Franziskus: „Die Schwachen unserer Zeit, welche die internationale Gemeinschaft zu verteidigen hat, sind Flüchtlinge und Migranten“

Neujahrsansprache an das Diplomatische Korps

Neujahrsansprache von Papst Franziskus an das Diplomatische Korps, 7. Januar 2019.

(Rom) Erd­er­wär­mung und Migra­ti­on waren zen­tra­le Fra­gen bei der tra­di­tio­nell am mei­sten „poli­ti­schen“ Rede des Pap­stes. Er beweg­te sich damit erneut kon­se­quent auf Main­stream-Linie des UNO- und EU-Estab­lish­ments.

Gestern emp­fing Papst Fran­zis­kus das beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­te Diplo­ma­ti­sche Korps und hielt die tra­di­tio­nel­le Neu­jahrs­an­spra­che, die sich an die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft und die ein­zel­nen Staa­ten rich­tet. Das Kir­chen­ober­haupt sprach zahl­rei­che The­men, Län­der und Pro­ble­me an.

Zwei zen­tra­le Punk­te waren die Auf­for­de­rung an die „inter­na­tio­na­le Gemein­schaft“, die „Flücht­lin­ge und Migran­ten“ als „die Schwa­chen unse­rer Zeit“ zu „ver­tei­di­gen“. Eben­so beklag­te das Kir­chen­ober­haupt die „glo­ba­le Erwär­mung“. „Kli­ma­schä­den“ nann­te er zugleich als Migra­ti­ons­grund.

Hier die voll­stän­di­ge Anspra­che.

Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

der Anfang eines neu­en Jahrs erlaubt uns, die hek­ti­sche Auf­ein­an­der­fol­ge der täg­li­chen Akti­vi­tä­ten für eini­ge Augen­blicke zu unter­bre­chen, um eini­ge Über­le­gun­gen über die ver­gan­ge­nen Ereig­nis­se anzu­stel­len und über die Her­aus­for­de­run­gen nach­zu­den­ken, die uns in naher Zukunft erwar­ten. Ich dan­ke Ihnen für Ihre zahl­rei­che Anwe­sen­heit bei die­ser tra­di­tio­nel­len Begeg­nung, die uns vor allem eine gute Gele­gen­heit bie­tet, ein­an­der unse­re herz­li­chen Glück­wün­sche aus­zu­tau­schen. Sie mögen den Völ­kern, die Sie ver­tre­ten, mei­ne Nähe über­mit­teln ver­bun­den mit dem Wunsch, dass das eben erst begon­ne­ne Jahr jedem Glied der Mensch­heits­fa­mi­lie Frie­den und Wohl­erge­hen brin­ge.

Mein beson­de­rer Dank gilt dem Bot­schaf­ter Zyperns, S.E. Herrn Geor­ge Poul­i­des, für die freund­li­chen Wor­te, die er in sei­ner Eigen­schaft als Doy­en des beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­ten Diplo­ma­ti­schen Korps zum ersten Mal in Ihrer aller Namen an mich gerich­tet hat. Jedem von Ihnen möch­te ich mei­ne beson­de­re Wert­schät­zung für die Arbeit zum Aus­druck brin­gen, die Sie täg­lich zur Festi­gung der Bezie­hun­gen zwi­schen Ihren jewei­li­gen Län­dern oder Orga­ni­sa­tio­nen und dem Hei­li­gen Stuhl lei­sten. Die­se wur­den auch durch die Unter­zeich­nung oder Rati­fi­zie­rung neu­er Über­ein­kom­men wei­ter gestärkt.

Ich bezie­he mich ins­be­son­de­re auf die Rati­fi­zie­rung des Rah­men­ver­trags zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Repu­blik Benin über den Rechts­sta­tus der Katho­li­schen Kir­che in Benin wie auch auf die Unter­zeich­nung und Rati­fi­zie­rung des Abkom­mens zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Repu­blik San Mari­no über den katho­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt an den öffent­li­chen Schu­len.

Im mul­ti­la­te­ra­len Bereich hat der Hei­li­ge Stuhl auch das Regio­na­le Über­ein­kom­men der UNESCO über die Aner­ken­nung von Stu­di­en, Diplo­men und Gra­den im Hoch­schul­be­reich in den Staa­ten Asi­ens und des Pazi­fiks rati­fi­ziert und ist im ver­gan­ge­nen März dem Erwei­ter­ten Teil­ab­kom­men über die Kul­tur­we­ge des Euro­pa­ra­tes bei­getre­ten. Die­se Initia­ti­ve möch­te auf­zei­gen, wie die Kul­tur im Dienst des Frie­dens steht und einen eini­gen­den Fak­tor der ver­schie­de­nen euro­päi­schen Gesell­schaf­ten dar­stellt und so die Ein­tracht unter den Völ­kern meh­ren kann. Es han­delt sich um ein Zei­chen beson­de­rer Auf­merk­sam­keit gegen­über einer Orga­ni­sa­ti­on, die die­ses Jahr ihr 70-jäh­ri­ges Grün­dungs­ju­bi­lä­um begeht. Der Hei­li­ge Stuhl arbei­tet seit vie­len Jahr­zehn­ten mit ihr zusam­men und aner­kennt ihre spe­zi­fi­sche Rol­le in der För­de­rung der Men­schen­rech­te, der Demo­kra­tie und des Rechts­staa­tes in einem Raum, der den gan­zen euro­päi­schen Kon­ti­nent umfas­sen möch­te. Am ver­gan­ge­nen 30. Novem­ber schließ­lich ist der Staat der Vati­kan­stadt in den Euro­päi­schen Zah­lungs­raum (SEPA) auf­ge­nom­men wor­den.

Der Gehor­sam gegen­über der geist­li­chen Sen­dung, die dem Auf­trag des Herrn Jesus Chri­stus an den Apo­stel Petrus »Wei­de mei­ne Läm­mer« (Joh 21,15) ent­springt, treibt den Papst – und somit den Hei­li­gen Stuhl – an, sich um die gan­ze Mensch­heits­fa­mi­lie und um ihre Bedürf­nis­se auch mate­ri­el­ler und sozia­ler Natur zu sor­gen. Der Hei­li­ge Stuhl beab­sich­tigt jedoch nicht, sich in das Leben der Staa­ten ein­zu­mi­schen, wohl aber strebt er danach, ein auf­merk­sa­mer und fein­füh­li­ger Zuhö­rer für die Pro­blem­stel­lun­gen zu sein, die die gan­ze Mensch­heit betref­fen. Hier­bei hegt er den auf­rich­ti­gen und demü­ti­gen Wunsch, dem Wohl jedes Men­schen zu die­nen.

Die­se Sor­ge kenn­zeich­net das heu­ti­ge Tref­fen und stützt mich bei den Begeg­nun­gen mit den vie­len Pil­gern aus allen Tei­len der Welt hier im Vati­kan wie auch mit den Völ­kern und Gemein­schaf­ten, die ich im ver­gan­ge­nen Jahr auf den Apo­sto­li­schen Rei­sen nach Chi­le, Peru, in die Schweiz, nach Irland, Litau­en, Lett­land und Est­land voll Freu­de besu­chen konn­te.

Die­se Sor­ge treibt die Kir­che an jedem Ort an, sich zugun­sten des Auf­baus von fried­li­chen und ver­söhn­ten Gesell­schaf­ten ein­zu­set­zen. In die­ser Hin­sicht den­ke ich ins­be­son­de­re an das geschätz­te Nica­ra­gua, des­sen Lage ich aus der Nähe ver­fol­ge, in der Hoff­nung, dass die ver­schie­de­nen poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Instan­zen im Dia­log den Königs­weg fin­den, um sich mit­ein­an­der über Wohl des gesam­ten Lan­des aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Vor die­sem Hin­ter­grund erfolgt auch die Festi­gung der Bezie­hun­gen zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und Viet­nam, um in naher Zukunft einen resi­die­ren­den Päpst­li­chen Ver­tre­ter zu ernen­nen. Sei­ne Anwe­sen­heit möch­te vor allem ein Aus­druck der Für­sor­ge des Nach­fol­gers Petri für die Orts­kir­che sein.

