Papst Franziskus ächtet die Todesstrafe

Exekution einer Todesstrafe in Mexiko 1914
Exekution einer Todesstrafe in Mexiko 1914

(Rom) Papst Fran­zis­kus hat eine Neu­for­mu­lie­rung des Kate­chis­mus zur Todes­stra­fe appro­biert.

Der bis­he­ri­ge Para­graph Nr. 2267 des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che von 1992 wur­de durch eine Neu­fas­sung ersetzt und die Stel­le über die Zuläs­sig­keit der Todes­stra­fe (Nr. 2266) gestri­chen. Damit distan­ziert sich die katho­li­sche Kir­che von der Todes­stra­fe. Das The­ma war seit der Ver­öf­fent­li­chung des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che vor 26 Jah­ren umstrit­ten. Grund dafür waren vor allem die USA, wo in den mei­sten Bun­des­staa­ten die Todes­stra­fe noch ver­hängt wer­den kann und meist auch exe­ku­tiert wird. Im Gegen­satz dazu haben alle euro­päi­schen Staa­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Todes­stra­fe abge­schafft.

Katechismus der Katholischen Kirche (1992)
Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che (1992)

Den Auf­takt mach­te die Schweiz, die erst­mals 1874 die Todes­stra­fe abschaff­te. Für poli­ti­sche Delik­te durf­te sie bereits seit 1848 nicht mehr voll­streckt wer­den. Bald wie­der ein­ge­führt wur­de sie end­gül­tig 1942 aus der eid­ge­nös­si­schen Rechts­ord­nung ver­bannt. Die letz­te Hin­rich­tung erfolg­te 1940.

Es folg­ten die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und Öster­reich, denen die alli­ier­ten Sie­ger­mäch­te nach dem Krieg die Todes­stra­fe unter­sag­ten. Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich folg­ten eini­ge Jahr­zehn­te spä­ter. Die letz­ten Hin­rich­tun­gen in Groß­bri­tan­ni­en fan­den 1964, in Frank­reich 1977 statt. In Bel­gi­en wur­de die Todes­stra­fe nach dem Mili­tär­recht erst 1996 abge­schafft, die letz­te Exe­ku­ti­on aber bereits 1950 voll­zo­gen. Ähn­lich sieht es in zahl­rei­chen ande­ren euro­päi­schen Staa­ten aus.

In Spa­ni­en erfolg­ten die letz­ten Hin­rich­tun­gen 1974. Dar­un­ter befand sich der Deut­sche Georg Micha­el Wel­zel. Nach geschei­ter­ter „Repu­blik­flucht“ aus der DDR wur­de der gebür­ti­ge Cott­bu­ser von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land frei­ge­kauft. Kaum im Westen ange­kom­men, rei­ste er drei Mona­te spä­ter mit gefälsch­tem Rei­se­paß nach Spa­ni­en und schoß in Bar­ce­lo­na aus bis heu­te unge­klär­ten Grün­den auf einen Poli­zei­be­am­ten der Guar­dia Civil.

In dem inner­kirch­li­chen Kon­flikt zwi­schen der euro­päi­schen und der US-ame­ri­ka­ni­schen Auf­fas­sung wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren dar­über dis­ku­tiert, ob ein Mensch durch schwe­re Ver­bre­chen sein Lebens­recht ver­wir­ken kön­ne. Pro­ble­ma­tisch wur­de dabei von allen Sei­ten die Hin­rich­tung gese­hen, die in irgend­ei­ner Form immer von einem ande­ren Men­schen exe­ku­tiert wer­den muß. Der aber kann dadurch schwe­re Schuld auf sich laden.

Der Lebens­rechts­be­we­gung wur­de von den Abtrei­bungs­be­für­wor­tern häu­fig ent­ge­gen­ge­hal­ten, die unge­bo­re­nen Kin­der zu schüt­zen, wäh­rend die katho­li­sche Kir­che ein unge­klär­tes Ver­hält­nis zur Todes­stra­fe habe, und evan­ge­li­ka­le Grup­pen die Todes­stra­fe offen unter­stüt­zen.

