Lost Shepherd — Der verirrte Hirte

Kolvenbachs Urteil und der Kampf im Jesuitenorden in Argentinien

Papst Franziskus, der „verirrte Hirte“. Die neue Biographie von Philip Lawler
Papst Franziskus, der „verirrte Hirte“. Die neue Biographie von Philip Lawler

(Rom) Ein neu­es Buch über Papst Fran­zis­kus kommt erst am 26. Febru­ar in den Buch­han­del, sorgt aber schon jetzt für rege Dis­kus­sio­nen und eini­ge Unru­he. Im Titel klingt bereits eine kri­ti­sche Hal­tung an: „Lost She­pherd: How Pope Fran­cis is Mis­lea­ding His Flock”.

Der verirrte Hirte

Philip Lawler
Phil­ip Law­ler

Autor des Buches ist Phil­ip Law­ler, Grün­der und Chef­re­dak­teur von Catho­lic World News und einer der bekann­te­sten katho­li­schen Jour­na­li­sten der USA. Zudem lei­te­te er von 1993–2005 Catho­lic World Report, das Nach­rich­ten­ma­ga­zin des Ver­lags Igna­ti­us Press, der vom Ratz­in­ger-Schü­ler Joseph Fes­sio gegrün­det wur­de. Eine beson­de­re Note liegt dabei in der Tat­sa­che, daß Fes­sio Jesu­it ist wie Papst Fran­zis­kus.

Catho­lic World News wur­de 1995 von Law­ler als erster katho­li­scher Inter­net-Pres­se­dienst gegrün­det, um Nach­rich­ten über die Katho­li­sche Kir­che zu ver­brei­ten. Der Vater von sie­ben Kin­dern woll­te als grund­sätz­li­che Aus­rich­tung Medi­en­ar­beit in Treue zum katho­li­schen Glau­ben und zum Papst in Rom lei­sten. In die­sem Sin­ne war er ganz Kind sei­ner Zeit, die von den Pon­ti­fi­ka­ten von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. geprägt war.

So beglei­te­te Law­ler auch das neue Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus mit gro­ßem Wohl­wol­len und beton­te das Neue, das ein Kir­chen­ober­haupt „vom Ende der Welt“ für die Kir­che brin­ge. Zumin­dest anfangs. Das Wohl­wol­len wan­del­te sich bald in Irri­ta­ti­on und schlug schließ­lich in Distanz um. Grund waren die „Neue­run­gen“ von Fran­zis­kus, in denen Law­ler kei­nen alten Wein in neu­en Schläu­chen erken­nen konn­te, son­dern etwas ande­res, etwas Frem­des.

„Nun ist Law­ler soweit, in Fran­zis­kus einen ‚ver­irr­ten Hir­ten‘ einer ori­en­tie­rungs­lo­sen Her­de zu sehen“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster.

Lost Shepherd (2018)
Lost She­pherd (2018)

In der Ankün­di­gung zu Law­lers Buch heißt es:

„Gläu­bi­ge Katho­li­ken begin­nen zu erken­nen, daß er nicht ist, was sie sich vor­ge­stellt hat­ten. Papst Fran­zis­kus hat sie auf eine Rei­se mit­ge­nom­men, die sie von Freu­de zu Unru­he, zu Alarm und sogar zu einem Gefühl des Ver­rats geführt hat. Sie kön­nen nicht län­ger so tun, als reprä­sen­tie­re er nur eine Ände­rung des Tones in der päpst­li­chen Leh­re. ‚Ver­irr­ter Hir­te‘ ana­ly­siert die Ver­wir­rung, die von die­sem Pon­ti­fi­kat aus­geht, und erklärt, was auf dem Spiel steht, was nicht auf dem Spiel steht und wie loya­le Gläu­bi­ge dar­auf reagie­ren soll­ten.“

Der argentinische Jesuit: Kolvenbachs Urteil

Zu die­sem kri­ti­schen Urteil über den amtie­ren­den Papst gelang­te der katho­li­sche Jour­na­list auch des­halb, weil er den argen­ti­ni­schen Jesui­ten Ber­go­glio und den argen­ti­ni­schen Bischof Ber­go­glio noch ein­mal auf­merk­sam und kri­tisch beleuch­te­te. Dadurch, so Law­ler, habe er ver­stan­den, war­um Fran­zis­kus so han­delt, wie er han­delt, und was das bedeu­tet.