Ana­log dazu ist die Unter­zeich­nung der Vor­läu­fi­gen Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Volks­re­pu­blik Chi­na über die Ernen­nung der Bischö­fe in Chi­na am ver­gan­ge­nen 22. Sep­tem­ber zu ver­ste­hen. Die­se ist, wie bekannt, das Ergeb­nis eines lan­gen und über­leg­ten insti­tu­tio­nel­len Dia­logs, durch den es gelun­gen ist, eini­ge sta­bi­le Ele­men­te der Zusam­men­ar­beit zwi­schen dem Apo­sto­li­schen Stuhl und den zivi­len Behör­den fest­zu­le­gen. Wie ich schon in der Bot­schaft an die chi­ne­si­schen Katho­li­ken und an die uni­ver­sa­le Kir­che (1) erwäh­nen konn­te, hat­te ich bereits im Vor­feld die rest­li­chen ohne päpst­li­ches Man­dat geweih­ten offi­zi­el­len Bischö­fe in die vol­le kirch­li­che Gemein­schaft wie­der­auf­ge­nom­men und sie ein­ge­la­den, groß­zü­gig für die Ver­söh­nung der chi­ne­si­schen Katho­li­ken und für einen neu­en Schwung in der Evan­ge­li­sie­rung zu arbei­ten. Ich dan­ke dem Herrn, dass zum ersten Mal nach vie­len Jah­ren alle Bischö­fe in Chi­na in vol­ler Gemein­schaft mit dem Nach­fol­ger Petri und der uni­ver­sa­len Kir­che ste­hen. Ein sicht­ba­res Zei­chen dafür war auch die Teil­nah­me zwei­er Bischö­fe Kon­ti­nen­tal­chi­nas an der vor kur­zem abge­hal­te­nen Jugend­syn­ode. Es ist zu hof­fen, dass die Fort­set­zung der Kon­tak­te im Hin­blick auf die Umset­zung der geschlos­se­nen Vor­läu­fi­gen Ver­ein­ba­rung dazu bei­tra­ge, die offe­nen Fra­gen zu lösen und jene Räu­me zu gewähr­lei­sten, die für den tat­säch­li­chen Genuss der Reli­gi­ons­frei­heit not­wen­dig sind.

Lie­be Bot­schaf­ter,

das eben begon­ne­ne Jahr bringt uns neben dem zuvor in Erin­ne­rung geru­fe­nen Jubi­lä­um des Euro­pa­rats ver­schie­de­ne bedeu­ten­de Jah­res­ta­ge. Unter die­sen möch­te ich beson­ders einen erwäh­nen: den hun­dert­sten Jah­res­tag des Völ­ker­bun­des, der durch den am 28. Juni 1919 unter­zeich­ne­ten Ver­sail­ler Ver­tra­ges ein­ge­rich­tet wur­de. War­um einer Orga­ni­sa­ti­on geden­ken, die heu­te nicht mehr exi­stiert? Weil sie den Anfang der moder­nen mul­ti­la­te­ra­len Diplo­ma­tie dar­stellt, mit­tels der die Staa­ten ver­su­chen, die gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen der Logik der Vor­herr­schaft ent­zie­hen, die zum Krieg führt. Das Expe­ri­ment des Völ­ker­bun­des erfuhr sehr bald jene allen bekann­ten Schwie­rig­kei­ten, die genau zwan­zig Jah­re nach sei­nem Ent­ste­hen zu einem neu­en und noch grau­sa­me­ren Kon­flikt führ­ten, zum Zwei­ten Welt­krieg. Nichts­de­sto­trotz hat der Völ­ker­bund einen Weg eröff­net, der dann mit der Ein­rich­tung der Orga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen im Jahr 1945 mit grö­ße­rer Ent­schie­den­heit ver­folgt wer­den soll­te: ein Weg gewiss besät mit Schwie­rig­kei­ten und Gegen­sätz­lich­kei­ten; nicht immer wirk­sam, da auch heu­te die Kon­flik­te lei­der fort­be­stehen; aber doch immer eine unbe­streit­ba­re Gele­gen­heit für die Natio­nen, ein­an­der zu begeg­nen und nach gemein­sa­men Lösun­gen zu suchen.

Unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung für den Erfolg der mul­ti­la­te­ra­len Diplo­ma­tie sind der gute Wil­le sowie Treu und Glau­ben der Gesprächs­part­ner, die Bereit­schaft zu einer ehr­li­chen und auf­rich­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung und der Wil­le, die unver­meid­li­chen Kom­pro­mis­se anzu­neh­men, die sich aus dem Ver­gleich der Par­tei­en erge­ben. Wo auch nur eines die­ser Ele­men­te fehlt, über­wiegt die Suche nach uni­la­te­ra­len Lösun­gen und letzt­lich die Unter­drückung des Stär­ke­ren über den Schwä­che­ren. Der Völ­ker­bund geriet eben wegen die­ser Grün­de in die Kri­se und lei­der ist zu bemer­ken, dass die­sel­ben Hal­tun­gen auch heu­te die Lei­tung der wich­tig­sten inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen gefähr­den.

Ich hal­te es daher für wich­tig, dass auch in der gegen­wär­ti­gen Zeit der Wil­le zu einer sach­li­chen und kon­struk­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung unter den Staa­ten nicht schwin­de, auch wenn es offen­kun­dig ist, dass die Bezie­hun­gen inner­halb der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft und das mul­ti­la­te­ra­le System in sei­ner Gesamt­heit durch das erneu­te Auf­kom­men natio­na­li­sti­scher Ten­den­zen schwie­ri­ge Augen­blicke erle­ben. Die­se bedro­hen die Auf­ga­be der inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen, allen Län­dern Raum für Dia­log und Begeg­nung zu bie­ten. Dies ist zum Teil einer gewis­sen Unfä­hig­keit des mul­ti­la­te­ra­len Systems geschul­det, für ver­schie­de­ne seit gerau­mer Zeit unbe­wäl­tig­te Situa­tio­nen – wie für eini­ge schwe­len­de Kon­flik­te – wirk­sa­me Lösun­gen anzu­bie­ten und die gegen­wär­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen auf für alle zufrie­den­stel­len­de Wei­se anzu­ge­hen. Teils ist dies das Resul­tat der Ent­wick­lung der natio­na­len Poli­tik der Staa­ten, die immer häu­fi­ger davon bestimmt ist, einen unmit­tel­ba­ren ein­sei­ti­gen Kon­sens zu suchen, anstatt gedul­dig das Gemein­wohl mit län­ger her­an­ge­reif­ten Ant­wor­ten zu ver­fol­gen. Teils ist es auch das Ergeb­nis des ver­mehr­ten Über­ge­wichts von Mäch­ten und Inter­es­sens­grup­pen in den inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen, die ihre eige­nen Vor­stel­lun­gen und Ideen durch­set­zen. So set­zen sie dabei neue For­men der ideo­lo­gi­schen Kolo­nia­li­sie­rung in Gang, die oft die Iden­ti­tät, Wür­de und Sen­si­bi­li­tät der Völ­ker miss­ach­ten. Teils ist es die Fol­ge der Reak­ti­on in eini­gen Regio­nen der Welt auf die Glo­ba­li­sie­rung, die in gewis­ser Hin­sicht zu schnell und unge­ord­net vor­an­ge­schrit­ten ist, so dass sich zwi­schen Glo­ba­li­sie­rung und Loka­li­sie­rung eine Span­nung bil­det. Man muss daher die glo­ba­le Dimen­si­on berück­sich­ti­gen, ohne die loka­len Gege­ben­hei­ten aus dem Blick zu ver­lie­ren. Ange­sichts der Idee einer „sphä­ri­schen Glo­ba­li­sie­rung“, wel­che die Unter­schie­de nivel­liert und bei der die Beson­der­hei­ten zu ver­schwin­den schei­nen, kann es leicht gesche­hen, dass Natio­na­lis­men wie­der auf­kom­men. Indes­sen kann die Glo­ba­li­sie­rung auch eine Chan­ce sein, wenn sie „poly­edrisch“ ist, das heißt, wenn sie eine posi­ti­ve Span­nung zwi­schen der Iden­ti­tät jedes Vol­kes und Lan­des und der Glo­ba­li­sie­rung selbst begün­stigt, ent­spre­chend dem Grund­satz, dass das Gan­ze dem Teil über­ge­ord­net ist. (2)

