Sexueller Mißbrauchsskandal erschüttert größten Pfadfinderverband der USA – ganz ohne „Klerikalismus“

Boy Scouts of America (BSA)

Sexueller Mißbrauchsskandal erschüttert religiös und konfessionell ungebundenden Pfadfinderverband der USA - und das ganz ohne „Klerikalismus“.
Sexueller Mißbrauchsskandal erschüttert religiös und konfessionell ungebundenden Pfadfinderverband der USA - und das ganz ohne „Klerikalismus“.

(New York) Mehr als 12.000 min­der­jäh­ri­ge Pfad­fin­der der Boy Scouts of Ame­ri­ca (BSA) wur­den von fast 8.000 Mit­ar­bei­tern miß­braucht. Die­se erschrecken­den Zah­len wur­den von einem Anwalt ent­hüllt, der Opfer sexu­el­len Miß­brauchs ver­tritt. Die Boy Scouts of Ame­ri­ca sind eine kon­fes­sio­nell und reli­gi­ös nicht gebun­de­ne Pfad­fin­der­ver­ei­ni­gung und zugleich die größ­te ihrer Art in den USA. Jun­gen wer­den ab 7 Jah­ren, Mäd­chen ab 14 Jah­ren auf­ge­nom­men. Der Fall soll­te auch im Vati­kan Auf­merk­sam­keit fin­den, da er bestä­tigt, womit der sexu­el­le Miß­brauchs­skan­dal durch Kle­ri­ker nicht zu tun hat.

Das The­ma füllt die heu­ti­gen Schlag­zei­len in den USA von CNN bis Sky News: „Boy Scouts of Ame­ri­ca sex abu­se: More than 12,000 vic­tims sin­ce 1944, lawy­er claims“; „Boy Scouts sexu­al abu­se vic­tim total said to be over 12,000, lawy­er claims“; „More Details Emer­ge on Boy Scouts‘ ‚Per­ver­si­on Files; Thousands of Boy Scout Lea­ders Face Child Sex Alle­ga­ti­ons“; „More Details Emer­ge on Boy Scouts Per­ver­si­on Files; Thousands of Boy Scout Lea­ders Face Child Sex Alle­ga­ti­ons“.

Die Ver­ei­ni­gung gab an, daß sie sich sehr um die Opfer von Kin­des­miß­brauch küm­me­re und sich bei allen Betrof­fe­nen ent­schul­digt. Laut ersten Erkennt­nis­sen han­delt es sich auch in die­sem Fall um mehr­heit­lich männ­li­che Opfer.

Die Signa­le der BSA-Füh­rung sind wider­sprüch­lich: In der Orga­ni­sa­ti­on fin­det seit eini­gen Jah­ren eine hef­ti­ge Dis­kus­si­on über die Aner­ken­nung der Homo­se­xua­li­tät statt par­al­lel dazu explo­dier­te der sexu­el­le Miß­brauchs­skan­dal.

CNN-Schlag­zei­le zum Miß­brauchs­skan­dal bei den Boy Scouts of Ame­ri­ca (BSA)

2013 stimm­ten die Dele­gier­ten der Haupt­ver­samm­lung mit 61 Pro­zent für die Strei­chung des bis dahin gel­ten­den Ver­bots, daß Homo­se­xu­el­le Mit­glie­der der Boy Scouts of Ame­ri­ca wer­den dür­fen. Eine Rei­he von christ­li­chen Bün­den ver­ließ dar­auf die Ver­ei­ni­gung und grün­de­te einen neu­en Pfad­fin­der­ver­band namens Trail Life USA.

Wegen des Ader­las­ses bekräf­tig­te die BSA-Füh­rung 2014, daß Homo­se­xu­el­le zwar Mit­glied, aber auch wei­ter­hin nicht Ver­ant­wor­tungs­trä­ger in der Orga­ni­sa­ti­on sein dür­fen, weil sie „kein gutes Vor­bild“ sei­en.

Dar­auf been­de­ten meh­re­re bekann­te Unter­neh­men, die gesell­schafts­po­li­tisch aktiv sind, wie UPS, Merck, Ernst & Young, AT&T, Intel, die finan­zi­el­le För­de­rung der BSA.