Der Papst-Diktator
Der Papst-Dik­ta­tor (2017)

Zum Advents­be­ginn war das Buch „Der Papst-Dik­ta­tor“ erschie­nen, in dem sich ein Vati­kan-Insi­der unter dem Pseud­onym Marcan­to­nio Colon­na, des Ober­be­fehls­ha­bers der päpst­li­chen Trup­pen und Sie­gers in der See­schlacht von Lepan­to gegen die Tür­ken, kri­tisch mit dem der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats befaßt.

Eine der auf­se­hen­er­re­gend­sten Stel­len des „Papst-Dik­ta­tors“ ist die Ent­hül­lung eines Doku­ments des dama­li­gen Jesui­ten­ge­ne­rals, Peter Hans Kol­ven­bach. Kol­ven­bach war 1991 vom Hei­li­gen Stuhl um eine ver­trau­li­che Stel­lung­nah­me zur Eig­nung von Jor­ge Mario Ber­go­glio zum Bischof gebe­ten wor­den.

Colon­na beruft sich auf die Schil­de­rung eines Prie­sters, der das Doku­ment gese­hen hat­te, bevor es aus dem Zen­tral­ar­chiv der Jesui­ten in Rom ver­schwun­den ist. Kol­ven­bach äußer­te sich in sei­ner Stel­lung­nah­me aus­ge­spro­chen nega­tiv über sei­nen Mit­bru­der und atte­stier­te ihm, für ein Bischofs­amt nicht geeig­net zu sein.

Der „Schwar­ze Papst“ führ­te eine Rei­he cha­rak­ter­li­cher

Defi­zi­te an: Ber­go­glio bedie­ne sich gewohn­heits­mä­ßig einer vul­gä­ren und dop­pel­bö­di­gen Spra­che, er sei Unge­hor­sam und ver­ber­ge die­sen Unge­hor­sam hin­ter einer Mas­ke: der Demut. Es ermang­le ihm an psy­cho­lo­gi­scher Aus­ge­gli­chen­heit, und zudem habe er als Pro­vin­zi­al Spal­tung in den Orden getra­gen.

Als Fran­zis­kus Papst wur­de, habe er dafür gesorgt, so Colon­na, daß die­ses kom­pro­mit­tie­ren­de Doku­ment aus den Archi­ven ent­fernt wur­de.

Streit im Jesuitenorden

Da Colon­na weder das Ori­gi­nal noch eine Kopie oder auch nur eine Abschrift des Doku­ments vor­le­gen kann, sei die Sache „zu wenig und zu vage“ so Magi­ster. Außer Zwei­fel steht jedoch, daß Kol­ven­bach vom Vati­kan um eine Stel­lung­nah­me zur even­tu­el­len Bischofs­er­nen­nung Ber­go­gli­os ersucht wur­de, denn das gehört zur nor­ma­len Pra­xis im Vor­feld von Bischofs­er­nen­nun­gen. Bei Ordens­prie­stern wird deren Gene­ral­obe­rer um sei­ne Mei­nung gebe­ten. Gesi­chert ist auch, daß es hef­ti­ge Span­nun­gen zwi­schen Ber­go­glio und sei­nen dama­li­gen Ordens­obe­ren gab, sowohl in Argen­ti­ni­en als auch in Rom. Die Ver­hält­nis­se im Jesui­ten­or­den, zwi­schen unter­schied­li­chen Aus­rich­tun­gen, waren damals jedoch sehr kom­plex. Hin­zu­ka­men cha­rak­ter­li­che Aspek­te, die mit der Per­sön­lich­keit Ber­go­gli­os zusam­men­hän­gen und unter denen heu­te auch die Welt­kir­che stöhnt.

Aquel Francisco (2015)
Aquel Fran­cis­co (2015)

Über die ordens­in­ter­nen Span­nun­gen haben bereits ande­re Bio­gra­phien zahl­rei­che und durch­aus soli­de Infor­ma­tio­nen gelie­fert, die über jeden anti­ber­go­glia­ni­schen Ver­dacht erha­ben sind. Sie stam­men viel­mehr aus der Feder von Per­so­nen, die dem regie­ren­den Papst freund­schaft­lich ver­bun­den sind oder zumin­dest sehr nahe­ste­hen. So nahe, daß ihre Bücher vor der Druck­le­gung von Fran­zis­kus sogar per­sön­lich durch­ge­se­hen und gebil­ligt wur­den.

