Kardinal Bo: „Laßt die Hagia Sophia in Ruhe“

„Unnötiger Angriff auf die Religions- oder Glaubensfreiheit“

Seit Freitag ist die Hagia Sophia wieder eine Moschee und die christlichen Symbole wurden überdeckt.
Seit Freitag ist die Hagia Sophia wieder eine Moschee und die christlichen Symbole wurden überdeckt.

(Yan­gon) Am Frei­tag wur­de die berühm­te Hagia Sophia in Istan­bul (Kon­stan­ti­no­pel), die einst größ­te Kir­che der Chri­sten­heit, wie­der zur Moschee. Beim ersten isla­mi­schen Frei­tags­ge­bet fand sich die gesam­te tür­ki­sche Staats­füh­rung ein, dar­un­ter auch Staats­prä­si­dent Erdogan. Die Umwand­lung ist der sicht­ba­re Tri­umph des Re-Isla­mi­sie­rung des Lan­des über den lai­zi­sti­schen Kema­lis­mus. Kemal Ata­türk, der Grün­der der tür­ki­schen Repu­blik, hat­te die Moschee 1935 zu einem Muse­um gemacht. Als Moschee war die Hagia Sophia seit der Erobe­rung Kon­stan­ti­no­pels durch die Osma­nen im Jahr 1453 genutzt wor­den. Damals war durch die Umwand­lung in eine Moschee der Tri­umph des Islams über die Chri­sten­heit zele­briert wor­den. Die ortho­do­xe Ost­kir­che hielt seit­her am Gedächt­nis fest, daß der Islam ihr die bedeu­tend­ste Kir­che geraubt hat­te, wes­halb es bis zuletzt Bemü­hun­gen, auch durch Ruß­land, um Rück­ga­be des Got­tes­hau­ses gab. Das Anlie­gen schei­ter­te jedoch, weil Erdogan und die der­zei­ti­ge tür­ki­sche Staats­füh­rung die Re-Isla­mi­sie­rung des Lan­des betreiben.

Wäh­rend sich Papst Fran­zis­kus sehr zurück­hal­tend gibt, aller­dings am ver­gan­ge­nen Sonn­tag beim Ange­lus sei­nen „Schmerz“ zum Aus­druck brach­te, nahm Kar­di­nal Charles Maung Bo SDB, seit 2003 Erz­bi­schof von Yan­gon (vor­mals Ran­gun) in Myan­mar (Bir­ma) aus­führ­lich Stel­lung. Kar­di­nal Bo ist der­zeit Vor­sit­zen­der der Föde­ra­ti­on der Asia­ti­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen (FABC). Zu Asi­en gehört der Groß­teil der Tür­kei, wenn sie auch aus geo­po­li­ti­schen Grün­den (NATO-Mit­glied­schaft) irr­tüm­lich in vie­len Berei­chen Mit­glied euro­päi­scher Orga­ni­sa­tio­nen ist. 

Der Grund­stein zum Erz­bis­tum Yan­gon wur­de 1866 gelegt. 1955 erfolg­te die Errich­tung der Erz­diö­ze­se. 1950 war ein Pro­zent der Bewoh­ner katho­lisch, heu­te sind es fünf Pro­zent. Die Chri­sten sind in Bir­ma eine klei­ne Min­der­heit. Lan­des­weit wird laut Volks­zäh­lung von 2015 bzw. dem PEW Insti­tu­te die Zahl der Chri­sten mit 6,2–7 Pro­zent ange­ge­ben, wovon der Groß­teil pro­te­stan­ti­schen Gemein­schaf­ten ange­hö­ren. Chri­sten sind vor allem Ange­hö­ri­ge der Volks­grup­pen der Chin (im Staat Chin), der Jing­po (im Staat Kachin) und der Karen (in meh­re­ren bir­ma­ni­schen Staa­ten). Der erste christ­li­che Mis­sio­nar wur­de 1548 vom hei­li­gen Franz Xaver ins Land geschickt.

Der Anteil der Chri­sten unter den Karen, die sich auf meh­re­re Staa­ten ver­tei­len, wird von offi­zi­el­len Stel­len mit 15 Pro­zent ange­ge­ben. Im Staat Kachin, wo die Jing­po leben, beträgt der Anteil der Chri­sten 34 Pro­zent und im Staat Chin sogar 85,4 Pro­zent. Den zweit­höch­sten Chri­sten­an­teil weist der Staat Kayans mit offi­zi­ell 45,8 Pro­zent (2015) auf. Die Bud­dhi­sten kom­men dort auf 49,9 Pro­zent. In den von Bir­ma­nen bewohn­ten Kern­ge­bie­ten des Lan­des, zu denen Yan­gon gehört, ist der Chri­sten­an­teil zum Teil minimal.

