Großzügige Chance ganz im Einklang mit Summorum Pontificum

Imsterberg: Chronologie des Grotesken und der Zuspitzung

Die Pfarrkirche von Imsterberg im Tiroler Oberland
Die Pfarrkirche von Imsterberg im Tiroler Oberland

Von Cle­mens Vic­tor Olden­dorf.

Tirol ist für sei­nen kämp­fe­ri­schen Wider­stands­geist bekannt. Die Gestalt Andre­as Hofers steht dafür exem­pla­risch und doch nur stell­ver­tre­tend, denn die Ent­schie­den­heit der Über­zeu­gung und die Ent­schlos­sen­heit, dafür ein­zu­ste­hen, bil­den ein cha­rak­te­ri­sti­sches Merk­mal der Men­ta­li­tät des Tiro­lers an sich.

Dass das auch Kon­flikt­po­ten­ti­al von Tiro­lern unter­ein­an­der zum Bro­deln brin­gen kann, sobald die­se sich mit ver­schie­de­nen Stand­punk­ten gegen­über­ste­hen, konn­te man jüngst der Inns­brucker Lokal­pres­se leb­haft ent­neh­men, sie­he auch und hier sowie bis­her zuletzt. Spä­te­stens jetzt erahnt man, dass die Aus­ein­an­der­set­zung einen kirch­li­chen Bezug oder Anlass gehabt haben muss­te. Des­halb berich­te­ten sogar Vati­can News von einem welt­ab­ge­schie­de­nen Berg­dorf, des­sen Bau­ern den­noch und erst recht so ger­ne mit der Zeit gehen und fort­schritt­lich sein wol­len.

Es geht um die klei­ne Gemein­de Imster­berg im Tiro­ler Ober­land und ihren bis­he­ri­gen Pfarr­pro­vi­sor Ste­phan Mül­ler. Die­ser hat­te in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten in immer stei­gen­de­rem und aus­schließ­li­che­rem Maße die Tra­di­ti­on der katho­li­schen Kir­che für sich ent­deckt, was beson­ders im Bereich der Lit­ur­gie immer augen­fäl­li­ger wur­de. Dafür bekam Mül­ler durch­aus Zuspruch und ent­wickel­te eine gro­ße Strahl­kraft, die von weit­her Mess­be­su­cher anzog. Nicht nur aus Nord‑, son­dern auch aus Süd­ti­rol, selbst aus Süd­deutsch­land und der Schweiz.

Die Pfarr­kir­che Maria Sie­ben Schmer­zen, zu der einst eine Wall­fahrt bestan­den hat­te, wur­de mehr und mehr wie­der zu einem Publi­kums­ma­gne­ten. Die Sache hat­te nur einen Haken: Unter den Dorf­be­woh­nern, den tat­säch­li­chen Pfarr­an­ge­hö­ri­gen von Imster­berg, stieß Mül­ler mit sei­nem tra­di­ti­ons­be­wuss­ten Seel­sorgs- und Zele­bra­ti­ons­stil auf weni­ger Gegen­lie­be, statt­des­sen auf zuneh­men­den Wider­stand. Frei­lich ist bei nähe­rem Hin­se­hen unver­kenn­bar, dass eine rela­tiv klei­ne Grup­pe rund um Bür­ger­mei­ster Alo­is Thur­ner im Fokus der Riva­li­tät stand und die­se bewusst ansta­chel­te und am Gären hielt, wozu man, wie wir gese­hen haben, auch die Bericht­erstat­tung der Tiro­ler Tages­zei­tung gekonnt ein­zu­set­zen wuss­te, deren kir­chen­po­li­tisch pro­gres­si­ve Posi­tio­nie­rung schon seit den Tagen des Kir­chen­Volks­Be­geh­rens frei­lich kei­ne Über­ra­schung mehr ist. Aller­dings zeig­ten in Imster­berg bei­de Sei­ten häu­fig Schwä­chen in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, wenn nicht gar eine grund­sätz­lich man­geln­de Gesprächs­be­reit­schaft und man­che zwi­schen­mensch­li­che Unge­schick­lich­keit oder direkt absicht­li­che Pro­vo­ka­ti­on.    

Chancen nicht erkannt

Dass wir uns nicht im geschäfts­tüch­ti­gen und tou­ris­mus­ver­wöhn­ten Zil­ler­tal befin­den, kann man unschwer dar­an erken­nen, dass die Orts­ge­mein­de den Zustrom von Aus­wär­ti­gen nicht kom­mer­zi­ell zu nut­zen wuss­te. Dabei fre­quen­tier­ten die­se, wenn sie zu Pfar­rer Mül­ler pil­ger­ten, anschlie­ßend natür­lich auch die Gast­häu­ser. Imster­berg mag zwar male­risch gele­gen sein, außer der Kir­che besitzt die knapp 800 See­len zäh­len­de Gemein­de frei­lich kei­ner­lei nen­nens­wer­te Sehens­wür­dig­keit oder son­sti­ge Attrak­tio­nen.

