Der Papst der Gegensätze

Papst Franziskus „hat sich mit Beratern umgeben, die vielleicht politisches oder rhetorisches Talent haben, aber keine Männer von Gewicht und Seriosität sind“.
Papst Franziskus „hat sich mit Beratern umgeben, die vielleicht politisches oder rhetorisches Talent haben, aber keine Männer von Gewicht und Seriosität sind“.

(Rom) Geht die Katho­li­zi­tät „der größ­ten Ver­än­de­rung seit vie­len Jahr­hun­der­ten“ ent­ge­gen? Davon über­zeugt ist Matteo Mat­zuz­zi, der für die Tages­zei­tung Il Foglio berich­tet, „wie Papst Fran­zis­kus die Kir­che revo­lu­tio­niert“. Die­ser Pro­zeß geht nicht ohne Brü­che und Kon­flik­te über die Büh­ne. Bald fünf Jah­re nach sei­ner Wahl wer­fen sie immer mehr Fra­gen auf. Wohin wer­den sich die Schwer­punk­te der Kir­che ver­la­gern? Wie steht es um die „Seil­schaf­ten“ in der Kir­che? Was wird aus dem kul­tu­rel­len und geist­li­chen Erbe von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI.? Wird sich Fran­zis­kus gegen die Wider­stän­de hal­ten kön­nen oder kommt es zum gro­ßen Aufstand?

„Sinnlose Festungen aufgeben“

Inner­halb von 30 Jah­ren wer­den sich die Hoch­bur­gen der größ­ten Reli­gi­on der Welt in Latein­ame­ri­ka, Afri­ka und Asi­en befin­den. West­eu­ro­pa, Motor der Ent­wick­lun­gen in den ver­gan­ge­nen zwei­tau­send Jah­ren, ist fak­tisch bereits ins Hei­den­tum zurück­ge­fal­len. „Für Fran­zis­kus ist es sinn­los, mit einer Kriegs­ideo­lo­gie eine ver­lo­re­ne Festung zu ver­tei­di­gen“, so Matzuzzi.

Der bri­ti­sche Histo­ri­ker Phil­ip Jenkins schrieb zu den künf­ti­gen Ver­hält­nis­sen in der Kir­che vor kurzem:

„Man stel­le sich das Jahr 2050 vor, wenn 50 Kar­di­nä­le Latein­ame­ri­ka­ner, 30 Afri­ka­ner und 15 Asia­ten sein werden“.

Philip Jenkins
Phil­ip Jenkins

Und er mein­te damit im Kon­kla­ve wahl­be­rech­tig­te Kar­di­nä­le. Was so unspek­ta­ku­lär klin­ge, sei ein epo­cha­ler Umbruch. Das Chri­sten­tum ist in das Römi­sche Reich hin­ein­ge­wach­sen. Rom wur­de zu ihrem Zen­trum und ist es bis heu­te geblie­ben. Mit der Ent­christ­li­chung West­eu­ro­pas droht erst­mals das Hin­ter­land die­ses Zen­trums, vom Glau­ben abzu­fal­len. Jenkins geht es in sei­ner Ana­ly­se nicht um umstrit­te­ne nach­syn­oda­le Schrei­ben oder Fra­gen des Kir­chen­rechts. Er schaut auf die gro­ßen Ten­den­zen, und die sei­en ein­deu­tig. Anfang des 20. Jahr­hun­derts waren Frank­reich, Ita­li­en und Deutsch­land die Staa­ten mit den mei­sten Katho­li­ken. Heu­te sind es Bra­si­li­en, Mexi­ko und die Phil­ip­pi­nen. Dabei gehe es nicht nur um Sta­ti­stik und Geo­gra­phie. Es geht um die künf­ti­ge Kir­chen­füh­rung. Es gehe um eine Form von kirch­li­cher Geo­po­li­tik mit all ihren Konsequenzen.

Wer die Geschich­te als Heils­ge­schich­te sieht, wird dar­in eine Ant­wort Got­tes auf die Selbst-Ent­christ­li­chung West­eu­ro­pas erken­nen. Als Luther in Euro­pa die Kir­che spal­te­te und gan­ze Län­der Rom ent­frem­de­te, schenk­te Gott zum Aus­gleich der Kir­che einen gan­zen Kon­ti­nent: Lateinamerika.

Achsenverschiebung mit Konflikten

Die­se Ach­sen­ver­schie­bung wird nicht ohne Kon­flik­te statt­fin­den, wie die Bischofs­syn­ode über die Fami­lie zeig­te. Die Euro­pä­er, auch und der­zeit gera­de die von Selbst­si­cher­heit strot­zen­den Pro­gres­si­ven, hal­ten sich nach wie vor für die eigent­li­chen Ent­schei­dungs­trä­ger. Als die afri­ka­ni­schen Syn­oda­len dem Pro­gramm von Kar­di­nal Wal­ter Kas­per die Gefolg­schaft ver­sag­ten, ent­fuhr ihm erbost eine ras­si­sti­sche Äuße­rung. Wer hät­te das gedacht.

Sol­che Kon­flik­te könn­ten sich noch ver­stär­ken, soll­ten die pro­gres­si­ven Krei­se, die sich unter Papst Fran­zis­kus end­lich am Ziel sehen, weil sie in West­eu­ro­pa das Sagen haben, fest­stel­len müs­sen, daß ihnen von ganz ande­rer Sei­te, aus Afri­ka und Asi­en, neu­er Wider­stand erwächst und sie zah­len­mä­ßig sogar zurück in die Min­der­heit wirft. Sowohl Kar­di­nal Kas­per als auch Papst Fran­zis­kus („Den Schrei des Vol­kes hören“) schei­nen sich den Durch­marsch in Sachen Schei­dung und Zweit­ehe viel leich­ter vor­ge­stellt zu haben. Das Ver­steck­spiel rund um Amo­ris lae­ti­tia, etwas zu wol­len und unter Gleich­ge­sinn­ten umzu­set­zen, es aber öffent­lich nicht zu sagen, ist eine Fol­ge die­ser uner­war­te­ten Wider­stän­de gegen die west­eu­ro­pä­isch-pro­gres­si­ve Zwangsbeglückung.

Kar­di­nal Caf­farra hat­te 2014, im Zusam­men­hang mit der ersten Bischofs­syn­ode über die Fami­lie,  in einem Inter­view mit Il Foglio zu den Kas­per-For­de­run­gen Stel­lung genommen:

„Von wel­chen Erwar­tun­gen spre­chen wir eigent­lich? Von jenen des Westens? Ist der Westen das ent­schei­den­de Para­dig­ma, nach dem die Kir­che ihre Ver­kün­di­gung aus­zu­rich­ten hat? Sind wir noch immer auf die­sem Punkt? Hören wir auch ein wenig die Armen. Ich bin etwas irri­tiert und wer­de nach­denk­lich, wenn ich höre, man müs­se in eine bestimm­te Rich­tung gehen, andern­falls sei es bes­ser, wenn die Bischofs­syn­ode gar nicht statt­fin­det. Wel­che Rich­tung? Die Rich­tung, die von den Mit­tel­eu­ro­pä­ern bestimmt wird, wie man sagt? War­um nicht die Rich­tung, die von den Afri­ka­nern benannt wird? Da haben wir es. Das ist der Punkt.“

Die Anspie­lung war auf Kar­di­nal Kas­per gemünzt, der erklär­te hat­te, daß die Bischofs­syn­ode ent­we­der die Zulas­sung der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zu den Sakra­men­ten anstre­be oder bes­ser gar nicht statt­fin­de, denn einen ande­ren Grund statt­zu­fin­den, gebe es nicht. Damit hat­te der deut­sche Kar­di­nal aller­dings, mehr ent­hüllt, als er viel­leicht woll­te. Der gleich nach dem Kon­kla­ve als „Theo­lo­ge des Pap­stes“ her­um­ge­reich­te Kar­di­nal hat­te damit offen­ge­legt, mit wel­cher Absicht Fran­zis­kus die Bischofs­syn­ode über die Fami­lie ein­be­ru­fen hat­te. Schließ­lich wur­de Kas­per von Fran­zis­kus auf ganz unge­wöhn­li­che Wei­se bereits beim ersten Ange­lus nach der Papst­wahl gelobt und stand damit „Pate“ für das Pontifikat.

Spä­te­stens bei der Wahl des über­näch­sten Nach­fol­gers von Fran­zis­kus wer­den die Euro­pä­er im Kon­kla­ve kein ent­schei­den­des Gewicht mehr haben. Ein Macht­ver­lust, ob so wahr­ge­nom­men oder nicht, der noch man­chen Kon­flik­te ins sich ber­gen könn­te, so Jenkins.

Verlassene Wagenburgen, doch nicht alles läuft nach päpstlichem Wunsch

Mat­zuz­zi ist der Mei­nung, daß Papst Fran­zis­kus die „Sinn­lo­sig­keit“ der alten Gra­ben­kämp­fe Euro­pas erkannt habe. Des­halb gebe er die Schüt­zen­grä­ben und Stel­lun­gen auf. Unter­liegt er da viel­leicht aber nur der eige­nen Pro­pa­gan­da? Es waren kir­chen­feind­li­che Kräf­te, die unter Papst Bene­dikt XVI. die­se „Wagenburg“-Theorie auf­brach­ten und sie nim­mer­mü­de behaup­te­ten. War es aber nicht viel­mehr so, daß es sich dabei um ein vor­der­grün­dig gegen Bene­dikt XVI. gerich­te­tes Kon­strukt han­del­te, das sich haupt­säch­lich gegen Glau­bens­wahr­hei­ten rich­te­te? Ist nicht die Wahr­heits­fra­ge entscheidend?

Matteo Matzuzzi
Matteo Mat­zuz­zi

Tat­sa­che ist, daß Fran­zis­kus die Stel­lun­gen räumt, die von eben die­sen Kräf­ten am stärk­sten unter Beschuß genom­men wur­den. Der Sinn und Zweck? Das Feind­feu­er endet. Doch wel­cher Nut­zen wird dar­aus gezo­gen? Ändert sich die Hal­tung, die Grund des Beschus­ses ist?

Im Sep­tem­ber 2015 maß­re­gel­te Fran­zis­kus bei sei­nem Besuch die US-Bischö­fe wegen ihrer „kon­ser­va­ti­ven“ Hal­tung. Er tat es mit einer bis dahin nicht gekann­ten Här­te. Die Abnei­gung gegen die Linie die­ses Epi­sko­pats war unüber­hör­bar. Die Bischö­fe soll­ten den Kul­tur­kampf been­den, ihre Festun­gen auf­ge­ben, auf­hö­ren, das Kreuz wie eine Kriegs­fah­ne vor sich her­zu­tra­gen, und hinausgehen.

Wohin eigent­lich?

In den USA fin­det, im Gegen­satz etwa zum deut­schen Sprach­raum, der Kul­tur­kampf auf Augen­hö­he statt und ist noch kei­nes­wegs ent­schie­den. Fran­zis­kus woll­te, daß die Bischö­fe sich mit Barack Oba­ma anfreun­den. Der Sozia­list Ber­nie San­ders war der päpst­li­che Lieb­lings­kan­di­dat für die Oba­ma-Nach­fol­ge. Daß der jüdi­sche Sena­tor auch Abtrei­bungs­be­für­wor­ter ist, scheint Fran­zis­kus kei­ne schlaf­lo­se Nacht berei­tet zu haben. Not­falls wäre auch Hil­la­ry Clin­ton akzep­ta­bel gewe­sen. Haupt­sa­che kein Repu­bli­ka­ner. Es kam dann aber alles ganz anders.

US-Prä­si­dent wur­de ein Außen­sei­ter, den sogar das repu­bli­ka­ni­sche Estab­lish­ment ablehn­te, Donald Trump, der Wirk­lich­keit gewor­de­ne Alp­traum der poli­ti­schen Lin­ken. Auch in die­sem Punkt sind die Plä­ne von Fran­zis­kus nicht auf­ge­gan­gen. Die US-Bischö­fe haben nun, zwei Jah­re spä­ter, dezent, aber unmiß­ver­ständ­lich geant­wor­tet. Sie haben den „Mann des Pap­stes“, Bla­se Kar­di­nal Cup­ich, den Erz­bi­schof von Chi­ca­go, bei der Wahl zum Vor­sit­zen­den der Lebens­rechts­kom­mis­si­on der Bischofs­kon­fe­renz durch­fal­len las­sen. Ein für die Welt fast unschein­ba­res Signal, das in der Kir­che aber viel aus­sagt. Sehr viel.

68er-Grabenkämpfe neu angefacht

Die pro­gres­si­sti­schen Kräf­te drän­gen Papst Fran­zis­kus den­noch in immer neue Kon­flik­te gegen das, was sie abfäl­lig ein „vor­kon­zi­lia­res“ Kir­chen­ver­ständ­nis nen­nen. Zu den jüng­sten Pro­vo­ka­tio­nen gehört Micha­el Sean Win­ters Arti­kel im Natio­nal Catho­lic Repor­ter, der über die­se Wahl der US-Bischofs­kon­fe­renz schrieb:

„Die US-Bischö­fe haben Fran­zis­kus den Mit­tel­fin­ger gezeigt“.

R.R. Reno
R.R. Reno

Kei­ne fei­ne Art sich aus­zu­drücken, dafür aber eine typi­sche. Sie soll natür­lich pro­vo­zie­ren, näm­lich eine Reak­ti­on des Pap­stes gegen die auf­müp­fi­gen US-Bischö­fe. Der Ein­fluß die­ser pro­gres­si­sti­schen Kräf­te ist nicht unbe­acht­lich, da sich der Papst auch im eng­sten Kreis mit Per­so­nen umgibt, die ihr nahe­ste­hen oder sie unter den neu­en Vor­zei­chen in Win­des­ei­le inha­liert haben. Ihre Anpas­sungs­fä­hig­keit ent­spricht auf der poli­ti­schen Ebe­ne jener von Trotz­ki­sten, die in den 90er Jah­ren zu „Neo­kon­ser­va­ti­ven“ wur­den, obwohl ihnen nichts frem­der war als ech­ter Kon­ser­va­ti­vis­mus. Ihnen ging es nur um die Macht­fra­ge. Der Rest, auch Selbst­be­zeich­nun­gen, waren besten­falls tak­ti­schen Über­le­gun­gen geschul­det, die auch dazu dien­ten, erfolg­reich Ver­wir­rung zu stiften.

Dem hält Rus­sell Ronald Reno III., der Her­aus­ge­ber von First Things, der bedeu­tend­sten kon­ser­va­ti­ven Publi­ka­ti­on im US-Kul­tur­kampf, ent­ge­gen, daß die „alten Kampf­li­ni­en“ der Nach-68er-Zeit zwar neu gezo­gen wer­den, aber Eti­ket­ten wie „kon­ser­va­tiv“ und „pro­gres­siv“ in die­sem Pon­ti­fi­kat wie­der an Bedeu­tung gewinnen.

Den Anstoß dazu gab Fran­zis­kus nicht zuletzt selbst durch sei­ne schar­fe Kri­tik, die er am Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats gegen­über latein­ame­ri­ka­ni­schen Ordens­leu­ten und dann in Bra­si­li­en gegen tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Katho­li­ken äußerte.

Einen Kulturkampf führen unter dem Vorwand, den Kulturkampf überwinden zu wollen

Genau die­sen Kul­tur­kampf füh­re Fran­zis­kus in der Kir­che unter dem Vor­wand, den Kul­tur­kampf „über­win­den“ zu wol­len. Die Ent­las­sung von Pro­fes­sor Josef Sei­fert, von Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler und die öffent­li­che Demü­ti­gung von Kar­di­nal Robert Sarah sei Aus­druck die­ses päpst­li­chen Kul­tur­kamp­fes. Kri­ti­ker spre­chen von „Säu­be­run­gen“.