87–88 Pro­zent der Bir­ma­nen sind Bud­dhi­sten. Für Chri­sten ist es sehr schwer, in die Armee oder die Staats­ver­wal­tung zuge­las­sen zu wer­den. 1962 über­nahm das Mili­tär durch einen Staats­streich die Macht und schlug poli­tisch den „bir­ma­ni­schen Weg zum Sozia­lis­mus“ ein. 1966 wur­den alle aus­län­di­schen Mis­sio­na­re des Lan­des ver­wie­sen. Seit 2011 ist ein Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zeß im Gange.

Die Anspie­lun­gen in der Stel­lung­nah­me des Kar­di­nals auf Ein­schrän­kung der Grund­rech­te und Ver­fol­gung in Myan­mar bezie­hen sich auf die Mus­li­me des Lan­des, was inter­na­tio­nal bekann­ter ist, aber auch auf die Christen.

Wir doku­men­tie­ren die Stel­lung­nah­me von Kar­di­nal Bo im Wortlaut:

Hagia Sophia

Reli­gi­ons- oder Glau­bens­frei­heit ist ein grund­le­gen­des Men­schen­recht für jeden, jedes und kei­nes Glau­bens. Das Recht, sei­nen Glau­ben zu wäh­len, zu prak­ti­zie­ren, aus­zu­drücken und zu ändern – oder über­haupt kei­nen Glau­ben zu haben – ist die grund­le­gend­ste Frei­heit für jede See­le. Und es ist eine Frei­heit, die ich kon­se­quent und lei­den­schaft­lich für Mus­li­me, Bud­dhi­sten, Hin­dus, Juden und Chri­sten aller Tra­di­tio­nen in mei­nem eige­nen Land Myan­mar und in ganz Asi­en ver­tei­digt habe. Tat­säch­lich habe ich oft zur Ver­tei­di­gung der ver­folg­ten mus­li­mi­schen Völ­ker in Myan­mar gespro­chen, und ich wer­de dies wei­ter­hin ohne zu zögern und ein­deu­tig tun. Denn wah­re Reli­gi­ons­frei­heit erfor­dert die Ach­tung der Aus­übungs­frei­heit ande­rer sowie die Aus­übung und Ver­tei­di­gung der eige­nen Frei­heit. Aus die­sem Grund schmerzt mich die Ent­schei­dung in der Tür­kei, die 1000 Jah­re lang größ­te Kathe­dra­le der Welt – die Hagia Sophia – in eine Moschee zu ver­wan­deln. Und als Prä­si­dent der Föde­ra­ti­on der Asia­ti­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen ist es mei­ne Auf­ga­be, dies zu sagen. 

Ich bedaue­re es nicht, weil ich mei­nen mus­li­mi­schen Brü­dern und Schwe­stern Kult­stät­ten ver­wei­gern möch­te. Im Gegen­teil, ich ver­tei­di­ge ihr Recht, dies zu tun, genau­so wie ich das Recht aller ver­tei­di­ge. Nichts, was ich hier sage, soll­te von denen, die Mus­li­me ver­fol­gen – in Myan­mar oder dar­über hin­aus – als Recht­fer­ti­gung für ihre Hand­lun­gen ange­se­hen wer­den: Das darf nie­mals sein. Ver­fol­gung jeg­li­cher Art soll­te von Men­schen des Glau­bens, der Hoff­nung und der Lie­be sowie von der Mensch­heit ins­ge­samt bekämpft wer­den. Aber auch die Ent­schei­dung, die Hagia Sophia in eine Moschee zu ver­wan­deln, kann nicht als etwas ande­res ange­se­hen wer­den als ein unnö­ti­ger Angriff auf die Reli­gi­ons- oder Glau­bens­frei­heit. Der Glau­be ist eine Ange­le­gen­heit von See­le, Herz, Ver­stand und Geist. Die Tem­pel des Glau­bens befin­den sich in den Men­schen, nicht in Gebäu­den. Den­noch reprä­sen­tie­ren und ver­kör­pern Sakral­bau­ten Geschich­te, Erbe, Kunst, Iko­no­gra­phie und die Lebens­ge­schich­te des Glau­bens im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de. Wer­den sie jedoch unter­gra­ben, kön­nen sie als Sym­bo­le für Macht und Unter­wer­fung ver­wen­det werden. 