Das gilt bei­spiels­wei­se für das argen­ti­ni­sche Autoren­duo Javier Cama­ra und Seba­sti­an Pfaf­fen und ihr Buch „Aquel Fran­cis­co“ (Die­ser Fran­zis­kus). Das Buch ist neben dem spa­ni­schen Ori­gi­nal auch in ita­lie­ni­scher (Ber­go­gli­os dunk­le Jah­re) und eng­li­scher Aus­ga­be (Papst Fran­zis­kus ver­ste­hen) erschie­nen. Die „dunk­len Jah­re“, die im Titel der ita­lie­ni­schen Aus­ga­be erwähnt wer­den, bezie­hen sich auf die Jah­re sei­ner ordens­in­ter­nen Exi­lie­rung in Argen­ti­ni­en.

In die­sem Buch wird nicht ver­schwie­gen, daß sei­ne Geg­ner das Gerücht in Umlauf setz­ten, Ber­go­glio sei des­halb in das argen­ti­ni­sche Cor­do­ba ver­bannt wor­den, weil „krank, ver­rückt“.

Völ­lig ver­schwie­gen wird dar­in hin­ge­gen das nega­ti­ve Urteil Kol­ven­bachs gegen Ber­go­gli­os Ernen­nung und Wei­he zum Bischof. Der Name Kol­ven­bachs, der die Gesell­schaft Jesu als 29. Ordens­ge­ne­ral immer­hin von 1983–2008 lei­te­te, wird in der gesam­ten Bio­gra­phie kein ein­zi­ges Mal erwähnt.

Der verschwiegene Kolvenbach-Bericht

Der Kol­ven­bach-Bericht fin­det sich eben­so­we­nig in einer ande­ren, ganz wohl­wol­len­den Bio­gra­phie, jener des bri­ti­schen Publi­zi­sten Austen Ive­r­eigh. Ive­r­eigh, vor­mals Pres­se­spre­cher von Kar­di­nal Cor­mac Murphy‑O’Connor, war es, der in sei­nem Buch „The Gre­at Refor­mer. Fran­cis and the Making of a Radi­cal Pope“ (Der gro­ße Refor­mer. Fran­zis­kus oder wie man einen radi­ka­len Papst macht) im Novem­ber 2014 die Exi­stenz einer Grup­pe von Kar­di­nä­len ent­hüll­te, die er Team Ber­go­glio nann­te. Sein Arbeit­ge­ber, Kar­di­nal Murphy‑O’Connor, gehör­te dem Team an, des­sen Arbeit Ive­r­eigh ganz posi­tiv sieht. Das Team habe sich zum Ziel gesetzt, daß die „restau­ra­ti­ve Pha­se“ der Päp­ste Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. ein Ende haben und ein pro­gres­si­ver Kan­di­dat auf den Stuhl Petri gehievt wer­den müs­se.

The Great Reformer (2014)
The Gre­at Refor­mer (2014)

Erst ein Jahr spä­ter ent­hüll­ten eben­so wohl­wol­len­de Bio­gra­phen des bel­gi­schen Kar­di­nals God­fried Dan­neels, einem ande­ren Mit­glied des Teams Ber­go­glio, daß hin­ter dem Team ein bereits seit den 90er Jah­ren exi­stie­ren­der Geheim­zir­kel höch­ster Kir­chen­ver­tre­ter stand, der von Kar­di­nal Car­lo Maria Mar­ti­ni, einem ande­ren Jesui­ten, zusam­men­ge­ru­fen wor­den war. Ziel des Geheim­zir­kels, von dem Dan­neels in guter Lau­ne berich­te­te, man habe sich selbst unter­ein­an­der als „Mafia“ bezeich­net, war es, das als „kon­ser­va­tiv“ abge­lehn­te Pon­ti­fi­kat von Johan­nes Paul II. zu boy­kot­tie­ren und die Wahl eines Nach­fol­gers gegen­tei­li­ger Aus­rich­tung vor­zu­be­rei­ten.

Letz­te­res Ziel schei­ter­te 2005 aller­dings an der domi­nan­ten Gestalt von Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger, der als Bene­dikt XVI. zum neu­en Papst gewählt wur­de. Damit sah sich der Geheim­zir­kel vom Regen in der Trau­fe. 2013 soll­te sich der­sel­be Feh­ler kein zwei­tes Mal wie­der­ho­len. Und in der Tat war die Grup­pe die­ses Mal erfolg­rei­cher. Kar­di­nal Jor­ge Mario Ber­go­glio, der bereits 2005 Kan­di­dat des Krei­ses war, wie Ive­r­eigh ent­hüll­te, wur­de zum Papst Fran­zis­kus gewählt.

Bergoglios Sicht des ordensinternen Konfliktes

Der Ber­go­glia­ner Ive­r­eigh hat­te kei­ne Pro­ble­me, die kom­pro­mit­tie­ren­de Exi­stenz des Teams Ber­go­glio zu ent­hül­len. Schließ­lich war die von ihm begrüß­te Wahl von Fran­zis­kus schon gewon­nen. Von der „Mafia von Sankt Gal­len“ schwieg er aber lie­ber. Den noch weit kom­pro­mit­tie­ren­den Kol­ven­bach-Bericht, da ein kon­kre­tes Schrift­stück, berich­te­te auch er in sei­nem Buch nicht.

Dazu San­dro Magi­ster:

„Aber über den Ursprung und den Kon­text des nega­ti­ven Urteils von Kol­ven­bach lie­fern Ive­r­eigh und Ber­go­glio zahl­rei­che und wert­vol­le Infor­ma­tio­nen, die es sich lohnt, noch ein­mal anzu­schau­en.“

Bürgerliches Umfeld: Familie Bergoglio
Bür­ger­li­ches Umfeld: Fami­lie Ber­go­glio

Über die Rei­be­rei­en mit sei­nen argen­ti­ni­schen Mit­brü­dern im Jesui­ten­or­den sprach Fran­zis­kus auch in sei­nem ersten Inter­view mit der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca, das im Sep­tem­ber 2013 von zahl­rei­chen ande­ren Jesui­ten­zeit­schrif­ten, dar­un­ter auch den deut­schen Stim­men der Zeit ver­öf­fent­licht wur­de. Dar­in sag­te er:

„Mei­ne auto­ri­tä­re und schnel­le Art, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, hat mir ern­ste Pro­ble­me und die Beschul­di­gung ein­ge­bracht, ultra­kon­ser­va­tiv zu sein. Ich habe eine Zeit einer gro­ßen inne­ren Kri­se durch­ge­macht, als ich in Cór­do­ba leb­te. Aber ich bin nie einer von den ‚Rech­ten‘ gewe­sen.“

Sei­ne argen­ti­ni­schen Geg­ner im Jesui­ten­or­den, die laut Ive­r­eigh die Kam­pa­gne gegen Ber­go­glio anführ­ten, waren die Jesui­ten des Cen­tro de Inve­sti­ga­ción y Acción Social (CIAS), die „zum Groß­teil dem Groß­bür­ger­tum und aka­de­mi­schen Milieu ange­hör­ten“. Die­ser Kreis, „auf­ge­klärt und pro­gres­siv“, sei irri­tiert gewe­sen über den schnel­len Auf­stieg die­ses Jesui­ten „aus der Unter­schicht und ohne ein Dok­to­rat der Theo­lo­gie“, der „die Volks­re­li­gio­si­tät bevor­zug­te und die Stu­di­en­zen­tren ver­nach­läs­sig­te“, eine Art von Reli­gio­si­tät, die „den Men­schen, den Armen sehr nahe war“, aber ihrer Mei­nung nach „mehr pero­ni­stisch als modern“ war.

Soweit Ive­r­eighs Dar­stel­lung eines pro­gres­si­ven Jesui­ten­mi­lieus im Argen­ti­ni­en der 70er und 80er Jah­re.

Progressives Jesuitenmilieu mit Standesdünkel

Um die wei­te­ren Ereig­nis­se erklä­ren zu kön­nen und eine sozi­al­ro­man­ti­sche Note ein­zu­füh­ren, unter­teilt Ive­r­eigh die­ses Milieu in pro­gres­si­ve Jesui­ten rei­cher Abstam­mung und in pro­gres­si­ve Jesui­ten nie­de­rer Abstam­mung, denen er Ber­go­glio zurech­net, und dem sich die Pro­gres­si­ven rei­cher Abstam­mung in den Weg gestellt hät­ten. Ein Dis­kri­mi­nie­rungs­nar­ra­tiv, das weni­ger auf­klärt, son­dern vor allem Kli­schees zu bedie­nen scheint. Ber­go­glio ent­stammt zwar nicht der argen­ti­ni­schen Ober­schicht wie sein „poli­ti­scher Arm“, Kuri­en­bi­schof Mar­ce­lo San­chez Soron­do, aber eben­so­we­nig der Unter­schicht.

Die Ober­schicht-Jesui­ten hät­ten sich, so Ive­r­eigh wei­ter, auch damit nicht begnügt, Ber­go­gli­os Bestä­ti­gung als Ordens­pro­vin­zi­al für Argen­ti­ni­en 1979 zu ver­hin­dern. Der Grund: Sein Ein­fluß auf eine nicht uner­heb­li­che Frak­ti­on inner­halb der Pro­vinz hat­te durch sei­ne Ent­fer­nung aus dem Amt nicht auf­ge­hört.

„Er hat­te jetzt mehr Ein­fluß als zu sei­ner Zeit als Pro­vin­zi­al“, so der bri­ti­sche Autor.

CIAS der Jesuiten Argentiniens
CIAS der Jesui­ten Argen­ti­ni­ens

Des­halb sei­en sei­ne jesui­ti­schen Geg­ner im CIAS immer unge­dul­di­ger gewor­den und hät­ten gegen Ber­go­glio Stim­mung gemacht. An der Gene­ral­ku­rie des Ordens in Rom war dem spä­te­ren Kar­di­nal und Papst der Assi­stent für Latein­ame­ri­ka, Jose Fer­nan­dez Casta­ne­da, feind­lich geson­nen. Er sei es gewe­sen, der den neu­en Ordens­ge­ne­ral Kol­ven­bach gegen Ber­go­glio beein­fluß­te. Als Kol­ven­bach 1986 erst­mals einen Pro­vin­zi­al für Argen­ti­ni­en bestim­men muß­te, hol­te er nicht Ber­go­glio ins Amt zurück, son­dern ernann­te mit Vic­tor Zor­zin den Kan­di­da­ten des CIAS. Zor­zin, ita­lie­ni­scher Her­kunft wie Ber­go­glio, mach­te Ignacio Gar­cia-Mata, einen der „schärf­sten Kri­ti­ker Ber­go­gli­os“ zu sei­ner rech­ten Hand. Gar­cia-Mata wur­de dann sogar Zor­zins Nach­fol­ger als Pro­vin­zi­al.

Die große Säuberung

Kol­ben­bachs Ent­schei­dung habe, so Ive­r­eigh, der die Sicht Ber­go­gli­os wie­der­gibt, zu einer gro­ßen Säu­be­rung geführt, die er mit dem Kampf „zwi­schen Pero­ni­sten und Anti­pe­ro­ni­sten“ ver­gleicht, der Argen­ti­ni­en in den 50er Jah­ren erschüt­ter­te.

Der Kampf im Jesui­ten­or­den der 80er Jah­re habe sich jedoch dadurch unter­schie­den, daß nun

„die Gori­las, die fana­ti­schen Anti­pe­ro­ni­sten auf der Sei­te des CIAS stan­den, wäh­rend der Pue­blo [das Volk] hin­ter Ber­go­glio und sei­nen Unter­stüt­zern stand“.

Nur am Ran­de sei ver­merkt, daß der Vater von Kuri­en­bi­schof Mar­ce­lo San­chez Soron­do damals auf der Sei­te der Anti­pe­ro­ni­sten stand. San­chez Soron­do ent­stammt der argen­ti­ni­schen Ober­schicht und sogar einer der älte­sten spa­ni­schen Fami­li­en Latein­ame­ri­kas.

Victor Zorzin SJ
Vic­tor Zor­zin SJ

Ive­r­eigh wört­lich:

„Eine radi­ka­le Säu­be­rung, bei der alles kom­plett umge­stürzt wur­de, was mit der abge­setz­ten Füh­rung in Ver­bin­dung gebracht wur­de“.

Ber­go­glio selbst „emi­grier­te“ im Mai 1986, im Ein­ver­neh­men mit dem neu­en Pro­vin­zi­al Zor­zin, nach Deutsch­land. Die offi­zi­el­le Begrün­dung lau­te­te, um dort sei­ne Dok­tor­ar­beit über Roma­no Guar­di­ni zu schrei­ben. In Wirk­lich­keit war es eine Ver­ban­nung, um ihn aus Argen­ti­ni­en zu ent­fer­nen.

Doch bereits im Dezem­ber des­sel­ben Jah­res konn­te er unter dem Jubel sei­ner nach wie vor zahl­rei­chen Anhän­ger in sei­ne Hei­mat zurück­keh­ren. Die­sen war es gelun­gen, ihn zum Pro­ku­ra­tor der Ordens­pro­vinz für ein Gip­fel­tref­fen des Ordens an der Gene­ral­ku­rie in Rom zu wäh­len.

„Immer tiefere Spaltung in der Ordensprovinz“

Im fol­gen­den Jahr begab sich Kol­ven­bach nach Argen­ti­ni­en, um sich mit den Pro­vinz­obe­ren des Kon­ti­nents zu tref­fen. Einer Begeg­nung mit Ber­go­glio sei er, so Ive­r­eigh, aus dem Weg gegan­gen, obwohl er nur weni­ge Schrit­te von ihm ent­fernt Quar­tier bezo­gen hat­te. Ive­r­eigh wört­lich:

„In den fol­gen­den zwei Jah­ren ent­stand eine immer tie­fe­re Spal­tung in der Pro­vinz“, und Ber­go­glio „wur­de immer mas­si­ver beschul­digt, die­se Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten anzu­fa­chen“.