Fran­zis­kus bekämpft dabei eines sei­ner erklär­ten Feind­bil­der: „jene, die Rosen­krän­ze zäh­len“. Laut sei­ner Defi­ni­ti­on sind damit jene Kir­chen­krei­se gemeint, die erstarrt „am Gesetz“ fest­hal­ten, mehr tot als leben­dig sei­en und eine leben­di­ge Kir­che ersticken würden.

Die Wirk­lich­keit sieht etwas anders aus und wird von den Betrof­fe­nen, die Fran­zis­kus angreift, auch anders gese­hen. Sie sagen, daß es in erster Linie um das Kir­chen­ver­ständ­nis gehe. Sie hal­ten an der Tra­di­ti­on fest, denn das sei das Um und Auf des Chri­sten­tums: das geof­fen­bar­te Wahr­heit Jesu Chri­sti und die apo­sto­li­sche Über­lie­fe­rung in Treue zu bewah­ren. Dar­an kön­ne und dür­fe es kei­ne Ver­än­de­rung, nur eine Ver­tie­fung geben. Das haben sogar Päp­ste in lehr­amt­li­chen Doku­men­ten festgehalten.

Jede Ver­än­de­rung wäre Ver­rat und wür­de die Kir­che zum Spiel­ball der gera­de vor­herr­schen­den Moden machen. Die Kir­chen­ge­schich­te sei der nach­prüf­ba­re Beweis. Zu allen Zei­ten habe es Kir­chen­krei­se gege­ben, die der domi­nan­ten Rich­tung zuneig­ten und sich mit ihr arran­gie­ren woll­ten. Dem wider­stan­den zu haben, oft mit Mühe und Kämp­fen, sei das Ver­dienst der Glaubenstreuen.

Das Leiden mit der Humanität und den Menschenrechten

Seit der Auf­klä­rung, beson­ders seit der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, lei­det ein Teil der Kir­che dar­un­ter, sich mit der Welt nicht mehr „eini­gen“ zu kön­nen, nicht das Chri­sten­tum mit der auf­ge­klär­ten (reli­gi­ons­lo­sen) Huma­ni­tät ver­ei­nen zu kön­nen, nicht die Men­schen­rech­te auf eine Stu­fe mit den Gebo­ten Got­tes stel­len zu kön­nen. Es geht um einen aus dem Chri­sten­tum gebo­re­nen Huma­nis­mus, der aber das Chri­sten­tum nicht mehr zu brau­chen scheint und damit aller­welts­taug­lich ist, auch für Gott­lo­se, Reli­gi­ons­lo­se und ande­re Reli­gio­nen. Soweit die Theorie.

Die­ses Lei­den war der Bruch, den bereits das Pon­ti­fi­kat von Johan­nes XXIII. beglei­te­te. Das Ende der „Unheils­bo­ten“, das er ver­kün­de­te, und der „neue Früh­ling“ und das „neue Pfing­sten“ für die Kir­che, das er ankün­dig­te, soll­ten durch die­se „Aus­söh­nung“ zwi­schen Kir­che und alter Welt erfol­gen. Für die Kir­che wur­de es zum größ­ten Desa­ster der Kir­chen­ge­schich­te. Sie hat­te zwar schon schlim­me­re Tage erlebt, gera­de unter der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, was sie Unver­ein­bar­keit aus­rei­chend illu­strie­ren soll­te, aber nun schien (und scheint) der Feind mehr denn je in der Kir­che selbst zu sitzen.

Die­ses Lei­den war auch die Bruch­li­nie zwi­schen Kar­di­nal Car­lo Maria Mar­ti­ni SJ, dem Ante-Papst, der die beson­ders unduld­sa­me Rie­ge der Jesui­ten gegen Papst Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. anführ­te. Kri­ti­ker unter­stel­len die­ser Rich­tung nicht ohne Pole­mik, das Wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes mit dem Zeit­geist zu verwechseln.

„Klima des Terrors“

Fran­zis­kus habe mit sei­nem Kul­tur­kampf ein „Kli­ma des Ter­rors“ in der Kir­che erzeugt, so der kon­ser­va­ti­ve Catho­lic Herald. Die Anspie­lung auf den Gran­de Ter­reur der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on dürf­te nicht ganz zufäl­lig sein. Ganz ande­rer Mei­nung ist der pro­gres­si­ve Autor Austen Ive­r­eigh, der behaup­tet, zwi­schen Fran­zis­kus und Johan­nes Paul II. gebe es „kei­ne Zäsur“. Ber­go­glia­nisch äußert sich auch Guil­laume Gou­bert von La Croix, der Tages­zei­tung der fran­zö­si­schen Bischöfe:

„Fran­zis­kus for­dert eine Ände­rung des Ver­hal­tens. Was für einen Sinn macht es, die Insti­tu­tio­nen zu ändern, wenn die Ver­hal­tens­wei­sen gleich blei­ben? Der Papst ver­tritt die Linie, daß die Wirk­lich­keit wich­ti­ger ist als die Idee.“

Austen Ivereigh
Austen Ive­r­eigh

Stellt man die­se Behaup­tung auf den Prüf­stand, scheint sie nicht stand­zu­hal­ten. Das gilt übri­gens für das mei­ste von dem, was der­zeit aus dem Mun­de päpst­li­cher Ver­tre­ter an die Öffent­lich­keit dringt. Vie­le Wor­te mit wenig Sub­stanz. Ive­r­eigh behaup­tet in sei­nem Buch „Der gro­ße Refor­mer. Fran­zis­kus und wie man einen radi­ka­len Papst macht“, daß die „Revo­lu­ti­on von Fran­zis­kus“ pasto­ra­ler Natur sei. Sie habe ihre Wur­zeln im „Pro­zeß der latein­ame­ri­ka­ni­schen Kir­che, der 2007 in Apa­re­ci­da“ begon­nen habe. Fran­zis­kus sprach mehr­fach mit Begei­ste­rung über die Bischofs­ta­gung von Apa­re­ci­da. Das liegt nun zehn Jah­re zurück. Bis­her schei­nen sich die Ver­tre­ter die­ses „Pro­zes­ses“ aber mehr selbst zu loben, als Kon­kre­tes vor­wei­sen zu kön­nen. Fran­zis­kus selbst nann­te kon­kret nur, daß es ihn begei­stert habe, daß die Bischö­fe wäh­rend der Tagung in der Wall­fahrts­kir­che gemein­sam mit den Gläu­bi­gen die hei­li­ge Lit­ur­gie fei­er­ten. Schafft die­se sym­bo­li­sche „Ein­heit“ bereits Inhalte?

Ive­r­eighs wie­der­hol­te Hin­wei­se auf „Lebens­wirk­lich­kei­ten“ klin­gen wie die jüng­ste Sprech­bla­se, mit der pro­gres­si­ve Krei­se ihr in die Jah­re gekom­me­nes 68er-Pro­gramm anprei­sen. Fal­sche Grund­vor­aus­set­zun­gen wer­den dadurch nicht rich­ti­ger. Nicht von unge­fähr spre­chen Kri­ti­ker davon, daß es die ergrau­te 68er-Genera­ti­on mit Papst Fran­zis­kus kurz vor ihrem bio­lo­gi­schen Abgang doch noch auf dem Papst­thron geschafft habe. Eine Genera­ti­on, die sich vor allem durch Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung aus­zeich­net, weil sie selbst nach 50 Jah­ren das Schei­tern ihrer Ideen nicht zur Kennt­nis neh­men will.

