Die „Option Benedikt“

Papst Franziskus und Papst Benedikt XVI.
Papst Franziskus und Papst Benedikt XVI.: „wahrer Papst“ und „falscher Papst“?

Von Rober­to de Mattei*

Die „Opti­on Bene­dikt“ wird von Rod Dre­her nicht nur erläu­tert, um einen Modus zu beschrei­ben, wie ein christ­li­ches Leben in einem säku­la­ri­sier­ten Westen mög­lich ist (The Bene­dict Opti­on: A Stra­te­gy for Chri­sti­ans in a Post-Chri­sti­an Nati­on, Black­stone Audio­books 2017). Sie kann auch als Exit Stra­te­gy für jene aus der Kri­se ver­stan­den wer­den, die Bene­dikt XVI. als „wah­ren Papst“ Fran­zis­kus als „fal­schen Papst“ ent­ge­gen­set­zen.

Die Ver­fech­ter die­ser The­se, die hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand in eini­gen römi­schen Kir­chen­krei­sen ver­brei­tet ist, sind über­zeugt, daß der beste Weg, sich Papst Fran­zis­kus‘ zu ent­le­di­gen, der ist, nach­zu­wei­sen, daß Jor­ge Mario Ber­go­glio wegen der Ungül­tig­keit sei­ner Wahl und/oder des Rück­tritts von Bene­dikt XVI., der gar  nicht auf sein Amt ver­zich­tet habe, gar nicht Papst ist.

Die­se Posi­ti­on grün­det vor allem auf dem Werk von Prof. Vale­rio Gigliot­ti „Die abge­leg­te Tia­ra“ ((Orig. Buch­ti­tel: La Tia­ra depo­sta.)) (Olsch­ki, Flo­renz 2013), des­sen letz­tes Kapi­tel der „‘Renun­tia­tio mysti­ca‘ von Bene­dikt XVI.: Recht und Theo­lo­gie im Dienst des Vol­kes“ (S. 387–432) gewid­met ist. Laut Gigliot­ti „wird der über­ra­schend­ste und wirk­lich inno­va­ti­ve Aspekt durch die Grund­per­spek­ti­ve gebo­ten, die den gan­zen Ver­lauf des Rück­tritts von Papst Bene­dikt XVI. durch­zieht: eine Dimen­si­on, die das Insti­tut der renun­tia­tio von der recht­li­chen Ebe­ne der Auf­ga­be der potestas regen­di et gube­ran­di Eccle­siae auf die mysti­sche Ebe­ne des Dien­stes an der Kir­che, am Volk Got­tes, in die Dimen­si­on des Gebets und der Stil­le des Rück­zugs aus der Welt über­trägt“ (S. 403). Der Weg für eine sug­ge­sti­ve, aber halt­lo­se kano­ni­sche Abkür­zung, um den dok­tri­nel­len Pro­ble­men zu ent­ge­hen, ist damit auf­ge­tan.

Prof. Don Rober­to Rego­li hat in sei­nem Buch „Über die Kir­chen­kri­se hin­aus. Das Pon­ti­fi­kat von Bene­dikt XVI.“((Orig. Buch­ti­tel: Olt­re la cri­si del­la Chie­sa. Il pon­ti­fi­ca­to di Bene­det­to XVI.)) (Lin­dau, Turin 2016) die The­se Gigliot­tis auf­ge­grif­fen, und bei der Vor­stel­lung von Don Rego­lis Buch 2016 im Fest­saal der Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na sag­te Msgr. Georg Gäns­wein, daß Papst Bene­dikt das Ver­ständ­nis des „Petrus-Amtes“ nach­hal­tig „ver­än­dert“ hat.

„Er hat sei­nen Stuhl geräumt, doch die­sen Dienst hat er mit sei­nem Schritt vom 11. Febru­ar 2013 eben nicht ver­las­sen. Er hat das per­so­na­le Amt statt­des­sen ergänzt um eine kol­le­gia­le und syn­oda­le Dimen­si­on, als einen qua­si gemein­sa­men Dienst. (…) Seit der Wahl sei­nes Nach­fol­gers Fran­zis­kus am 13. März 2013 gibt es also kei­ne zwei Päp­ste, aber de fac­to ein erwei­ter­tes Amt  ̶  mit einem akti­ven und einem kon­tem­pla­ti­ven Teil­ha­ber. Dar­um hat Bene­dikt XVI. weder den wei­ßen Talar noch sei­nen Namen abge­legt. Dar­um ist sei­ne kor­rek­te Anre­de auch heu­te noch ‚Hei­li­ger Vater‘, und dar­um zog er sich auch nicht in ein abge­le­ge­nes Klo­ster zurück, son­dern in das Inne­re des Vati­kans – als sei er nur bei­sei­te getre­ten, um sei­nem Nach­fol­ger und einer neu­en Etap­pe in der Geschich­te des Papst­tums Raum zu geben.“

