„Nie wieder“ einen Fall Alfie Evans und Charlie Gard

Alfie Evans
Zum zweiten Geburtstag von Alfie Evans: Engabe bei der Staatsanwaltschaft und Kundgebung beim Wahrheitsmund in Rom: "Nie wieder"

(Rom) In Rom findet am morgigen 12. Mai (15 Uhr), am Vortag zum Muttertag, beim Wahrheitsmund eine Kundgebung zum Fall Alfie Evans statt. Organisiert wird sie von der gemeinnützigen Vereinigung Steadfast, die sich dafür eingesetzt hatte, Alfie nach Italien zu bringen.

 „Nie wieder einen anderen Charlie, Isaiah und Alfie“,

so lautet das Motto der Kundgebung. Das sind die Namen der drei Kinder, die man in Großbritannien in jüngster Zeit sterben ließ. Grundlage dafür war ein medizinisches Protokoll, das mehr an eine versteckte Euthanasie erinnert, obwohl Euthanasie im Land verboten ist.

„Unser Geburtstagsgeschenk für Alfie“

Alfie Evans wäre am 9. Mai zwei Jahre alt geworden. „Unser Geburtstagsgeschenk für Alfie“ schrieb der Rechtsanwalt Simone Pillon auf Facebook. Er und Matteo Salvini, der Parteivorsitzende der Lega Nord, haben bei der Staatsanwaltschaft eine Eingabe gemacht, mit der sie Aufklärung und Ermittlungen zum Tod von Alfie Evans, „einem italienischen Staatsbürger“, verlangen.

Alfie, Chailie, Isaiah: "Nie wieder"
Alfie, Chailie, Isaiah: „Nie wieder“

Simone Pillon war einer der Organisatoren der drei Family Days, mit denen in Italien für das Eltern- und Lebensrecht und gegen Abtreibung, „Homo-Ehe“, Frühsexualisierung und Gender-Ideologie an Kindergärten und Schulen demonstriert wurde. Am Family Day 2016 in Rom nahmen zwei Millionen Menschen teil. Pillon wurde im März auf der Liste der Lega in den italienischen Senat gewählt. Die Lega erzielte bei den Parlamentswahlen vor zwei Monaten 183 Sitze. ISalvini erhebt seither den Anspruch, nächster italienischer Ministerpräsident zu werden.

Die morgige Kundgebung wird von der Europäischen Union und allen EU-Mitgliedsstaaten ein Bekenntnis zum Leben und eine Absage an die Euthanasie fordern. Die Tötung von unschuldigen Menschen sei unvereinbar mit den „europäischen Werten“. Fälle wie jene der Kleinstkinder Charlie Gard, Isaiah Haastrup und Alfie Evans dürfe es in Europa nicht geben. „Nie wieder“, lautet daher die Forderung. Noch vor allen anderen Rechten und vor allen Pflichten eines Menschen komme das elementarste aller Rechte, das Recht auf Leben. Dieses sei unantastbar. Was die Behandlung eines Kindes angeht, stehe an erster Stelle das Elternrecht. Die Tötung der drei Kinder sei ein Angriff auf „unsere Zivilisation“, egal „hinter welchen Worten und Bemäntelungen die Tat versteckt“ werde.

„Das Elternrecht zur Obsorge für die eigenen Kinder gehört zu den Grundwerten unserer Zivilisation. Um sie zu verteidigen, gehen wir auf die Straße“, schrieb Giorgia Meloni, Vorsitzende der nationalkonservativen Partei Fratelli d’Italia, die seit den Parlamentswahlen vom März mit 50 Mandataren im italienischen Parlament vertreten und engster Verbündeter von Salvinis Lega ist. Melonis Partei gab zugleich bekannt, die Kundgebung von Steadfast zu unterstützen.

Der Tod von Alfie Evans geht auf das Jahr 1989 zurück

LifeSiteNews berichtete, daß der Tod des kleinen Alfie Evans mit dem Jahr 1989 zu tun habe. Damals kam es zum schwersten Unfall in der britischen Fußballgeschichte. Während eines Fußballspiels des FC Liverpool kam es zur Hillsborough-Katastrophe, 93 Fans starben vor Ort oder an kurz danach an den Folgen, 766 verletzt. Obwohl der Fall bereits 28 Jahre zurückliegt, findet die gerichtliche Klärung der Schuldfrage erst jetzt statt.

