Massenimpfung – die ideologische Mystik des ethischen Staates

Vaxismus und die freiheitszerstörenden Ideologien

Die Massenimpfung als irrationale, pseudoreligiöse Kampagne – allerdings nur in Westeuropa und Teilen Nordamerikas.
Die Massenimpfung als irrationale, pseudoreligiöse Kampagne – allerdings nur in Westeuropa und Teilen Nordamerikas.

Von Euge­nio Capozzi*

Am Haupt­sitz der Regi­on Ligu­ri­en hängt an der Fas­sa­de seit eini­gen Tagen ein Trans­pa­rent mit der Auf­schrift „Mehr Geimpf­te, mehr Freie“ [„più vac­ci­na­ti, più libe­ri“]. Das ist der Slo­gan der Kam­pa­gne von Gou­ver­neur Gio­van­ni Toti, um eine Mas­sen­imp­fung der Bevöl­ke­rung gegen Covid-19 zu för­dern, ins­be­son­de­re der Jün­ge­ren. Der Satz ist emble­ma­tisch für die mit zuneh­men­der Häu­fig­keit und Beharr­lich­keit von der poli­ti­schen Klas­se und den wich­tig­sten Medi­en ver­brei­te­te Idee: Nur wenn wir uns alle imp­fen las­sen, wer­den wir alle unse­re Grund­frei­hei­ten zurückbekommen. 

Die­se Frei­hei­ten, die uns seit mehr als einem Jahr geraubt wur­den, sol­len uns dann teil­wei­se, vor­läu­fig und in Raten zurück­er­stat­tet wer­den. Dar­über hängt immer das Damo­kles­schwert, daß die Locke­run­gen jeder­zeit wie­der rück­gän­gig gemacht wer­den könn­ten und jene das stren­ge mora­li­sche Urteil einer selbst­er­nann­ten wis­sen­schaft­li­chen  und mora­li­schen Eli­te trifft, die es wagen soll­ten, eigen­stän­dig und eigen­ver­ant­wort­lich zu ent­schei­den, wie sie mit ihrem Leben und dem Risi­ko ihrer Gesund­heit umge­hen wol­len. Die­ses Urteil ist in einem Man­tra kon­den­siert, das von Regie­rungs­mit­glie­dern und offi­zi­el­len „Exper­ten“ vor jeder Locke­rung mehr­fach wie­der­holt wird: „Das ist kein Freibrief“.

Jetzt, so Gou­ver­neur Toti, „hängt die kon­kre­te Anwen­dung jener Ver­fas­sungs­ar­ti­kel über die Frei­heit, die Frei­zü­gig­keit, die unter­neh­me­ri­sche Frei­heit und die Rück­kehr an den Arbeits­platz“ vom Erfolg der Impf­kam­pa­gne ab. Und laut Matteo Bas­set­ti, dem Star unter den Infek­tio­lo­gen und Gesund­heits­be­ra­ter der Regi­on Ligu­ri­en, hän­ge die Lizenz der mora­li­schen Wür­de der Bür­ger und ihr Pas­sier­schein für die Inan­spruch­nah­me der Bür­ger­rech­te an erster Stel­le mit der Ent­schei­dung zusam­men, sich imp­fen zu las­sen, und zwar unab­hän­gig von der Tat­sa­che, daß die Imp­fung nicht ver­pflich­tend ist, und auch unab­hän­gig von der Alters­grup­pe und den mit dem Virus ver­bun­de­nen Risi­ko­fak­to­ren: „Die Frei­heit aller ist direkt pro­por­tio­nal zur Anzahl der durch­ge­führ­ten Imp­fun­gen“, und „nie­mand soll­te sich frei füh­len, sich nicht imp­fen las­sen zu können“.

Das sind sehr beun­ru­hi­gen­de und schwer­wie­gen­de Aus­sa­gen, beson­ders wenn sie von jenen geäu­ßert wer­den, die sich selbst, wie Toti, als libe­ral bezeich­nen. Merkt der ligu­ri­sche Gou­ver­neur nicht, wie sehr die Paro­le „Mehr Geimpf­te, mehr Freie“ – trotz aller offen­sicht­li­chen Unter­schie­de – an die Wor­te „Arbeit macht frei“ erin­nert, die am Tor zu den NS-Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ange­bracht waren? Ist ihm nicht klar, wie unver­ein­bar eine sol­che Auf­fas­sung von „beding­ter“ Frei­heit mit den Grund­sät­zen unse­rer Ver­fas­sung ist?

Prof. Euge­nio Capozzi

Lei­der müs­sen wir fest­stel­len, daß die­se Argu­men­ta­ti­on ein weit ver­brei­te­tes und par­tei­über­grei­fen­des Emp­fin­den in der poli­ti­schen Füh­rungs­klas­se aus­drückt, das mit dem Coro­na­vi­rus auf sen­sa­tio­nel­le Wei­se ent­stan­den ist: die gro­ße Ver­wir­rung zwi­schen einer libe­ra­len Demo­kra­tie und einem ethi­schen Staat, die dazu führt, daß die Aus­übung der indi­vi­du­el­len Ver­ant­wor­tung einer erzwun­ge­nen Aus­rich­tung auf ein ver­meint­li­ches, von oben ver­ord­ne­tes  „Gemein­wohl“ völ­lig unter­ge­ord­net wird, und sich daher Ärger und Ver­ach­tung gegen jeden rich­ten, der Respekt auch für ande­re als die vom offi­zi­el­len „Nar­ra­tiv“ emp­foh­le­nen Ent­schei­dun­gen ein­for­dert. Eine Bot­schaft, die gegen­über den jün­ge­ren Genera­tio­nen – für die Covid-19 ein prak­tisch nicht exi­sten­tes Risi­ko dar­stellt – den Ton einer uti­li­ta­ri­sti­schen psy­cho­lo­gi­schen Erpres­sung annimmt, die eben­so lächer­lich wie mora­lisch ver­werf­lich ist: „Laßt euch imp­fen, dann könnt ihr in den Urlaub fah­ren, tan­zen gehen, Spaß haben …“

