John Henry Newman, ein neuer Schutzheiliger der Rubriken

Zugleich eine Buchvorstellung

John Henry Newman, Denkmal im Londoner Stadtteil Brompton.
John Henry Newman, Denkmal im Londoner Stadtteil Brompton.

Von Cle­mens Vic­tor Oldendorf. 

Sei­ne Kano­ni­sie­rung am ver­gan­ge­nen 13. Okto­ber 2019 hat das Inter­es­se an Per­son, Leben und Werk des bri­ti­schen Kon­ver­ti­ten und Kar­di­nals John Hen­ry New­man (1801–1890) neu belebt und regt auch zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen an. Sei­en dies Nach­drucke und Neu­auf­la­gen sei­ner eige­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen, sei­en es Lebens­bil­der oder Mono­gra­phien zu gezielt her­aus­ge­grif­fe­nen Aspek­ten sei­ner Gedan­ken­welt und Texte. 

Von mir soll eine Text­aus­wahl vor­ge­stellt wer­den, in der Peter A. Kwas­niew­ski chro­no­lo­gisch sämt­li­che Wer­ke New­mans, soweit sie gemein­frei sind, auf Aus­sa­gen hin durch­ge­se­hen hat, die den The­men­kreis Got­tes­dienst, Ehr­furcht und Ritu­al beleuch­ten. Dies erfor­der­te sei­tens Kwas­niew­skis eine beacht­li­che Mühe und Sorg­falt, denn er legt in sei­ner Antho­lo­gie nicht nur sol­che Tex­te oder Pas­sa­gen dar­aus vor, die bereits New­man selbst unter dem Vor­zei­chen die­ser The­ma­tik ver­fasst und ent­spre­chend bei­spiels­wei­se durch ihren ursprüng­li­chen Titel als the­men­re­le­vant gekenn­zeich­net hat. Das Buch ist in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka erschie­nen und dem­ge­mäß in eng­li­scher Spra­che abge­fasst. Da dies zugleich die Ori­gi­nal­spra­che von New­mans Schrif­ten ist, ein wert­vol­ler Vor­teil, denn so spricht wirk­lich unzwei­fel­haft unver­fälscht der Autor selbst direkt zum Leser. 

Las­sen wir den Her­aus­ge­ber zu Wort kom­men, der in sei­ner Vor­be­mer­kung schreibt: „Es ist eine glän­zen­de Auf­ga­ben­stel­lung, aus der reich­hal­ti­gen Fül­le von New­mans Schrif­ten Tex­te aus­zu­wäh­len, wel­che die Aus­rich­tung sei­nes Den­kens hin­sicht­lich Got­tes­dienst, Ehr­furcht und ritu­el­ler Gestalt ver­deut­li­chen. New­mans Bio­gra­phen haben oft­mals die Kon­stan­ten und die Festig­keit her­aus­ge­stellt, die sei­ne intel­lek­tu­el­le Per­spek­ti­ve durch alle Pha­sen sei­nes Lebens hin­durch kenn­zeich­nen, und dies trotz sei­ner inten­si­ven geist­li­chen Pil­ger­schaft und ange­sichts fol­gen­schwe­rer Wech­sel­fäl­le der äuße­ren Umstän­de. Sicher­lich gibt es Ent­wick­lun­gen, aber sie erschei­nen als die Aus­prä­gun­gen einer Leit­idee oder eines ein­zi­gen, in sich kohä­ren­ten Gefü­ges von Ideen und machen so sei­nen eige­nen Lebens­weg zu einem leben­di­gen Beleg für die The­se, die er selbst in sei­nem Essay über die Ent­wick­lung der christ­li­chen Leh­re in Bezug auf die katho­li­sche Kir­che vor­ge­tra­gen hat. Wäh­rend die Mehr­heit der in vor­lie­gen­der Text­aus­wahl ent­hal­te­nen Schrif­ten sei­ner angli­ka­ni­schen Peri­ode ent­stammt und vor­nehm­lich den acht Bän­den sei­ner unver­gleich­li­chen Paro­chi­al and Plain Ser­mons ent­nom­men ist, gibt es dar­in nur wenig, was ein römi­scher Katho­lik über­ar­bei­ten oder gar zurück­wei­sen müss­te. New­mans Werk ist ver­wur­zelt in einer tie­fen per­sön­li­chen Über­zeu­gung von der unend­li­chen Hei­lig­keit Got­tes, die ihre ein­zig ange­mes­se­ne Ant­wort in einer tie­fen Ehr­furcht gegen­über Gott fin­det und vor allen Sei­nen Wer­ken, sei­en sie natür­lich oder über­na­tür­lich (…). Er ist ein Mann, der im Ange­sich­te Got­tes lebt, des­sen Gegen­wart sich nicht dar­in erschöpft, eine bloß theo­re­tisch vom Intel­lekt aner­kann­te Wahr­heit zu sein, son­dern sie ist zudem eine von Her­zen emp­fun­de­ne Wirk­lich­keit: cor ad cor loqui­tur“ (S. vii). 

Wider die Änderungslust und Neuerungssucht 

Der aller­er­ste Text, den das Buch uns von New­man prä­sen­tiert, erör­tert gleich Ände­run­gen in der Lit­ur­gie und stammt aus dem Jah­re 1833. Er wen­det sich an den angli­ka­ni­schen Kle­rus und zeich­net sich durch eine bemer­kens­wer­te Argu­men­ta­ti­on aus: 

„Es wer­den Anstal­ten gemacht, Ände­run­gen der Lit­ur­gie zu errei­chen. Mei­ne lie­ben Brü­der, ich beschwö­re Sie, gemein­sam mit mir zu erwä­gen, ob Sie nicht gezwun­gen sind, auch der Ände­rung nur eines Jotas oder Tüt­tels an ihr zu wider­ste­hen. Wenn Sie auch in Ihren pri­va­ten Urtei­len wün­schen mögen, die­ser Aus­druck oder jene Vor­schrift möch­ten geän­dert wer­den, ist dies der rech­te Zeit­punkt, auch nur ein Stri­ch­lein preis­zu­ge­ben? War­um sage ich das? Des­halb, weil die mei­sten von Ihnen Ände­run­gen in ein paar unwe­sent­li­chen Punk­ten wün­schen wür­den, jedoch nicht vie­le von Ihnen sich über die Punk­te, die ver­än­dert wer­den soll­ten, einig sind und auch schon nicht dar­über, was unwe­sent­lich ist und was nicht. 

Wenn alle Ihre jeweils als wün­schens­wert erach­te­ten Ände­run­gen unter­nom­men wer­den, wer­den die Ver­än­de­run­gen am Got­tes­dienst umfang­reich sein, und wenn auch jeder irgend­et­was bekom­men mag, was er sich wünscht, wird er durch die Ände­run­gen, die er nicht befür­wor­tet, mehr ver­lie­ren als er gewinnt. Sagen Sie mir, sind die gegen­wär­ti­gen Unvoll­kom­men­hei­ten (wie sie jedem ein­zel­nen als sol­che erschei­nen) der­ar­ti­ger Natur und so zahl­reich, dass ihre Til­gung den Ver­lust von so vie­lem aus­glei­chen wür­de, das ein jeder von Ihnen gera­de nicht für eine Unvoll­kom­men­heit hält, son­dern im Gegen­teil für her­vor­ra­gend?!“ (S. 1) – 

New­man argu­men­tiert hier also mit bestehen­den Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über Art und Umfang des­sen, was geän­dert wer­den soll­te, aber auch schon dar­über, was an der Lit­ur­gie unauf­gebbar ist und was dar­an prin­zi­pi­ell geän­dert wer­den kann und darf. 

Wohl­ge­merkt spricht er als angli­ka­ni­scher Geist­li­cher zu Amts­brü­dern über die Lit­ur­gie der eng­li­schen Staats­kir­che, und doch fühlt man sich sogleich an die Ände­run­gen und Dis­kus­sio­nen erin­nert, die über ein Jahr­hun­dert spä­ter durch die soge­nann­te Lit­ur­gie­re­form nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil auf­ge­wor­fen wur­den. Frap­pie­rend wird die Argu­men­ta­ti­on, wenn man weiß, dass New­man wenig spä­ter die Fluchpsal­men als erstes kon­kre­tes Bei­spiel anführt, die im nach­kon­zi­lia­ren Stun­den­buch der römisch-katho­li­schen Kir­che tat­säch­lich aus dem lit­ur­gi­schen Gebrauch genom­men wor­den sind. Dazu Newman: 

„Es gibt eini­ge, die die Fluchpsal­men aus­las­sen wol­len und ande­re, die eine sol­che Unter­las­sung als ein Ver­ko­sten des seich­ten und abscheu­li­chen Libe­ra­lis­mus unse­rer Tage bekla­gen wür­den“ (ebd.).

Ent­schei­den­der ist New­mans gene­rel­ler Hin­weis auf die Schwie­rig­keit, ein­mal begon­ne­nen Ände­run­gen eine Gren­ze zu zie­hen, wozu es kei­ne Begrün­dung und Recht­fer­ti­gung geben kön­ne, bis nicht die Kri­tik­punk­te aller Sei­ten befrie­di­gend berück­sich­tigt wor­den sei­en (vgl. ebd.). 

Wenn wir die Liturgie ändern können, warum sollten wir es dann nicht tun?

Ein zwei­tes Bei­spiel wird ange­führt, das einem eben­falls bekannt vor­kommt, der Arti­kel, in dem es im Deut­schen im Cre­do tra­di­tio­nell: hin­ab­ge­stie­gen zu der Höl­le heißt. 

„Man­che wol­len die­se Stel­le aus­las­sen oder aber sie neu for­mu­lie­ren. (…) Ist es nicht leicht, das mehr­deu­ti­ge Wort zu erklä­ren? Ist es ein gro­ßer Scha­den, wenn es viel­leicht bis­wei­len vom einen oder ande­ren miss­ver­stan­den wird und nicht viel­mehr schwie­rig, irgend­ei­nen Ersatz zu fin­den, der sich eben­so har­mo­nisch in die Gesamt­kom­po­si­ti­on des Glau­bens­be­kennt­nis­ses fügt?“ (S. 2). 

Die Pas­sa­ge wie­der­holt auf der­sel­ben Sei­te noch ein­mal einen schon ent­wickel­ten Gedankengang: 

„Wir haben die Voll­macht, Ände­run­gen in der Lit­ur­gie anzu­sto­ßen, war­um soll­ten wir sie nicht gebrau­chen? Haben wir irgend­ei­ne Sicher­heit, dass wir, sobald wir ein­mal begon­nen haben, mit den Ände­run­gen an ein Ende kom­men? Wer­den wir nicht doch die Gren­ze vom Unwe­sent­li­chen zum Wesent­li­chen über­schrei­ten? Und dann, wenn wir zurück­schau­en, nach­dem die­ser Unfug getrie­ben ist, wel­che Ent­schul­di­gung wer­den wir vor­brin­gen kön­nen dafür, dass wir es waren, die zu Beginn die gan­ze Vor­ge­hens­wei­se ermu­tigt haben?“ 

Letzt­lich kul­mi­niert New­mans Über­zeu­gung dar­in, dass es den­je­ni­gen, die die Lit­ur­gie ver­än­dern wol­len, nicht um das eine oder ande­re Wort geht, das, wenn es anders lau­tet, mög­li­cher­wei­se leich­ter ver­ständ­lich ist oder dem all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch weni­ger anstö­ßig erscheint: 

„Nein – sie mögen die Glau­bens­leh­re nicht, die die Lit­ur­gie [so, wie sie ist, Anm. C. V. O.], zum Aus­druck bringt“ (S. 3). 

Die Hal­tung, die aus die­sem Text spricht, erin­nert auf Anhieb an die als Bigli­et­to-Rede bekannt­ge­wor­de­ne Anspra­che, die New­man 1879 anläss­lich sei­ner Kre­ierung zum Kar­di­nal gehal­ten hat und wor­in er sei­ne Freu­de dar­über bekun­det, „sagen zu kön­nen, daß ich mich von Anfang an einem gro­ßen Übel ent­ge­gen­ge­stellt habe. Über 30, 40, 50 Jah­re lang hin habe ich mich unter vol­lem Ein­satz mei­ner Kräf­te dem Geist des Libe­ra­lis­mus in der Reli­gi­on wider­setzt. Nie­mals zuvor hat­te die Hei­li­ge Kir­che Strei­ter wider ihn so bit­ter nötig wie jetzt, wo er wie ein Fall­strick als ein die gan­ze Erde umspan­nen­der Irr­tum wirkt.“[1]

Newmans Zustimmungslehre angewandt auf den überlieferten Ritus und die hinter diesem stehende Wirklichkeit 

