Der „Geist von Assisi“ auf dem Kapitol

Interreligiöses Treffen mit Papst Franziskus

Papst Franziskus wird am 20. Oktober am interreligiösen Treffen auf dem Kapitol teilnehmen.
Papst Franziskus wird am 20. Oktober am interreligiösen Treffen auf dem Kapitol teilnehmen.

Unter dem Mot­to „Nie­mand ret­tet sich allein – Frie­den und Brü­der­lich­keit“ wird Papst Fran­zis­kus an einem Frie­dens­ge­bet „im Geist von Assi­si“ teil­neh­men, einem Geist, dem Papst Bene­dikt XVI. miß­trau­te.

Am 20. Okto­ber wird in der römi­schen Basi­li­ka San­ta Maria in Ara­co­eli ein „öku­me­ni­sches Frie­dens­ge­bet“ und anschlie­ßend eine „inter­re­li­giö­se Begeg­nung“ statt­fin­den. Gestern bestä­tig­te Vati­kan­spre­cher Matteo Bruni die Anwe­sen­heit von Papst Fran­zis­kus:

„Am Nach­mit­tag des 20. Okto­ber wird, wie von der Prä­fek­tur des Päpst­li­chen Hau­ses mit­ge­teilt, der Hei­li­ge Vater bei der Begeg­nung des Frie­dens­ge­be­tes im Geist von Assi­si mit dem Titel ‚Nie­mand ret­tet sich allein – Frie­den und Brü­der­lich­keit’ anwe­send sein, die von der Gemein­schaft von San­t’E­g­idio initi­iert wird.“

Im Gegen­satz zu ande­ren Spra­chen wird die Brü­der­lich­keit auf deutsch von Sant’Egidio selbst wie inzwi­schen auch vom Vati­kan mit „Geschwi­ster­lich­keit“ wie­der­ge­ge­ben.

Vor­ge­se­hen ist die Teil­nah­me des Pap­stes an bei­den Tei­len des Tref­fens, sowohl am öku­me­ni­schen Gebet mit Ver­tre­tern ande­rer christ­li­cher Bekennt­nis­se in der Basi­li­ka auf dem Kapi­tol als auch an der anschlie­ßen­den Zere­mo­nie mit „Ver­tre­tern der gro­ßen Welt­re­li­gio­nen“ auf dem Kapi­tols­platz.

Den „Geist von Assi­si“ bezieht die Kir­che auf den hei­li­gen Franz von Assi­si, doch von der Gemein­schaft von Sant’Egidio wur­de er umge­prägt und auf die von ihr orga­ni­sier­ten inter­re­li­giö­sen „Frie­dens­ge­be­te“ bezo­gen.

Vor 34 Jah­ren, im Jahr 1986, orga­ni­sier­te die Gemein­schaft erst­mals ein sol­ches „Frie­dens­ge­bet“ in Assi­si. Es stand unter dem Mot­to: „Frie­den ist eine Werk­statt, die allen offen­steht“. Für die Idee konn­te sie den dama­li­gen Papst Johan­nes Paul II. gewin­nen, in des­sen Namen Ein­la­dun­gen an „die Ober­häup­ter der gro­ßen Welt­re­li­gio­nen“ erfolg­ten.

Der Assisi-Skandal von 1986

Die erste Ver­an­stal­tung die­ser Art wur­de zum gro­ßen Skan­dal. Die ver­schie­de­nen Reli­gi­ons­ver­tre­ter bete­ten mit­ein­an­der, obwohl auf­grund des unver­ein­ba­ren Reli­gi­ons­ver­ständ­nis­ses unklar war, zu wem. Zudem erhiel­ten heid­ni­sche Reli­gio­nen Kir­chen zuge­wie­sen, in denen durch kir­chen­frem­de Kult­hand­lun­gen Sakri­le­ge statt­fan­den. Die Kri­tik an dem rela­ti­vi­sti­schen und syn­kre­ti­sti­schen Spek­ta­kel, der sich auch der dama­li­ge Glau­bens­prä­fekt Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger anschloß, war kir­chen­in­tern sehr stark.

2011 schrieb der dama­li­ge RAI-Vati­ka­nist Aldo Maria Val­li, daß mit dem ersten Tref­fen von Assi­si 1986 „der ‚Geist von Assi­si‘ gebo­ren wur­de, der zu einer For­mel wur­de: wun­der­schön für eini­ge, zer­stö­re­risch für ande­re“.