Eini­ge die­ser Hal­tun­gen wei­sen zurück auf die Zwi­schen­kriegs­zeit, als die popu­li­sti­schen und natio­na­li­sti­schen Ten­den­zen sich gegen­über der Tätig­keit des Völ­ker­bun­des durch­setz­ten. Das erneu­te Auf­tre­ten sol­cher Strö­mun­gen heu­te schwächt all­mäh­lich das mul­ti­la­te­ra­le System und führt zu einem all­ge­mei­nen Ver­trau­ens­man­gel, zu einer Glaub­wür­dig­keits­kri­se der inter­na­tio­na­len Poli­tik und einer fort­schrei­ten­den Mar­gi­na­li­sie­rung der schwäch­sten Mit­glie­der der Völ­ker­fa­mi­lie.

In sei­ner denk­wür­di­gen Anspra­che an die Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen – die erste eines Pap­stes vor die­ser Ver­samm­lung – umriss der hei­li­ge Paul VI., den hei­lig­zu­spre­chen ich letz­tes Jahr die Freu­de hat­te, die Ziel­set­zun­gen der mul­ti­la­te­ra­len Diplo­ma­tie, ihre Eigen­schaf­ten und Ver­ant­wor­tung im gegen­wär­ti­gen Kon­text und hob auch die Berüh­rungs­punk­te her­vor, die mit der geist­li­chen Sen­dung des Pap­stes und somit des Hei­li­gen Stuhls bestehen.

Der Primat der Gerechtigkeit und des Rechts

Der erste Berüh­rungs­punkt, den ich in Erin­ne­rung rufen möch­te, ist der Pri­mat der Gerech­tig­keit und des Rechts. So sag­te Paul VI.: »Sie bestä­ti­gen das gro­ße Prin­zip, dass die Bezie­hun­gen zwi­schen den Völ­kern nach der Ver­nunft, der Gerech­tig­keit, dem Recht und durch Ver­hand­lun­gen gere­gelt wer­den müs­sen und nicht durch die Stär­ke, nicht durch Gewalt, nicht durch Krieg und auch nicht durch Angst und Betrug.« (3)

In unse­rer Epo­che ruft das Wie­der­auf­kom­men von Ten­den­zen Sor­ge her­vor, wel­che die natio­na­len Ein­zel­in­ter­es­sen durch­set­zen und ver­fol­gen, ohne auf die Instru­men­te zurück­zu­grei­fen, die das Völ­ker­recht zur Lösung von Kon­tro­ver­sen und zur Sicher­stel­lung der Ein­hal­tung des Rechts – auch durch die inter­na­tio­na­len Gerichts­hö­fe – vor­sieht. Die­se Hal­tung ist zuwei­len Frucht der Reak­ti­on derer, die zu Regie­rungs­ver­ant­wor­tung geru­fen wer­den und vor einem deut­li­chen Miss­be­ha­gen ste­hen, das sich unter den Bür­gern nicht weni­ger Län­der immer mehr aus­brei­tet. Denn die Bür­ger neh­men die Dyna­mi­ken und Regeln, wel­che die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft len­ken, als lang­sam, abstrakt und letzt­end­lich als von ihren tat­säch­li­chen Bedürf­nis­sen fern wahr. Es ist ange­bracht, dass die poli­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten die Stim­men ihrer Völ­ker anhö­ren und nach kon­kre­ten Lösun­gen suchen, um deren Wohl zu stei­gern und zu för­dern. Dies ver­langt jedoch die Ein­hal­tung des Rechts und der Gerech­tig­keit sowohl inner­halb der natio­na­len Gemein­schaf­ten wie auch auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne, weil reak­ti­ve, emo­tio­nel­le und über­eil­te Lösun­gen wohl einen kurz­le­bi­gen Kon­sens errei­chen kön­nen, aber gewiss nicht zur Lösung der grund­sätz­li­chen Pro­ble­me bei­tra­gen wer­den, son­dern sie viel­mehr ver­stär­ken.

Von eben­die­ser Sor­ge her woll­te ich die Bot­schaft zum 52. Welt­frie­dens­tag am ver­gan­ge­nen 1. Janu­ar dem The­ma „Gute Poli­tik steht im Dienst des Frie­dens“ wid­men, weil eine enge Bezie­hung zwi­schen guter Poli­tik und dem fried­li­chen Zusam­men­le­ben unter den Völ­kern und Natio­nen besteht. Der Frie­den ist nie­mals ein Teil­gut, son­dern er umfasst das gan­ze Men­schen­ge­schlecht. Ein wesent­li­cher Aspekt der guten Poli­tik besteht also dar­in, das Gemein­wohl aller zu ver­fol­gen, inso­fern es das »Wohl aller Men­schen und des gan­zen Men­schen« (4) und die sozia­le Vor­aus­set­zung ist, die jeder Per­son und der gesam­ten Gemein­schaft erlaubt, ihr mate­ri­el­les und geist­li­ches Wohl­erge­hen zu errei­chen.

Von der Poli­tik wird ver­langt, Weit­blick zu haben und sich nicht dar­auf zu beschrän­ken, nach kurz­fri­sti­gen Lösun­gen zu suchen. Der gute Poli­ti­ker soll kei­ne Räu­me beset­zen, son­dern Pro­zes­se in Gang brin­gen; er soll dafür sor­gen, dass die Ein­heit mehr wiegt als der Kon­flikt, die auf der »Soli­da­ri­tät, ver­stan­den in ihrem tief­sten und am mei­sten her­aus­for­dern­den Sinn«, grün­det. Die­se »wird zu einer Wei­se, Geschich­te in einem leben­di­gen Umfeld zu schrei­ben, wo die Kon­flik­te, die Span­nun­gen und die Gegen­sät­ze zu einer viel­ge­stal­ti­gen Ein­heit füh­ren kön­nen, die neu­es Leben her­vor­bringt.« (5)

Die­se Über­le­gung berück­sich­tigt die tran­szen­den­te Dimen­si­on der mensch­li­chen Per­son, die nach dem Bild und Gleich­nis Got­tes geschaf­fen ist. Die Ach­tung der Wür­de jedes Men­schen also ist die unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung für jedes wahr­haft fried­li­che Zusam­men­le­ben, und das Recht stellt das wesent­li­che Instru­ment zur Errei­chung der sozia­len Gerech­tig­keit und zur Stär­kung brü­der­li­cher Ban­de zwi­schen den Völ­kern dar. Auf die­sem Gebiet neh­men die Men­schen­rech­te eine fun­da­men­ta­le Rol­le ein, die in der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te for­mu­liert wur­den, deren 70. Jah­res­tag wir vor kur­zem began­gen haben. Es wäre ange­bracht, ihren uni­ver­sa­len, objek­ti­ven und ver­nünf­ti­gen Cha­rak­ter wie­der neu zu ent­decken, damit nicht sub­jek­ti­ve Teil­sich­ten des Men­schen über­hand­neh­men, wel­che das Risi­ko mit sich brin­gen, neu­en Unter­schie­den, Unge­rech­tig­kei­ten, Dis­kri­mi­nie­run­gen und im Äußer­sten sogar neu­er Gewalt und Über­grif­fen die Tür zu öff­nen.