Imster­berg im Ober­inn­tal

Ein zuge­ge­be­ner­ma­ßen streit­ba­rer Dorf­pfar­rer, der die triden­ti­ni­sche Mes­se liest, war ein Allein­stel­lungs­merk­mal, um das man sich jetzt gebracht hat, und auch das Inter­es­se der Medi­en wird bald wie­der abge­flaut sein, wenn in Imster­berg wie fast über­all ein Volks­al­tar steht, die Mes­se in deut­scher Spra­che und ange­tan mit Man­tel­al­ben von edel­ster Schlicht­heit gefei­ert wird, wäh­rend Lek­to­rIn­nen und Kom­mu­ni­on­hel­fe­rIn­nen geschäf­tig zu Ambo und Hosti­en­scha­le eilen oder über­haupt gleich Wort-Got­tes-Fei­ern hal­ten, weil vor Ort maxi­mal noch ein Stän­di­ger Dia­kon zur Ver­fü­gung steht. Man darf gespannt sein, ob die Dorf­ober­häup­ter, die sich jetzt gegen Pfar­rer Mül­ler und genau­ge­nom­men auch gegen Bischof Her­mann Glett­ler durch­ge­setzt haben, in die­ser neu­en Ära plötz­lich und uner­war­tet zu den eif­rig­sten Kirch­gän­gern der Pfarr­ge­mein­de mutie­ren.

Missverständnis und Vereinnahmung Benedikts XVI. seitens des Pfarrers

Betrach­tet man die Ent­wick­lung noch­mals in der Rück­schau, so war zunächst der Volks­al­tar der Stein des Ansto­ßes, und auch zuletzt ent­zün­de­te sich an ihm der Kon­flikt. Pfar­rer Mül­ler hat­te ihn längst aus dem Pres­by­te­ri­um ent­fernt und das Speis­git­ter rekon­stru­iert, als er mit dem Motu­pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum den ent­schei­den­den Impuls erhielt, zwar schritt­wei­se, aber zuneh­mend aus­schließ­lich die über­lie­fer­te hei­li­ge Mes­se zu fei­ern.  An die­sem Punkt muss man ein­räu­men, dass damit eine objek­ti­ve Über­in­ter­pre­ta­ti­on von Summorum Pon­ti­fi­cum und der damit ver­folg­ten Absich­ten Papst Bene­dikts XVI. gege­ben war. Denn obwohl das Motu­pro­prio die Schaf­fung von rein alt­ri­tu­el­len Per­so­nal­pfar­ren als Mög­lich­keit in das Ermes­sen des Bischofs stellt, sieht es kei­nes­wegs vor, dass der Pfar­rer einer diö­ze­sa­nen Ter­ri­to­ri­al­pfar­rei die­se fak­tisch auf allei­ni­ge Eigen­in­itia­ti­ve hin völ­lig wie­der auf triden­ti­nisch umstellt.

Altar­raum der Pfarr­kir­che Imster­berg

Summorum Pon­ti­fi­cum besagt nun durch­aus, dass auch in den Pfarr­kir­chen der Bis­tü­mer sonn- und fei­er­tags eine Mes­se nach dem Mis­sa­le von 1962 gefei­ert wer­den kann, dar­aus folgt aber, dass alle ande­ren Eucha­ri­stie­fei­ern nach dem Mess­buch Pauls VI. zu fei­ern sind. Dafür frei­lich ist kein Volks­al­tar zwin­gend vor­ge­schrie­ben, aber wenn sich erst ein­mal an sei­nem Feh­len oder Ver­schwin­den eine sol­che Emo­tio­na­li­tät ent­la­den hat wie in Imster­berg, wo die Freun­de des frei­ste­hen­den Zele­bra­ti­ons­al­tars die­sen in urlaubs­be­ding­ter Abwe­sen­heit von Pfar­rer Ste­phan Mül­ler wider­recht­lich und eigen­mäch­tig in die Kir­che schaff­ten und auf­stell­ten, wor­auf­hin die­ser ihn von sei­nen tat­kräf­ti­gen Getreu­en wie­der abtrans­por­tie­ren und außer Reich­wei­te brin­gen ließ, ist es jetzt wohl unaus­weich­lich, dass die Aus­hilfs­geist­li­chen, die fort­an in Imster­berg zele­brie­ren, dies mit Volks­al­tar tun, wie es eini­ger­ma­ßen unbe­hol­fen und mit kirch­li­chem Sprach­ge­brauch offen­sicht­lich wenig ver­traut, auf der Home­page der bür­ger­li­chen Gemein­de ver­laut­bart wird.