Die Dis­kus­si­on um die Todes­stra­fe ist seit Jahr­zehn­ten Gegen­stand eines in den USA hit­zig aus­ge­tra­ge­nen Kul­tur­kamp­fes. Dabei geht die Bruch­li­nie auch durch die katho­li­sche Kir­che. In die­se Kon­tro­ver­se hat nun Papst Fran­zis­kus mit einer kla­ren Par­tei­nah­me ein­ge­grif­fen.

Die Fra­ge steht damit im Raum, ob die katho­li­sche Kir­che 2000 Jah­re lang in zu die­ser Fra­ge Fal­sches gelehrt hat. In der bis­her gül­ti­gen Fas­sung hieß es unter Beru­fung auf „die über­lie­fer­te Leh­re der Kir­che“, daß die Todes­stra­fe „nicht“ aus­ge­schlos­sen ist.

Seit der Erst­ver­öf­fent­li­chung des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che wur­de der betref­fen­de Teil bereits mehr­fach geän­dert.

Die alte und die neue Fassung

1993 lau­tet die Stel­le im Kate­chis­mus, und so steht auch heu­te in deut­scher Fas­sung auf der Inter­net­sei­te des Hei­li­gen Stuhls:

2266. Der Schutz des Gemein­wohls der Gesell­schaft erfor­dert, daß der Angrei­fer außer­stan­de gesetzt wird scha­den. Aus die­sem Grund hat die über­lie­fer­te Leh­re der Kir­che die Recht­mä­ßig­keit des Rech­tes und der Pflicht der gesetz­mä­ßi­gen öffent­li­chen Gewalt aner­kannt, der Schwe­re des Ver­bre­chens ange­mes­se­ne Stra­fen zu ver­hän­gen, ohne in schwer­wie­gend­sten Fäl­len die Todes­stra­fe aus­zu­schlie­ßen. Aus ana­lo­gen Grün­den haben die Ver­ant­wor­tungs­trä­ger das Recht, die­je­ni­gen, die das Gemein­we­sen, für das sie ver­ant­wort­lich sind, angrei­fen, mit Waf­fen­ge­walt abzu­weh­ren.

Die Straft soll in erster Linie die durch das Ver­ge­hen her­bei­ge­führ­te Unord­nung wie­der­gut­ma­chen. Wird sie vom Schul­di­gen wil­lig ange­nom­men, gilt sie als Süh­ne. Zudem hat die Stra­fe die Wir­kung, die öffent­li­che Ord­nung und die Sicher­heit der Per­so­nen zu schüt­zen. Schließ­lich hat die Stra­fe auch eine hei­len­de Wir­kung: sie soll mög­lichst dazu bei­tra­gen, daß sich der Schul­di­ge bes­sert [Vgl. Lk 23,40–43.].

2267. Soweit unblu­ti­ge Mit­tel hin­rei­chen, um das Leben der Men­schen gegen Angrei­fer zu ver­tei­di­gen und die öffent­li­che Ord­nung und die Sicher­heit der Men­schen zu schüt­zen, hat sich die Auto­ri­tät an die­se Mit­tel zu hal­ten, denn sie ent­spre­chen bes­ser den kon­kre­ten Bedin­gun­gen des Gemein­wohls und sind der Men­schen­wür­de ange­mes­se­ner.

In der deut­schen Aus­ga­be von 2003 gemäß Edi­tio Typi­ca von 1997 wur­de das The­ma Todes­stra­fe von Para­graph 2266 in den Para­gra­phen 2267 ver­scho­ben. Die For­mu­lie­rung lau­te­te:

2267. Unter der Vor­aus­set­zung, daß die Iden­ti­tät und die Ver­ant­wor­tung des Schul­di­gen mit gan­zer Sicher­heit fest­steht, schließt die über­lie­fer­te Leh­re der Kir­che den Rück­griff auf die Todes­stra­ße nicht aus, wenn die­se der ein­zig gang­ba­re Weg wäre, um das Leben von Men­schen wirk­sam gegen einen unge­rech­ten Angrei­fer zu ver­tei­di­gen.

