Politologe erstaunt, wie widerstandslos sich die Kirche dem Staat unterwirft

Corona-Maßnahmen und Religion

Mit einer ungewöhnlichen Analyse von laizistischer Seite läßt der Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy aufhorchen.
Mit einer ungewöhnlichen Analyse von laizistischer Seite läßt der Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy aufhorchen.

(Paris) Bemer­kens­wer­te Anmer­kun­gen zur aktu­el­len Lage der Kir­che in Coro­na-Zei­ten kom­men von uner­war­te­ter Sei­te. „Die Kir­che hat sich zu einer Art Gewerk­schaft redu­ziert.“ Die­se Fest­stel­lung stammt von Oli­vi­er Roy, einem der bekann­te­sten fran­zö­si­schen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler.

In Sachen Coro­na-Epi­de­mie und staat­li­chen Radi­kal­maß­nah­men bewegt sich die Kir­che wie eine „Gewerk­schaft der Gläu­bi­gen“, die nicht imstan­de ist, den Poli­ti­kern klar­zu­ma­chen, daß das Recht auf freie Reli­gi­ons­aus­übung viel wich­ti­ger ist als die Mög­lich­keit, ein Fuß­ball­spiel besu­chen oder bei McDonald’s einen Bur­ger essen zu kön­nen.

Der fran­zö­si­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Oli­vi­er Roy kann man­chen Allein­stel­lungs­an­spruch erhe­ben. Das beginnt bei der eher unge­wöhn­li­chen Her­kunft aus einer pro­te­stan­ti­schen Fami­lie der Ven­dée. Als Jahr­gang 1949 wur­de Roy zum „klas­si­schen“ 68er, der in sei­ner Stu­di­en­zeit bei der radi­ka­len Lin­ken aktiv war und sich in mao­isti­schen Grup­pen enga­gier­te. Nach­dem er an der Uni­ver­si­tät Phi­lo­so­phie und Per­sisch stu­diert hat­te, schlug er eine wis­sen­schaft­li­che Lauf­bahn ein, pro­mo­vier­te an der Eli­te­hoch­schu­le Insti­tut d’études poli­ti­ques de Paris und forsch­te im Bereich der empi­ri­schen Eth­no­lo­gie.

Er ließ sich an der Schuß­waf­fe aus­bil­den und nahm Anfang der 80er Jah­re in Afgha­ni­stan am Kampf gegen die Sowjet­uni­on teil. Ob das im Auf­trag der fran­zö­si­schen Regie­rung (eines Geheim­dien­stes) geschah, ist nicht bekannt. In wei­te­ren Rei­sen erkun­de­te er den Nahen Osten, den Islam und die isla­mi­sche Welt. Nicht zuletzt wegen sei­ner Sprach- und Orts­kennt­nis­se sowie sei­ner Bücher über den poli­ti­schen Islam wur­de er 1984 Bera­ter des fran­zö­si­schen Außen­mi­ni­ste­ri­ums, das damals von Roland Dumas gelei­tet wur­de. Pre­mier­mi­ni­ster war Lau­rent Fabi­us, Staats­prä­si­dent Fran­çois Mit­ter­rand (alle drei Sozia­li­sti­sche Par­tei PS). Eine Posi­ti­on, die er bis 2008 bei­be­hal­ten soll­te.

1988 wur­de Roy erst­mals zur jähr­li­chen Bil­der­ber­ger-Kon­fe­renz ein­ge­la­den und im sel­ben Jahr auch Bera­ter der UNO, deren Afgha­ni­stan-Mis­si­on UNOCA er lei­te­te. Zahl­rei­che wei­te­re Ein­la­dun­gen zu den Bil­der­ber­ger-Kon­fe­ren­zen folg­ten. Ab 1993 ver­trat er meh­re­re Mona­te die OSZE in Tadschi­ki­stan. Sein Buch „L’É­chec de l’Is­lam poli­tique“ (Das Schei­tern des poli­ti­schen Islams) von 1992 gilt als Stan­dard­werk. Dar­in ver­tritt er die The­se, daß auf das Schei­tern des poli­ti­schen ein fun­da­men­ta­li­sti­scher Islam folg­te. Seit 2009 ist Roy Pro­fes­sor am Robert-Schu­man-Zen­trum des Euro­päi­schen Hoch­schul­in­sti­tuts in Flo­renz. Den in Euro­pa wüten­den isla­mi­schen Ter­ror will Roy vom Islam ent­kop­pelt wis­sen. Es sei eine Art Rebel­li­on von Nihi­li­sten, ein Auf­be­geh­ren jun­ger Mus­li­me oder Kon­ver­ti­ten gegen die euro­päi­sche Gesell­schaft, in der sie leben. Die Täter sei­en zwar mehr oder weni­ger isla­misch sozia­li­siert, aber Aus­gangs­punkt ihres Han­delns sei nicht reli­giö­se Fröm­mig­keit, son­dern eine Radi­ka­li­sie­rung. Die Eti­ket­te des Islams, mit dem sie sich umge­ben, sei mehr oder weni­ger ein zeit­be­ding­tes Zufalls­pro­dukt. Es könn­te eben­so­gut eine ande­re Ideo­lo­gie oder Reli­gi­on sein, die ihnen Raum zur destruk­ti­ven Radi­ka­li­tät bie­te.