Strukturelle Veränderungen und Zölibat

Im Gegen­satz zu Bene­dikt XVI, der dop­pelt so lan­ge regier­te, wur­den von Fran­zis­kus in der hal­ben Zeit mehr struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen durch­ge­führt.  Er folgt damit einer typisch lin­ken Vor­ge­hens­wei­se. Ver­än­de­rung der Ver­hal­tens­wei­sen oder Anpas­sung „der Idee“ an die Ver­hal­tens­wei­sen? Letz­te­res geschieht beim Ehe­sa­kra­ment. Der Papst scheint zu sagen: Jeder hat eine zwei­te Chan­ce. Auch eine sakra­men­tal gül­ti­ge Ehe kön­ne schei­tern. Das Schei­tern ist in den Doku­men­ten min­de­stens gleich­ge­wich­tig zum eigent­li­chen Ziel gewor­den, wenn nicht schon über­be­tont. Es sei hart­her­zig den Betrof­fe­nen kei­ne zwei­te Chan­ce zu geben. Schließ­lich lei­den sie dar­un­ter. Es gehe dar­um dar­auf abzu­zie­len, den Men­schen in der Zweit­ehe zur Voll­endung im Glau­ben zu hel­fen. Wirk­lich über­zeu­gend klingt das nicht. Gera­de jun­gen Men­schen (es sind ohne­hin nur mehr weni­ge, die in West­eu­ro­pa es bis vor den Trau­al­tar schaf­fen), die noch nicht von uti­li­ta­ri­sti­schem Den­ken kor­rum­piert sind, dürf­te eine sol­che „inklu­si­ve“ Deu­tung schwer ver­mit­tel­bar sein. Weder was die behaup­te­te Bei­be­hal­tung der Unauf­lös­lich­keit der Ehe anbe­langt noch was die Ver­wirk­li­chung im zwei­ten Anlauf betrifft.

Fal­sche Prä­mis­sen, schei­nen fal­sche Ant­wor­ten zu recht­fer­ti­gen. Das stimmt. Fal­sches wird dadurch aber nicht rich­ti­ger. Im Zusam­men­hang mit dem Prie­ster­tum und dem Prie­ster­z­ö­li­bat zeich­net sich bereits Ähn­li­ches ab. Fran­zis­kus sag­te bis­her zum Zöli­bat nur, er per­sön­lich habe „kei­ne Pro­ble­me“ damit und sehe sich „der­zeit“ nicht dar­über hin­aus, etwas zu ändern. Eine über­zeug­te Ver­tei­di­gung einer erkann­ten Wahr­heit sieht anders aus. Außer man denkt selbst, der eige­ne Lebens­stil fol­ge nur einem Kir­chen­ge­setz. Per­sön­li­che Erfah­run­gen in die eine oder ande­re Rich­tung sagen noch nichts über die Gül­tig­keit und über die Natur einer Sache aus. Im zwei­ten Satz wird die ver­meint­li­che Ver­tei­di­gung des Prie­ster­z­ö­li­bats durch das Tem­po­ral­ad­verb „der­zeit“ zum Bocks­fuß. Der Papst sag­te damit, der Prie­ster­z­ö­li­bat kön­ne abge­schafft wer­den und er sehe nur im Moment kei­nen Anlaß dafür. Das könn­te sich mor­gen somit schon ändern. Für Okto­ber 2019 hat er eine Son­der­syn­ode für den Ama­zo­nas ein­be­ru­fen. Eini­ges deu­tet dar­auf hin, daß es dann soweit sein könnte.

Auch der rasche Umbau des Epi­sko­pats, den Fran­zis­kus welt­weit in die Tat umsetzt, gehört einem struk­tu­rel­len Reform­an­satz. Er fin­det in der Öffent­lich­keit zwar wenig Auf­merk­sam­keit, dürf­te aber die nach­hal­tig­ste Maß­nah­me die­ses Pap­stes sein, die auf Jahr­zehn­te Ein­fluß nimmt.

Ein Ruck für die Kirche und Büchse der Pandora

Der Phi­lo­soph Mas­si­mo Borg­he­si ist hin­ge­gen der Mei­nung, Fran­zis­kus habe der Kir­che einen Ruck gege­ben. Sie habe zwar 1989 rich­tig vor einer Zukunft ohne christ­li­che Wer­te gewarnt, sich dann aber in eine Wagen­burg mit „drei oder vier nicht ver­han­del­ba­re Grund­sät­ze“ zurückgezogen.

Ist die Ana­ly­se aber zutref­fend? Fehl­te es der Kir­che unter Bene­dikt XVI. an mis­sio­na­ri­schem Eifer? Oder war sie nicht viel­mehr ein siche­rer Leucht­turm? Die Leucht­tür­me wer­den von Fran­zis­kus abge­tra­gen, „um die Ori­en­tie­rungs­lo­sen nicht zu stö­ren“, wie es in Rom hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand und nur halb scherz­haft heißt. Und hat er nicht mehr­fach dem „Pro­se­ly­tis­mus“ eine so radi­ka­le Absa­ge erteilt, daß jeder mis­sio­na­ri­sche Eifer erstar­ren muß, allein schon aus Sor­ge, vom eige­nen Papst der Pro­se­ly­ten­ma­che­rei bezich­tigt zu werden?