Der Bri­te zitiert in sei­nem Buch ein Pro­to­koll der Pro­vinz­con­sul­to­ren:

„Bei jedem Tref­fen spra­chen wir über ihn. Es war eine stän­di­ge Sor­ge, zu ent­schei­den, was wir mit die­sem Mann tun soll­ten.“

1990 wur­de Ber­go­glio schließ­lich ohne Auf­ga­be in das argen­ti­ni­sche Cor­do­ba exi­liert, wäh­rend sei­ne eng­sten Ver­trau­ten ins Aus­land ver­setzt wur­den.

„Doch kurz dar­auf geschah das Wun­der“, so Magi­ster.

Das Wunder am Rio de la Plata

Der 1990 zum Erz­bi­schof von Bue­nos Aires ernann­te und 1991 zum Kar­di­nal erho­be­ne Anto­nio Quar­r­a­ci­no bat Rom, den Jesui­ten namens Ber­go­glio zu sei­nem Weih­bi­schof zu machen. Rom kam dem Wunsch nach. Im Mai 1992 erfolg­te die Ernen­nung. Eben­so auf Wunsch des Kar­di­nals, der damals vier Weih­bi­schö­fe an sei­ner Sei­te hat­te, wur­de Ber­go­glio 1997 zu sei­nem Koad­ju­tor mit Nach­fol­ge­recht bestimmt.

Doch der Rei­he nach.

Der argentinische Bischof
Der argen­ti­ni­sche Bischof

Obwohl Ive­r­eigh kein Wort dar­über ver­liert, fin­den vor jeder Bischofs­er­nen­nung umfang­rei­che Kon­sul­ta­tio­nen statt. Der zustän­di­ge Apo­sto­li­sche Nun­ti­us holt ver­schie­de­ne Stel­lung­nah­men ein. Man­che sind ver­pflich­tend, ande­re fal­len in das Ermes­sen des Nun­ti­us. Die Stel­lung­nah­me des Jesui­ten­ge­ne­rals war ver­pflich­tend, weil Ber­go­glio Ordens­prie­ster ist. Kol­ven­bach wur­de im Vati­kan aber nicht gehört. Der Wunsch von Kar­di­nal Quar­ran­ci­no wog für die Bischofs­kon­gre­ga­ti­on offen­sicht­lich mehr.

Die Akte der Bischofs­er­nen­nung Ber­go­gli­os ist Ver­schluß­sa­che. Es darf aber ange­nom­men wer­den, daß vom dama­li­gen Nun­ti­us zu sei­nen Gun­sten Stel­lung bezo­gen wur­de. Das war Kuri­en­erz­bi­schof Ubal­do Cala­bre­si, der von 1981–2000, außer­ge­wöhn­lich lan­ge, in der­sel­ben Posi­ti­on sei­nen diplo­ma­ti­schen Dienst lei­ste­te. In Rom hält sich zudem das hart­näcki­ge Gerücht, der Nun­ti­us, zumin­dest aber der  Vati­kan, habe die inhalt­li­che Natur des inner­je­sui­ti­schen Strei­tes nicht rich­tig ver­stan­den.

Man muß sich die Zeit ver­ge­gen­wär­ti­gen. In den 70er und 80er Jah­ren waren nicht weni­ge Jesui­ten, Patres und Novi­zen, der mar­xi­sti­schen Befrei­ungs­theo­lo­gie erla­gen. Man­che ver­tausch­ten das Evan­ge­li­um sogar mit einer Kalasch­ni­kow, um mit kom­mu­ni­sti­schen Gue­ril­la­grup­pen im Unter­grund den bewaff­ne­ten Kampf gegen den „Impe­ria­lis­mus“ und für eine „gerech­te“ Welt auf­zu­neh­men. In die­sem Kon­text muß­te ein Jesu­it, der von pro­gres­si­ven Jesui­ten ins Exil geschickt wor­den war, im fer­nen Rom, gera­de­zu als ein „guter Mann“ wir­ken.

Wie genau es 1992 jeden­falls zur Bischofs­er­nen­nung kam, harrt noch einer Unter­su­chung. Die ableh­nen­de Hal­tung Kol­ven­bachs, wie immer sie auch im Detail for­mu­liert wur­de, scheint jedoch sicher zu sein.