Die heu­te vom Hei­li­gen Stuhl ver­öf­fent­lich­te Neu­fas­sung lau­tet:

2267. [neu] Lan­ge Zeit wur­de der Rück­griff auf die Todes­stra­fe durch die recht­mä­ßi­ge Auto­ri­tät – nach einem ordent­li­chen Gerichts­ver­fah­ren – als eine ange­mes­se­ne Ant­wort auf die Schwe­re eini­ger Ver­bre­chen und als ein annehm­ba­res, wenn auch extre­mes Mit­tel zur Wah­rung des Gemein­wohls ange­se­hen.

Heu­te gibt es ein wach­sen­des Bewusst­sein dafür, dass die Wür­de der Per­son auch dann nicht ver­lo­ren geht, wenn jemand schwer­ste Ver­bre­chen began­gen hat. Hin­zu kommt, dass sich ein neu­es Ver­ständ­nis vom Sinn der Straf­sank­tio­nen durch den Staat ver­brei­tet hat. Schließ­lich wur­den wirk­sa­me­re Haft­sy­ste­me ent­wickelt, wel­che die pflicht­ge­mä­ße Ver­tei­di­gung der Bür­ger garan­tie­ren, zugleich aber dem Täter nicht end­gül­tig die Mög­lich­keit der Bes­se­rung neh­men.

Des­halb lehrt die Kir­che im Licht des Evan­ge­li­ums, dass „die Todes­stra­fe unzu­läs­sig ist, weil sie gegen die Unan­tast­bar­keit und Wür­de der Per­son ver­stößt“(( Papst Fran­zis­kus, Anspra­che zum 25. Jah­res­tag der Ver­öf­fent­li­chung des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che, 11. Okto­ber 2017 (L’Osservatore Roma­no, 13. Okto­ber 2017, 5).)), und setzt sich mit Ent­schie­den­heit für deren Abschaf­fung in der gan­zen Welt ein.

Die Unzu­läs­sig­keit der Todes­stra­fe wird mit der Unver­letz­lich­keit der Men­schen­wür­de begrün­det.

Wie heu­te bekannt­ge­ge­ben wur­de, war die Neu­fas­sung bereits am ver­gan­ge­nen 11. Mai von Papst Fran­zis­kus gebil­ligt wor­den. Mit der Neu­for­mu­lie­rung war die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on unter der Lei­tung von Kar­di­nal­prä­fekt Luis Ladar­ia SJ beauf­tragt.

Mit der Neu­fas­sung for­dert die katho­li­sche Kir­che nun mit Ent­schie­den­heit die welt­wei­te Äch­tung der Todes­stra­fe. Dazu ver­öf­fent­lich­te Kar­di­nal Ladar­ia ein Schrei­ben an alle Bischö­fe der Welt.

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

Schrei­ben an die Bischö­fe
über die neue For­mu­lie­rung der Nr. 2267
des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che
bezüg­lich der Todes­stra­fe

