Pachamama – Ein modernistisches, pseudo-folkloristisches Konstrukt

Die Erfindung und Einführung einer Naturgottheit – eine Spurensuche

Die „Pachamama“ als weibliche Gottheit und „Mutter Erde“ ist eine Erfindung aus jüngster Zeit aus der Gegend am Rio de la Plata und am Rhein.
Die „Pachamama“ als weibliche Gottheit und „Mutter Erde“ ist eine Erfindung aus jüngster Zeit aus der Gegend am Rio de la Plata und am Rhein.

Von Anto­nio Tor­til­la­ta­pa

Fünf Jahr­hun­der­te lang, seit der Ent­deckung Ame­ri­kas, spiel­te bis zum Ende des 20. Jahr­hun­derts „Pach­a­ma­ma“ kei­ne Rol­le von Bedeu­tung im Schrift­tum über und aus Süd­ame­ri­ka. Woher rührt dann die Rol­le, die die­ser Figur im Zuge der Ama­zo­nas­syn­ode zuer­kannt wur­de?

Die Spu­ren­su­che lie­fert drei Strän­ge:

1.

In dem gro­ßen Kunst­buch L’Art Pré­co­lom­bi­en (von José Alci­na,  Série: L’art et les gran­des civi­li­sa­ti­ons, Luci­en Mazen­od, Édi­tio, Paris 1978), 2,3 kg schwer, mit mehr als tau­send Abbil­dun­gen, Zeich­nun­gen und Kar­ten, fin­det sich zum ersten Mal in einem Buch über süd­ame­ri­ka­ni­sche Kunst das Stich­wort Pach­a­ma­ma.

Merk­wür­dig genug für ein dickes und schwer illu­strier­tes Kunst­buch wur­de dazu auf der ange­ge­be­nen Sei­te kei­ne Abbil­dung ver­öf­fent­licht, son­dern nur ein knap­per Text, der eine reli­giö­se Bedeu­tung kurz angibt und nach dem Arti­kel eines US-ame­ri­ka­ni­schen Eth­no­lo­gen aus dem Jahr 1955 refe­riert. Zugleich wird ange­ge­ben, daß es kei­ne bild­li­chen Dar­stel­lun­gen von Pach­a­ma­ma gibt.

In den jet­zi­gen Dis­kus­sio­nen und auf den Web­sites wird das Buch nie genannt.

2.

Inter­es­san­ter ist das Stich­wort Pach­a­ma­ma im Sech­sten Band der deut­schen Pro­py­lä­en Welt­ge­schich­te (Weltkulturen/Renaissance in Euro­pa) (1963), kon­kret im Kapi­tel Das prä­ko­lum­bi­sche Ame­ri­ka von Her­mann Trim­born.

Trim­born war ein deut­scher Völ­ker­kund­ler mit beson­de­rem Inter­es­se für Süd­ame­ri­ka, spä­ter Ordi­na­ri­us für Völ­ker­kun­de an der Uni­ver­si­tät in Bonn.

Bekannt und bahn­bre­chend wur­de sei­ne Aus­ga­be mit Über­set­zung (Quechua–Deutsch) des Hua­ro­chirí-Manu­skripts, das in Madrid auf­be­wahrt wird. Que­chua war die Spra­che der Inkas, sie wird heu­te noch in Tei­len von Peru und Ecua­dor gespro­chen, nicht in abso­lu­ten Zah­len, aber pro­zen­tu­al an der Gesamt­be­völ­ke­rung heu­te sogar am mei­sten in Boli­vi­en sowie mit klei­ne­ren und klein­sten Antei­len in den angren­zen­den Staa­ten (Süd­ko­lum­bi­en, Nord­chi­le, Nord­west­ar­gen­ti­ni­en). Ein gutes Drit­tel des heu­ti­gen Que­chua-Wort­schat­zes stammt aus dem Spa­ni­schen.

Der Spa­ni­sche Bür­ger­krieg und der kurz dar­auf fol­gen­de Zwei­te Welt­krieg mach­ten die Wir­kung der wich­ti­gen Arbeit Trim­borns fast voll­kom­men zunich­te: Erst 1955 erschien eine klei­ne­re Über­set­zung ins Spa­ni­sche.

