Assisi und die abwesenden Glaubenspräfekten: 1986 Ratzinger, 2016 Müller

(Rom) Die Bil­der wie­der­ho­len sich mit ver­scho­be­nen Akzen­ten. 1986 ging Papst Johan­nes Paul II. zum ersten Welt­ge­bets­tref­fen der Reli­gio­nen für den Frie­den nach Assi­si, das von der Gemein­schaft San­t’E­g­idio orga­ni­siert wur­de. Der Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger, sein eng­ster Mit­ar­bei­ter, wei­ger­te sich und blieb in Rom.

2016 ging Papst Fran­zis­kus zum 30. Welt­ge­bets­tref­fen nach Assi­si. Der Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, Ger­hard Kar­di­nal Mül­ler, blieb in Rom. Den Anwe­sen­den fiel die Abwe­sen­heit gar nicht auf. Jeden­falls scheint sie, im Gegen­satz zu 1986, nie­mand gestört zu haben, am wenig­sten Papst Fran­zis­kus.

Kar­di­nal Mül­ler nahm auf sei­ne Wei­se zu den Fra­ge­kom­ple­xen Stel­lung, um die es in Assi­si ging. Er rei­ste nach Regens­burg zu einem ande­ren Jubi­lä­um. Vor zehn Jah­ren, am 12. Sep­tem­ber 2006, hielt Papst Bene­dikt XVI. sei­ne histo­ri­sche Regens­bur­ger Rede zur Ein­heit von Glau­ben und Ver­nunft, mit zwei kon­kre­ten Schwer­punk­ten: dem west­li­chen Rela­ti­vis­mus und dem Islam.

Kar­di­nal Mül­ler bezeich­ne­te die Rede als „Stern­stun­de“. „Pro­phe­tisch“ habe Bene­dikt XVI. die west­li­che Gesell­schafts­kri­se und den isla­mi­schen Ter­ro­ris­mus ana­ly­siert.

Jor­ge Mario Kar­di­nal Ber­go­glio, der dama­li­ge Erz­bi­schof von Bue­nos Aires, sah die Sache anders und distan­zier­te sich. „Ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit den Wor­ten des Pap­stes“, ließ er durch sei­nen Pres­se­spre­cher Don Guil­ler­mo Mar­co gegen­über News­week bekannt­ge­ben. Wenn ein Papst die „Wer­te des Islam“ nicht aner­ken­ne, zer­stö­re er in zwan­zig Sekun­den, was in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren auf­ge­baut wur­de, lau­te­te sein ver­nich­ten­des Urteil über die Regens­bur­ger Rede Bene­dikts XVI.

Im Vati­kan war man über die­sen Dolch­stoß gar nicht erfreut und for­der­te eine Erklä­rung. Ber­go­glio habe sich von den Aus­sa­gen oder von sei­nem Pres­se­spre­cher zu distan­zie­ren. Der Pri­mas von Argen­ti­ni­en war weder zum einen noch zum ande­ren bereit. Erst ein hal­bes Jahr spä­ter, als auch die argen­ti­ni­sche Regie­rung, wegen einer ande­ren Sache Kri­tik an Mar­co übte, wur­de der Spre­cher aus­ge­tauscht. Offi­zi­ell sprach das Erz­bis­tum von einer „Umstruk­tu­rie­rung im Pres­se­be­reich“ der Erz­diö­ze­se „zur Opti­mie­rung der Bezie­hun­gen zu den Medi­en“. Von sei­ner Kri­tik an der Regens­bur­ger Rede distan­zier­te sich Ber­go­glio nicht.

Guil­ler­mo Mar­co, des­sen Ver­hält­nis zu sei­nem inzwi­schen zum Papst gewähl­ten Vor­ge­setz­ten unge­trübt blieb, war Anfang 2016 im ersten und umstrit­ten­sten „Video des Pap­stes“ zu sehen. Das Video sorg­te wegen sei­ner syn­kre­ti­sti­schen Bot­schaft für Irri­ta­tio­nen, die Mar­co in einem Inter­view durch „abstru­se The­sen“ noch ver­stärk­te. Womit sich der Kreis zu Assi­si IV wie­der zu schlie­ßen scheint.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL