Die Wacht am Nein

Theodor W. Adorno
Rote Fahne über Berlin (1945), nachgestellte und dennoch aussagestarke Szene. Sie zeigt nur einen Aspekt der marxistischen Dominanz im deutschen Sprachraum. Mit dem Namen von Theodor W. Adorno sind vor und nach 1945 einige davon verbunden.

Von Auf­klä­rung und Mar­xis­mus sowie dem links-ideo­lo­gi­schen Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang der Frank­fur­ter Schule.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker.

Der deut­sche Fabri­kant und Marx-Freund Fried­rich Engels behaup­te­te, der Mar­xis­mus sei als ein Kind der euro­päi­schen Auf­klä­rung anzu­se­hen: Der öko­no­mi­sche Libe­ra­lis­mus des Adam Smith (Eng­land), die Visio­nen des Jean-Jaques Rous­se­au von Ver­nunft und Frei­heit (Frank­reich) und die kri­ti­sche Kom­pe­tenz des Deut­schen Imma­nu­el Kant sei­en die Quel­len des Marxismus.

In einer zwei­ten Pha­se sei­en die Arbeits­wert­leh­re des Eng­län­ders David Ricar­do, die Ideen des uto­pi­schen Sozia­lis­mus aus Frank­reich sowie der dia­lek­ti­sche Idea­lis­mus des deut­schen Phi­lo­so­phen Georg Wil­helm Fried­rich Hegel hinzugekommen.

Karl Marx habe die­se Ansät­ze zu einer neu­en System­theo­rie aus­ge­baut, mit der alle Phä­no­me­ne die­ser Welt aus den mate­ria­li­sti­schen Bedin­gun­gen von Natur und Öko­no­mie erklärt wer­den könn­ten. Gleich­zei­tig soll­te der Mensch­heit eine Per­spek­ti­ve zur abso­lu­ten Frei­heit gewie­sen wer­den – dem Para­dies auf Erden.

Karl Marx verschaffte den Schattenseiten der Aufklärung Geltung …

Wenn die­se Quellen­theo­rie zuträ­fe, dann wäre es schier uner­klär­lich, wie­so aus der Ver­nunft-Auf­klä­rung der men­schen­feind­li­che Des­po­tis­mus des Kom­mu­nis­mus erwach­sen konn­te. Oder waren es die dunk­len Unter­strö­mun­gen der Auf­klä­rung selbst, in denen der spä­te­re Ter­ror ange­legt war? Der Ter­reur der auf­ge­klär­ten Jako­binerherr­schaft scheint das zu bestätigen.

Adorno: Gedenktafel in Frankfurt am Main
Ador­no: Gedenk­ta­fel in Frank­furt am Main

Tat­säch­lich stüt­zen sich Marx und spä­ter Lenin vor allem auf extre­mi­sti­sche Ansich­ten und Autoren der Auf­klä­rung — etwa die radi­ka­li­sti­sche Reli­gi­ons­kri­tik von de La Mett­rie und Vol­taire, die tota­li­tä­re Staats­phi­lo­so­phie von Rous­se­au oder den kru­den Mate­ria­lis­mus der fran­zö­si­schen Phy­si­ka­li­sten. Das waren eher die Dun­kel­män­ner der Auf­klä­rung, die deren Schat­ten­sei­ten dar­stell­ten. In der sozia­li­sti­schen Revo­lu­ti­on 1917 wur­den die trü­ben Theo­rien aus der Gos­se der euro­päi­schen Gei­stes­ge­schich­te nach oben gespült.

Die rus­si­schen Bol­sche­wi­sten ver­stan­den sich als sozia­li­sti­sche Jako­bi­ner. Sie lie­ßen alle Alb­träu­me der auf­klä­re­ri­schen Ver­nunft Wirk­lich­keit wer­den. Alle Nacht­mah­re der Schreckens­herr­schaft von 1793/94 wur­den über­trof­fen, alle For­men von neu­zeit­li­chem Staats­ter­ro­ris­mus per­fek­tio­niert. Die sowje­ti­sche Geschich­te der Lenin-Sta­lin-Ära ist von immer neu­en Wel­len an Ter­ror und Tod, Geheim­po­li­zei und Bespit­ze­lung, Umer­zie­hung und Arbeits­la­ger, Pro­pa­gan­da und Pres­sio­nen gekennzeichnet.