In dem Hua­ro­chirí-Manu­skript wird mehr­mals auf Pach­a­ma­ma Bezug genom­men.

Beson­ders inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang die Habi­li­ta­ti­ons­ar­beit der Schü­le­rin und Nach­fol­ge­rin von Trim­born, Sabi­ne Deden­bach-Sala­zar Sáenz: India­ni­sche Que­chua-Über­lie­fe­run­gen aus der Kolo­ni­al­zeit zwi­schen Münd­lich­keit und Schrift­lich­keit(500 Sei­ten stark), wo nicht nur die alt­süd­ame­ri­ka­ni­sche Göt­ter- und Reli­gi­ons­welt aus­führ­lich beschrie­ben wird, inklu­si­ve des Begriffs „Pacha“ (bild­los und ohne Geschlecht), son­dern aus­führ­lich auch die Schwie­rig­kei­ten der katho­li­schen Mis­sio­na­re mit der Gedan­ken­welt der India­ner bespro­chen wer­den.

Die Mis­sio­na­re im Ama­zo­nas­ge­biet nann­ten zum Bei­spiel die Jung­frau Maria „Sie, die nicht durch­bohrt wur­de“. Die Jesui­ten in Peru nann­ten die Jung­frau und Got­tes­mut­ter kur­zer­hand „die Frau von Gott“. (Kein Kom­men­tar).

Auf­fal­lend in der sehr leben­dig geführ­ten Dis­kus­si­on um den Pach­a­ma­ma­kult im Okto­ber 2019, auch in den Vati­ka­ni­schen Gär­ten, ist das tota­le Schwei­gen der india­ni­schen Lin­gu­isten und Kunst­hi­sto­ri­ker.

Von der eth­no­lo­gi­schen Schu­le von Bonn gin­gen in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts vie­le Impul­se aus: auf psy­cho­lo­gi­schem Gebiet, bei der Unter­su­chung von Trau­er­ri­tua­len und ‑pro­zes­sen, teils mit sehr viel Eso­te­rik, und nicht zuletzt wegen der Exo­tik, der Musik und des land­schaft­li­chen Ambi­en­tes, was alles sehr gekonnt und ein­fluß­reich ver­mark­tet wur­de.

3.

Die letz­te Spur ist  eben­falls in West­eu­ro­pa  loka­li­siert:

Anfang der 60er Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts gerie­ten nicht unbe­deu­ten­de Tei­le des Kle­rus in ver­blen­de­te Kon­zils­be­gei­ste­rung oder/und in kri­tik­lo­se Sym­pa­thie für kom­mu­ni­sti­sche Ideo­lo­gi­en, unre­flek­tier­ten Ein­satz für pro­le­ta­ri­sche Bewe­gun­gen, Sym­pa­thie für bewaff­ne­te Aktio­nen und in roman­ti­sche Über­hö­hung von Gue­ril­la­kämp­fern und soge­nann­ten „Frei­heits­kämp­fern“ und „Befrei­ungs­be­we­gun­gen“ (man den­ke an Che Gue­va­ra).

Haupt­ein­satz­ge­biet die­ser auch exo­tisch-folk­lo­ri­stisch gefärb­ten Aktio­nen war Süd­ame­ri­ka. Afri­ka mit sei­ner aku­ten und nicht sel­ten sehr ver­wirr­ten Deko­lo­ni­sie­rung war nicht inter­es­sant, Asi­en zu kom­pli­ziert und Ozea­ni­en zu weit ent­fernt und zu dünn besie­delt.

Bra­si­li­en lag im Zen­trum die­ser Aktio­nen: gro­ße sozia­le Unter­schie­de, eini­ge im Westen gut bekann­te Prot­ago­ni­sten (über die faschi­sti­sche Ver­gan­gen­heit von Hel­der Cama­ra wur­de völ­lig hin­weg­ge­se­hen), gro­ße natür­li­che Res­sour­cen und eine rasch expan­die­ren­de Öko­no­mie – und das alles unter einem auto­ri­tä­ren mili­tä­ri­schen Regime.

Es war das geträum­te rote Tuch für alle links­kirch­li­chen Welt­ver­bes­se­rer aus West­eu­ro­pa, beson­ders für die JOC (Jeu­nesse Ouvriè­re Chré­ti­en­ne)/KAJ (Katho­li­sche Arbei­ter­ju­gend) von Kar­di­nal Joseph Car­dyn. Aus dem KAJ-Milieu stammt übri­gens Erwin Kräut­ler, spä­ter eine berüch­tig­te Bischofs­fi­gur rund um die Ama­zo­nas­syn­ode 2019. 

Ab 1975 beka­men die­se befrei­ungs­theo­lo­gi­schen und links­kirch­li­chen Bestre­bun­gen einen schwe­ren Rück­schlag: Die Macht­er­grei­fun­gen durch das Mili­tär in Chi­le und Argen­ti­ni­en, die von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit Wohl­wol­len beglei­te­te Ope­ra­ti­on Con­dor mit Aus­schal­tung von Prot­ago­ni­sten und Sym­pa­thi­san­ten der lin­ken Bewe­gun­gen, die Kon­so­li­die­rung der Mili­tär­re­gime in Bra­si­li­en und Boli­vi­en, das Offen­bar­wer­den der systemin­hä­ren­ten Greu­el­ta­ten des Kom­mu­nis­mus (Archi­pel Gulag von Sol­sche­ni­zyn), die Insta­bi­li­tät und die Bür­ger­krie­ge in Mit­tel­ame­ri­ka mit mili­tä­ri­scher Unter­stüt­zung der USA (in Gua­te­ma­la mit dem Bap­ti­sten Rios Montt und India­ner­trup­pen sowie in Hon­du­ras) und der öko­no­mi­sche Nie­der­gang in Kuba bra­chen den Impe­tus der tak­tisch stüm­per­haft agie­ren­den lin­ken befrei­ungs­theo­lo­gi­schen Bewe­gun­gen vor Ort.

Der Zer­fall des Sowjet­im­pe­ri­ums führ­te zum Zusam­men­bruch der mei­sten links­re­vo­lu­tio­nä­ren Bewe­gun­gen in Süd­ame­ri­ka. Der welt­wei­te Wirt­schafts­auf­schwung mach­te die frei­kirch­li­chen pro­te­stan­ti­schen Bewe­gun­gen sehr inter­es­sant für gro­ße Bevöl­ke­rungs­grup­pen.

Sehr vie­le befrei­ungs­theo­lo­gi­sche Sym­pa­thi­san­ten aus West­eu­ro­pa kehr­ten ent­täuscht und fru­striert zurück und lan­de­ten zu Hau­se poli­tisch bei den inzwi­schen gegrün­de­ten Grü­nen.

Gera­de in Deutsch­land, mit sei­ner Natur­ro­man­tik und Welt­ver­bes­se­rungs­ma­nie und einer inzwi­schen tie­fen Abnei­gung von Auto­ri­tät, ent­stand eine Ver­schmel­zung bei­der Ten­den­zen.   

Die Erfindung der „Pachamama“

1985 erschien das Buch von Tho­mas Jei­er „Die Erde ist unse­re Mut­ter“. 1988 erschien der Auf­satz „Mut­ter Erde“ von Brun­hil­de Mar­quardt-Mau im Sam­mel­band „Mit­ten­drin – die Erde hat kein dickes Fell“ (Hg. Mar­kus Schäch­ter im Mann-Ver­lag, Ber­lin).

Typisch für die dama­li­gen Grü­nen und ihre roman­ti­sche Idea­li­sie­rung: Es wird über die nord­ame­ri­ka­ni­schen India­ner und ihre alten Reli­gio­nen gespro­chen, und über den Anbau von Mais.

Ein alter Topos, teils in dem fei­er­li­chen Geden­ken Thanks­gi­vings Day ver­wirk­licht, und schon von Long­fel­low und Gui­do Gezel­le in dem Song of Hia­wadha beschrie­ben. Mar­quardt-Mau springt übri­gens dann plötz­lich zu den Navaho-India­nern wei­ter, obwohl die­se Schaf­hir­ten in Wüsten­rand­ge­bie­ten sind und kei­nen Mais anbau­en.

Und es geschieht noch etwas: In Nord­rhein-West­fa­len, und spe­zi­ell an den Uni­ver­si­tä­ten Mün­ster und Bonn, ent­steht dann die „Pachamama“-Ideologie:

Am Insti­tut für Boden­kun­de in Mün­ster wur­den die reli­giö­sen Ansich­ten der nord­ame­ri­ka­ni­schen und süd­ame­ri­ka­ni­schen India­ner bunt ver­mischt und der Begriff „Pacha“ (nach Lan­cz­kow­ski 1989: Zeit, Gegend, Raum, davon abge­lei­tet auch Boden) plötz­lich all­ge­mein auf die Azte­ken und die Maya aus­ge­brei­tet und beson­ders auf die Völ­ker in den Anden bezo­gen, und als „Pach­a­ma­ma“ aus der Retor­te gezo­gen.

An der Pazi­fik­kü­ste gab es 400 Jah­re frü­her eine Göt­tin Mama­quil­la, und etwas spä­ter eine Göt­tin Mama­pacha, die in der moder­ni­sti­schen Wort­mel­dun­gen übri­gens nir­gends auf­tau­chen.

In der von der Mis­si­ons­zen­tra­le der Fran­zis­ka­ner e. V. her­aus­ge­ge­be­nen Schrift „Erde – Mut­ter Erde. Tex­te und Refle­xio­nen aus Süd­ame­ri­ka“ (Schrif­ten­rei­he Berich­te-Doku­men­te-Kom­men­ta­re, Nr. 65, S. 9) erscheint dann 1996 ein „Reli­giö­ses Gedicht an die Pach­a­ma­ma“.

Das „Religiöse Gedicht an die Pachamama“ (1996)
Das „Reli­giö­se Gedicht an die Pach­a­ma­ma“ (1996)

Die Illu­stra­ti­on zeigt einen Baum­stamm mit Blät­tern und Grä­sern, wobei der Text komi­scher­wei­se die  Lamas und die Vicu­nas (Gebirgstie­re) bunt mischt mit „der gewal­ti­gen Kraft des Mall­kus in der Pam­pa“.

Die Spra­che ist sehr schwul­stig, der deut­sche Wort­schatz noch von den drei­ßi­ger Jah­ren geprägt („Lebens­born“) , der Inhalt histo­risch inko­hä­rent: „Pach­a­ma­ma“ wird hier plötz­lich mit der Son­ne, dem Gestirn von Titi Inti und Vira­co­cha, asso­ziert und der Mond wird glatt ver­ges­sen.

Die Arbeits­stel­le Welt­bil­der Mün­ster erstell­te eine erste „Pachamama“/Erdskulptur-Abbildung, knall­rot und inspi­riert von Gold­an­hän­gern aus Kolum­bi­en (Quim­ba­ya, ca. 200–500 n. Chr.) und Boli­vi­en (Toli­ma-Stil, 500‑1500 n. Chr.), kom­bi­niert mit Hals­schmuck aus Ecua­dor (mit 2 Brü­sten, links mit Mond und Ster­nen, rechts mit einer Son­ne). Sehr anspre­chen­de Stücke befan­den sich geschick­ter­wei­se in den gro­ßen Muse­en der USA und West­eu­ro­pa und in den Natio­nal­mu­se­en von Boli­vi­en, Kolum­bi­en und Ecua­dor.

Die­se erste „Pachamama“-Darstellung sah ziem­lich grau­sam aus. Die­ses Modell wur­de dann auch sofort fal­len­ge­las­sen.

Ab 1995 trat in den USA eine ähn­li­che Bewe­gung bei eth­no­lo­gisch Inter­es­sier­ten auf.

Die „Vermarktung“ der Pachamama

Im Rah­men der Fairtra­de-Bewe­gung, der Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Grü­nen-Bewe­gung und mit Unter­stüt­zung der frei­mau­re­risch-libe­ra­len Eli­ten in Süd­ame­ri­ka (Ecua­dor, Argen­ti­ni­en) ent­stand um die Jahr­tau­send­wen­de ein moder­ni­sti­scher Pach­a­ma­ma-Hype.

Pach­a­Ma­ma wur­de der Namen von Rum-Destil­la­ten, von öko­lo­gi­schem Kaf­fee (Peru), von einem argen­ti­ni­schen Kon­zern mit Bio­pro­duk­ten (Qui­noa), von Kos­me­ti­ka und Reform­wa­ren bis hin zu Flüs­sig­kei­ten für E‑Zigaretten und Inha­lie­rungs­ap­pa­ra­ten und von meh­re­ren Restau­rants mit Qui­no­a­pro­duk­ten.

Emi­gran­ten aus Deutsch­land und der Schweiz spiel­ten und spie­len dabei eine gro­ße Rol­le.

In der Schweiz fan­den mehr­mals Pach­a­ma­ma-Festi­vals statt, natür­lich ver­mark­tet mit Pach­a­ma­ma-Musik auf CD.

Die bild­li­chen Dar­stel­lun­gen von Pach­a­ma­ma änder­ten sich rasch: von india­nisch inspi­rier­ten Bil­dern bis zum freund­li­chen Folk­lo­re­kitsch einer lie­ben alten Dame. 

Zur Erin­ne­rung: Bei den prä- und para­ko­lum­bi­schen India­nern war Pacha geschlechts­los, unper­sön­lich und ohne bild­li­che Dar­stel­lung.

Sehr illu­stra­tiv hier­zu das Buch Pach­a­ma­ma Tales (2014 ins Eng­li­sche über­setzt) von Pau­la Mar­tin und Mar­ga­ret Read Mac­Do­nald. Es ver­merkt aus­drück­lich, daß es hier die Folk­lo­re aus der argen­ti­ni­schen Gegend am Rio de la Pla­ta, aus Uru­gu­ay, Boli­vi­en, Para­gu­ay und des Nor­dens von Chi­le betrifft.

„Pachamama Tales“ (2014)
„Pach­a­ma­ma Tales“ (2014)

Peru wird nur am Ran­de bemüht, trotz der Wich­tig­keit von Pacha­ca­mac und dem Inka als Herr­scher dort.

Uru­gu­ay ist übri­gens das erste süd­ame­ri­ka­ni­sche Land, das fest­stell­te, daß es auf sei­nem Ter­ri­to­ri­um kei­ne India­ner mehr gibt.

Bra­si­li­en mit dem Ama­zo­nas und Vene­zue­la, Guya­na und Suri­na­me mit dem Ori­no­ko­becken kom­men im Buch Pach­a­ma­ma Tales gar nicht vor.

In Ama­zo­ni­en wird auch kein Que­chua gespro­chen.

Eindringen heidnischer Zeremonien in die Kirche

Am 17. Janu­ar 2015 fand in Ari­ca (süd­li­ches Chi­le) eine Bischofs­wei­he statt, wo am Ende ein Scha­ma­ne mit Rauch, Was­ser, Schnaps, Erde und Kräu­tern eine heid­ni­sche Zere­mo­nie für den Inka-Son­nen­gott Titi Inti durch­führ­te. Wei­ters wur­de „die weib­li­che Göt­tin“ Pach­a­ma­ma und der Mall­kus bemüht (vgl. das 19 Jah­re zuvor bei der Mis­si­ons­zen­tra­le der Fran­zis­ka­ner publi­zier­te „Pach­a­ma­ma-Gebet“).

Die­se wirk­lich heid­ni­sche und fak­tisch apo­sta­ti­sche Zere­mo­nie dürf­te im Vati­kan bekannt sein, war doch der päpst­li­che Nun­ti­us per­sön­lich anwe­send. Zudem gibt es meh­re­re Video­auf­nah­men, die auf You­tube gepo­stet wur­den und vie­le sehr kräf­ti­ge Kom­men­ta­re aus­lö­sten.

Nach der miß­lun­ge­nen Rei­se von Papst Fran­zis­kus nach Chi­le im Jahr 2018, sei­nen unmög­li­chen Aus­sa­gen die Miß­brauchs­op­fer betref­fend, der wei­ter­schwe­len­den Miß­brauchs­ka­ta­stro­phe und dem zöger­li­chen Anpacken des Pädo‑, Ephe­bo- und Homo­pro­blems (McCar­rick et al.) hört man aus dem Vati­kan dazu nichts mehr.