Konflikt geht weiter

Ignacio Garcia-Mata
Ignacio Gar­cia-Mata SJ

Ein Vor­fall kurz nach Ber­go­gli­os Bischofs­wei­he, die am 27. Juni jenes Jah­res erfolg­te, zeigt, daß der Kampf zwi­schen den nicht genau zu defi­nie­ren­den Frak­tio­nen der Jesui­ten­pro­vinz kei­nes­wegs been­det war.

Bis sei­ne Woh­nung als frisch­ge­backe­ner Weih­bi­schof des Erz­bis­tums bezugs­fer­tig war, quar­tier­te sich Ber­go­glio im Haus des Jesui­ten­pro­vin­zi­alats in Bue­nos Aires ein. Dort hat­te gera­de auch sein Erz­feind Gar­cia-Mata als neu­er Pro­vin­zi­al Ein­zug gehal­ten. Ive­r­eigh berich­tet dazu:

„Das war kein leich­tes Ver­hält­nis. Ber­go­glio beschul­dig­te Gar­cia-Mata, ihn in einem Bericht, den der Pro­vin­zi­al nach Rom geschickt hat­te, ver­leum­det zu haben. Der Bericht war geheim, doch einer der Con­sul­to­ren hat­te Ber­go­glio infor­miert. Gar­cia-Mata hin­ge­gen fühl­te sich von der Popu­la­ri­tät bedroht, die der neue Bischof unter den jün­ge­ren Jesui­ten genoß.“

Nach einem Monat reich­te es dem Pro­vin­zi­al. Am 31. Juli, dem Fest des hei­li­gen Igna­ti­us, for­der­te er Ber­go­glio auf, sei­ne Sachen zu packen.

„Aber ich füh­le mich hier wohl.“

Mit die­sen Wor­ten habe Ber­go­glio geant­wor­tet, wie Ive­r­eigh unter Beru­fung auf Papst Fran­zis­kus schil­dert.

„Wenn er wol­le, daß er gehe, sag­te Ber­go­glio, müs­se er ihm das offi­zi­ell mit­tei­len. So schrieb Gar­cia-Mata an Kol­ven­bach, der sei­ne Ent­schei­dung unter­stütz­te. Der Brief des Jesui­ten­ge­ne­rals wur­de in Ber­go­gli­os Zim­mer hin­ter­legt. Gar­cia-Mata erhielt dar­auf von Ber­go­glio eben­so schrift­lich eine Ant­wort, in der er ihm den Tag sei­nes Aus­zugs mit­teil­te.“

Dazu schreibt Magi­ster:

„Man kann ver­ste­hen, daß Ber­go­glio mit einer sol­chen Vor­ge­schich­te, von da an bei sei­nen zahl­rei­chen Rom-Rei­sen weder einen Fuß in das Haus der Gene­ral­ku­rie der Jesui­ten setz­te, son­dern im Kle­rus­haus in der Via del­la Scro­fa abstieg, noch jemals mit Kol­ven­bach rede­te.“

Gemeint sind sei­ne Rom-Besu­che als Erz­bi­schof und spä­ter als Kar­di­nal.

Magi­ster wei­ter:

„Um sich mit der Gesell­schaft Jesu zu ver­söh­nen, muß­te der erste Jesu­it der Geschich­te auf dem Papst­thron erst zum Papst gewählt wer­den.“

Durch Ive­r­eigh, Javier Cama­ra, Seba­sti­an Pfaf­fen und ande­re befreun­de­te und wohl­wol­len­de Autoren kennt man bis­her aber nur eine Sicht der Ereig­nis­se, jene Ber­go­gli­os.

Magi­ster daher abschlie­ßend:

„Die Sicht der ande­ren, nicht zuletzt das Urteil sei­nes Ordens­ge­ne­rals vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert, ist noch fast zur Gän­ze unbe­kannt.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Set­ti­mo Cielo/MiL/Lesandes/Colegio Imma­cula­da (Screen­shots)

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  1. Nie hät­te ich geglaubt, daß ein Kom­mu­nist Papst wer­den könn­te. Jeder Tag wo die­ses Pon­ti­fi­kat andau­ert, ist ent­schie­den ein Tag zuviel. Die­ser Papst ist eine Gei­sel Got­tes. Er ist die fau­le Frucht des II. Vati­ca­ni­schen Kon­zils. Er erin­nert mich an lin­ke Süd­ame­ri­ka­ni­sche Dik­ta­to­ren. War­um läßt Gott dies zu?