Die Tsche­ka-Zeit­schrift „Roter Ter­ror“ hat­te 1920 die Paro­le aus­ge­ge­ben: Die Bour­geoi­sie, etwa 10 Pro­zent der 100 Mil­lio­nen Rus­sen, müss­te liqui­diert wer­den. Trotz­ki ver­lang­te, das „Russ­land der Iko­nen und Kaker­la­ken“ zu ver­nich­ten. Neben den reli­giö­sen Vor­stel­lun­gen soll­ten auch die bür­ger­li­chen Lebens- und Denk­for­men über Fami­lie und Erzie­hung, Tugen­den und Tra­di­tio­nen aus­ge­löscht werden.

… Lenin, Stalin und Mao machten daraus die Hölle auf Erden

Das geist­lich-kirch­li­che Russ­land wur­de schon Anfang der 20er Jah­re stran­gu­liert, das rus­si­sche Bür­ger­tum durch die Weg­nah­me von Eigen­tum und Bil­dung gelähmt. Die rus­si­schen Bau­ern ließ man wäh­rend der Kol­lek­ti­vie­rungs­pha­se mil­lio­nen­fach ver­hun­gern und verkommen.

Viele westliche Intellektuelle sangen das Lob auf den Kommunismus
Vie­le west­li­che Intel­lek­tu­el­le san­gen das Lob auf den Kommunismus

Alle übri­gen Men­schen mit abwei­chen­den Mei­nun­gen und ande­ren Vor­stel­lun­gen als der Par­tei­li­nie wur­den wäh­rend der Ver­fol­gungs­pha­se ab 1936 – der „Höl­le auf Erden“, wie die FAZ am 12. 12. 2006 titel­te – drang­sa­liert und depor­tiert, von der Geheim­po­li­zei unmit­tel­bar ermor­det oder in den mehr als 500 GULags durch Arbeit umgebracht.

Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs muss­te die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei im Krieg gegen die eige­nen Völ­ker eine Zwangs­pau­se ein­le­gen, um dann ab 1947 den sowje­ti­schen Staats­ter­ror wie­der­auf­le­ben zu las­sen und sogar in die kom­mu­ni­stisch annek­tier­ten Gebie­te bis an den Eiser­nen Vor­hang zu exportieren.

Der Sta­li­nis­mus wur­de zwar ab 1956 für die Sowjet­uni­on teil­re­vi­diert, stieg aber als Mao­is­mus in Chi­na noch 20 Jah­re lang zu neu­en, unvor­stell­ba­ren Stu­fen von Grau­en und Grau­sam­keit auf.

Auch Mao Tse-tung sah sich übri­gens von der euro­päi­schen Auf­klä­rung und Bil­dung inspi­riert: Georg Fried­rich Wil­helm Hegel und Karl Marx, Fried­rich Engels und Ernst Haeckel sei­en sei­ne Lehr­mei­ster gewe­sen, wie der alte Mao dem CDU-Poli­ti­ker Ger­hard Schrö­der beim Staats­be­such 1972 ver­riet. Noch heu­te gilt die Reli­gi­ons­kri­tik von Kant als Staats­dok­trin vom kom­mu­ni­sti­schen China.

Eben­so war die Füh­rung der Stein­zeit­kom­mu­ni­sten um Pol Pot in Kam­bo­dscha vom euro­päi­schen Mar­xis­mus gelei­tet, den die Mas­sa­ker-Kom­mu­ni­sten als Stu­den­ten in Frank­reich ken­nen­ge­lernt hatten.

Von 1917 bis heu­te zieht sich eine Ket­te von Ter­ror­wel­len und Mensch­heits­ver­bre­chen durch die Geschich­te von Gesell­schaf­ten, die im Wür­ge­griff der tota­li­tä­ren Mar­xi­sten ste­hen. Es ist eine Geschich­te, die in den dunk­len Denk­wel­ten der euro­päi­schen Auf­klä­rung ihren Aus­gangs­punkt nahm.

Wie reagierten die links-liberalen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts auf die marxistisch-kommunistische Katastrophengeschichte?