Es ist nicht bekannt, ob in Imster­berg eine Lai­en­spiel­grup­pe besteht, aber im rea­len Leben wur­de man Zeu­ge von Vor­gän­gen, bei denen man unwill­kür­lich denkt, man habe eine vor Tiro­ler Kulis­se ver­setz­te Epi­so­de aus Don Camil­lo und Pep­po­ne vor sich, in deren Ver­lauf bei­de Kon­tra­hen­ten immer wie­der nicht ganz ernst­ge­nom­men wer­den kön­nen. Doch es han­del­te sich nicht um einen Bau­ern­schwank auf der Büh­ne eines Mund­art­thea­ters. Des­we­gen ist die Ange­le­gen­heit sehr ernst und das Schei­tern der ver­mit­teln­den Ver­su­che Bischof Glett­lers über­aus bedau­er­lich.

Vorbildlicher Lösungsansatz ganz im Geiste von Summorum Pontificum

Wenig in ihrer Trag­wei­te beach­tet wur­de bis­her die Ent­schei­dung des Ober­hir­ten, den Prie­ster Ste­phan Mül­ler nicht in Früh­pen­si­on zu schicken, son­dern ihn – in gera­de­zu vor­bild­li­chem Ein­klang mit Summorum Pon­ti­fi­cum – zu einer Art „Diö­ze­san­be­auf­trag­ten für die außer­or­dent­li­che Form des Römi­schen Ritus“ zu ernen­nen und ihm eine Kir­che zuzu­wei­sen, wo er aus­schließ­lich sol­che Mes­sen fei­ern kann und sogar soll und wo Gläu­bi­ge, die dar­an teil­neh­men wol­len, die über­lie­fer­te Lit­ur­gie mit­fei­ern kön­nen.

Wenn dazu eine zen­tral gele­ge­ne und auch mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln gut erreich­ba­re Kir­che aus­ge­wählt wird, ist dies eine bei­na­he unglaub­lich groß­zü­gi­ge und kon­struk­ti­ve Chan­ce, die hof­fent­lich nicht unge­nutzt bleibt. Dann hat sie das Poten­ti­al, die Sta­gna­ti­on zu über­win­den, gegen die die Patres der Petrus­bru­der­schaft gera­de in Inns­bruck immer und über­all anzu­kämp­fen hat­ten, seit sie seit mehr als vier­zehn Jah­ren im Auf­trag der Diö­ze­se Inns­bruck die latei­ni­sche Mes­se im triden­ti­ni­schen Ritus in der Tiro­ler Lan­des­haupt­stadt fei­ern. Viel­leicht wäre die Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus, deren Prie­ster immer von aus­wärts anrei­sen müs­sen, sogar ins­ge­heim erleich­tert, wenn ihre Zustän­dig­keit und Ver­ant­wor­tung für Inns­bruck im Zuge der Neu­re­ge­lung der Auf­ga­ben von Pfar­rer Mül­ler ent­fal­len wür­de.

Damit das neue Pro­jekt gelin­gen kann, setzt es frei­lich auch auf­sei­ten Mül­lers und der Gläu­bi­gen, die mit ihm als Seel­sor­ger Summorum Pon­ti­fi­cum gern in Anspruch neh­men wol­len, eine Auf­ge­schlos­sen­heit vor­aus, statt einer intui­ti­ven Abwehr­hal­tung, weil die Diö­ze­se Inns­bruck angeb­lich der Tra­di­ti­on gegen­über ja ohne­hin ableh­nend oder gar feind­se­lig ein­ge­stellt sei. Dass das in die­ser Form auf die Diö­ze­se und ins­be­son­de­re auf ihren Bischof Her­mann Glett­ler nicht zutrifft, zeigt das groß­zü­gi­ge Ange­bot für die Zukunft, das, vor­aus­ge­setzt, dass Mül­ler sei­ne neue Funk­ti­on nicht wie­der an einem so abge­schie­de­nen Ort wie bis­her erfül­len soll, bei­na­he schon das Opti­mum des­sen aus­schöpft, was Bene­dikt XVI. in Summorum Pon­ti­fi­cum vor­ge­se­hen hat.