Geht man die von Kwas­niew­ski zusam­men­ge­stell­ten, teils mit Spür­sinn extra­hier­ten Tex­te durch, bemerkt man schnell, dass der Grund­ton der Über­zeu­gung kon­se­quent durch­ge­hal­ten wird. Es ist im Rah­men der Vor­stel­lung einer umfang­rei­chen Antho­lo­gie von über fünf­hun­dert Sei­ten nicht mög­lich, vie­le der Tex­te, deren Ent­ste­hungs­zeit meh­re­re Jahr­zehn­te in sich schließt, in aus­führ­li­chen Zita­ten für sich selbst spre­chen zu las­sen, aber einer der spä­te­ren soll doch noch ange­führt werden. 

Der Her­aus­ge­ber ent­nimmt ihn einer Vor­le­sung von 1850 über Gewis­se Schwie­rig­kei­ten, die von Angli­ka­nern in der katho­li­schen Lehr­un­ter­wei­sung emp­fun­den wer­den und eben­so die­sem Text­aus­zug die von ihm redak­tio­nell hin­zu­ge­füg­te Über­schrift Gebräu­che und Hei­li­ge Hand­lun­gen als die äuße­re Gestalt einer inwen­di­gen Wirk­lich­keit:

„Ein Pro­te­stant spa­ziert in eine unse­rer Kapel­len; er sieht einen Prie­ster nie­der­knien und sich ver­beu­gen und das Weih­rauch­fass schwin­gen. Buben im Chor­rock kom­men hin­ein und gehen hin­aus, ein gan­zer Chor und die Leu­te sin­gen unent­wegt mit vol­ler Inbrunst. Und es gibt nichts, wor­auf er sich einen Reim machen kann, was das gan­ze bedeu­ten soll. So nennt er es einen Mum­men­schanz und geht wie­der hinaus. 

Und wür­de es nicht wirk­lich so sein, mei­ne Brü­der, wenn dies alles wäre? Aber wird er es für ein Brim­bo­ri­um hal­ten, wenn er erfährt und ernst­haft erfasst, dass dem­ge­mäß, was ein Katho­lik glaubt, das mensch­ge­wor­de­ne Wort, die zwei­te gött­li­che Per­son der ewi­gen Drei­fal­tig­keit hier kör­per­lich, leib­haf­tig anwe­send ist – ver­bor­gen frei­lich für unse­re Sin­ne, aber sonst auf kei­ner­lei Wei­se von uns abge­schirmt? Er mag von sich wei­sen, was wir glau­ben, aber er wird nicht mehr über das ver­wun­dert sein, was wir tun.

Und so wie­der­um, öff­nen Sie das Mess­buch, lesen Sie dar­in die pein­lich genau­en Anwei­sun­gen, die für die Zele­bra­ti­on der Mes­se gege­ben wer­den: Wel­che Vor­keh­run­gen müs­sen gege­ben sein, damit der Prie­ster sich dar­auf vor­be­rei­ten kann? Wie muss er jede ein­zel­ne sei­ner Hand­lun­gen, sei­nes Bewe­gungs­ab­laufs, sei­ner Gesten und Äuße­run­gen voll­zie­hen? Was ist zu tun, wenn ein Zwi­schen­fall aus der Viel­zahl mög­li­cher Vor­komm­nis­se sich ereig­net, wäh­rend er gera­de die Mes­se fei­ert? Was für eine ein­zi­ge gro­ße Lächer­lich­keit wäre es doch, wenn all dies nichts bedeu­ten würde! 

Wenn es aber eine Tat­sa­che wäre, dass der Got­tes­sohn in sei­nem mensch­li­chen Fleisch und Blut durch die Hän­de des Prie­sters, der ein Mann ist, sein Opfer dar­bringt, so wäre es klar, dass kein Ritus, sei er noch so aus­ge­feilt und wer­de er mit gera­de­zu angst­vol­ler Sorg­falt aus­ge­führt, den tief­grün­di­gen, über­wäl­ti­gen­den Inhal­ten wirk­lich ange­mes­sen sein kann, die dem Geist bei einer solch hei­li­gen Hand­lung innewohnen. 