Die Verteidigung der Schwächsten

Das zwei­te Ele­ment, an das ich erin­nern möch­te, ist die Ver­tei­di­gung der Schwa­chen. »Wir machen uns«, so sag­te Paul VI., »auch zum Spre­cher der Armen, Ent­erb­ten, der Lei­den­den, derer, die auf Gerech­tig­keit hof­fen, auf ein men­schen­wür­di­ges Leben, auf Frei­heit, Wohl­stand und Fort­schritt.« (6)

Die Kir­che enga­giert sich immer schon in der Hil­fe für die Not­lei­den­den, und der Hei­li­ge Stuhl selbst hat sich im Lau­fe die­ser Jah­re zum För­de­rer ver­schie­de­ner Pro­jek­te zugun­sten der Schwäch­sten gemacht, die auch Unter­stüt­zung von ver­schie­de­nen Sei­ten auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne erfah­ren haben. Unter die­sen möch­te ich die huma­ni­tä­re Initia­ti­ve in der Ukrai­ne erwäh­nen, die der Bevöl­ke­rung gilt, die vor allem in den öst­li­chen Regio­nen des Lan­des auf­grund des Kon­flikts lei­det, der seit fast fünf Jah­ren andau­ert und eini­ge neue besorg­nis­er­re­gen­de Wen­dun­gen im Schwar­zen Meer genom­men hat. Unter akti­ver Teil­nah­me der katho­li­schen Kir­che in Euro­pa und der Gläu­bi­gen aus ande­ren Tei­len der Welt, die mei­nem Auf­ruf vom Mai 2016 gefolgt sind, wie auch in Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Kon­fes­sio­nen und inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen hat man ver­sucht, auf kon­kre­te Wei­se den Grund­be­dürf­nis­sen der Ein­woh­ner in den betrof­fe­nen Gebie­ten ent­ge­gen­zu­kom­men, die die ersten Opfer des Krie­ges sind. Die Kir­che und ihre ver­schie­de­nen Ein­rich­tun­gen wer­den wei­ter­hin die­se ihre Sen­dung fort­set­zen in der Absicht, die Auf­merk­sam­keit ver­mehrt auch auf wei­te­re huma­ni­tä­re Fra­gen zu len­ken. Dazu zählt auch das Schick­sal der immer noch zahl­rei­chen Gefan­ge­nen. Durch ihr Wir­ken und die Nähe zur Bevöl­ke­rung ver­sucht die Kir­che, direkt und indi­rekt zu fried­li­chen Wegen der Kon­flikt­lö­sung zu ermu­ti­gen, zu Wegen, die das Recht und die Lega­li­tät, ein­schließ­lich auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne, ach­ten; dar­in besteht die Grund­la­ge der Sicher­heit und des Zusam­men­le­bens in der gan­zen Regi­on. Zu die­sem Zweck sind die Instru­men­te wich­tig, die die freie Aus­übung der reli­giö­sen Rech­te gewähr­lei­sten.

Ihrer­seits ist auch die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft mit ihren Orga­ni­sa­tio­nen auf­ge­ru­fen, denen eine Stim­me zu ver­lei­hen, die kei­ne haben. Und unter denen ohne Stim­me in unse­rer Zeit möch­te ich an die Opfer der ande­ren der­zei­ti­gen Krie­ge erin­nern, beson­ders des Kriegs in Syri­en mit einer immensen Anzahl von Toten, die er gefor­dert hat. Noch ein­mal appel­lie­re ich an die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft, auf dass eine poli­ti­sche Lösung eines Kon­flikts unter­stützt wer­de, der am Ende nur Besieg­te ken­nen wird. Wesent­lich ist vor allem, dass die Ver­let­zun­gen des huma­ni­tä­ren Rechts auf­hö­ren, die der Zivil­be­völ­ke­rung unsäg­li­che Lei­den berei­ten, ins­be­son­de­re Frau­en und Kin­dern, und not­wen­di­ge Ein­rich­tun­gen wie Kran­ken­häu­ser, Schu­len und Flücht­lings­la­ger sowie reli­giö­se Gebäu­de tref­fen.

Sodann dür­fen die zahl­rei­chen Flücht­lin­ge nicht ver­ges­sen wer­den, die der Kon­flikt her­vor­ge­bracht hat und vor allem die benach­bar­ten Län­der auf eine har­te Pro­be stellt. Noch ein­mal will ich Jor­da­ni­en und dem Liba­non mei­nen Dank aus­spre­chen, die in brü­der­li­chem Geist und unter nicht weni­gen Opfern gro­ße Scha­ren von Men­schen auf­ge­nom­men haben. Gleich­zei­tig möch­te ich der Hoff­nung Aus­druck ver­lei­hen, dass die Flücht­lin­ge in ihre Hei­mat zurück­keh­ren kön­nen und dort ent­spre­chen­de Lebens- und Sicher­heits­be­din­gun­gen vor­fin­den. Eben­so den­ke ich an die ver­schie­de­nen Län­der Euro­pas, die denen groß­zü­gig Gast­freund­schaft gewährt haben, die sich in Schwie­rig­kei­ten und Gefahr befan­den.

Unter denen, die von der Insta­bi­li­tät betrof­fen sind, die seit Jah­ren den Nahen Osten in Mit­lei­den­schaft zieht, sind vor allem die Chri­sten, die seit den Zei­ten der Apo­stel in die­sen Län­dern woh­nen und über die Jahr­hun­der­te zu ihrem Auf­bau und ihrer Prä­gung bei­getra­gen haben. Es ist äußerst wich­tig, dass die Chri­sten einen Platz in der Zukunft der Regi­on haben. So ermu­ti­ge ich alle, die an ande­ren Orten Zuflucht gesucht haben, das Mög­li­che dafür zu tun, um nach Hau­se zurück­zu­keh­ren, und auf jeden Fall die Bin­dun­gen zu ihren Her­kunfts­ge­mein­schaf­ten auf­recht­zu­er­hal­ten und zu festi­gen. Zugleich hof­fe ich, dass die poli­ti­schen Ver­ant­wor­tungs­trä­ger es nicht ver­säu­men, ihnen die not­wen­di­ge Sicher­heit und alle ande­ren Vor­aus­set­zun­gen zu gewähr­lei­sten, die es ihnen erlau­ben, wei­ter­hin in den Län­dern, deren voll­be­rech­tig­te Bür­ger sie sind, zu leben und zu ihrem Auf­bau bei­zu­tra­gen.

Lei­der waren im Lau­fe die­ser Jah­re Syri­en und der gan­ze Nahe Osten im All­ge­mei­nen Schau­platz des Zusam­men­pralls viel­fa­cher gegen­sätz­li­cher Inter­es­sen. Neben den größ­ten Inter­es­sen poli­ti­scher und mili­tä­ri­scher Natur darf man nicht bei­sei­tel­as­sen, dass auch ver­sucht wird, zwi­schen Mos­lems und Chri­sten Feind­schaft zu set­zen. Wenn es auch »im Lauf der Jahr­hun­der­te zu man­chen Zwi­stig­kei­ten und Feind­schaf­ten zwi­schen Chri­sten und Mus­li­men kam« (7), leb­ten sie an ver­schie­de­nen Orten im Nahen Osten lan­ge Zeit fried­lich zusam­men. Dem­nächst wer­de ich die Mög­lich­keit haben, in zwei Län­der mit mus­li­mi­scher Mehr­heit zu rei­sen, nach Marok­ko und in die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te. Es wird sich um zwei bedeu­ten­de Gele­gen­hei­ten han­deln, den inter­re­li­giö­sen Dia­log und die gegen­sei­ti­ge Kennt­nis zwi­schen den Gläu­bi­gen bei­der Reli­gio­nen anläss­lich des acht­hun­dert­sten Jah­res­ta­ges der histo­ri­schen Begeg­nung zwi­schen dem hei­li­gen Franz von Assi­si und Sul­tan al-Malik al-Kāmil wei­ter zu för­dern.

