Japan will Geburtenwende herbeiführen

Japans einsame Kinder. Premierminister Abe will den demographischen Niedergang in seinem Land stoppen.
Japans einsame Kinder. Premierminister Abe will den demographischen Niedergang in seinem Land stoppen.

(Tokio) Einen Nega­tiv­re­kord bei den Gebur­ten ver­zeich­net Japan. 2017 wur­den im Land der auf­ge­hen­den Son­ne so weni­ge Kin­der gebo­ren wie seit Beginn der sta­ti­sti­schen Erhe­bun­gen 1899. Mini­ster­prä­si­dent Shin­zo Abe will eine Gebur­ten­wen­de her­bei­füh­ren.

Im zu Ende gehen­den Jahr wur­den knapp mehr als 940.000 Kin­der gebo­ren. Das sind 36.000 weni­ger als im Vor­jahr. Die Zahl der Ver­stor­be­nen nimmt hin­ge­gen zu und beträgt 2017 mehr als 1.344.000. Sta­ti­sti­sche Erhe­bun­gen zu Gebur­ten- und Todes­fäl­len began­nen in Japan 1899. Die dies­jäh­ri­gen Zah­len stel­len einen Nega­tiv­re­kord seit Beginn der Auf­zeich­nun­gen dar und alar­mie­ren die Poli­tik.

Die Zah­len wur­den am 22. Dezem­ber vom japa­ni­schen Mini­ste­ri­um für Gesund­heit, Arbeit und Sozia­les bekannt­ge­ge­ben. 2016 fiel die Gebur­ten­ra­te erst­mals unter eine Mil­li­on. 2017 ver­stärk­te sich der Trend noch.

Einbruch nach dem Zweiten Weltkrieg

1949 wur­den bei gerin­ge­rer Gesamt­be­völ­ke­rung noch 2,7 Mil­lio­nen Japa­ner gebo­ren. Im Jahr zuvor, 1948, hat­te Japan als Reak­ti­on auf die mili­tä­ri­sche Kata­stro­phe im Zei­ten Welt­krieg ein libe­ra­les Abtrei­bungs­ge­setz ein­ge­führt. Bis dahin waren die Gebur­ten im Zuge des japa­ni­schen Expan­sio­nis­mus vom Staat geför­dert wor­den, dem in der japa­ni­schen Gesell­schaft nach wie vor diri­gi­sti­sche Zustän­dig­kei­ten ein­ge­räumt wer­den. Durch die Nie­der­la­ge auf das Kern­ge­biet zurück­ge­wor­fen und unter Besat­zungs­sta­tus ste­hend erfolg­te eine radi­ka­le Dena­ta­li­sie­rungs­po­li­tik. Die Gebur­ten­ra­te wur­de inner­halb kur­zer Zeit hal­biert. Das Haupt­in­stru­ment dazu war die vom Staat geför­der­te Tötung der unge­bo­re­nen Kin­der.

Aus die­sem Grund weist Japan seit Jahr­zehn­ten eine gerin­ge­re Gebur­ten­ra­te auf, als für den Erhalt des Volks­be­stan­des not­wen­dig ist. Nur Ende der 60er Jah­re wur­de für kur­ze Zeit ein Null­wachs­tum erreicht. Vor­her gab es bereits vie­le Jah­re einen leich­ten Nega­tiv­trend, der sich danach mas­siv ver­schärf­te.

Wäh­rend die Zahl der Gebur­ten 2017 mit einem zusätz­li­chen Minus von rund 36.000 Kin­dern einen Nega­tiv­re­kord erreicht, wird die­ser Trend durch eine Zunah­me der Todes­fäl­le noch ver­stärkt. Wegen der star­ken Über­al­te­rung der japa­ni­schen Gesell­schaft wird 2017 auch ein neu­er Rekord bei den Ver­stor­be­nen regi­striert. Die Zahl der Todes­fäl­le dürf­te zum Jah­res­en­de um 36.000 höher als im Vor­jahr lie­gen. Der zusätz­li­che Bevöl­ke­rungs­ver­lust gegen­über 2016 beträgt zwi­schen feh­len­den Gebur­ten und mehr Ver­stor­be­nen allein 2017 mehr als 70.000.

2017 wur­de sta­ti­stisch zwar alle 34 Sekun­den ein Kind gebo­ren, aber alle 23 Sekun­den ist ein Japa­ner gestor­ben. Noch eine Zahl aus den Regie­rungs­sta­ti­sti­ken ist in die­sem Zusam­men­hang für die Zukunft von Inter­es­se. Nur alle 52 Sekun­den hat 2017 in Japan ein Paar gehei­ra­tet.

Zusam­men mit dem Nega­tiv­re­kord bei den Todes­fäl­len und Gebur­ten wur­de auch ein Nega­tiv­re­kord bei den Ehe­schlie­ßun­gen ver­zeich­net. 607.000 Paa­re gin­gen eine feste Bin­dung ein. Die gering­ste Zahl seit dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges. 14.000 weni­ger als 2016.

Geburtenwende statt Einwanderung

Japan zählt rund 125 Mil­lio­nen Ein­woh­ner. Die Bevöl­ke­rung ist im Ver­gleich zu den west­li­chen Staa­ten eth­nisch noch sehr homo­gen. Der Anteil von Aus­län­dern, meist Gast­ar­bei­ter aus dem ara­bisch-asia­ti­schen Raum, beträgt nur zwei Pro­zent oder 2,5 Mil­lio­nen. Das hängt mit der bis­he­ri­gen Regie­rungs­po­li­tik zusam­men. Ziel ist es, die Gesell­schaft in ihrem Inne­ren zusam­men­zu­hal­ten. Die Poli­tik war bis­her der Mei­nung, den Bevöl­ke­rungs­rück­gang und sei­ne Aus­wir­kun­gen kon­trol­lie­ren zu kön­nen. 2017 erhöh­te sich jedoch der Druck, die Ein­wan­de­rungs­po­li­tik zu libe­ra­li­sie­ren. Der Druck kommt vor allem von außen und wird von glo­ba­li­sti­schen Wirt­schafts­in­ter­es­sen ange­führt. Tat­säch­lich wur­den noch nie so vie­le Aus­län­der in das Land gelas­sen wie 2016 und 2017. Eine offi­zi­el­le Ände­rung der Aus­län­der­po­li­tik wur­de bis­her aber nicht ver­kün­det.

Der soeben im Amt bestä­tig­te Mini­ster­prä­si­dent Shin­zo Abe ver­sprach viel­mehr den demo­gra­phi­schen Nie­der­gang zu bekämp­fen. Er will dies mit einer ver­stärk­ten Kin­der- und Bil­dungs­för­de­rung tun. Ziel der Regie­rung ist es, die der­zei­ti­ge Gebur­ten­ra­te von nur knapp mehr als 1,4 Kin­dern je Frau im gebär­fä­hi­gen Alter (2,1 Kin­der sind not­wen­dig, um die Todes­ra­te aus­zu­glei­chen) bis 2025 auf 1,8 zu erhö­hen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Asia­News