Somit bestehen die Gebräu­che und hei­li­gen Hand­lun­gen der Kir­che nicht zum Selbst­zweck. Sie ste­hen nicht für sich selbst, sie genü­gen nicht sich selbst. Sie schla­gen kei­ne Schlacht in eige­ner Sache, sie sind nicht als letz­te Zie­le ange­ord­net. Viel­mehr hän­gen sie gänz­lich ab von einem inwen­di­gen Wesen. Sie beschüt­zen ein Myste­ri­um und ver­tei­di­gen ein Dog­ma. Sie ste­hen für eine Idee, sie pre­di­gen die gute Bot­schaft, sind die Kanä­le der Gna­de. Sie sind die äuße­re Gestalt einer inne­ren Wirk­lich­keit oder Tat­sa­che, die kein Katho­lik bezwei­felt, die als ein erstes Prin­zip ver­si­chert wird, das nicht die Unter­le­gen­heit einer Begrün­dung ist, son­dern der Gegen­stand eines geist­li­chen Sin­nes“ (S. 406). 

Wenn man das liest, fühlt man sich unwill­kür­lich an fol­gen­de Stel­le erin­nert, von New­man im Kon­text des Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zils formuliert: 

„Ein Dog­ma ist ein Satz. Es steht ent­we­der für einen Begriff oder für ein Ding. Und es glau­ben heißt, ihm die Zustim­mung des Gei­stes geben, so wie es für das eine oder das ande­re steht. Ihm eine rea­le Zustim­mung geben, ist ein reli­giö­ser Akt; eine begriff­li­che geben, ist ein theo­lo­gi­scher Akt. Als eine Wirk­lich­keit nimmt es die reli­giö­se Ein­bil­dungs­kraft wahr, ruht dar­in, macht es sich zu eigen. Als eine Wahr­heit hält es der theo­lo­gi­sche Intel­lekt fest. Nicht als gäbe es hier – wirk­lich oder auch nur mög­li­cher­wei­se – eine Demar­ka­ti­ons­li­nie oder Schei­de­wand zwi­schen die­sen bei­den Zustim­mungs­wei­sen, der reli­giö­sen und der theo­lo­gi­schen. Wie der Intel­lekt allen Men­schen gemein­sam ist und eben­so auch die Ein­bil­dungs­kraft, so ist auch jeder reli­giö­se Mensch bis zu einem gewis­sen Gra­de ein Theo­lo­ge, und kei­ne Theo­lo­gie kann anfan­gen oder gedei­hen ohne die ein­lei­ten­de und blei­ben­de Gegen­wart der Reli­gi­on.“[2]

Sinnerfüllte Rubrikentreue und ein Ruhen im Ritus 

Der Lit­ur­gie der Vor­kon­zils­zeit wird heu­te gern vor­ge­wor­fen, ein lee­rer Mecha­nis­mus von Rubri­ken gewe­sen zu sein. Den­je­ni­gen, die die über­lie­fer­te Lit­ur­gie schät­zen, wird unter­stellt, eine sol­che Fehl­hal­tung fort­füh­ren zu wol­len oder nur einen ästhe­tisch-kul­tu­rel­len Dün­kel zu befrie­di­gen. Das wäre eine Ein­stel­lung, die in New­mans Ter­mi­no­lo­gie sozu­sa­gen höch­stens einer begriff­li­chen Zustim­mung ent­sprä­che, ohne gleich­sam in der Wirk­lich­keit des Ritus zu ruhen, hin­ter dem das Dog­ma und letzt­lich der offen­ba­ren­de Gott steht. 

St. John Hen­ry New­man ist Schutz­pa­tron gegen einen sol­chen Rubri­zis­mus, zugleich aber auch Schutz­hei­li­ger der Rubri­ken. Das Motu pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum ver­langt vom Zele­bran­ten, dass er ein sacer­dos ido­neus sein muss, ein geeig­ne­ter, zur Zele­bra­ti­on im über­lie­fer­ten Ritus taug­li­cher und fähi­ger Prie­ster.[3] Neben der erfor­der­li­chen Kennt­nis des Lateins als Kir­chen­spra­che ist die Taug­lich­keit dann gege­ben, wenn der Prie­ster den über­lie­fer­ten Ritus kennt und beherrscht.