Alfie Evans
Alfie Evans

Unter den Verletzten befand sich der damals 18 Jahre alte Anthony Bland. Die Einstellung der Versorgung von Alfie Evans, eine verdeckte Form der Euthanasie, fand 1993 durch den Fall Bland Eingang in die britische Rechtsordnung. Damals mußte erstmals ein Gericht über das Begehren eines Antragstellers befinden, den Tod eines unschuldigen Menschen zu verursachen. Zur selben Zeit wurde auch in anderen Ländern, darunter Frankreich und Italien ein Rechtsstreit für „Sterberecht“ aufgenommen mit dem Ziel, die Euthanasie zu legalisieren.

Die Gerichte erlaubten damals dem behandelnden Krankenhaus, Bland, der weder Schmerzen litt noch im Sterben lag, sondern sich im Koma befand, töten zu dürfen. Damit schufen sie einen Präzedenzfall, der Grundlage für die Tötung der genannten Kleinstkinder, darunter jüngst des kleinen Alfie Evans, bildete.

Anthony wollte wie viele seiner Freunde das Fußballspiel anschauen. Durch organisatorische Fehler bei der Lenkung der Massen kam es zum tragischen Zwischenfall. Anthony stürzte, andere trampelten, selbst von der Welle der Masse geschoben, über ihn hinweg. Durch Rippenbrüche, die zur Verletzung der Lungenflügel führten, wurde Anthonys Hirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt.

Die behandelnden Ärzte sahen keine Aussicht, daß er zu Bewußtsein kommen werde. Nach vier Monaten begann der behandelnde Arzt, J.G. Howe, eine Einstellung der Behandlung anzustreben. Er erkundigte sich über die rechtliche Situation. Die Polizei teilte ihm mit, daß er in einem solchen Fall wegen gezielt herbeigeführter Tötung zur Anzeige gebracht werde.

Der richterliche Weg zur Euthanasie

Das Airedale General Hospital wandte sich darauf an den Hohen Gerichtshof des Vereinigten Königreiches (High Court of Justice), um eine rechtlich abgesicherte Erlaubnis zu erhalten, die Versorgung von Anthony Bland einstellen zu können, denn eine weitere Behandlung sei „nicht zum Wohl“ des Patienten. Die Eltern des Jungen unterstützten den Antrag von Dr. Howe.

Pillon zur Eingabe bei der Staatsanwaltschaft
Pillon zur Eingabe bei der Staatsanwaltschaft

Am 19. November 1992 urteilte der Gerichtshof, daß das Krankenhaus die Behandlung einstellen könne. Der im Zuge des Verfahrens eingesetzte Vormund von Anthony, der sich selbst nicht äußern konnte, legte jedoch Berufung ein. Am 9. Dezember 1992 bestätigte das Berufungsgericht (Court of Appeal) die erstinstanzliche Entscheidung und befand, daß die „Würde“ des Todes für Anthony Bland „unvermeidlich“ sei.

Der Vormund erhob Einspruch vor dem damals noch amtierenden Berufungsausschuß des Oberhauses. Fünf Lordrichter bestätigten auch dort die Entscheidung, da die Verlängerung eines „andauernden vegetativen Zustandes“ kein „Gut“ sei. Lord Keith of Kinkel, der das Urteil verfaßte, stellte fest, daß ein Arzt das Beste für seine Patienten anstreben müsse und daher keine Behandlung abbrechen dürfe. Wenn allerdings ein großer Teil der ärztlichen Meinungen in einer Fortsetzung der Behandlung keinen Nutzen sehe, und dieser Meinung nicht unwiderlegbar widersprochen werde, sei kein Arzt zur Fortsetzung der Behandlung verpflichtet.

Der Lordrichter befand, daß für eine Person in einem andauernden vegetativen Zustand Tod oder Leben „völlig indifferent“ seien. Daher gelangte er zum Schluß, daß die bewußte Lebensverkürzung bei einem Patienten zwar illegal, die Einstellung der Behandlung für Anthony Bland aber erlaubt sei.

Lordrichter Goff of Chieveley war der Meinung, daß in einer solchen Situation die „Heiligkeit des Lebens“ anderen Grundsätzen weichen müsse. Welchen Grundsätzen? Laut Lord Goff im konkreten Fall dem „Selbstbestimmungsrecht“. Das aber konnte Bland nicht geltend machen. Goff verwies jedoch darauf, daß andere für sein „Wohl“ entscheiden müßten, im Klartext die Richter, da eine Fortsetzung der Behandlung „grausam“ sei.

1993 mußte Anthony Bland verhungern

Am 3. März 1993 wurde die künstliche Ernährung eingestellt. Man ließ Anthony Bland verhungern und verdursten. Als Todesursache wurde amtlich jedoch „Unfall“ angegeben, aufgrund der Ereignisse und ihrer Folgen, die sich vier Jahre zuvor zugetragen hatten. Daß Bland aufgrund einer höchstrichterlichen Entscheidung und des ärztlichen Verhaltens verhungern und verdursten mußte, wurde unterschlagen.

Der katholische Priester und Lebensrechtsaktivist James Morrow der sich freiwillig angeboten hatte, sich um Bland zu kümmern, bezeichnete den Tod des jungen Mannes als „Mord“. Er erstattete Anzeige gegen Dr. Howe, weil „verhindert werden müsse, daß es künftigen Komapatienten, Behinderten oder alten Menschen gleich ergeht wie Bland“.

Morrow hatte keinen Erfolg damit. Zwei Anzeigen wurden von den zuständigen Richtern abgewiesen. Ebenso erfolglos blieb 1996 sein Einsatz in Schottland, Janet Johnston, ein anderens Hillsborough-Opfer, vor der Euthanasierung zu retten. Morrow starb 2010 an einem Schlaganfall.

Kein „Unfall“, sondern „illegale Tötung“

Am 26. April 2016 wurde der Fall Anthony Bland im Zuge der gerichtlichen Aufarbeitung der Hillsborough-Katastrophe neu aufgerollt. Im Urteil wurde die Todesursache „Unfall“ durch „illegale Tötung“ ersetzt. Die Entscheidung wurde allerdings nicht in einen Zusammenhang mit den richterlichen Entscheidungen von 1992/1993 gestellt. Der Tod Blands, so die neue Entscheidung, sei vielmehr der Polizei von Liverpool anzulasten, deren Versagen die Hillsborough-Katastrophe ausgelöst habe. Seither wird Anthony Bland als 96. Todesopfer von Hillsborough gezählt. Im Juni 2017 wurde wegen der Ereignisse von 1989 Anklage gegen sechs Polizeibeamte erhoben. Das Verfahren ist noch im Gange.

Charlie Gard
Charlie Gard

Anthony Bland war natürlich ein Opfer der Trampelei von Hillsborough. Sein Tod geht aber nicht darauf zurück. Bland ist erst vier Jahre später auf richterliche Entscheidung durch Einstellung der ärztlichen Grundversorgung verhungert und verdurstet. Die Richter haben sich in drei Instanzen zuständig gefühlt, über Leben oder Tod von Anthony Bland zu entscheiden, wollen dies aber seither offenbar vertuschen.

„Wenn die Behauptung von 2016 stimmen würde, könnte man alle Patienten, denen in England ohne ihre Zustimmung die Grundversorgung entzogen und gezielt ihr Tod herbeigeführt wird, als Opfer der Hillsborough-Katastrophe bezeichnen“, so Assuntina Morresi in ihrem Buch über den Tod des kleinen Charlie Gard: „Charlie Gard. Staatseuthanasie“ (2017).

Der Fall Andrew Devine

Das Buch „Charlie Gard, Staatseuthanasie“
Das Buch „Charlie Gard, Staatseuthanasie“

Von Bedeutung ist, daß andere Patienten es dank des Einsatzes und der Liebe ihrer Familien geschafft haben. Dazu gehört die Geschichte von Andrew Devine, einem weiteren Opfer der Hillsborough-Katastrophe, die Morresi in ihrem Buch schildert. Für Devine lautete die ärztliche Prognose noch schlimmer als für Anthony Bland. 1994 gelang es den Eltern aber durch ihre Hartnäckigkeit, Andrew nach Hause zu bringen. 1997 konnte er auf einfache Fragen antworten und einen Druckknopf betätigen. Das Royal College of Physicians zeigte sich höchst erstaunt und bestätigte eine wirkliche, wenn auch unerklärliche Besserung, denn die seinerzeitige Diagnose, sein andauernder vegetativer Zustand sei „irreversibel“, sei völlig richtig gewesen.

Am 15. April 2014 nahm Andrew an einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Hillsborough-Katastrophe teil. Obwohl die Eltern sich um Andrew zu kümmern hatten, zogen sie auch seine vier jüngeren Geschwister auf. „Heute hat er auch sechs Nichten und Neffen, die an Onkel Andrew herumturnen und ihn umarmen“, so Assuntina Morresi in ihrem Buch.

„Wir sind froh, daß Andrew bei uns zu Hause ist und wir schauen hoffnungsvoll in die Zukunft. Es gibt immer Hoffnung“, so die Mutter von Andrew Devine.

Den Eltern von Charlie Gard (2017) und von Alfie Evans (2018) untersagten die behandelten Gerichte, ihre Kinder aus dem Krankenhaus herauszuholen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons/Steadfast/Facebook/MiL (Screenshots)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*