    • Mt 7,15+16 „Nehmt euch in Acht vor denen, die in Got­tes Namen auf­tre­ten und fal­sche Leh­ren ver­brei­ten! Sie kom­men zu euch, getarnt als Scha­fe, aber in Wirk­lich­keit sind sie rei­ßen­de Wöl­fe. Wie man einen Baum an sei­ner Frucht erkennt, so erkennt ihr sie an dem, was sie tun. Kann man etwa Wein­trau­ben von Dorn­bü­schen oder Fei­gen von Disteln pflücken? Natür­lich nicht!

    • Papst Ber­go­glio ist inkar­nier­ter Moder­nis­mus und Pro­gres­sis­mus und eine schreck­li­che Heim­su­chung für jede from­me See­le.
      Der Geist des Kon­zils kommt in ihm schließ­lich zur Erfül­lung.
      Die­ses sein Papst­tum deckt aber wenig­stens auf, daß der Neo­kon­ser­va­tis­mus auch nur eine wei­te­re aberra­te Vari­an­te des Moder­nis­mus ist. Stu­dier­te und Inter­es­sen­ten wuß­ten das immer schon aber jetzt wird es ganz mani­fest. Sei­ne neo­kon­ser­v­sa­ti­ven Cla­queu­re in der Hier­ar­che fol­gen ihm im Kada­ver­ge­hor­sam und schel­ten die Mah­ner und Besorg­ten mit Bös­ar­tig­keit und Ver­fol­gung.

      Ich habe mir die Weih­nachs­pre­dig­ten des Kyrill v. Mos­kau und des Theo­phi­los III. v. Jeru­sa­lem und deren Lit­ur­gien ange­se­hen. Welch Unter­schied.

    • Viel­leicht damit wir sel­ber ler­nen nach­zu­den­ken und Ver­ant­wor­tung zu neh­men? Bei den vori­gen Paep­sten konn­te man sich wie­gen lassen,das war sehr ange­nehm. Jedenfalls,fuer mich hat das so funktioniert!Und jetzt geht das nicht mehr,ich bin auch trau­rig des­halb.

    • Dass Jor­ge M. Ber­go­glio ein Kom­mu­nist ist oder war, kann man so wohl nicht sagen, auch wenn er offen­sicht­lich der poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Befrei­ungs­theo­lo­gie nahe­steht. Er ist ein sehr poli­tisch den­ken­der und han­deln­der Papst. Nach allem, was bis­lang jedoch über sei­ne geist­li­che Bio­gra­phie bekannt gewor­den ist, dürf­te es sich um eine nicht eben gerad­li­ni­ge oder gar hei­lig­mä­ßi­ge Ent­wick­lung gehan­delt haben. Man müss­te wohl weit zurück­ge­hen, um Ver­gleich­ba­res in ande­ren Papst­bio­gra­phien zu ent­decken. Welch ein Unter­schied zu sei­nen zehn Vor­gän­gern bis min­de­stens zu Pius IX.
      Die in obi­gem Bei­trag beschrie­be­nen Strei­te­rei­en, Macht­kämp­fe und Intri­gen im Jesui­ten­or­den haben ursäch­lich natür­lich sehr viel mit Ber­go­glio zu tun und sind nun mit ihm als Papst ganz mas­siv (und eben­so aggres­siv) in den Vati­kan und die gesam­te Kir­che ein­ge­zo­gen. Sie dro­hen mitt­ler­wei­le die Una Sanc­ta Eccle­sia aus­ein­an­der­zu­rei­ßen.

  2. „War­um läßt Gott dies zu?“ ist beim ersten Gedan­ken­gang nahe­lie­gend. Aber wer hat Gott über­haupt dar­um gebe­ten die Ver­wirr­nis unse­rer Zeit, die vie­le emp­fin­den und die für vie­le den Namen Ber­go­glio trägt, zu been­den und die Kir­che davon zu befrei­en. Gott hat uns den frei­en Wil­len geschenkt und wenn die­ser freie Wil­le des Men­schen eine Ände­rung will, die er mit sei­nen eige­nen Mit­teln nicht ver­mag, muss er beten. Aber tun wir das über­zeu­gend? Die Fra­ge „War­um läßt Gott dies zu?“ hat die­sel­be Logik, wie die Fra­ge eben die­ses Pap­stes nach der Rich­tig­keit der Vater­un­ser­bit­te „Füh­re uns nicht in Ver­su­chung“. Die Beant­wor­tung bei­der Fra­gen hat etwas mit der Gerech­tig­keit Got­tes zu tun, deren grund­le­gen­de Bedeu­tung in der Aus­sa­ge Chri­sti nach Lk 22,31 beschrie­ben : „Der Satan hat ver­langt, daß er euch wie Wei­zen sie­ben darf.“ Nur das Gebet kann uns vor der Erfül­lung die­ser Bit­te schüt­zen.

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