Die Gemein­schaft von Sant’Egidio, die durch die Anwe­sen­heit des Pap­stes und das völ­li­ge Novum der Ver­an­stal­tung – nie hat­te es Ver­gleich­ba­res zuvor gege­ben – gro­ße inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit erzielt hat­te, hielt am neu­ge­bo­re­nen „Geist von Assi­si“ fest. Jähr­lich wird seit­her ein sol­ches Frie­dens­ge­bet in ver­schie­de­nen Län­dern und Städ­ten durch­ge­führt. Medi­en­in­ter­es­se fin­den aber vor allem die „Haupt­ver­an­stal­tun­gen“ in Assi­si, die in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den, aber jeweils in Anwe­sen­heit des Pap­stes statt­fin­den. Die­se Assi­si-Tref­fen wur­den weit­ge­hend von den bean­stan­de­ten Ele­men­ten gerei­nigt, um an der Grund­idee, einer Begeg­nung der Welt­re­li­gio­nen und eines gemein­sa­men Bekennt­nis­ses zum Frie­den, fest­hal­ten zu kön­nen. Die ande­ren Reli­gio­nen erhal­ten kei­ne Sakral­räu­me mehr und auch ein gemein­sa­mes Gebet ist nicht mehr vor­ge­se­hen, wenn­gleich alle Dele­ga­tio­nen ange­hal­ten wer­den, nach ihrem Bekennt­nis für den Frie­den und die Brü­der­lich­keit zu beten.

30 Jah­re Assi­si-Tref­fen 1986–2016 mit Papst Fran­zis­kus

Johan­nes Paul II. habe die Initia­ti­ve unter­stützt, weil sie dem Papst­tum einen Pri­mat unter den Reli­gi­ons­füh­rern ein­räumt oder zumin­dest ein­zu­räu­men scheint. Die­se Idee wur­de beson­ders von Papst Fran­zis­kus auf­ge­grif­fen, der den inter­re­li­giö­sen Gedan­ken stär­ker als alle Vor­gän­ger ver­tritt. Tat­säch­lich wur­de allein ihm in Ver­tre­tung der Kir­che, aber fak­tisch aller Reli­gio­nen, 2015 Rede­recht vor der UNO-Haupt­ver­samm­lung ein­ge­räumt, als die poli­ti­schen Zie­le der UNO, die soge­nann­ten Post-Mill­en­ni­ums-Zie­le, für den Zeit­raum 2015–2030 ver­ab­schie­det wur­den.

Papst Fran­zis­kus rei­ste 2016 nach Assi­si, als der 30. Jah­res­tag des ersten inter­re­li­giö­sen Frie­dens­ge­be­tes von 1986 began­gen wur­de. Zuvor war bereits Bene­dikt XVI. 2011 nach Assi­si gekom­men. Des­sen Teil­nah­me stand lan­ge auf der Kip­pe und war vor allem ein Rin­gen mit sich selbst. Dem 20. Jah­res­tag 2006 hat­te er sich noch ent­zo­gen und dem Bischof von Assi­si ledig­lich ein Schrei­ben mit eini­gen Ermah­nun­gen zukom­men las­sen. Er bat die Kri­ti­ker der Ver­an­stal­tung aus­drück­lich um Ver­ständ­nis, indem er auf die Bedeu­tung des Frie­dens­an­lie­gens ver­wies und ver­si­cher­te, alles in sei­ner Macht ste­hen­de zu tun, daß es kei­nen Anlaß mehr zur Kri­tik geben wer­de, die noch die bei­den vor­her­ge­hen­den Tref­fen unter Johan­nes Paul II. getrof­fen hat­te. Wie 1986 Kar­di­nal Ratz­in­ger, blieb 2016 auch Glau­bens­prä­fekt Mül­ler dem Assi­si-Tref­fen fern (sie­he dazu Assi­si und die abwe­sen­den Glau­bens­prä­fek­ten).

Die Gemein­schaft von Sant’Egidio, die im Gegen­satz zu ande­ren 68er-Grün­dun­gen die beson­de­re Nähe zu den Päp­sten such­te, iden­ti­fi­ziert sich zwei­fels­oh­ne beson­ders mit dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus. Unter ihm erhielt die Gemein­schaft ihren ersten Kar­di­nal, was einer „Ade­lung“ gleich­kommt, die von ihr seit mehr als 20 Jah­ren ange­strebt, aber von den bei­den Vor­gän­ger­päp­sten nicht gewährt wur­de.