Unter den Schwa­chen unse­rer Zeit, wel­che die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft zu ver­tei­di­gen hat, gibt es zusam­men mit den Flücht­lin­gen auch die Migran­ten. Noch ein­mal möch­te ich das Augen­merk der Regie­run­gen dar­auf len­ken, damit allen gehol­fen wird, die auf­grund der Gei­ßel der Armut, jeder Art von Gewalt und Ver­fol­gung wie auch auf­grund von Natur­ka­ta­stro­phen und Kli­ma­schä­den aus­wan­dern muss­ten, und damit die Maß­nah­men erleich­tert wer­den, die ihre sozia­le Inte­gra­ti­on in den Auf­nah­me­län­dern ermög­li­chen. Sodann ist ein ent­spre­chen­der Ein­satz not­wen­dig, damit die Men­schen nicht gezwun­gen sind, die eige­ne Fami­lie und Nati­on zu ver­las­sen, oder in Sicher­heit und unter der vol­len Ach­tung ihrer Wür­de und ihrer Men­schen­rech­te dort­hin zurück­keh­ren kön­nen. Jeder Mensch sehnt sich nach einem bes­se­ren und glück­li­che­ren Leben, und die Her­aus­for­de­rung der Migra­ti­on kann weder durch die Logik der Gewalt und der Aus­son­de­rung gelöst wer­den noch durch Teil­lö­sun­gen.

Ich kann folg­lich nur dank­bar sein für die Anstren­gun­gen vie­ler Regie­run­gen und Ein­rich­tun­gen, die aus einem groß­her­zi­gen Geist der Soli­da­ri­tät und christ­li­chen Näch­sten­lie­be her­aus zugun­sten der Migran­ten eng zusam­men­ar­bei­ten. Unter ihnen möch­te ich Kolum­bi­en erwäh­nen, das zusam­men mit ande­ren Län­dern Latein­ame­ri­kas in den ver­gan­ge­nen Mona­ten eine beacht­li­che Zahl von Men­schen aus Vene­zue­la auf­ge­nom­men hat. Ich bin mir zugleich bewusst, dass die Migra­ti­ons­wel­len die­ser Jah­re unter der Bevöl­ke­rung vie­ler Län­der, vor allem in Euro­pa und Nord­ame­ri­ka, Miss­trau­en und Sor­ge her­vor­ge­ru­fen hat. Dies hat ver­schie­de­ne Regie­run­gen dazu geführt, die ankom­men­den Strö­me, selbst wenn sie nur durch­ge­reist sind, stark zu begren­zen. Den­noch mei­ne ich, dass auf eine so uni­ver­sa­le Fra­ge kei­ne Teil­lö­sun­gen gege­ben wer­den kön­nen. Die jüng­sten Not­fäl­le haben gezeigt, dass eine gemein­sa­me kon­zer­tier­te Ant­wort aller Län­der not­wen­dig ist, bei der es kei­ne Prä­k­lu­sio­nen gibt und alle legi­ti­men Ansprü­che respek­tiert wer­den, sowohl der Staa­ten als auch der Migran­ten und Flücht­lin­ge.

In die­ser Hin­sicht hat sich der Hei­li­ge Stuhl aktiv bei den Ver­hand­lun­gen und für die Annah­me der zwei Glo­ba­len Pak­te für Flücht­lin­ge und für eine siche­re, geord­ne­te und gere­gel­te Migra­ti­on ein­ge­bracht. Ins­be­son­de­re der Migra­ti­ons­pakt stellt für die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft einen wich­ti­gen Schritt nach vor­ne dar, denn er geht im Rah­men der Ver­ein­ten Natio­nen zum ersten Mal auf mul­ti­la­te­ra­ler Ebe­ne die­ses The­ma in einem Doku­ment von gewich­ti­ger Bedeu­tung an. Obwohl die­se Doku­men­te recht­lich nicht bin­dend sind und ver­schie­de­ne Regie­run­gen an der jüng­sten UN-Kon­fe­renz in Mar­ra­kesch nicht teil­ge­nom­men haben, wer­den die bei­den Pak­te ein wich­ti­ger Bezugs­punkt sein für den poli­ti­schen Ein­satz und für das kon­kre­te Han­deln von inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen, Gesetz­ge­bern und Poli­ti­kern wie auch für alle, die sich für eine ver­ant­wor­tungs­vol­le­re, bes­ser koor­di­nier­te und siche­re Ver­wal­tung der Situa­tio­nen der Flücht­lin­ge und ver­schie­de­nen Migran­ten ein­set­zen. Bei bei­den Pak­ten schätzt der Hei­li­ge Stuhl ihre Absicht und Natur, wel­che ihre Umset­zung erleich­tert, auch wenn er sei­ne Vor­be­hal­te hin­sicht­lich der im Migra­ti­ons­pakt ange­führ­ten Doku­men­te bekun­det hat. Die­se beinhal­ten näm­lich Ter­mi­no­lo­gien und Leit­li­ni­en, die den Prin­zi­pi­en des Hei­li­gen Stuhls bezüg­lich des Lebens und der Rech­te der Per­so­nen nicht ent­spre­chen.

Unter den ande­ren Schwa­chen machen wir uns »auch die Stim­me« – so fuhr Paul VI. fort – »der jun­gen Genera­tio­nen von heu­te« zu eigen, die »mit gutem Recht eine bes­se­re Mensch­heit erwar­ten« (8). Den jun­gen Men­schen, die sich oft ver­lo­ren vor­kom­men und kei­ne Gewiss­heit hin­sicht­lich ihrer Zukunft haben, war die XV. Ordent­li­che Gene­ral­ver­samm­lung der Bischofs­syn­ode gewid­met. Sie wer­den auch die Haupt­per­so­nen der Apo­sto­li­schen Rei­se sein, die ich anläss­lich des 34. Welt­ju­gend­ta­ges in weni­gen Tagen nach Pana­ma machen wer­de. Die Jugend­li­chen sind die Zukunft, und Auf­ga­be der Poli­tik ist es, Wege der Zukunft zu erschlie­ßen. Des­we­gen ist es not­wen­di­ger denn je, in Initia­ti­ven zu inve­stie­ren, die es den kom­men­den Genera­tio­nen ermög­li­chen, sich eine Zukunft auf­zu­bau­en, Arbeit zu fin­den, eine Fami­lie zu grün­den und Kin­der groß­zu­zie­hen.

Neben den jun­gen Men­schen ver­die­nen die Kin­der beson­de­re Erwäh­nung, vor allem in die­sem Jahr, in dem der 30. Jah­res­tag der Annah­me der Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on began­gen wird. Es han­delt sich um eine gute Gele­gen­heit, ernst­haft über die Schrit­te nach­zu­den­ken, die gesetzt wur­den, um über das Wohl unse­rer Klei­nen zu wachen, über ihre sozia­le und intel­lek­tu­el­le Ent­wick­lung wie auch über ihr kör­per­li­ches, see­li­sches und gei­sti­ges Wachs­tum. Hier darf ich eine der Pla­gen unse­rer Zeit nicht ver­schwei­gen, die lei­der auch eini­ge Ange­hö­ri­ge des Kle­rus als Haupt­ver­ant­wort­li­che kennt. Der Miss­brauch von Min­der­jäh­ri­gen stellt eines der größ­ten mög­li­chen nie­der­träch­ti­gen und unheil­vol­len Ver­bre­chen dar. Er fegt uner­bitt­lich das Beste von dem hin­weg, was das mensch­li­che Leben für ein unschul­di­ges Wesen bereit­hält, und fügt für das rest­li­che Leben irrepa­ra­ble Schä­den zu. Der Hei­li­ge Stuhl und die gan­ze Kir­che bemü­hen sich, sol­che Ver­ge­hen und deren Ver­schleie­rung zu bekämp­fen und ihnen vor­zu­beu­gen, die Wahr­heit der Fak­ten im Hin­blick auf die Betei­li­gung von Geist­li­chen zu ermit­teln und den Min­der­jäh­ri­gen Gerech­tig­keit zuteil­wer­den zu las­sen, die sexu­el­le Gewalt erlit­ten haben, ver­schärft durch den Miss­brauch von Macht und Gewis­sen. Das Tref­fen mit dem Epi­sko­pat aller Welt im kom­men­den Febru­ar möch­te ein wei­te­rer Schritt sein auf dem Weg der Kir­che, eine vol­le Auf­klä­rung der Fak­ten durch­zu­füh­ren und die Wun­den zu lin­dern, die von die­sen Ver­ge­hen her­vor­ge­ru­fen wur­den.

