:

„Ich ster­be in der katho­li­schen, apo­sto­li­schen und römi­schen Reli­gi­on, jener mei­ner Väter, in jener, in der ich groß­ge­zo­gen wur­de und zu der ich mich stets bekannt hat­te. Da ich kei­ner­lei spi­ri­tu­el­len Bei­stand zu erwar­ten habe, da ich nicht weiß, ob es hier noch Prie­ster die­ser Reli­gi­on gibt und der Ort, an dem ich mich befin­de, sie ver­ra­ten wür­de, wenn sie ein­mal ein­tre­ten soll­ten, bit­te ich Gott auf­rich­tig um Ver­zei­hung für all mei­ne Ver­ge­hen, die ich began­gen habe, seit ich existiere […].“

Der Enkel ihres Hen­kers, der eben­falls Charles-Hen­ri San­son hieß, ver­öf­fent­lich­te vie­le Jah­re spä­ter die Tage­bü­cher sei­nes Groß­va­ters, der bei der Hin­rich­tung der Köni­gin von sei­nem Sohn als Assi­sten­ten beglei­tet wur­de. Der Enkel schrieb dazu:

„Nie­mals, das wie­der­hol­te mir mein Vater oft, hat sich Marie Antoi­net­te ihres hohen Ran­ges wür­di­ger gezeigt. Sie war eine wahr­haf­te Köni­gin, die­se Frau wel­che, ohne sich zu ent­fär­ben oder die Augen nie­der­zu­schla­gen, die wil­den Blicke des sou­ve­rä­nen Vol­kes aus­hielt; ohne zu zit­tern das Brül­len des Löwen hör­te, dem man sie zur Beu­te vor­warf; die wie der römi­sche Cäsar sich auf­recht hielt, ohne die Knie zu beu­gen; für die der elen­de Kar­ren noch ein Thron war; der es sogar in der Ernied­ri­gung gelang, zu der man sie gebracht hat­te, durch die Kraft ihrer See­le die des Mit­leids unfä­hi­gen Her­zen zur Ehr­furcht zu nötigen.“

Der Revo­lu­ti­ons­of­fi­zier, der die Hin­rich­tung befeh­lig­te, fuch­tel­te mit dem Schwert und befahl dem Hen­ker San­son mehr­fach, der Mas­se den Kopf der hin­ge­rich­te­ten Köni­gin zu zei­gen. Schließ­lich trug einer sei­ner Gehil­fen das abge­trenn­te Haupt wie eine Tro­phäe ein­mal um das Scha­fott. Dabei ertön­te der Ruf: „Vive la Repu­bli­que“, „Es lebe die Republik“.

„Allein, die­ser Aus­ruf beschränk­te sich auf die näch­ste Umge­bung des Scha­fotts“, wie San­sons Enkel vermerkte.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/MiL

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