Die­se Vor­stel­lung – die in einer tie­fen Kon­ti­nui­tät mit den schlimm­sten frei­heits­zer­stö­ren­den Ideo­lo­gien des 20. Jahr­hun­derts steht und durch die irri­ge Auf­fas­sung gespeist wird, der Staat kön­ne eine Pflicht ver­ord­nen, die eige­ne Frei­heit der kol­lek­ti­ven Gesund­heit zu opfern – ist dafür ver­ant­wort­lich, daß die gan­zen völ­lig unüb­li­chen Ein­schrän­kun­gen der Grund- und Bür­ger­rech­te, die als „Lock­down“ bekannt sind, von so vie­len Ver­tre­tern der poli­ti­schen und herr­schen­den Klas­se für ver­fas­sungs­kon­form und mit der Demo­kra­tie ver­ein­bar gehal­ten werden.

Der „Vaxis­mus“, der die bedin­gungs­lo­se Ein­nah­me von Prä­pa­ra­ten, selbst sol­chen, die sich erst in der Ver­suchs­pha­se befin­den, zur Ideo­lo­gie und zum Zwang erhebt – ohne auch nur im gering­sten Beden­ken wegen mög­li­cher Neben­wir­kun­gen zu berück­sich­ti­gen (die zumin­dest für alle unter 50jährigen weit grö­ßer sind als das Virus) –, ist die direk­te Fort­set­zung des in den ver­gan­ge­nen Mona­ten vor­herr­schen­den „Lock­dow­nis­mus“, von dem er die­sel­ben mora­li­sti­schen und auto­ri­tä­ren Töne übernimmt.

Die häm­mern­de Pro­pa­gan­da für eine tota­le Anti-Covid-Imp­fung weist aber noch ein wei­te­res Ele­ment auf: Es steckt ein pseu­do­re­li­giö­ser, mysti­scher Impuls dar­in. Das Serum ist nicht mehr ein Instru­ment der Medi­zin, son­dern wird zu einer regel­rech­ten Kathar­sis ver­klärt, zu einer wun­der­sa­men Gna­de, mit deren Hil­fe die Gesell­schaft ein Kapi­tel abschlie­ßen und sorg­los von vor­ne neu begin­nen kann. Der Drang, auch all jene Tei­le der Gesell­schaft zu imp­fen, für die Covid kei­ne Gefahr dar­stellt, will sich mit dem erlö­sen­den Anspruch recht­fer­ti­gen, das Virus voll­stän­dig aus­zu­rot­ten: inner­halb der Staats­gren­zen, aber per­spek­ti­visch auf der gan­zen Welt.

Das ist ein völ­lig unrea­li­sti­scher, uto­pi­scher Anspruch und daher gefähr­lich wie alle Uto­pien. Bekannt­lich garan­tie­ren die vor­han­de­nen Impf­stof­fe kei­nen Schutz davor, sich mit der Krank­heit zu infi­zie­ren und ande­re anzu­stecken, und es ist der­zeit nicht mög­lich, mit Sicher­heit etwas über die Dau­er des Schut­zes gegen einen schwe­ren Krank­heits­ver­lauf oder ins­ge­samt das Aus­maß ihrer Wirk­sam­keit aus­zu­sa­gen. Im übri­gen schei­nen wei­te Tei­le der Welt – mit Aus­nah­me von West­eu­ro­pa und einem Teil der USA – von der Idee einer glo­ba­len Imp­fung sowohl in den Plä­nen der mei­sten Regie­run­gen als auch in der Impf­be­reit­schaft der Bevöl­ke­run­gen weit ent­fernt zu sein, und so dürf­ten auch die Pro­zent­sät­ze der Geimpf­ten eher gering blei­ben, ganz egal was auch immer Mario Draghi oder Boris John­son mit ihren Auf­ru­fen „Die Welt imp­fen“ denken.

Für vier Fünf­tel der Nor­mal­be­völ­ke­rung bleibt Covid-19 ein prag­ma­tisch zu lösen­des Gesund­heits­pro­blem und kei­ne Apo­ka­lyp­se. Nur für eini­ge west­li­che Eli­ten – die Aus­druck über­al­ter­ter und ängst­li­cher Bevöl­ke­run­gen sind, denen jeg­li­cher Sinn für das Tran­szen­den­te abhan­den gekom­men ist – ist der glo­ba­le Impf­stoff zu einem Fetisch und einer Obses­si­on gewor­den, zu einem gelob­ten Land, das um jeden Preis zu errei­chen ist. Auch und vor allem auf Kosten der Unter­drückung indi­vi­du­el­ler Freiheiten.

*Euge­nio Capozzi, Pro­fes­sor der Zeit­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät „Suor Orso­la Ben­in­ca­sa“ in Nea­pel. Sein jüng­stes Buch „Die Selbst­zer­stö­rung des Westens – Vom christ­li­chen Huma­nis­mus zur Dik­ta­tur des Rela­ti­vis­mus(L’Au­to­di­stru­zio­ne del­l’Oc­ci­den­te: Dal­l’u­ma­ne­si­mo cri­stia­no alla dit­ta­tu­ra del rela­ti­vis­mo), ist im April im Ver­lag Histo­ri­ca Edi­zio­ni erschienen.

Bild: NBQ

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