1. In der Anspra­che zum 25. Jah­res­tag der Ver­öf­fent­li­chung der Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on Fidei depo­si­tum, mit der Johan­nes Paul II. den Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che pro­mul­gier­te, hat Papst Fran­zis­kus dazu auf­ge­ru­fen, die Leh­re über die Todes­stra­fe neu zu for­mu­lie­ren, um die in jüng­ster Zeit erfolg­te Ent­wick­lung der Leh­re zu die­sem The­ma bes­ser zusammenzufassen.((Vgl. Fran­zis­kus, Anspra­che zum 25. Jah­res­tag der Ver­öf­fent­li­chung des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che (11. Okto­ber 2017): L’Osservatore Roma­no (13. Okto­ber 2017), 4.)) Die­se Ent­wick­lung beruht haupt­säch­lich dar­auf, dass es in der Kir­che ein immer kla­re­res Bewusst­sein der Ach­tung gibt, die jedem mensch­li­chen Leben geschul­det wird. In die­sem Sinn stell­te Johan­nes Paul II. fest: «Nicht ein­mal der Mör­der ver­liert sei­ne Per­son­wür­de, und Gott sel­ber lei­stet dafür Gewähr».((Johannes Paul II., Enzy­kli­ka Evan­ge­li­um vitae (25. März 1995), Nr. 9: AAS 87 (1995), 411.))

2. In die­sem Licht ist die Hal­tung zur Todes­stra­fe zu ver­ste­hen, die sich in der Leh­re der Hir­ten und im Emp­fin­den des Vol­kes Got­tes immer mehr durch­ge­setzt hat. Wenn näm­lich die poli­ti­sche und sozia­le Lage frü­he­rer Zei­ten die Todes­stra­fe zu einem annehm­ba­ren Mit­tel für die Wah­rung des Gemein­wohls mach­te, so haben heu­te die wach­sen­de Ein­sicht, dass die Men­schen­wür­de auch durch das Bege­hen schwer­ster Ver­bre­chen nicht ver­lo­ren geht, ein ver­tief­tes Ver­ständ­nis vom Sinn der Straf­sank­tio­nen durch den Staat sowie das Vor­han­den­sein von wirk­sa­me­ren Haft­sy­ste­men, die den erfor­der­li­chen Schutz der Bür­ger sicher­stel­len, zu einem neu­en Bewusst­sein geführt, das die Unzu­läs­sig­keit der Todes­stra­fe aner­kennt und des­halb ihre Abschaf­fung for­dert.

3. In die­ser Ent­wick­lung ist die Leh­re der Enzy­kli­ka Evan­ge­li­um vitae von Johan­nes Paul II. von gro­ßer Bedeu­tung. Die­ser Papst erwähn­te unter den Hoff­nungs­zei­chen für eine neue Zivi­li­sa­ti­on des Lebens «die immer wei­ter ver­brei­te­te Abnei­gung der öffent­li­chen Mei­nung gegen die Todes­stra­fe selbst als Mit­tel sozia­ler „Not­wehr“, in Anbe­tracht der Mög­lich­kei­ten, über die eine moder­ne Gesell­schaft ver­fügt, um das Ver­bre­chen wirk­sam mit Metho­den zu unter­drücken, die zwar den Täter unschäd­lich machen, ihm aber nicht end­gül­tig die Mög­lich­keit der Bes­se­rung neh­men».((Ebd., Nr. 27: AAS 87 (1995), 432.)) Die Leh­re von Evan­ge­li­um vitae wur­de in der edi­tio typi­ca des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che auf­ge­grif­fen. Dar­in ist die Todes­stra­fe nicht als eine der Schwe­re des Ver­bre­chens ent­spre­chen­de Stra­fe dar­ge­stellt, son­dern wird nur dann gerecht­fer­tigt, wenn sie «der ein­zig gang­ba­re Weg wäre, um das Leben von Men­schen wirk­sam gegen einen unge­rech­ten Angrei­fer zu ver­tei­di­gen», auch wenn heu­te «die Fäl­le, in denen die Besei­ti­gung des Schul­di­gen abso­lut not­wen­dig ist, schon sehr sel­ten oder prak­tisch über­haupt nicht mehr gege­ben» sind (Nr. 2267).