In mei­nem Land Myan­mar wur­den Moscheen dem Erd­bo­den gleich­ge­macht und ich habe dage­gen mei­ne Stim­me erho­ben – häu­fig und nicht ohne ein Risi­ko. In Chi­na sind die uigu­ri­schen Mus­li­me mit eini­gen der schlimm­sten Mas­sen­greu­el­ta­ten der heu­ti­gen Welt kon­fron­tiert, und ich for­de­re die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft auf, dies zu unter­su­chen. In Indi­en und Sri Lan­ka waren Mus­li­me ent­setz­li­cher Gewalt aus­ge­setzt, und ich habe die­se Unmensch­lich­keit ver­ur­teilt. In Indo­ne­si­en wur­den mus­li­mi­sche Ahma­di­y­ya-Moscheen von ande­ren Mus­li­men zer­stört und Kir­chen gewalt­sam geschlos­sen. Im Iran sind die Bahai einem inten­si­ven Angriff auf ihre Frei­hei­ten aus­ge­setzt, und in Syri­en und im Irak wur­den hei­li­ge Orte mut­wil­lig zer­stört, wäh­rend wir in Chi­na lei­der das glei­che Phä­no­men mit zer­stör­ten Hei­lig­tü­mern gese­hen haben und das Kreuz ent­fernt wur­de, sogar Kir­chen wie die Xiang­bais­hu-Kir­che in Yixing wur­den abgerissen.

Die Hagia Sophia in eine Moschee zu ver­wan­deln bedeu­tet eine ähn­li­che Unter­gra­bung der Reli­gi­ons- oder Glau­bens­frei­heit, der Lie­be zuein­an­der und des Respekts für die Wür­de der Unterschiede.

In einer Zeit, in der die Mensch­heit auf­grund der glo­ba­len Pan­de­mie star­ken Bela­stun­gen aus­ge­setzt ist, müs­sen wir zusam­men­kom­men und nicht die Gemein­schaf­ten aus­ein­an­der­trei­ben. Wir müs­sen die Iden­ti­täts­po­li­tik bei­sei­te­le­gen, Macht­spie­le auf­ge­ben, eth­ni­sche und reli­giö­se Kon­flik­te ver­hin­dern und die Wür­de der Unter­schie­de zwi­schen jedem Men­schen schät­zen. Und wir müs­sen die Viel­falt und die Ein­heit, die wir dar­in fin­den, schätzen.

Was kann man errei­chen, indem aus der einst größ­ten Kathe­dra­le der Welt eine Moschee gemacht wird, außer Span­nun­gen zu säen, Men­schen zu spal­ten und Schmer­zen zuzu­fü­gen? Wie hilft es, die Hagia Sophia in die Hän­de von Men­schen zu legen, die kei­nen Sinn für ihre Geschich­te und ihr Erbe haben und ihre christ­li­che Iden­ti­tät zer­stö­ren, um Men­schen zusam­men­zu­brin­gen? Wie hält die Beschlag­nah­me der Hagia Sophia Arti­kel 18 der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te auf­recht? Es ist nicht so. Es öff­net ledig­lich Wun­den wie­der und ver­schärft Spal­tun­gen zu einem Zeit­punkt, an dem wir die Mensch­heit hei­len sollten.

Ich arbei­te jeden Tag mei­nes Lebens mit mei­nen Brü­dern und Schwe­stern aus allen wich­ti­gen Glau­bens­tra­di­tio­nen. Und ich wer­de bis ans Ende der Welt gehen, um ihre Rech­te zu ver­tei­di­gen. Ich wer­de, wenn es mög­lich ist, jede Moschee, jede Syn­ago­ge, jeden Tem­pel ver­tei­di­gen, die von Zer­stö­rung bedroht sind. Und ich weiß, dass mei­ne reli­giö­sen Mit­strei­ter, die für den Frie­den arbei­ten, das­sel­be für mich tun wür­den. Das ist der Geist, den wir brau­chen – die Frei­hei­ten des ande­ren zu respek­tie­ren und zu ver­tei­di­gen, um zu ver­eh­ren, wie wir wol­len, unse­ren Glau­ben in Über­ein­stim­mung mit unse­ren Tra­di­tio­nen aus­zu­drücken, uns nach unse­rem Gewis­sen frei zu bekeh­ren, aber nie­mals gezwun­gen zu wer­den, nie­mals auf­zu­zwin­gen und nie­mals zu ergrei­fen oder greifen.

In frü­he­ren Epo­chen der Geschich­te wis­sen wir, dass die Beschlag­nah­me der hei­li­gen und hei­li­gen Gebäu­de und Stät­ten des ande­ren zu uner­mess­li­cher Not und Bit­ter­keit geführt hat, und in unse­rer Genera­ti­on soll­ten wir nicht so dumm sein, die Feh­ler der Geschich­te zu wiederholen.

Gegen­sei­tig­keit ist eine mensch­li­che und natür­li­che Tugend.

Lasst die Hagia Sophia in Ruhe.

+ Charles Car­di­nal Bo
Erz­bi­schof des Erz­bis­tums der Unbe­fleck­ten Emp­fäng­nis von Yan­gon
Vor­sit­zen­der der Föde­ra­ti­on der Asia­ti­schen Bischofskonferenzen

Ein­lei­tung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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