1926 hielt sich der deut­sche Mar­xist Wal­ter Ben­ja­min län­ger Zeit in der Sowjet­uni­on auf. Er war begei­stert und über­leg­te sich ernst­haft, Mit­glied der Sta­lin-Par­tei zu werden.

Kommunisten unter sich: in der Mitte Bert Brecht
Kom­mu­ni­sten unter sich: in der Mit­te Bert Brecht

Ber­tolt Brecht schrieb Ende der zwan­zi­ger Jah­re wie ein Jubel­per­ser Hym­nen auf Sta­lins Indu­stria­li­sie­rungs­pro­gramm, als Hun­dert­tau­sen­de Bau­ern ver­hun­gert, ver­schleppt oder ver­sklavt wurden.

1935 lud Sta­lin über sei­nen Dich­ter-Pro­pa­gan­di­sten Maxim Gor­ki eine grö­ße­re Anzahl euro­päi­scher Schrift­stel­ler nach Mos­kau ein.

Sta­lin ließ den Gästen ein Muster-GUlag zei­gen– gewis­ser­ma­ßen ein rotes The­re­si­en­stadt-KZ. Die ein­ge­la­de­nen west­eu­ro­päi­schen Schrift­stel­ler waren durch­weg begei­stert über den kom­mu­ni­sti­schen ‚Muster­staat’ und ver­brei­te­ten die­se Pro­pa­gan­da in ihren Hei­mat­län­dern. Am pein­lich­sten waren die Schön­schrif­ten auf den Sta­lin­staat von Sei­ten des deut­schen Schrift­stel­lers Lion Feuchtwanger.

1936 begann vor aller Welt der „Gro­ße Ter­ror“ der sta­li­ni­sti­schen Ver­fol­gungs­wel­le. Alle deut­schen links­ori­en­tier­ten Exil­schrift­stel­ler wuss­ten mehr oder weni­ger detail­liert Bescheid um die Ter­ror­ak­tio­nen Sta­lins. Ber­tolt Brecht etwa schreibt in Brie­fen davon. Aber sie schwie­gen alle öffent­lich, hiel­ten ihre viel­fäl­ti­gen Infor­ma­tio­nen bewusst zurück. Ande­re ver­harm­lo­sten den Ter­ror oder pro­pa­gier­ten ihn gar als not­wen­di­ge Säuberungen.

Nur weni­ge der Russ­land­be­su­cher kamen ernüch­tert zurück, dar­un­ter der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler André Gide. Ande­re wand­ten sich nach ihren Erfah­run­gen im spa­ni­schen Bür­ger­krieg vom Kom­mu­nis­mus ab – wie Arthur Köst­ler oder Geor­ge Orwell. Doch die Autoren von mar­xis­mus-kri­ti­schen Berich­ten wur­den von dem Gros der links-libe­ra­len Lite­ra­ten und Medi­en als Ver­rä­ter denun­ziert und bekämpft.

Theodor W. Adorno

Theo­dor W. Ador­no war einer aus dem Kreis die­ser links­in­tel­lek­tu­el­len Sta­lin-Ver­ste­her und Ter­ror­be­schö­ni­ger. Der deut­sche Pro­fes­sor schrieb im Novem­ber 1936, als Sta­lin mit Schau­pro­zes­sen und Exe­ku­ti­ons­ak­tio­nen die KPdSU auch von Tau­sen­den Juden säu­ber­te, aus sei­nem siche­ren eng­li­schen Exil an sei­nen Freund Horkheimer:

„In der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on soll­ten wir – sei es auch um den schwer­sten Preis – Dis­zi­plin hal­ten und nichts publi­zie­ren, was Russ­land zum Scha­den aus­schla­gen kann.“

Rolle der westlichen Stalinisten unter den Tisch gekehrt
Rol­le der west­li­chen Sta­li­ni­sten unter den Tisch gekehrt

Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs im ame­ri­ka­ni­schen Exil warb Ador­no aus­drück­lich für den sta­li­ni­sti­schen Sowjet­kom­mu­nis­mus – ohne die mil­lio­nen­fa­chen Opfer des roten Ter­rors zu erwäh­nen. Die­se Linie hielt Ador­no auch bei, als nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Sowjet­uni­on erneut die tota­li­tä­re Ver­fol­gungs­ma­schi­ne­rie wie­der anzog und auch in ihrem erwei­ter­ten Ein­fluss­ge­biet im beherrsch­ten Ost­block durchsetzte.