4. Johan­nes Paul II. äußer­te sich auch bei ande­ren Gele­gen­hei­ten gegen die Todes­stra­fe und berief sich dabei auf die Ach­tung vor der Wür­de der Per­son wie auch auf die Mit­tel der moder­nen Gesell­schaft, um sich vor Ver­bre­chern zu schüt­zen. So brach­te er in der Weih­nachts­bot­schaft 1998 den Wunsch zum Aus­druck, dass «in der Welt der Kon­sens über drin­gen­de und ange­mes­se­ne Maß­nah­men erhal­ten (blei­be) mit dem Ziel , die Todes­stra­fe abzuschaffen».((Johannes Paul II., Bot­schaft Urbi et Orbi (25. Dezem­ber 1998), Nr. 5: Inseg­na­men­ti XXI,2 (1998), 1348.)) Im dar­auf fol­gen­den Monat wie­der­hol­te er in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten: «Ein Zei­chen der Hoff­nung ist die zuneh­men­de Ein­sicht, dass die Wür­de des mensch­li­chen Lebens nie­mals in Abre­de gestellt wer­den darf, auch dann nicht, wenn jemand ein Ver­bre­chen began­gen hat. Die moder­ne Gesell­schaft hat die Mit­tel, sich selbst zu schüt­zen, ohne Ver­bre­chern die Mög­lich­keit der Bes­se­rung end­gül­tig zu neh­men. Ich rufe erneut dazu auf, wie ich es kürz­lich an Weih­nach­ten getan habe, zu einer Über­ein­stim­mung bezüg­lich der Abschaf­fung der Todes­stra­fe, die grau­sam und unnö­tig ist, zu kommen».((Ders., Homi­lie in St. Lou­is (27. Janu­ar 1999): Inseg­na­men­ti XXII,1 (1999), 269; vgl. Homi­lie in Mexi­ko (23. Janu­ar 1999): «Dem unnö­ti­gen Rück­griff auf die Todes­stra­fe muss ein Ende gesetzt wer­den!»: Inseg­na­men­ti XXII,1 (1999), 123.))

5. Der ent­schie­de­ne Ein­satz für die Abschaf­fung der Todes­stra­fe ging unter den nach­fol­gen­den Päp­sten wei­ter. Bene­dikt XVI. mach­te «die Ver­ant­wort­li­chen der Gesell­schaft … auf die Not­wen­dig­keit auf­merk­sam, alles im Bereich des Mög­li­chen zu tun, um die Abschaf­fung der Todes­stra­fe zu erlangen».((Benedikt XVI., Nach­syn­oda­les Apo­sto­li­sches Schrei­ben Afri­cae munus (19. Novem­ber 2011), Nr. 83: AAS 104 (2012), 276.)) Spä­ter brach­te er vor einer Grup­pe von Gläu­bi­gen den Wunsch zum Aus­druck, dass «eure Ent­schei­dun­gen die poli­ti­schen und gesetz­ge­be­ri­schen Initia­ti­ven för­dern, die in einer wach­sen­den Zahl von Län­dern vor­an­ge­trie­ben wer­den, um die Todes­stra­fe abzu­schaf­fen und wesent­li­che Fort­schrit­te zu unter­stüt­zen, damit das Straf­recht den Ansprü­chen der Men­schen­wür­de der Gefan­ge­nen wie auch der wirk­sa­men Erhal­tung der öffent­li­chen Ord­nung ange­gli­chen werden».((Ders., Gene­ral­au­di­enz (30. Novem­ber 2011): Inseg­na­men­ti VII,2 (2011), 813.))