Am 30. Okto­ber 2019 mel­de­te in Deutsch­land die offi­zi­el­le katho­li­sche Web­site www.katholisch.de in einem Nach­kom­men­tar zur Göt­zen­an­be­tung von höl­zer­nen „Pachamama“-Statuetten in den Vati­ka­ni­schen Gär­ten:

„Im April 2019, in Vor­be­rei­tung der sog. Ama­zo­nas­syn­ode, hat­te der ita­lie­ni­sche Able­ger des Päpst­li­chen Mis­si­ons­werks Mis­sio ein reli­giö­ses Gebet an die Pach­a­ma­ma ver­öf­fent­licht.“ (Als Refe­renz­quel­le wur­de dabei Catho­lic Cul­tu­re ange­ge­ben).

Die Zita­te des „Gebets“ bei katholisch.de ähneln wie zwei Trop­fen Was­ser dem Gebet der Mis­si­ons­zen­tra­le der Fran­zis­ka­ner von 1996.

In moder­nen deut­schen Kir­chen­me­di­en hat man das alles offen­sicht­lich ver­ges­sen (oder: ver­ges­sen wol­len).

Sehr merk­wür­dig ist der frisch aktua­li­sier­te Wiki­pe­dia-Arti­kel über Pach­a­ma­ma: ohne deut­li­chen Leit­fa­den, sehr wirr auf­ge­baut,  teils Rich­ti­ges über den Begriff Pacha, dann aber blitz­schnell zu „Pach­a­ma­ma“ wech­selnd. In der Mar­ge wird das Gan­ze illu­striert mit einer infan­ti­len moder­nen Zeich­nung unkla­rer Pro­ve­ni­enz, die deut­lich zeigt, wie ver­wirrt dies alles mit­ein­an­der ver­knüpft ist.

Don Nico­la Bux hat die­sen fak­ti­schen Pan­the­is­mus sehr scharf kri­ti­siert.

Beson­ders inter­es­sant beim Wiki­pe­dia-Ein­trag sind die Quel­len­nach­wei­se, die alle aus den letz­ten Jah­ren stam­men und zu mehr als der Hälf­te aus Reak­tio­nen auf den Ein­griff von Alex­an­der Tschug­guel am 21. Okto­ber 2019 in Rom bestehen.

Äußerst dürf­tig.

Fazit

Pach­a­ma­ma hat mit den Reli­gio­nen der India­ner am Ama­zo­nas nichts zu tun.

Pach­a­ma­ma ist ein moder­ni­sti­sches Kon­strukt, wirr im spa­nisch­spre­chen­den Süd­ame­ri­ka in den letz­te Jahr­zehn­ten ent­stan­den, ohne Kon­nex mit Bra­si­li­en und dem Ama­zo­nas-Becken (wie schon von bra­si­lia­ni­schen Bischö­fen fest­ge­stellt), zum Teil ent­stan­den in einem Staat ohne India­ner und – Inka hin oder her – frech ein­fach her­um­ge­scho­ben, und das 4800 km über­brückend (vom Rio de la Pla­ta nach Kolum­bi­en oder anders aus­ge­drückt: von den Que­chua- und Aymara­in­dia­nern zu den Tupi und Xavan­ten).

Das Kern­land der Inka und der Pacha­ca­mac-Ver­eh­rung wird dabei nicht tan­giert.

Es gibt sehr viel Folk­lo­re, Bio­pro­duk­te (Qui­noa) und Kos­me­ti­ka, Rum und pseu­do-exo­ti­sches Thea­ter. Die in Rom gezeig­ten Holz­sta­tu­et­ten stam­men übri­gens aus dem Nor­den Perus. Die Dar­stel­lung wur­de von jun­gen Künst­lern erst vor weni­gen Jah­ren erfun­den.

Inzwi­schen wer­den auch Pla­stik- und Stein­guß­mo­del­le ange­bo­ten.

Die­ser Pach­a­ma­ma­kult ist somit erst vor weni­gen Jah­ren ent­stan­den, inten­siv gepuscht, nicht zuletzt mit Unter­stüt­zung aus Deutsch­land, und fälsch­li­cher­wei­se als auto­chthon und india­nisch ange­prie­sen – wofür meist das Wort „indi­gen“ gebraucht wird.

Das Gan­ze ist viel schlim­mer als eine Häre­sie.