Wenn bei­spiels­wei­se ein Zele­brant, der seit 2007 wenig­stens ein­mal wöchent­lich nach den lit­ur­gi­schen Büchern von 1962 zele­briert, sich auch zwölf Jah­re spä­ter nicht ein­prä­gen kann, dass man sich immer durch Dre­hung nach rechts dem Vol­ke zu- und anschlie­ßend in die­sel­be Rich­tung wie­der zum Alta­re kehrt, außer beim Ora­te fra­tres, bei dem man sich zwar wie sonst nach rechts zu den Gläu­bi­gen, dann aber nach links der Alt­ar­men­sa wie­der zuwen­det, also indem man eine Kreis­be­we­gung voll­führt, kann er (noch) nicht als taug­lich für die öffent­li­che Zele­bra­ti­on im über­lie­fer­ten Ritus ange­se­hen wer­den. Glei­ches gilt etwa, wenn man bei den Chor­al­me­lo­dien, die er singt, instän­dig dar­auf hofft, dass sie sicher­lich einem ehr­wür­di­gen Eigen­brauch der Ordens- oder auch Chor­her­ren­ge­mein­schaft ent­spre­chen, wel­cher der Zele­brant angehört. 

Vom Ritus Pauls VI. zur überlieferten Liturgie finden – keine leichte Aufgabe für Priester wie Gläubige 

Das soll kei­ne destruk­ti­ve Kri­tik sein, aber Prie­ster, die von der Pra­xis der neu­en Lit­ur­gie her­kom­men, müs­sen die über­lie­fer­te Lit­ur­gie wirk­lich erler­nen und dazu am besten eine Zele­bra­ti­ons­schu­lung besu­chen, wie sie von der Petrus- und der Pius­bru­der­schaft glei­cher­ma­ßen ange­bo­ten wird. Ein auto­di­dak­ti­sches Sich-Sel­ber-Bei­brin­gen, indem man DVDs anschaut, ist nicht mög­lich, reicht jeden­falls iso­liert genom­men nicht aus, und auch die Ein­stel­lung, Din­ge wie die von mir gewähl­ten Details sei­en Spitz­fin­dig­kei­ten, befin­det sich gera­de nicht im Ein­klang mit dem Geist der lit­ur­gi­schen Über­lie­fe­rung. Frei­lich gibt es auch einen lit­ur­gi­schen Ästhe­ti­zis­mus, der die Rubri­ken bis zu höch­ster Per­fek­ti­on füh­ren mag, aber genau­so den geist­li­chen Sinn des Ritus ver­fehlt. Das geschieht sicher auch, wenn man mit aller Gewalt histo­ri­sche Prak­ti­ken wie­der­be­le­ben möch­te, die schon lan­ge vor den nach­kon­zi­lia­ren Wir­ren wie von selbst ein­ge­schla­fen waren, da sie nicht im stren­gen und enge­ren Sin­ne zur Lit­ur­gie gehör­ten, son­dern auf ein höfi­sches Zere­mo­ni­ell zurück­ge­hen, das schon damals längst aus der Zeit gefal­len war. 

Bit­ten wir den hei­li­gen Kar­di­nal John Hen­ry New­man, dass er Prie­stern wie Gläu­bi­gen die Gna­de erbit­te, mit einer ganz­heit­lich begriff­lich-reli­giö­sen Zustim­mung zugleich die lit­ur­gi­sche Über­lie­fe­rung zu beja­hen, in der Wirk­lich­keit des Ritus zu ruhen sowie in dem Sinn und der Bot­schaft, die hin­ter die­ser äuße­ren Gestalt ste­hen. Dass St. John Hen­ry New­man dafür ein patro­nus ido­neus ist, das beweist Peter A. Kwas­niew­ski mit sei­ner Text­aus­wahl John Hen­ry New­man on Wor­ship, Rever­ence & Ritu­al zwei­fels­oh­ne eindrucksvoll. 

Text: Cle­mens Vic­tor Olden­dorf
Bild: Wiki­com­mons


[1] Zitiert nach: G. Biemer/J. Derek Holmes/R. A. Sie­ben­rock (Hrsg.), Leben als Rin­gen um die Wahr­heit. Ein New­man Lese­buch. Mit einer aktu­el­len Ein­füh­rung von Roman A. Sie­ben­rock, (Grü­ne­wald) Mainz 12019, S. 111. 

[2] Ebd., S. 209.

[3] Vgl. SP Art. 5 § 4.

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