6. Auf der­sel­ben Linie bekräf­tig­te Papst Fran­zis­kus: «In der heu­ti­gen Zeit ist die Todes­stra­fe unzu­läs­sig, so schwer das Ver­bre­chen des Ver­ur­teil­ten auch sein mag».((Franziskus, Schrei­ben an den Prä­si­den­ten der Inter­na­tio­na­len Kom­mis­si­on gegen die Todes­stra­fe (20. März 2015): L’Osservatore Roma­no (20.–21. März 2015), 7.)) Auf wel­che Wei­se die Todes­stra­fe auch voll­zo­gen wird, immer schließt sie «eine grau­sa­me, unmensch­li­che und ernied­ri­gen­de Behand­lung» ein.((Ebd.)) Sie ist auch «wegen der man­gel­haf­ten Selek­ti­vi­tät des Straf­rechts­sy­stems und ange­sichts der Mög­lich­keit des Justiz­irr­tums» abzu­leh­nen.((Ebd.)) In die­sem Licht rief Papst Fran­zis­kus dazu auf, den Abschnitt über die Todes­stra­fe im Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che neu zu for­mu­lie­ren, um zu beto­nen, «dass, egal wie schwer das began­ge­ne Ver­bre­chen auch war, die Todes­stra­fe unzu­läs­sig ist, weil sie gegen die Unver­letz­bar­keit und Wür­de des Men­schen verstößt».((Franziskus, Anspra­che zum 25. Jah­res­tag der Ver­öf­fent­li­chung des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che (11. Okto­ber 2017): L’Osservatore Roma­no (13. Okto­ber 2017), 5.))

7. Die neue For­mu­lie­rung der Nr. 2267 des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che, die Papst Fran­zis­kus appro­biert hat, liegt auf der Linie des vor­aus­ge­hen­den Lehr­amts und führt eine kon­se­quen­te Ent­wick­lung der katho­li­sche Leh­re weiter.((Vgl. Vin­zenz von Lérins, Com­mo­ni­to­ri­um, cap. 23: PL 50, 667–669. In Bezug auf die Todes­stra­fe hat die Päpst­li­che Bibel­kom­mis­si­on bei der Erör­te­rung der spe­zi­fi­schen Aus­for­mun­gen der Gebo­te des Deka­logs von einer “Ver­fei­ne­rung” der mora­li­schen Posi­tio­nen der Kir­che gespro­chen: «Im Lauf der Geschich­te und mit der Ent­wick­lung der Zivi­li­sa­ti­on hat die Kir­che auch ihre eige­ne mora­li­sche Stel­lung­nah­me ver­fei­nert, was die Todes­stra­fe und den Krieg angeht. Das geschah im Namen der Ach­tung des mensch­li­chen Lebens, die in ihr leben­dig ist auf Grund der unab­läs­si­gen Medi­ta­ti­on der Schrift und die immer mehr zu einem abso­lu­ten Wert wird. Was die­se anschei­nend radi­ka­len Posi­tio­nen trägt, ist immer der­sel­be anthro­po­lo­gi­sche Grund­be­griff: die fun­da­men­ta­le Wür­de des Men­schen, der als Bild Got­tes geschaf­fen ist» (Bibel und Moral. Bibli­sche Wur­zeln des christ­li­chen Han­delns, 2008, Nr. 98).)) Der neue Text folgt den Spu­ren der Leh­re von Johan­nes Paul II. in Evan­ge­li­um vitae und bekräf­tigt, dass die Unter­drückung des Lebens eines Ver­bre­chers als Stra­fe für ein Ver­ge­hen unzu­läs­sig ist, weil sie gegen die Wür­de der Per­son ver­stößt, eine Wür­de, die auch dann nicht ver­lo­ren geht, wenn jemand schwer­ste Ver­bre­chen began­gen hat. Zu die­sem Schluss gelangt man auch, wenn man die vom moder­nen Staat ange­wand­ten Straf­sank­tio­nen in Betracht zieht, die vor allem auf die Bes­se­rung und sozia­le Wie­der­ein­glie­de­rung des Ver­bre­chers abzie­len müs­sen. Schließ­lich ist die Todes­stra­fe unter Berück­sich­ti­gung der wirk­sa­me­ren Haft­sy­ste­me der moder­nen Gesell­schaft nicht not­wen­dig, um das Leben unschul­di­ger Per­so­nen zu schüt­zen. Selbst­ver­ständ­lich bleibt die Pflicht der öffent­li­chen Auto­ri­tät bestehen, das Leben der Bür­ger zu ver­tei­di­gen, wie das Lehr­amt immer bestä­tigt hat und wie der Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che in den Num­mern 2265 und 2266 bekräf­tigt.