Schließ­lich muß es zu einem Zer­würf­nis gekom­men sein. Seit 2011 wur­de Roy nicht mehr zu den Bil­der­ber­gern ein­ge­la­den, wo den frei­ge­wor­de­nen Platz sein Kon­tra­hent Gil­les Kepel ein­nahm. Auch sei­ne Mit­glied­schaft bei dem von Geor­ge Soros gegrün­de­ten Euro­pean Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons (ECFR), dem euro­päi­schen Able­ger des ame­ri­ka­ni­schen Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons (CFR), ist nicht mehr aktiv.

Die Kir­che geschlos­sen und McDonald’s geöff­net

Die Selbstreduzierung der Kirche in Corona-Zeiten

Roy ver­öf­fent­lich­te im Nou­vel Obser­va­teur Gedan­ken zum Urteil des fran­zö­si­schen Staats­rats (Ober­stes Ver­wal­tungs­ge­richt), mit dem die Regie­rung gezwun­gen wur­de, inner­halb von acht Tagen das völ­li­ge Ver­bot von öffent­li­chen Got­tes­dien­stes auf­zu­he­ben. Der Poli­tik­wis­sen­schaf­ter befaßt sich in die­sem Zusam­men­hang mit der Reak­ti­on der Kir­che (der Reli­gi­ons­ver­tre­ter) auf die mas­si­ven staat­li­chen Ein­grif­fe wegen des Coro­na­vi­rus.

In dem Auf­satz stellt er sei­ne Beob­ach­tung in den Mit­tel­punkt, daß die katho­li­sche Kir­che (aber eben­so ande­re christ­li­che Kon­fes­sio­nen und ande­re Reli­gio­nen) nie „reli­gi­ös über die­se Epi­de­mie“ gespro­chen habe. Wenn über­haupt in die­se Rich­tung etwas anklin­ge, dann gehe es um medi­zi­ni­sche Ratio­na­li­tät, die mit den Rech­ten der Gläu­bi­gen in Ein­klang zu brin­gen sei. Die Kir­che ver­hal­te sich, so Roy, als ob es uner­hört wäre, einen reli­giö­sen Ansatz im Zusam­men­hang mit der Epi­de­mie und ihrer Beur­tei­lung zu haben. Dabei gehe es um die Fra­ge, was die Epi­de­mie für die Mensch­heit bedeu­tet. Durch ein sol­ches Ver­hal­ten wer­de der Dis­kurs über das Phä­no­men, das alle Men­schen in allen Berei­chen betref­fe, redu­ziert und ver­ar­me. Vor allem bedeu­te es sei­ne Selbst­ein­schrän­kung der Kir­che, die sich in ihrem uni­ver­sa­len Han­deln und Anspruch beschnei­de. Die Kir­che lau­fe so Gefahr, sich letz­ten Ende nur mehr wie eine Art „Gewerk­schaft der Katho­li­ken“ zu ver­hal­ten“.

Aus­gangs­punkt von Roys Ana­ly­se ist die Beob­ach­tung, daß die Bischö­fe (aber auch die pro­te­stan­ti­schen Kon­fes­sio­nen, die Rab­bi­ner, die Ima­me und die Ver­tre­ter ande­rer Reli­gio­nen) die radi­ka­len Ein­grif­fe und Ein­schrän­kun­gen der Kul­tus­frei­heit vor­be­halt­los akzep­tiert und an ihre Gläu­bi­gen wei­ter­ge­ge­ben haben. Das geschah, obwohl davon auch hohe Feste wie Ostern, Pes­sach und Rama­dan betrof­fen waren. Pro­test habe es zwar gege­ben, doch sei er begrenzt und über­schau­bar geblie­ben.