Zu den besten Arbei­ten, die die­sen Ver­such einer Neu­de­fi­ni­ti­on des Päpst­li­chen Pri­mats wider­le­gen, gehö­ren ein fun­dier­ter Auf­satz von Kar­di­nal Wal­ter Brand­mül­ler mit dem Titel „Renun­tia­tio Papae. Eini­ge kir­chen­rechts­hi­sto­ri­sche Über­le­gun­gen“ ((Orig. Buch­ti­tel: Renun­tia­tio Papae. Alcu­ne rif­les­sio­ni sto­ri­co-cano­ni­sti­che.)) (Archi­vio Giurid­ico, 3–4/2016, S. 655–674) und ein umfas­sen­des Buch der Pro­fes­so­rin des Kir­chen­rechts an der Uni­ver­si­tät Bolo­gna, Geral­di­na Boni: „Über einen Ver­zicht. Die Ent­schei­dung von Papst Bene­dikt XVI. und das Recht“ ((Orig. Buch­ti­tel: Sopra una rin­un­cia. La deci­sio­ne di papa Bene­det­to XVI e il dirit­to.)) (Bono­nia Uni­ver­si­ty Press, Bolo­gna 2015).

Wenn Gigliot­ti schreibt, daß “Bene­dikt XVI. wie bereits Cöle­stin V., nach sechs Jahr­hun­der­ten mit dem Ein­bre­chen einer neu­en renun­tia­tio in die Kir­chen­ge­schich­te, dem Gestus des päpst­li­chen Ver­zichts eine neue Bedeu­tung gibt, indem er die potestas dem ser­vi­ti­um unter­ord­net und nach dem patri­sti­schen Modell das päpst­li­che Amt mehr zum mini­ste­ri­um als domi­ni­um macht“ (La Tia­ra depo­sta, S. XXXVII),  merkt Boni an, daß die­se Behaup­tung „sich viel­leicht für eine will­kür­li­che  Anci­pi­ti-Les­art des petri­ni­schen munus eig­ne, aber bar jedes kirch­li­chen munus“ sei (Sopra una rin­un­cia, S. 190). Glei­ches gel­te für eine ande­re Behaup­tung Gigliot­tis, laut der „die Geschich­te des Ver­zichts auf die Tia­ra wohl die Geschich­te eines Macht­ver­zichts ist, aber auch und vor allem die Geschich­te einer Wil­lens­aus­übung, die gera­de im Moment ihrer äußer­sten, nega­ti­ven Dekli­na­ti­on (non volo, ab-renun­tio), das chri­sto­zen­tri­sche und pote­sta­ti­ve Wesen des Petrusam­tes zum Aus­druck bringt“ (La Tia­ra depo­sta, S. XL).

Die „renun­tia­tio mysti­ca“ von Bene­dikt, so Gigliot­ti, „begrün­det den neu­en Sta­tus des zurück­ge­tre­te­nen Pap­stes“ (S. 414). Er „ist recht­lich nicht mehr Sum­mus Pon­ti­fex, aber zugleich kann er nicht mehr der Kar­di­nal sein, der ins Kon­kla­ve ein­ge­tre­ten ist, son­dern muß zugleich einen neu­en, recht­li­chen und per­sön­li­chen ‚Sta­tus‘ anneh­men, einen ‚drit­ten Kör­per‘, der die tria cor­po­ra papae mit­ein­schließt. Das hat Bene­dikt XVI. voll­zo­gen und auf die­se Wei­se eine Mög­lich­keit der Wei­ter­ent­wick­lung jener glück­li­chen Intui­ti­on von Ernst Kan­to­ro­wicz von den bei­den Kör­pern des Königs ein­ge­lei­tet, die von Agosti­no Para­vi­ci­ni Baglia­ni in sei­nem ‚Der Kör­per des Papstes‘((Orig. Buch­ti­tel: Il cor­po del Papa.)) auf­ge­grif­fen wur­de“ (La Tia­ra depo­sta, S. 403f).