8. All das zeigt, dass die neue For­mu­lie­rung der Nr. 2267 des Kate­chis­mus eine authen­ti­sche Ent­wick­lung der Leh­re aus­drückt, die nicht im Wider­spruch zu frü­he­ren Aus­sa­gen des Lehr­amts steht. Die­se Aus­sa­gen kön­nen näm­lich im Licht der vor­ran­gi­gen Ver­ant­wor­tung der öffent­li­chen Auto­ri­tät für die Wah­rung des Gemein­wohls in einem sozia­len Umfeld ver­stan­den wer­den, in dem die Straf­sank­tio­nen eine ande­re Bedeu­tung hat­ten und in einem Milieu erfolg­ten, in dem es schwe­rer war zu garan­tie­ren, dass der Ver­bre­cher sein Ver­ge­hen nicht mehr wie­der­ho­len kann.

9. In der neu­en For­mu­lie­rung wird hin­zu­ge­fügt, dass das Bewusst­sein über die Unzu­läs­sig­keit der Todes­stra­fe «im Licht des Evangeliums»((II. Öku­me­ni­sches Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Pasto­ral­kon­sti­tu­ti­on Gau­di­um et spes, Nr. 4.)) gewach­sen ist. Das Evan­ge­li­um trägt näm­lich zu einem bes­se­ren Ver­ständ­nis der geschaf­fe­nen Ord­nung bei, die der Sohn Got­tes ange­nom­men, gerei­nigt und zur Fül­le gebracht hat. Es lädt uns auch ein, die Barm­her­zig­keit und die Geduld des Herrn zu üben, der jedem Zeit schenkt, sich zu bekeh­ren.

10. Die neue For­mu­lie­rung der Nr. 2267 des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che möch­te, auch durch einen respekt­vol­len Dia­log mit den poli­ti­schen Auto­ri­tä­ten, zu einem ent­schie­de­nen Ein­satz dafür anspor­nen, dass eine Men­ta­li­tät geför­dert wird, wel­che die Wür­de jedes mensch­li­chen Lebens aner­kannt, und die Bedin­gun­gen ent­ste­hen kön­nen, um die Todes­stra­fe heu­te abzu­schaf­fen, wo sie noch in Kraft ist.

Papst Fran­zis­kus hat in der dem unter­zeich­ne­ten Sekre­tär am 28. Juni 2018 gewähr­ten Audi­enz das vor­lie­gen­de Schrei­ben, das von der Ordent­li­chen Ver­samm­lung die­ser Kon­gre­ga­ti­on am 13. Juni 2018 beschlos­sen wor­den war, gut­ge­hei­ßen und sei­ne Ver­öf­fent­li­chung ange­ord­net.

Gege­ben zu Rom, am Sitz der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re, am 1. August 2018, dem Gedenk­tag des hei­li­gen Alfons Maria von Ligu­o­ri.