Es schmerzt fest­zu­stel­len, dass in unse­re Gesell­schaft, die oft von brü­chi­gen fami­liä­ren Umfel­dern gekenn­zeich­net ist, ein gewalt­be­rei­tes Ver­hal­ten auch gegen­über den Frau­en zunimmt. Die Wür­de der Frau stand im Mit­tel­punkt der Apo­sto­li­schen Schrei­bens Mulie­ris digni­tatem, das der hei­li­ge Papst Johan­nes Paul II. vor drei­ßig Jah­ren her­aus­ge­ge­ben hat. Ange­sichts der Pla­ge des phy­si­schen und psy­cho­lo­gi­schen Miss­brauchs von Frau­en ist es drin­gend erfor­der­lich, For­men rech­ter und aus­ge­wo­ge­ner Bezie­hun­gen wie­der neu zu ent­decken, die sich auf der gegen­sei­ti­gen Ach­tung und Aner­ken­nung grün­den und in denen jeder sei­ne Iden­ti­tät authen­tisch aus­drücken kann. Die För­de­rung man­cher For­men der Ver­wi­schung der Ver­schie­den­heit droht hin­ge­gen, die Natur des Mann- bzw. Frauseins selbst zu ent­stel­len.

Die Auf­merk­sam­keit für die Schwäch­sten drängt uns auch dazu, über eine ande­re Wun­de unse­rer Zeit nach­zu­den­ken, näm­lich über die Lage der Arbei­ter. Wenn die Arbeit nicht ent­spre­chend geschützt wird, bil­det sie nicht mehr den Weg, durch den der Mensch sich ver­wirk­licht, son­dern wird zu einer moder­nen Form der Skla­ve­rei. Vor hun­dert Jah­ren wur­de die Inter­na­tio­na­le Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on gegrün­det, die sich dafür ein­setz­te, ange­mes­se­ne Arbeits­be­din­gun­gen zu för­dern und die Wür­de der Arbei­ter selbst zu meh­ren. Vor den Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit – an erster Stel­le ste­hen hier die zuneh­men­de tech­ni­sche Ent­wick­lung, die Arbeits­plät­ze abschafft, und die Abnah­me der finan­zi­el­len und sozia­len Sicher­hei­ten für die Arbei­ter – ver­lei­he ich dem Wunsch Aus­druck, dass die Inter­na­tio­na­le Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on über die jewei­li­gen Inter­es­sen hin­aus wei­ter ein Bei­spiel des Dia­logs und des Mit­ein­an­ders zur Errei­chung ihrer hohen Zie­le sei. Zu ihrem Auf­trag gehört eben­so, dass sie zusam­men mit ande­ren Ein­rich­tun­gen der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft auch die Wun­de der Kin­der­ar­beit und der neu­en For­men von Skla­ve­rei angeht sowie die all­mäh­li­che Abnah­me der Löh­ne, vor allem in den ent­wickel­ten Län­dern, und die anhal­ten­de Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en in der Arbeits­welt.

Brücke zwischen den Völker und Erbauer des Friedens sein

In sei­ner Anspra­che an die Ver­ein­ten Natio­nen wies der hei­li­ge Paul VI. klar auf das Haupt­ziel die­ser inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on hin: »Sie bestehen und Sie arbei­ten, um die Natio­nen zu ver­ei­nen und um die Staa­ten zu ver­bin­den […] die einen mit den ande­ren zu ver­ei­nen. […] Sie sind eine Brücke zwi­schen den Völ­kern. […] Es genügt, dar­an zu erin­nern, dass das Blut von Mil­lio­nen Men­schen, dass die uner­hör­ten und zahl­lo­sen Lei­den, unnö­ti­ge Mas­sa­ker und ent­setz­li­che Rui­nen den Pakt recht­fer­ti­gen, der Sie in einem Schwur ver­eint, der die künf­ti­ge Geschich­te der Welt ver­än­dern soll: nie­mals mehr Krieg, nie mehr Krieg! Es ist der Frie­de, der Frie­de, der das Schick­sal der Völ­ker und der gan­zen Mensch­heit bestim­men muss! […] Der Frie­de, das wis­sen Sie, wird nicht nur mit Hil­fe der Poli­tik, des Gleich­ge­wichts der Kräf­te und der Inter­es­sen geschaf­fen, son­dern er wird durch den Geist, die Ideen und die Wer­ke des Frie­dens gestal­tet.« (9)

Im Lau­fe des letz­ten Jah­res gab es eini­ge bedeut­sa­me Zei­chen des Frie­dens, ange­fan­gen von dem histo­ri­schen Abkom­men zwi­schen Äthio­pi­en und Eri­trea, das einen zwan­zig­jäh­ri­gen Kon­flikt been­det und die diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen zwi­schen den bei­den Län­dern wie­der­her­stellt. Auch die von den Ver­ant­wor­tungs­trä­gern des Süd­su­dans unter­zeich­ne­te Ver­ein­ba­rung, wel­che es erlaubt, das Leben der zivi­len Gemein­schaft wie­der­auf­zu­neh­men und die Tätig­keit der staat­li­chen Ein­rich­tun­gen zu reak­ti­vie­ren, ist ein Hoff­nungs­zei­chen für den afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent. Auf ihm dau­ern jedoch schwe­re Span­nun­gen und weit­ver­brei­te­te Armut an. Ich ver­fol­ge mit beson­de­rer Auf­merk­sam­keit den Fort­gang der Situa­ti­on in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go. So brin­ge ich die Hoff­nung zum Aus­druck, dass das Land die Ver­söh­nung wie­der­fin­den möge, auf die es seit gerau­mer Zeit war­tet, und einen ent­schie­de­nen Weg hin zur Ent­wick­lung ein­schla­ge, um den anhal­ten­den Zustand der Unsi­cher­heit zu been­den, der Mil­lio­nen von Per­so­nen, unter ihnen auch vie­le Kin­der, betrifft. Das Wahl­er­geb­nis zu respek­tie­ren stellt dazu einen maß­geb­li­chen Fak­tor für einen dau­er­haf­ten Frie­den dar. Des­glei­chen bekun­de ich all denen mei­ne Nähe, die wegen fun­da­men­ta­li­sti­scher Gewalt lei­den, ins­be­son­de­re in Mali, Niger und Nige­ria, oder auf­grund der fort­dau­ern­den inter­nen Span­nun­gen in Kame­run, die nicht sel­ten auch unter der Zivil­be­völ­ke­rung Tod säen.