Roy fol­gert dar­aus eine Stär­kung der Posi­ti­on, daß der Staat reli­giö­se Prak­ti­ken nicht als wesent­li­ches Bedürf­nis betrach­tet (und betrach­ten muß). Zumin­dest die katho­li­sche Kir­che sei sich „die­ser Lai­zi­tät der Igno­ranz und der Gleich­gül­tig­keit erschrocken bewußt gewor­den“. War­um nicht über Sky­pe beich­ten und die kon­se­krier­te Hostie über Ama­zon bestel­len?

„Die Regeln der Regie­rung stel­len McDonald’s vor Kir­che, Moschee oder Syn­ago­ge. In Ita­li­en wur­den von der Regie­rung die Muse­en vor den Kir­chen geöff­net, als ob Reli­gi­on nach der Kul­tur käme oder, schlim­mer noch, nichts mit Kul­tur zu tun habe.“

Macron, Mer­kel und Kurz mach­ten es nicht anders.

„Das schwer­wie­gend­ste Pro­blem ist, daß reli­giö­se Prak­ti­ken von Poli­ti­kern und der öffent­li­chen Mei­nung als optio­nal und indi­vi­du­ell ange­se­hen wer­den, aber kei­ne Gemein­schaft von Indi­vi­du­en betref­fen. Chri­sten wer­den der Mes­sen beraubt, so wie Fuß­ball­fans der Fuß­ball­spie­le.“

Dar­aus zieht Oli­vi­er Roy eine dra­ma­ti­sche Schluß­fol­ge­rung:

„Die­se Gleich­gül­tig­keit kommt der Ver­fol­gung sehr nahe.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Nou­vel Observateur/MiL (Screen­shots)

3 Kommentare

  1. Offen­ba­rung Kapi­tel 1 bis 3.
    Wel­cher die­ser Gemein­den gleicht die Katho­li­sche Kir­che heu­te am mei­sten?

  2. Ja, dass ist die moder­ne Chri­sten­ver­fol­gung
    in den soge­nann­ten Christ­li­chen Euro­pa.
    Dank unse­ren Hir­ten die die Chri­sten in die
    Irre füh­ren.

  3. Erstaun­lich wäre die Unter­wer­fung nur, wenn man davon aus­geht, dass staat­li­che Behör­den und kirch­li­che Hier­ar­chie diver­gie­ren­de Inter­es­sen ver­tre­ten, was zu Kon­flik­ten füh­ren könn­te. Zumin­dest der über­wie­gen­de Teil der Bischö­fe ver­tritt aber iden­ti­sche Inter­es­sen wie die gesell­schafts­po­li­ti­schen Eli­ten und sieht sich daher als deren ver­län­ger­ter Arm im kirch­li­chen Bereich, sei es Anti-AfD-Pole­mik, „Gen­de­ris­mus“ (Femi­ni­stin wur­de haupt­amt­lich im DBK-Appa­rat instal­liert), „Diver­si­tät“, Kli­ma­hy­ste­rie, „Open Border“-Politik oder aktu­ell eben Pan­dä­mie-Voll­zug. Etwa Kar­di­nal Marx äußert sich wie ein Staats­mi­ni­ster für Kir­chen­fra­gen: er lobt die recht­li­che Grund­la­ge der behörd­li­chen Maß­nah­men als „sehr gut begrün­det“, ihm erschei­nen Zugangs­kon­zep­te für Got­tes­dien­ste (die in jedem Super­markt funk­tio­nie­ren) als „sehr merk­wür­dig“, da Super­märk­te ja die Men­schen „mit dem Lebens­not­wen­di­gen ver­sor­gen“ (alle Zita­te: katholisch.de vom 9. April 2020). Könn­te er sei­ne Gering­schät­zung kirch­li­chen Lebens noch deut­li­cher zei­gen? Die Gläu­bi­gen und die Sakra­men­ten­spen­dung ist dem über­wie­gen­den Teil der Bischö­fe eben­so gleich­gül­tig wie etwa der DFL die Fuß­ball­fans und deren Bedürf­nis­se. Not­falls spielt man eben ohne Fans, Haupt­sa­che man bringt die Sai­son zu Ende und streicht den Pro­fit aus Fern­seh- und Wer­be­ver­trä­gen ein. Der kirch­li­che Appa­rat in Ordi­na­ria­ten, Insti­tu­ten, Fakul­tä­ten und Ver­bands­ge­schäfts­stel­len braucht weder Got­tes­dien­ste noch Gläu­bi­ge, „er brät im eige­nen Saft“, erstellt Bastel­hil­fen für ima­gi­nier­te „Haus­kir­chen“ und trifft sich in „Pro­jekt­teams“, um wei­ter Wol­ken­kuckucks­hei­me zu pla­nen.

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