2015 erklär­te der dama­li­ge Vor­sit­zen­de der Boy Scouts of Ame­ri­ca, Robert Gates, daß es an der Zeit sei, den Aus­schluß homo­se­xu­el­ler Ver­ant­wor­tungs­trä­ger zu been­den: Eine sol­che Hal­tung „kann nicht auf­recht­erhal­ten wer­den“. Gates brach­te das Kunst­stücke zustan­de, der ein­zi­ge US-Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster der Nach­kriegs­zeit zu sein, der die­ses Amt ohne Unter­bre­chung unter zwei Ant­ago­ni­sten inne­hat­te, näm­lich sowohl unter dem repu­bli­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Geor­ge W. Bush als auch unter einem demo­kra­ti­schen Prä­si­den­ten Barack Oba­ma.

Im Janu­ar 2018 gab der BSA-Vor­stand bekannt, die Hal­tung der Boy Scouts of Ame­ri­ca gegen­über den Homo­se­xu­el­len gene­rell „über­den­ken“ zu wol­len und die Ent­schei­dun­gen den ört­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen zu über­las­sen.

Obwohl erste Berich­te über sexu­el­len Miß­brauch bereits in den 80er Jah­ren auf­tauch­ten, wur­de die Ver­ei­ni­gung erst 2012 ernst­haft in der Öffent­lich­keit mit dem Pro­blem kon­fron­tiert. Es wur­den ein inter­ner Bericht über 1.200 Fäl­le von sexu­el­lem Miß­brauch im Zeit­raum zwi­schen 1965 und 1985 vor­ge­legt und Pro­gram­me gestar­tet, um die Sicher­heit der Kin­der und Jugend­li­chen zu ver­bes­sern. Das epi­de­mi­sche Aus­maß des sexu­el­len Miß­brauchs bei den BSA war bis­her aber nicht bekannt.

Mit den Jugend­schutz­pro­gram­men konn­te das Pro­blem aber nicht besei­tigt wer­den, wie die jüng­sten Vor­wür­fe zei­gen, die in den USA für gro­ßes Auf­se­hen sor­gen. Vor­ge­bracht wer­den sie von Opfern, die vom Rechts­an­walt Jeff Ander­son unter­stützt wer­den. In einer Liste, den soge­nann­ten „Per­ver­si­ons­da­tei­en“, so Ander­son, sei­en die Namen von 7.000 Miß­brauch­stä­tern ver­zeich­net, die sich seit den 1940er Jah­ren bis 2016 an 12.000 Opfern ver­gan­gen hät­ten.

Die Anga­ben stüt­zen sich auf Stu­di­en von Janet War­ren, Pro­fes­so­rin für Psych­ia­trie und Bio­psy­cho­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Vir­gi­nia. Am Insti­tu­te of Law, Psych­ia­try and Public Poli­cy bil­det sie Psych­ia­ter, Psy­cho­lo­gen und Ver­tre­ter ande­rer Fach­be­rei­che als foren­si­sche Gut­ach­ter aus und arbei­tet mit der Abtei­lung Bio­psy­cho­lo­gie des FBI zusam­men. Ihr For­schungs­schwer­punkt sind Ver­hal­tens- und Täter­pro­fi­le von sexu­el­len Miß­brauch­stä­tern.

Der Miß­brauchs­skan­dal der Boy Scouts of Ame­ri­ca ist auch im Zusam­men­hang mit dem sexu­el­len Miß­brauchs­skan­dal durch Kle­ri­ker von Bedeu­tung, wes­halb er im Vati­kan Auf­merk­sam­keit fin­den soll­te: Er läßt sich nicht auf „Kle­ri­ka­lis­mus“ zurück­füh­ren.

Im „Kle­ri­ka­lis­mus“ sieht Papst Fran­zis­kus seit August 2018, als in den USA mit dem Fall McCarrick und dem Penn­syl­va­nia Report der sexu­el­le Miß­brauchs­skan­dal durch Kle­ri­ker explo­dier­te, den Grund für die­ses Phä­no­men und nicht in der Homo­se­xua­li­tät, obwohl min­de­stens 80 Pro­zent der Betrof­fe­nen zu Opfern von homo­se­xu­el­lem Miß­brauch wur­den.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: OAN/CNN (Screen­shots)