Hier wur­de in moder­nen kirch­li­chen Milieus eine neue Religion/ein neu­er Kult erfun­den rund um eine frisch kon­stru­ier­te „Göt­tin“ und dann den weit ent­fernt woh­nen­den Ama­zo­nas­in­dia­nern über­ge­stülpt.

Die­ser Pach­a­ma­ma­kult ist Bau­ern­fän­ge­rei in rein­ster Form und klipp und klar Apost­asie. Von die­sem Pach­a­ma­ma­kult kann es daher auch nichts zu inkul­turie­ren geben.

Er ist von Men­schen gemacht, ist etwas völ­lig Neu­es und Unchrist­li­ches. Er ist mit der Gött­li­chen Offen­ba­rung in kei­ner Wei­se in Ein­klang zu brin­gen.

Durch die Teil­nah­me an der Zere­mo­nie in den Vati­ka­ni­schen Gär­ten zog setz­te sich Papst Fran­zis­kus öffent­lich, wis­sent­lich und gewollt dem Ver­dacht und dem Vor­wurf der Apost­asie vom christ­li­chen Glau­ben aus, wor­auf er bis­her nur mit lapi­da­ren Halb­sät­zen reagier­te, mit denen er die Sache abtat.

Das Gol­de­ne Kalb bei den Israe­li­ten in der Wüste hat­te übri­gens viel mehr Qua­li­tät.

Nach­trag:

In Que­ri­da Ama­zo­nia (2020)  haben übri­gens die Koli­bris die Lamas und Vicu­nas des Pach­a­ma­ma­ge­bets von 1996 abge­löst.

Text: Anto­nio Tor­til­la­ta­pa
Bild: Arbeits­stel­le Welt­bil­der Münster/Missionszentrum der Fran­zis­ka­ner (Screen­shots)

Quellen :

ALCINA J. (1978): L’Art Pré­co­lom­bi­en (Série: L’art et les gran­des civi­li­sa­ti­ons), Luci­en Mazen­od, Édi­tio, Paris

DEDENBACH-SALASAZ SÁENZ S. (2003): India­ni­sche Que­chua-Über­lie­fe­run­gen aus der Kolo­ni­al­zeit zwi­schen Münd­lich­keit und  Schrift­lich­keit (Habi­li­ta­ti­ons­schrift)

JEIER, T. (1985): Die Erde ist unse­re Mut­ter, Mün­ster.

KILL L. (1996): Pach­a­ma­ma. Die Erd­göt­tin in der alt­an­di­nen Reli­gi­on, Dis­ser­ta­ti­on, Bonn.

LANCZKOWSKI, G. (1989): Die Reli­gio­nen der Azte­ken, Maya und Inka, Darm­stadt.

MARQUARDT-MAU, B. (1988): Mut­ter Erde, in: Schäch­ter, M. (Hrsg.): Mit­ten­drin – die Erde hat kein dickes Fell, Ver­lag Mann, Ber­lin, S. 85–95

MARTIN P./READ MACDONALD M. (2014): Pach­a­ma­ma Tales: Folk­lo­re from Argen­ti­na, Boli­via, Chi­le, Para­gu­ay, Peru, and Uru­gu­ay (World Folk­lo­re),

Pro­py­lä­en Welt­ge­schich­te  Band 6 (Weltkulturen/Renaissance in Euro­pa) (1963), beson­ders das Kapi­tel: Das prä­ko­lum­bi­sche Ame­ri­ka von Her­mann Trim­born.

TRIMBORN H. (1939): Dämo­nen und Zau­ber im Inka­reich. Quel­len und For­schun­gen zur Geschich­te der Völ­ker­kun­de, Leip­zig

TRIMBORN H./KELM A. (1967): Göt­ter und Kul­te in Hua­ro­chi­ri. Quel­len­wer­ke zur alten Geschich­te Ame­ri­kas auf­ge­zeich­net in den Spra­chen der Ein­ge­bo­re­nen, Band 8, Ver­lag Mann, Ber­lin

MISSIONSZENTRALE DER FRANZISKANER E.V. (Hrsg.) (1996): Erde – Mut­ter Erde -. Tex­te und Refle­xio­nen aus Latein­ame­ri­ka. Schrif­ten­rei­he „Berich­te – Doku­men­te- Kom­men­ta­re“, Nr. 65. Bonn.




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