Das Stück „Der Phi­lo­soph. Oder: Durf­te Ador­no schwei­gen?“ ist nie geschrie­ben worden.

Das Buch „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ von 1944 gilt als das viel­ge­stal­ti­ge Haupt­werk der Autoren Ador­no und Hork­hei­mer. Dar­in füh­ren sie im drit­ten Haupt­teil aus, wie die destruk­ti­ven Auf­klä­rungs­schrift­stel­ler de La Mett­rie und de Sade den spä­te­ren tota­li­tä­ren Faschis­mus vor­be­rei­te­ten – eben­so wie Nietz­sche mit sei­nen sozi­al­dar­wi­ni­sti­schen Über­mensch­phan­ta­sien. Somit hät­te die Auf­klä­rung auch zu dem Irr­weg der bür­ger­li­chen Gesell­schaft in den faschi­sti­schen Staat beigetragen.

In den wei­te­ren Kapi­teln wird der Hori­zont auf eine „nega­ti­ve Uni­ver­sal­ge­schich­te der abend­län­di­schen Zivi­li­sa­ti­on“ (G. Schwep­pen­häu­ser) aus­ge­wei­tet, bei der schließ­lich auch die Ver­nunft-Auf­klä­rung in „Mas­sen­be­trug“ umge­schla­gen sei — ins­be­son­de­re in der Kulturindustrie.

Die „Kri­ti­sche Theo­rie“, wie das Kon­zept der Frank­fur­ter Schu­le auch genannt wur­de, wand­ten die bei­den Prot­ago­ni­sten nie auf den Sozia­lis­mus und die kom­mu­ni­sti­schen Mensch­heits­ver­bre­chen an.

Die nega­ti­ven Sei­ten der Auf­klä­rung wur­den aus­schließ­lich auf den kapi­ta­li­sti­schen Westen pro­ji­ziert. Aus die­ser Per­spek­ti­ve soll­te sich in den Köp­fen der Stu­den­ten die sozia­li­sti­sche Bar­ba­rei in einem ver­klär­ten Licht zei­gen und die Leh­re des ver­bre­che­ri­schen Mar­xis­mus als die bes­se­re Alter­na­ti­ve aufscheinen.

Die Wacht am Nein

Man schwelg­te im Sozio­lo­gen-Jar­gon der „Nega­ti­ven Theo­rie“ – ein wei­te­rer Begriff für das gesell­schaft­li­che Ableh­nungs­kon­zept von Ador­no und Hork­hei­mer. Aus ihrer mar­xi­sti­schen Per­spek­ti­ve stell­ten sie die christ­lich-ethi­schen Prä­gun­gen Euro­pas aus­schließ­lich nega­tiv dar. Ihr eige­ner links-ideo­lo­gi­scher „Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang“ mach­te sie blind für die west­li­chen Wer­te: Dua­li­tät und Koope­ra­ti­on von Reli­gi­on und Staat, Men­schen­rech­te und Gemein­wohl­ori­en­tie­rung, die Aus­bil­dung der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grundordnung.

Rote Armee Fraktion RAF
Rote Armee Frak­ti­on RAF

Mit der „Wacht am Nein“ (Odo Mar­quard) führ­te die Frank­fur­ter Schu­le eine Genera­ti­on von Njet-Set-Stu­den­ten auf den Irr­weg des Mar­xis­mus. In der Auf­fä­che­rung der 68er Sze­ne zeig­ten sich alle lin­ken Abschat­tun­gen – als da waren: ortho­do­xe Mar­xi­sten, Mao­isten, Trotz­ki­sten, DDR-Sozia­li­sten, Anti­fa­schi­sten, Anar­chos und gewalt­tä­ti­ge Spon­ti-Sozia­li­sten wie Joseph (Josch­ka) Fischer. In die­sem Spek­trum wur­de – so ein FAZ-Leser am 26. 3. 2018 – „ein Pan­dä­mo­ni­um aus Des­po­ten und Ver­bre­chern an der Mensch­lich­keit ver­ehrt: Lenin, Sta­lin, Mao, Pol Pot, Kim Il-Sung, Fidel Castro, Enver Hod­scha. Deren mör­de­ri­sche Tota­li­ta­ris­men erklär­te man zum erstre­bens­wer­ten Vor­bild der deut­schen und euro­päi­schen Gesell­schafts­ord­nung – ein unver­zeih­li­cher Irrwitz.“