Am 1. Sep­tem­ber 2019 gab Fran­zis­kus bekannt, den von ihm ernann­ten Erz­bi­schof von Bolo­gna, Msgr. Matteo Zup­pi, Ange­hö­ri­ger der Gemein­schaft von Sant’Egidio, zum Kar­di­nal zu kre­ieren. Dem ersten Kar­di­nal der Gemein­schaft wur­de mit sei­ner Erhe­bung am 5. Okto­ber jenes Jah­res zudem die Beson­der­heit zuteil, daß Fran­zis­kus die für die Gemein­schaft namens­ge­ben­de Kir­che Sant’Egidio in Traste­ve­re zur Titel­kir­che erhob und ihm ver­lieh.

Das Zentrum von Sant’Egidio

Die Kir­che San­t’E­g­idio in Traste­ve­re

Die heu­te dem hei­li­gen Ägi­di­us am gleich­na­mi­gen Platz geweih­te Kir­che im Stadt­teil Traste­ve­re geht zumin­dest auf das Hoch­mit­tel­al­ter zurück. Die älte­ste Erwäh­nung fin­det sich 1123 in einer Bul­le von Papst Calix­tus II. Sie war dem hei­li­gen Bla­si­us geweiht und wur­de nach 1550 der Zunft der Schu­ster zuge­wie­sen, die eine den hei­li­gen Cris­pi­nus und Cris­pi­nia­nus geweih­te Kapel­le anbau­ten. 1610 wur­de sie den Unbe­schuh­ten Kar­me­li­tin­nen über­eig­net, deren Klo­ster 1611 von Papst Six­tus V. kano­nisch errich­tet wur­de. Die Ordens­frau­en lie­ßen 1630 anstel­le der bestehen­den die heu­ti­ge Kir­che errich­ten und über­tru­gen das Patro­zi­ni­um des hei­li­gen Ägi­di­us aus einer nahe­ge­le­ge­nen Kir­che, die sie eben­falls erhiel­ten, aber für zwei Kir­chen kei­nen Bedarf hat­ten. Das Klo­ster, in dem 1662 20 Chor­schwe­stern, 15 Novi­zin­nen und drei Kon­ver­sen leb­ten, fiel 1873 dem kir­chen­feind­li­chen Klo­ster­sturm durch das König­reich Ita­li­en zum Opfer, der auf die Erobe­rung des Kir­chen­staa­tes folg­te. Das Klo­ster wur­de auf­ge­ho­ben, die Schwe­stern ver­trie­ben und die Gebäu­de vom neu­em Staat beschlag­nahmt.

Obwohl sich schnell her­aus­stell­te, daß die­ser kei­nen Bedarf dafür hat­te, gab er sie den Ordens­frau­en nicht zurück, son­dern ver­schenk­te sie an die Stadt Rom. Die­se errich­te­te im Ersten Welt­krieg ein Laza­rett für Kin­der, die an Mala­ria erkrankt waren, eine Krank­heit, an der Rom vie­le Jahr­hun­der­te zu lei­den hat­te, bis Beni­to Mus­so­li­ni ab 1930 die Sümp­fe um Rom trocken­le­gen ließ.

Ein Teil des ehe­ma­li­gen Kar­me­li­tin­nen­klo­sters ist heu­te Haupt­sitz der Gemein­schaft von Sant’Egidio, die ihn fak­tisch besetz­te. 1973 wur­den ihr Kir­che und Gebäu­de offi­zi­ell über­tra­gen.

Das Jesuskind und der heidnische Kaiser

Die Kir­che San­ta Maria in Ara­co­eli, wo das gemein­sa­me Frie­dens­ge­bet der christ­li­chen Kon­fes­sio­nen statt­fin­den wird, ist die eigent­li­chen Wall­fahrts­kir­che der Römer, die das Gna­den­bild des Jesus­kin­des, das „San­to Bam­bi­no“, auf­su­chen. Ihre Ursprün­ge las­sen sich bis um 590 zurück­ver­fol­gen, als Papst Gre­gor der Gro­ße regier­te und mit der Mari­en­kir­che ein grie­chi­sches Mönchs­klo­ster ver­bun­den war. Spä­ter betreu­ten sie Bene­dik­ti­ner, heu­te Fran­zis­ka­ner. Das wun­der­tä­ti­ge „Jesus­kind“ soll von einem Fran­zis­ka­ner aus dem Holz eines Oli­ven­baums aus dem Gar­ten Geth­se­ma­ni in Jeru­sa­lem geschnitzt wor­den sein.