Ins­ge­samt ist zudem fest­zu­stel­len, dass Afri­ka über die ver­schie­de­nen dra­ma­ti­schen Gescheh­nis­se hin­aus eine poten­ti­el­le posi­ti­ve Dyna­mik auf­weist, die in sei­ner alten Kul­tur und tra­di­tio­nel­len Auf­nah­me­be­reit­schaft wur­zelt. Ein Bei­spiel an wirk­sa­mer Soli­da­ri­tät unter den Natio­nen bil­det die Öff­nung der Gren­zen in ver­schie­de­nen Län­dern, um die Flücht­lin­ge und Eva­ku­ier­ten groß­zü­gig auf­zu­neh­men. Die Tat­sa­che, dass in vie­len Staa­ten das fried­li­che Zusam­men­le­ben zwi­schen den Glau­ben­den ver­schie­de­ner Reli­gio­nen zunimmt und gemein­sa­me soli­da­ri­sche Initia­ti­ven geför­dert wer­den, ist zu wür­di­gen. Fer­ner brin­gen die Umset­zung einer inklu­si­ven Poli­tik und die Fort­schrit­te der demo­kra­ti­schen Pro­zes­se in zahl­rei­chen Regio­nen wirk­sa­me Ergeb­nis­se, um die abso­lu­te Armut zu bekämp­fen und die sozia­le Gerech­tig­keit vor­an­zu­brin­gen. Die Unter­stüt­zung durch die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft wird so noch dring­li­cher, um die Ent­wick­lung der Infra­struk­tur, die Schaf­fung von Per­spek­ti­ven für die jun­gen Genera­tio­nen und die Eman­zi­pa­ti­on der schwä­che­ren Schich­ten zu för­dern.

Posi­ti­ve Signa­le haben uns von der korea­ni­schen Halb­in­sel erreicht. Der Hei­li­ge Stuhl schaut mit Gefal­len auf die Gesprä­che und hofft, dass sie auch die schwie­ri­ge­ren Fra­gen mit einer kon­struk­ti­ven Hal­tung ange­hen kön­nen und zu gemein­sa­men und dau­er­haf­ten Lösun­gen füh­ren, um eine Zukunft der Ent­wick­lung und der Zusam­men­ar­beit für das gesam­te korea­ni­sche Volk und die gan­ze Regi­on zu sichern.

Einen ähn­li­chen Wunsch äuße­re ich im Hin­blick auf das wer­te Vene­zue­la, auf dass man insti­tu­tio­nel­le und fried­li­che Wege fin­den möge, um die anhal­ten­de poli­ti­sche, sozia­le und wirt­schaft­li­che Kri­se zu lösen; Wege, die es vor allem erlau­ben, denen zu hel­fen, die von den Span­nun­gen die­ser Jah­re geprüft sind, und dem gan­zen vene­zo­la­ni­schen Volk einen Hori­zont der Hoff­nung und des Frie­dens zu bie­ten.

Der Hei­li­ge Stuhl hofft fer­ner, dass der Dia­log zwi­schen Israe­lis und Palä­sti­nen­sern wie­der­auf­ge­nom­men wer­den kann, so dass es end­lich gelin­gen möge, zu einer Eini­gung zu gelan­gen und den legi­ti­men Bestre­bun­gen bei­der Völ­ker Ant­wort zu geben, indem die Koexi­stenz zwei­er Staa­ten und das Errei­chen eines lang erwar­te­ten und ersehn­ten Frie­dens sicher­ge­stellt wird. Der gemein­sa­me Ein­satz der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft ist mehr denn je wert­voll und not­wen­dig, um die­ses Ziel zu errei­chen. Dies gilt auch im Hin­blick dar­auf, den Frie­den in der gesam­ten Regi­on zu för­dern, ins­be­son­de­re im Jemen und im Irak, und es gleich­zei­tig mög­lich zu machen, dass die not­wen­di­gen huma­ni­tä­ren Hil­fen zu den bedürf­ti­gen Bevöl­ke­run­gen gebracht wer­den kön­nen.

Unser gemeinsames Schicksal neu bedenken

Schließ­lich möch­te ich auf ein vier­tes Merk­mal der mul­ti­la­te­ra­len Diplo­ma­tie hin­wei­sen: Sie lädt uns ein, unser gemein­sa­mes Schick­sal neu zu beden­ken. Papst Paul VI. drück­te dies in fol­gen­den Wor­ten aus: »Wir müs­sen uns dar­an gewöh­nen, […] auf eine neue Art auch über das Gemein­schafts­le­ben der Men­schen [zu den­ken], auf eine neue Art schließ­lich über die Wege der Geschich­te und die Bestim­mun­gen der Welt […] Die Stun­de ist gekom­men […] Wir müs­sen uns an unse­re gemein­sa­me Her­kunft erin­nern, an unse­re gemein­sa­me Geschich­te und an unser gemein­sa­mes Schick­sal. Noch nie war der Appell an das mora­li­sche Gewis­sen der Men­schen not­wen­di­ger als heu­te, in einem Zeit­al­ter, das von einem sol­chen Fort­schritt gekenn­zeich­net ist. Die Gefahr kommt weder vom Fort­schritt noch von der Wis­sen­schaft […] Die wirk­li­che Gefahr ver­birgt sich im Men­schen, der über immer mäch­ti­ge­re Mit­tel ver­fügt, die sowohl zur Ver­nich­tung wie auch zu den höch­sten Errun­gen­schaf­ten die­nen kön­nen!« (10)

In der dama­li­gen histo­ri­schen Situa­ti­on bezog sich der Papst haupt­säch­lich auf die Ver­brei­tung der Nukle­ar­waf­fen. »Die Waf­fen« – so sag­te er – »vor allem die schreck­li­chen Waf­fen, die die moder­ne Wis­sen­schaft [uns] gege­ben hat, ver­ur­sa­chen – bevor sie noch Opfer und Rui­nen schaf­fen – böse Träu­me, brin­gen schlim­me Gedan­ken her­vor, erzeu­gen Alp­träu­me, Miss­trau­en und fin­ste­re Ent­schlüs­se, sie füh­ren zu gewal­ti­gen Aus­ga­ben, ver­hin­dern die Plä­ne der Soli­da­ri­tät und der nütz­li­chen Arbeit, sie ver­fäl­schen schließ­lich die Psy­cho­lo­gie der Völ­ker.« (11)

Lei­der muss man schmerz­lich fest­stel­len, dass nicht nur der Waf­fen­han­del nicht ins Stocken zu gera­ten scheint, son­dern dass es sogar eine immer ver­brei­te­te­re Ten­denz gibt, sich zu bewaff­nen, sowohl sei­tens von Ein­zel­per­so­nen als auch sei­tens der Staa­ten. Es beun­ru­higt beson­ders, dass die weit­hin gewünsch­te und in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zum Teil betrie­be­ne nuklea­re Abrü­stung nun von der Suche nach immer aus­ge­klü­gel­te­ren und zer­stö­re­ri­sche­ren Waf­fen ver­drängt wird. Hier möch­te ich noch ein­mal bekräf­ti­gen, was ich frü­her gesagt habe: »Den­ken wir an die kata­stro­pha­len huma­ni­tä­ren Fol­gen und die Kon­se­quen­zen für die Umwelt, die jeder Ein­satz von Kern­waf­fen mit sich bringt, dann kön­nen wir nicht anders als gro­ße Sor­ge zu emp­fin­den. Daher ist auch unter Berück­sich­ti­gung der Gefahr einer unbe­ab­sich­tig­ten Explo­si­on sol­cher Waf­fen – aus wel­chem Irr­tum auch immer dies gesche­hen mag – die Andro­hung ihres Ein­sat­zes sowie ihr Besitz ent­schie­den zu ver­ur­tei­len, gera­de weil deren Vor­han­den­sein in Funk­ti­on einer Logik der Angst steht, die nicht nur die Kon­flikt­par­tei­en betrifft, son­dern das gesam­te Men­schen­ge­schlecht. Die inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen dür­fen nicht von mili­tä­ri­scher Macht, von gegen­sei­ti­gen Ein­schüch­te­run­gen, von der Zur­schau­stel­lung des Waf­fen­ar­se­nals beherrscht wer­den. Vor allem ato­ma­re Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen ver­mit­teln ledig­lich ein trü­ge­ri­sches Gefühl von Sicher­heit und kön­nen nicht die Grund­la­ge für ein fried­li­ches Zusam­men­le­ben der Glie­der der Mensch­heits­fa­mi­lie sein, das dage­gen inspi­riert sein muss von einer Ethik der Soli­da­ri­tät.« (12)