Die Mar­xi­sten der Kri­ti­schen Theo­rie inspi­rier­ten auch das Schlag­wort vom „spät­ka­pi­ta­li­sti­schen Kon­sum- und Waren­ter­ror“. Damit wur­den sie zu Impuls­ge­bern für die lin­ken Anar­chi­sten um Meinold, Baa­der und Ens­s­lin. Die began­nen mit der Frank­fur­ter Kauf­haus­brand­stif­tung am 2. April 1968, also in die­sen Tagen vor 50 Jah­ren, den links­fa­schi­sti­schen Krieg der „Roten Armee-Frak­ti­on“ gegen die „spät­ka­pi­ta­li­sti­sche BRD“.

Text: Hubert Hecker
Bild: Wikicommons/Communist Inter­na­tio­nal (Screen­shots)

[Updtae 8. April 2018: Irr­tüm­lich stand in dem Arti­kel, daß sich Ger­hard Schrö­der (SPD) wäh­rend eines Staats­be­suchs mit Mao Tse-tung tra­fen. Rich­tig ist, daß sich 1972 der CDU Poli­ti­ker Ger­hard Schrö­der 1972 mit Mao Tse-tung zusam­men­traf. Ger­hard Schrö­der (CDU) war von 1969 bis 1980 Vor­sit­zen­der des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses. In die­ser Eigen­schaft war er der erste bun­des­deut­sche Spit­zen­po­li­ti­ker, der eine Ein­la­dung in die Volks­re­pu­blik Chi­na erhielt. Dort ver­han­del­te er vom 13. bis 29. Juli 1972 mit dem chi­ne­si­schen Pre­mier­mi­ni­ster Zhou Enlai über die spä­ter erfolg­te Auf­nah­me von diplo­ma­ti­schen Beziehungen.

Nicht Lyo­nel Fei­nin­ger, ein Maler und Zeich­ner, besuch­te die Sowjet­uni­on und ver­fass­te Jubel­schrif­ten auf den Sta­lin­staat, son­dern der Schrift­stel­ler Lion Feucht­wan­ger. ((Karl Kröhn­ke, Lion Feucht­wan­ger, Der Ästhet in der Sowjet­uni­on, Metz­ler 1991))

- Dies wur­de im Text kor­ri­giert.]

3 Kommentare

  1. Die­ses „Sta­lin-Ver­ste­her“ ist ähn­lich dumm und falsch wie das „Put­in­ver­ste­her“ — doch auf ande­re Art.

    Zunächst zu Putin: Der Westen wäre gut bera­ten, Putin wirk­lich zu ver­ste­hen. Hät­te der Westen sich dar­um bemüht, wäre es weder zu dem Mai­dan­putsch noch zu dem Krieg in der Ost­ukrai­ne noch zur Wie­der­ver­ei­ni­gung der Krim mit dem übri­gen Ruß­land gekom­men. Denn alles, was dort nach dem Mai­dan­putsch geschah, war Not­wehr, wirk­li­che Not­wehr Ruß­lands. Hät­te der Westen ver­sucht, Putin zu ver­ste­hen, hät­te ihm klar wer­den müs­sen, daß Putin und Ruß­land kei­ne Ukrai­ne in der Nato und erst recht kei­nen feind­li­chen Schwarz­meer­ha­fen Sevas­to­pol hin­neh­men konn­ten. Vor dem Mai­dan­putsch bot Putin dem Westen die Hand zur Zusam­men­ar­beit, doch der Westen schlug sie aus.

    Grund­sätz­lich ist es dumm, ande­re Men­schen nicht ver­ste­hen zu wol­len, erst recht, wenn die­se Men­schen ein gro­ßes Land regie­ren. Des­halb soll­te jeder maß­geb­li­che west­li­che Poli­ti­ker ein Put­in­ver­ste­her sein.