Zurecht beur­teilt Kar­di­nal Brand­mül­ler die Idee einer renun­tia­tio mysti­ca und den Ver­such, eine Art von zeit­glei­chem Par­al­le­lis­mus eines regie­ren­den Pap­stes und eines beten­den Pap­stes zu eta­blie­ren, als nicht nach­voll­zieh­bar.

Um die­sen Dua­lis­mus zu begrün­den, hat man auf jene von Kan­to­ro­wicz in The King’s two bodies erar­bei­te­te Idee zur Unter­schei­dung der öffent­li­chen Per­son des Königs und sei­ner Pri­vat­per­son Bezug genom­men. Aber wie auch immer: Kan­to­ro­wicz sprach von zwei Aspek­ten ein und der­sel­ben phy­si­schen Per­son. Ein ‚zwei­köp­fi­ges‘ Papst­tum wäre eine Mon­stro­si­tät“ (Renun­tia­tio Papae, S. 660).

Was die Zwei­fel an der Gül­tig­keit der Wahl von Papst Fran­zis­kus betrifft, so Geral­di­na Boni, bestra­fen die gel­ten­den, kano­ni­schen Kon­sti­tu­tio­nen die simo­ni­sti­sche Wahl nicht mit Ungül­tig­keit. Auch eine Wahl, die das Ergeb­nis von Ver­ein­ba­run­gen, Abma­chun­gen, Ver­spre­chen oder ande­ren Ver­pflich­tun­gen irgend­ei­ner Art unter den Kar­di­nä­len ist, wie die mög­li­che Pla­nung der Wahl von Ber­go­glio, die Austen Ive­r­eigh in sei­nem Buch „Der gro­ße Refor­mer. Fran­zis­kus und wie man einen radi­ka­len Papst macht“((Orig. Buch­ti­tel: The Gre­at Refor­mer. Fran­cis an the Making of a Radi­cal Pope.)) (Hen­ry Holt and Com­pa­ny, New York 2014) beschreibt, wird dadurch nicht null und nich­tig.

Das Kir­chen­recht hat durch­ge­hend gelehrt, daß die fried­li­che „uni­ver­sa­lis eccle­siae adhae­sio“ unfehl­ba­res Zei­chen einer gül­ti­gen Wahl und eines recht­mä­ßi­gen Papst­tums ist. Die Anhäng­lich­keit gegen­über Papst Fran­zis­kus durch das Volk Got­tes wur­de bis­her von kei­nem Kar­di­nal, der am Kon­kla­ve betei­ligt war, in Zwei­fel gezo­gen.

Was Boni von der Uni­ver­si­tät Bolo­gna schreibt, trifft sich mit dem, was auch John Sal­za und Robert Ris­coe gestützt auf die bedeu­tend­sten Theo­lo­gen und Kir­chen­recht­ler schrei­ben. Die Akzep­tanz eines Pap­stes durch die Welt­kir­che ist ein unfehl­ba­res Zei­chen sei­ner Recht­mä­ßig­keit und „saniert an der Wur­zel“ jeden Man­gel an sei­ner Erwäh­lung (zum Bei­spiel ver­bo­te­ne Machen­schaf­ten, Kon­spi­ra­tio­nen, usw.).

Das Pro­blem, zu dem wir hin­ge­gen auf eine Dis­kus­si­on hof­fen, ist ein ganz ande­res. Fünf Jah­re des Pon­ti­fi­kats genü­gen, um eine umfas­sen­de Bilanz zu zie­hen. Wenn es stimmt, daß der Papst vor allem der ist, der die Kir­che lei­tet, wäre eine gründ­li­che Über­prü­fung des Ber­go­glia­ni­schen Pon­ti­fi­kats von­nö­ten, um alle dok­tri­nel­len und pasto­ra­len Schat­ten sei­ner Amts­füh­rung auf­zu­zei­gen.