Luis F. Card. Ladar­ia, S.I.
Prä­fekt

+ Gia­co­mo Moran­di
Titu­lar­erz­bi­schof von Cer­ve­te­ri
Sekre­tär

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

2 Kommentare

  1. Ich beschrän­ke mich auf das Wort von Jesus in Mt. 18,6: „Wer einen von die­sen Klei­nen, die an mich glau­ben, zum Bösen ver­führt, für den wäre es bes­ser, wenn er mit einem Mühl­stein um den Hals im tie­fen Meer ver­senkt würe.“ Dies ist eine kla­re Aus­sa­ge zur Todes­stra­fe, an der sich nichts her­um­deu­teln lässt, auch nicht, wenn man „ein heu­te wach­sen­des Bewusst­sein“ her­bei­re­det. Aber das ken­nen wir ja alle. Bedenk­lich erscheint mir, dass das hohe Gut der Men­schen­wür­de in letz­ter Zeit immer mehr zur klei­nen Mün­ze gemacht wird. Aktu­ell wird z. B. von Gut­men­schen in Sachen Asyl­po­li­tik allen Ern­stes die Ansicht ver­tre­ten, es ver­sto­ße gegen die Men­schen­wür­de, aus Deutsch­land ausgwie­sen zu wer­den.
    Das Straf­recht kennt den Begriff von der Stra­fe als Ehre des Ver­bre­chers. Das meint, dass zwi­schen der Tat und der Sank­ti­on ein aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis bestehen muss, damit die zer­stör­te Ord­nung mög­lichst gut wie­der her­ge­stellt wird und Rechts­frie­de ein­tre­ten kann, nicht zuletzt im wohl­ver­stan­de­nen Inter­es­se des Ver­bre­chers selbst. Das bedeu­tet, dass ein kapi­ta­les Ver­bre­chen nur durch eine kapi­ta­le Stra­fe beant­wor­tet wer­den kann. Im übri­gen ist der Papst zu fra­gen, wie­so die straf­recht­li­che Ahn­dung eines schlim­men Ver­bre­chens mit einem tali­on die Men­schen­wür­de ver­let­zen soll.

  2. Wenn die­se Leh­re der Kir­che all die vie­len Jahr­hun­der­te irrig war, dann wird es die­ser Papst Ber­go­glio nicht dabei belas­sen: Aner­ken­nung von Homo„ehe“, Prie­ster­tum für die Frau, ver­hei­ra­te­te Prie­ster u.a.m. wer­den dann eben­falls im Lich­te „neu­er Erkennt­nis­se“ die immer­gül­ti­gen Leh­ren Chri­sti und Sei­ner Kir­che dar­über ver­wäs­sern und aus­he­beln.
    Der Herr wur­de, obwohl völ­lig unschul­dig und nur immer Gutes tuend, zum Tode, zu einem uner­hört grau­sa­men Tode ver­ur­teilt mit der frucht­bar­sten Gei­ße­lung und allen ande­ren Mar­tern. Der Herr selbst sag­te es den Emma­us-Jün­gern, daß es so gesche­hen muß­te- und es wur­de ja von den Pro­phe­ten vor­her­ge­sagt, daß die Erlö­sung nicht anders sein konn­te.
    Im Nach­hin­ein also maßt sich die­ser Papst Fran­zis­kus sich an, das Erlö­sungs­werk des Herrn Jesus, dem er unter gro­ßen Schmer­zen und blu­ti­gem Angst­schweiß frei­wil­lig zu aller Men­schen Erlö­sung aus unend­lich gro­ßer Lie­be zuge­stimmt hat­te, in Abre­de zu stel­len. Die­ser Papst sagt klar, daß Chri­stus hät­te nicht lei­den sol­len und müs­sen ent­ge­gen den Wor­ten des Hei­lan­des.
    Die­ser Papst Bwill also das gesam­te Erlö­sungs­werk Chri­sti damit aus­he­beln. Dazu braucht es auch dann kei­ne Opfer­mes­se mehr- und das wird ja von den Häre­ti­kern so auch gese­hen und den Men­schen ein­ge­bleut. Denn sie fei­ern ja schon seit lan­gem ihre „Mahl­ge­mein­schaft“.
    Und dar­um gehts Ber­go­glio und sei­nen Mit­strei­tern. Es ist zu bezwei­feln, ob es ihm um das „Wohl“ der Schwerst­ver­bre­cher geht. Sind sie für ihn nicht eher Mit­tel zu dem bösen Zweck? Und dann bleibt noch die Fra­ge der mas­sen­haf­ten Todes­stra­fe an den unge­bo­re­nen Kin­dern, aber das hat ihn noch nie so wirk­lich inter­es­siert.

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