    Das Schach­spiel ist in Ruß­land sehr beliebt, und Putin ist mei­nes Wis­sens ein guter Schach­spie­ler. Und für einen Schach­spie­ler ist es von gro­ßem Vor­teil, wenn er in etwa vor­aus­schau­en kann, was sein Geg­ner vor­hat — mit ande­ren Wor­ten, wenn er sei­nen Geg­ner ver­ste­hen kann.

    Ganz anders ver­hält sich die Sache mit Sta­lin. Natür­lich soll­te man auch ver­su­chen, zu begrei­fen, war­um er sei­ne Ver­bre­chen beging. Aber die­je­ni­gen, die sei­ne Ver­bre­chen ver­harm­lo­sen oder auch noch gut­hei­ßen, sind kei­ne „Sta­lin-Ver­ste­her“, son­dern Sta­lin­ver­eh­rer — Ver­eh­rer eines Schwerstverbrechers.

  2. Ich sehe das Pro­blem in Kli­schees sowie in feh­len­der Intel­lek­tua­li­tät und Infor­miert­heit in der brei­ten Bevöl­ke­rung, was die Ver­eh­rung des Kom­mu­nis­mus, trotz 100 Mil­lio­nen Todes­op­fern, betrifft.

    Wer heu­te fest­stel­len wür­de, Russ­land habe sich unter Vla­di­mir Putin gesell­schaft­lich, finanz­po­li­tisch und mili­tä­risch seit dem Zer­fall der Sowjet­uni­on gut erholt, wird ent­we­der als Böser auf dem Schach­brett der Welt­po­li­tik gese­hen oder als poten­zi­el­ler Kommunisten-Sympathisant(Russland=Kommunismus). Auch wenn das nicht zutrifft.

    Es ist auf jeden Fall dumm, wie mein Vor­red­ner bereits sag­te, wenn man sich von Vor­ne­her­ein wei­gert, ande­re ver­ste­hen zu wol­len. So wie es lei­der vie­le west­li­che Poli­ti­ker und Medi­en­ver­tre­ter Russ­land gegen­über tun. Aber ich bin über­zeugt, ein gro­ßer mili­tä­ri­scher Kon­flikt ist sei­tens der USA beab­sich­tigt und sie wer­den die­sen so lan­ge her­aus­for­dern, bis er stattfindet.
    Und Gott wird es zulas­sen, da die Sün­den der Mensch­heit das Faß zum Über­lau­fen gebracht haben. Nach Fati­ma hat es nicht die gro­ße Bekeh­rung gege­ben, son­dern nach 68 und der Auf­klä­rung kamen noch schlim­me­re Sün­den als vor den bei­den Weltkriegen.

    Vie­le wäh­nen sich heut­zu­ta­ge poli­tisch auf der rich­ti­gen Sei­te, zei­gen auf alles mit dem Fin­ger das „nach Nazi riecht“, und haben zum Schluss ein Che Gue­va­ra-Poster im Zim­mer hän­gen oder kom­mu­ni­sti­sche Sym­bo­le im Face­book-Pro­fil. Solan­ge sowas gän­gi­ge Norm ist, bleibt die poli­ti­sche Mit­te dünn besiedelt.

  3. Ruß­land war immer ein Fas­zi­no­sum sowohl für Lin­ke als auch Rech­te (ich mei­ne damit frei­lich nicht mit­tel­ost­eu­ro­päi­sche Rech­te, die nie­mals eine Nai­vi­tät bezüg­lich Ruß­land zeig­ten, da sie selbst zu Genü­ge unter der rück­stän­di­gen Knecht­schaft Ruß­lands dar­ben muß­ten) obgleich es stets die kor­rup­te Anti­the­sis zum Abend­lan­de war. Und so ist es auch heute.
    Jeden­falls ist auf­grund der geschicht­li­chen Erfah­run­gen und noch mehr auf­grund des aggres­si­ven rus­si­schen Natio­na­lis­mus jede Vor­sicht gebo­ten, heu­te eben­so wie vor 1989/91. Polen und das Bal­ti­kum haben glück­li­cher­wei­se die rich­ti­gen Leh­ren aus der Geschich­te gezo­gen und wer­den nicht noch ein­mal den Preis für einen Deutsch-Rus­si­schen Aus­gleich bezah­len. Sie haben Ari­sto­te­les Poli­tik, 7. Buch gelesen.

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