Unser gemein­sa­mes Schick­sal neu beden­ken heißt in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on auch das Ver­hält­nis zu unse­rem Pla­ne­ten erneut ins Auge zu fas­sen. Auch im letz­ten Jahr haben unsäg­li­che durch Hoch­was­ser und Über­schwem­mung, Brän­de, Erbe­ben und Trocken­heit ver­ur­sach­te Unbil­den und Lei­den die Bevöl­ke­run­gen ver­schie­de­ner Regio­nen des ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents und Süd­ost­asi­ens getrof­fen. Zu den Fra­gen, die beson­ders drin­gend eine Ver­ein­ba­rung sei­tens der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft erfor­dern, sind daher die Sor­ge um die Umwelt und der Kli­ma­wan­del zu zäh­len. Dies­be­züg­lich und auch im Licht des auf der jüng­sten inter­na­tio­na­len Kli­ma-Kon­fe­renz (COP-24) in Kat­to­witz erreich­ten Kon­sen­ses hof­fe ich auf einen ent­schie­de­ne­ren Ein­satz auf Sei­ten der Staa­ten zugun­sten eines dring­li­chen gemein­sa­men Ein­schrei­tens gegen das besorg­nis­er­re­gen­de Phä­no­men der glo­ba­len Erwär­mung. Die Erde gehört allen, und die Fol­gen ihrer Aus­beu­tung fal­len auf die gesam­te Welt­be­völ­ke­rung zurück, mit äußerst dra­ma­ti­schen Aus­wir­kun­gen in eini­gen Regio­nen. Zu die­sen gehört das Ama­zo­nas-Gebiet, das The­ma der kom­men­den Son­der­ver­samm­lung der Bischofs­syn­ode im Okto­ber im Vati­kan sein wird. Obwohl sie in erster Linie die Wege der Evan­ge­li­sie­rung für das Volk Got­tes behan­deln wird, wird sie nicht ver­säu­men, auch die Umwelt­pro­ble­ma­tik in enger Ver­bin­dung mit den sozia­len Aus­wir­kun­gen anzu­ge­hen.

Exzel­len­zen, mei­ne Damen und Her­ren,

Am 9. Novem­ber 1989 fiel die Ber­li­ner Mau­er. Weni­ge Mona­te spä­ter wur­de dem letz­ten Ver­mächt­nis des Zwei­ten Welt­kriegs ein Ende gesetzt: der zer­rei­ßen­den Spal­tung Euro­pas, wie sie auf Jal­ta beschlos­sen wor­den war, und dem Kal­ten Krieg. Die Län­der öst­lich des Eiser­nen Vor­hangs haben nach Jah­ren der Unter­drückung die Frei­heit wie­der­erlangt. Vie­le von ihnen haben einen Weg ein­ge­schla­gen, der sie zum Bei­tritt in die Euro­päi­sche Uni­on füh­ren soll­te. In der heu­ti­gen Situa­ti­on, in der neue Zen­tri­fu­gal­kräf­te und die Ver­su­chung, neue Zäu­ne zu errich­ten, Platz grei­fen, möge man in Euro­pa nicht das Bewusst­sein für die Güter ver­lie­ren – als erstes von allen der Frie­de –, die vom Weg der Freund­schaft und Annä­he­rung der Völ­ker in der Nach­kriegs­zeit aus­ge­gan­gen sind.

Einen letz­ten Jah­res­tag möch­te ich heu­te am Schluss noch erwäh­nen. Am 11. Febru­ar vor neun­zig Jah­ren ent­stand der Staat der Vati­kan­stadt, in der Fol­ge der Unter­zeich­nung der Later­an­ver­trä­ge zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und Ita­li­en. Auf die­se Wei­se wur­de der lan­ge Zeit­raum der „Römi­schen Fra­ge“ nach der Ein­nah­me Roms und dem Ende des Kir­chen­staa­tes abge­schlos­sen. Durch den Later­an­ver­trag konn­te der Hei­li­ge Stuhl über »ein gewis­ses mate­ri­el­les Ter­ri­to­ri­um« ver­fü­gen, »das unab­ding­lich war für die Aus­übung einer geist­li­chen Gewalt, die Men­schen auf­ge­tra­gen war, um Men­schen von Nut­zen zu sein« (13), wie Papst Pius XI. erklärt hat­te. Und mit dem Kon­kor­dat konn­te die Kir­che wie­der voll­um­fäng­lich zum geist­li­chen und kul­tu­rel­len Wachs­tum Roms und ganz Ita­li­ens bei­tra­gen, eines an Geschich­te, Kunst und Kul­tur rei­chen Lan­des, wel­ches das Chri­sten­tum mit sei­nem Bei­trag geprägt hat. Aus die­sem Anlass ver­si­che­re ich dem ita­lie­ni­schen Volk mein beson­de­res Gebet, damit es in Treue zu sei­nen Tra­di­tio­nen jenen Geist brü­der­li­cher Soli­da­ri­tät bewah­re, der sie lan­ge schon aus­ge­zeich­net hat.

Ihnen allen, lie­be Bot­schaf­ter und wer­te Gäste, die Sie hier zusam­men­ge­kom­men sind, sowie Ihren Län­dern ent­bie­te ich mei­nen herz­li­chen Wunsch, dass die­ses neue Jahr dazu bei­tra­ge, die Ban­de der Freund­schaft, die uns ver­bin­den, zu festi­gen und unse­re Bemü­hun­gen zu för­dern, den Frie­den auf­zu­bau­en, nach dem sich die Welt sehnt.

Dan­ke!


(1) Vgl. Bot­schaft an die chi­ne­si­schen Katho­li­ken und an die uni­ver­sa­le Kir­che (26. Sep­tem­ber 2018), Nr. 3.
(2) Vgl. Apo­sto­li­sches Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um (24. Novem­ber 2013), 234.
(3) Paul VI.,  Anspra­che vor der Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen (New York, 4. Okto­ber 1965), 2.
(4) Kom­pen­di­um der Sozi­al­leh­re der Kir­che, Nr. 165
(5)Apostolisches Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um (24. Novem­ber 2013), 228.
(6) Anspra­che vor der Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen, 1.
(7) Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Erklä­rung über das Ver­hält­nis der Kir­che zu den nicht­christ­li­chen Reli­gio­nen Nostra aeta­te (28. Okto­ber 1965), 3.
(8) Anspra­che an die Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen, 1.
(9) Ebd., 3; 5.
(10) Ebd., 7.
(11) Ebd., 5.
(12) Anspra­che an die Teil­neh­mer am Inter­na­tio­na­len Sym­po­si­um zum The­ma Abrü­stung, ver­an­stal­tet vom Dikaste­ri­um für den Dienst zugun­sten der ganz­heit­li­chen Ent­wick­lung des Men­schen (10. Novem­ber 2017). (13) Pius XI., Anspra­che „Il nostro più cor­dia­le“ an die Pfar­rer Roms und die Fasten­pre­di­ger aus Anlass der Unter­zeich­nung des Ver­trags und des Kon­kor­dats im Later­an­pa­last (11. Febru­ar 1929).

Bild: Vatican.va (Screen­shot)

1 Kommentar

  1. die Schwäch­sten unse­rer Zeit sind die unge­bo­re­nen Kin­der, wel­che die Müt­ter, die Väter und die Kir­che zu ver­tei­di­gen haben. ille­ga­len wer­den Woh­nun­gen und Häu­ser kosten­frei zur Ver­fü­gung gestellt und wo sind die kosten­frei­en Woh­nun­gen und Häu­ser für Frau­en in Not?

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