Bild: Ailura/Wikicommons

2 Kommentare

  1. Ich kann dem Prie­ster Ste­phan Mül­ler nur emp­feh­len, die Auf­ga­be eines „Diö­ze­san­be­auf­trag­ten für die außer­or­dent­li­che Form des Römi­schen Ritus“ anzu­neh­men, beson­ders wenn ihm eine Kir­che zuge­wie­sen wird, wo er aus­schließ­lich sol­che Mes­sen fei­ern kann und sogar soll und wo Gläu­bi­ge, die dar­an teil­neh­men wol­len, die über­lie­fer­te Lit­ur­gie mit­fei­ern kön­nen, zumal wenn dazu eine zen­tral gele­ge­ne und auch mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln gut erreich­ba­re Kir­che aus­ge­wählt wird — aller­dings nur, wenn das nicht bedeu­tet, dass an kei­nem ande­ren Ort in der Diö­ze­se jemals mehr die Hl. Opfer­mes­se gefei­ert wer­den darf.
    Wir haben der­zeit für ganz Ber­lin als diö­ze­sa­nes Ange­bot, Sonn­tags die Hl. triden­ti­nisch Opfer­mes­se zu fei­ern, eine häß­li­che Kir­che, deren Ein­gang ich an zwei Sonn­ta­gen ver­zwei­felt gesucht habe, da er von der Haupt­stra­sse aus kaum zu sehen ist, die Kir­che ist von der Haupt­stra­sse gar nicht zuse­hen. Der Ein­gang unter­schei­det sich nicht von ande­ren Ein­gän­gen der Alt­bau­ten in die­ser Stra­ssen­zei­le, nur dass er noch beschmier­ter war. Der Gang durch das Haus (dreckig, ungpflegt)hindurch endet in einem sehr klei­nen Innen­hof, links vie­le Fahr­rä­der, rechts über­quel­len­de gro­ße Müll­con­tai­ner, in der Mit­te der Ein­gang zu der häß­li­chen Kir­che. In die­se Gegend wür­de ich frei­wil­lig nicht gehen; gera­de in den dunk­len Win­ter­mo­na­ten hät­te ich Angst, die­se Gegend auf­zu­su­chen.

    Vor kur­zem konn­ten wir die Hl. triden­ti­ni­sche Opfer­mes­se noch in einer gro­ßen, sehr schö­nen und sehr,sehr gut erreich­ba­ren Innen­stadt-Pfarr­kir­che mit einem sehr enga­gier­ten jun­gen Kaplan fei­ern. Nach­dem der Pfar­rer die­sen Kaplan erst ermun­tert hat­te, an jedem Sonn­tag Abend die Hl. Mes­se zu fei­ern, ersuch­te er nach ca. 1/2 Jahr den Bischof, den Kaplan zu ver­set­zen und die­se zu been­den. Erz­bi­schof Koch kam dem Ansin­nen nach, nahm den Kaplan aus der Pfarr­seel­sor­ge, die­ser fei­ert jetzt in Ber­lin in sei­ner Woh­nung am Sonn­tag allein die Hl. Mes­se — sehr trau­rig.
    Jetzt hat Rom ja eine Umfra­ge zum The­ma „alte Mes­se“ gestar­tet. Wes­halb? Da kann nur Unsinn bei her­aus­kom­men, der dann noch unsin­ni­ger inter­pre­tiert wer­den wird. Denn wie sol­len die Men­schen sich nach einer Rose und ihrem Duft seh­nen und die­se im Gar­ten anpflan­zen wol­len, wenn sie nie eine Rose gese­hen, nie ihren Duft genos­sen haben, weil ihnen jeg­li­che Mög­lich­keit dazu genom­men wur­de?
    Jetzt in der Coro­na-Zeit konn­te man im Com­pu­ter sehen, in wie vie­len Kir­chen ein der­ber, sehr plum­per, in kei­ner Wei­se in die Kir­che pas­sen­der Klotz den Blick der Gläu­bi­gen zum wun­der­schö­nen alten Hoch­al­tar ver­stell­te. Den Taber­na­kel muss­te man suchen, er war irgend­wie seit­lich abge­stellt — Unter­gang des Abend­lan­des unter Mit­schuld der Bischö­fe.

  2. Gestal­tungs­frei­heit eines Pfar­rers
    Der Arti­kel „Groß­zü­gi­ge Chan­ce ganz im Ein­klang mit Summorum Pon­ti­fi­cum“ wirft impli­zit die Fra­ge auf, inwie­weit ein Pfar­rer die Seel­sor­ge selbst gestal­ten darf. War­um soll­te ein Pfar­rer nicht, wenn er es für das See­len­heil der ihm Anver­trau­ten für för­der­lich erach­tet, einen tra­di­tio­nel­le­ren Stil eta­blie­ren, der sonst nur beson­ders Inter­es­sier­ten vor­be­hal­ten blie­be?

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