In nur sechs Jah­ren der Regie­rung, besei­tig­te der hei­li­ge Pius V. (1566–1572) die Häre­sie in Ita­li­en, erneu­er­te die Kir­che in capi­te et mem­bris, stell­te mit dem Triden­ti­ni­schen Kate­chis­mus und der Hei­li­gen Mes­se die Dok­trin und die Lit­ur­gie wie­der her, för­der­te die Hei­li­ge Liga gegen die Tür­ken und ret­te­te die christ­li­che Zivi­li­sa­ti­on in Lepan­to, sodaß Dom Gué­ran­ger schrei­ben konn­te:

„Das Werk des hei­li­gen Pius V. zur Wie­der­her­stel­lung der christ­li­chen Sit­ten, zur Fest­le­gung der Ord­nung des Kon­zils von Tri­ent, zur Ver­öf­fent­li­chung des einer Erneue­rung unter­zo­ge­nen Bre­viers und des Mis­sa­le hat aus sei­nem Pon­ti­fi­kat, das sechs Jah­re dau­er­te, eine der frucht­bar­sten Epo­chen der Kir­chen­ge­schich­te gemacht“.

Wel­ches sind die Früch­te für die Kir­che der fünf Jah­re des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus? Von die­ser Fra­ge haben die Über­le­gun­gen aus­zu­ge­hen. Sie rich­tet sich in erster Linie an die Kar­di­nä­le als erste Mit­ar­bei­ter des Pap­stes und daher direkt Mit­ver­ant­wort­li­che sei­ner Regie­rung, jeden­falls solan­ge sie sich nicht öffent­lich distan­zie­ren wer­den.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

2 Kommentare

  1. Zur Ein­ord­nung der gegen­wär­ti­gen Ereig­nis­se in der apo­sto­li­schen Kir­che soll­te durch­aus auch die sog. „Papst­weis­sa­gung des hl. Mala­chi­as“ her­an­ge­zo­gen wer­den. Zu emp­feh­len wäre das gleich­na­mi­ge Buch von Hil­de­brand Troll. Dem­nach wären der­zeit die Pon­ti­fi­ka­te „Glo­ria Oli­vae“ sowie „Petrus Roma­nus“ neben­ein­an­der? Inter­es­sant ist hier­bei, dass es Ber­gogo­glio war, der die Reli­qui­en des hl. Petrus der Welt­öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert hat, und der sich selbst auf­fäl­lig häu­fig als Bischof von Rom bezeich­net. Muss die­ser Petrus Roma­nus aus der Pro­phe­zei­ung ein böser Papst sein? Die ange­kün­dig­te, mit der Offen­ba­rung des Johan­nes über­ein­stim­men­de Zer­stö­rung Roms läßt dies zumin­dest mög­lich erschei­nen, zumal Kar­di­nal New­man fol­gert, dass der Auf­stieg des Anti­christ auf die Zer­stö­rung Roms folgt: Die zehn Köni­ge zer­stö­ren Rom, der Anti­christ über­kommt und ver­nich­tet die zehn Köni­ge.

    • Wenn wir das Buch Dani­el und die Offen­ba­rung sorg­fll­tig durch­le­sen, wird man erken­nen, dass Ber­go­glio kei­nes falls „Petrus Roma­nos“ sein kann. Nein zu Ber­go­glio gibt es ande­re Hin­wei­se, wer er ist. Nie­mals in der Geschich­te gab es 2 amtie­ren­de Päp­ste wie jetzt der Fall ist, auch wenn Papst Bene­dikt XVI den Stuhl Petri sozu­sa­gen ver­las­sen hat. Wer also ist Papst Fran­zis­kus? Wir soll­ten viel­leicht wirk­lich ein­mal genau­er hin­schau­en. Was geschieht und ver­än­dert sich alles in sei­ner soge­nann­ten Amts­zeit? Kann es wirk­lich sein das Gott nur Barm­her­zig ist und dass Gott einem Papst sol­che Ver­än­de­run­gen erlaubt, wel­che kom­plett gegen Sei­ne Eige­nen Grund­sät­ze gehen? In der Bibel steht doch klar und deut­lich, was Gott von uns will. Fra­gen wir uns bes­ser ein­mal was der wah­re Grund gewe­sen ist, wes­halb Papst Bene­dikt XVI in die­ser jet­zi­gen Situa­ti­on aus­har­ren muss? Beten wir damit Got­tes Wil­le in uns sel­ber und in der Kir­che geschieht, sicht­bar geschieht.

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