1994 wur­de das „San­to Bam­bi­no“ gestoh­len und ist bis heu­te nicht wie­der­ge­fun­den wor­den. Die römi­sche Unter­welt war empört über den Fre­vel. Die in den bei­den Gefäng­nis­sen der Stadt, Rebibbia und Regi­na Coeli, ein­sit­zen­den Kri­mi­nel­len ver­öf­fent­lich­ten eine Erklä­rung, mit der sie sich von der Tat distan­zier­ten und die Schul­di­gen auf­for­der­ten, das Jesus­kind zurück­zu­ge­ben. Als das nicht geschah, star­te­ten sie eine Geld­samm­lung. Mit dem Geld wur­de eine ori­gi­nal­ge­treue Kopie ange­fer­tigt, die seit­her in der Kir­che ver­ehrt wird.

In San­ta Maria in Ara­co­eli befin­den sich das Grab der hei­li­gen Hele­na, der Mut­ter von Kai­ser Kon­stan­tin dem Gro­ßen, der die Chri­sten­heit viel ver­dankt, dar­un­ter die Auf­fin­dung des hei­li­gen Kreu­zes wäh­rend ihrer Pil­ger­rei­se ins Hei­li­ge Land, und das Grab von Papst Hono­ri­us IV. (1285–1287).

Der zwei­te, inter­re­li­giö­se Teil des Tref­fens wird hin­ge­gen mit den Ver­tre­tern der ande­ren Welt­re­li­gio­nen auf dem Kapi­tols­platz statt­fin­den, der vom Rei­ter­stand­bild des heid­ni­schen Kai­sers Mark Aurel (161–180) domi­niert wird, unter dem das christ­li­che Bekennt­nis noch als Kapi­tal­ver­bre­chen galt. Das Denk­mal, das ursprüng­lich beim päpst­li­chen Later­an­pa­last stand, blieb erhal­ten, weil im Mit­tel­al­ter die Über­zeu­gung vor­herrsch­te, es hand­le sich um eine Dar­stel­lung von Kai­ser Kon­stan­tin dem Gro­ßen. Als 1447 die tat­säch­li­che Iden­ti­tät geklärt wur­de, war das Inter­es­se für die Anti­ke und die Kunst so groß, daß sie kei­ne hun­dert Jah­re spä­ter auf dem von Michel­an­ge­lo neu­ge­stal­te­ten Kapi­tols­platz Auf­stel­lung fand. Das Ori­gi­nal befin­det sich inzwi­schen aller­dings im angren­zen­den Kon­ser­va­to­ren­pa­last. Auf dem Platz steht seit 1997 eine Kopie.

Das Rei­ter­stand­bild des heid­ni­schen Kai­sers bil­det am 20. Okto­ber gewis­ser­ma­ßen „die Brücke“ zwi­schen der Kir­che in Ara­co­eli, wo die Chri­sten beten, und dem Ort, wo sich die Welt­re­li­gio­nen begeg­nen.

Links der Auf­gang zur Kir­che San­ta Maria in Ara­co­eli, rechts zum Kapi­tols­platz

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Santegidio/Wikicommons (Screen­shot)

1 Kommentar

  1. „No one is saved alo­ne.“ Das stimmt wohl, denn als Katho­lik bedarf man für die Erlö­sung der Gemein­schaft der Kir­che und ihrer Sakra­men­te. Lei­der ver­steht Ber­go­glio das aber wie­der ganz anders und macht dar­aus einen Slo­gan für sei­nen reli­giö­sen Rela­ti­vis­mus. Nur damit ich nicht falsch ver­stan­den wer­de: es ist klar, dass die katho­li­sche Kir­che fried­li­ches Zusam­men­le­ben will und dar­über hin­aus für die Bekeh­rung und Erlö­sung aller Men­schen betet und arbei­tet, aber die Vor­aus­set­zung bleibt nach katho­li­schem Ver­ständ­nis der Glau­be und die Hin­ga­be an Chri­stus — und eben nicht das Wohl­wol­len der ande­ren Reli­gio­nen oder der Mäch­ti­gen die­ser Welt.

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