„Man hat fast den Ein­druck, das Ber­go­glio-Pon­ti­fi­kat habe die Büch­se der Pan­do­ra geöff­net, in der alle in der Nach­kon­zils­zeit ange­stau­ten Kon­flik­te ent­hal­ten sind, die durch die lan­ge Ära von Johan­nes Paul II., die mit dem Amts­ver­zicht von Bene­dikt XVI. zu ihrem Ende gelangt ist, nie­der­ge­hal­ten wur­den“, so Matzuzzi.

„Wir haben keine Informationen, wohin dieser Papst gehen will“

R.R. Reno von First Things, zuvor Pro­fes­sor der Theo­lo­gie und der Ethik, an der Creighton Uni­ver­si­ty, spricht von einem „gro­ßen Lei­den“ an der aktu­el­len Situa­ti­on. Es stim­me, daß die Pon­ti­fi­ka­te von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI., so ver­schie­den die bei­den Päp­ste auch gewe­sen sei­en, eine Ein­heit bil­den. Ihre star­ken Per­sön­lich­kei­ten haben aber viel­leicht eine „fal­sche Sta­bi­li­tät“ vor­ge­täuscht, von der „unse­re Schwä­che“ dahin­ter zuge­deckt wurde.

„Nun sitzt Fran­zis­kus seit bald fünf Jah­ren im Sat­tel und wir wis­sen, daß er bestimm­te Aspek­te der bei­den vor­he­ri­gen Pon­ti­fi­ka­te annul­lie­ren oder zumin­dest in neue Rich­tun­gen gehen will. Ihm feh­len aller­dings die Beson­nen­heit von Woj­ty­la und das intel­lek­tu­el­le Gewicht von Ratz­in­ger. Ber­go­glio hat sich mit Bera­tern umge­ben, die viel­leicht poli­ti­sches oder rhe­to­ri­sches Talent haben, aber kei­ne Män­ner von Gewicht und Serio­si­tät sind.“

Wie soll es also wei­ter­ge­hen? Dazu Reno:

„Wir haben kei­ne Infor­ma­tio­nen dar­über, wohin die­ser Papst gehen will oder ob er die Fähig­keit hat, jen­seits von Gesten und Schlag­wör­tern etwas Sub­stan­ti­el­les anzustreben.“

Der unverstandene Papst

Das Pro­blem wird auch von den Ber­go­glia­nern gese­hen, wenn sie auch bemüht sind, den intel­lek­tu­el­len Aspekt gerin­ger zu gewich­ten. Sie spre­chen davon, daß Papst Fran­zis­kus „nicht ver­stan­den“ wer­de. „Die Grün­de die­ser Schwie­rig­keit, Fran­zis­kus zu ver­ste­hen, sind unter­schied­lich“, so Borg­he­si, der dem Papst jüngst eine eige­ne Bio­gra­phie wid­me­te: „Jor­ge Mario Ber­go­glio. Eine intel­lek­tu­el­le Bio­gra­phie“ (Una bio­gra­fia intel­let­tua­le, Jaca Book).

„Ein Aspekt ist das kul­tu­rel­le und intel­lek­tu­el­le Hin­ter­land von Ber­go­glio, das – wie ich in mei­nem Buch auf­ge­zeigt habe – bis­her nicht unter­sucht wur­de. Als Johan­nes Paul II. gewählt wur­de, gab es Gelehr­te, die sei­ne For­mung und sei­ne Stu­di­en, sei­ne kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Wur­zeln ver­ständ­lich zu machen versuchten.“

Auch damals sei die­ser Hin­ter­grund eines pol­ni­schen Pap­stes, Polen lag damals hin­ter dem Eiser­nen Vor­hang, für den Rest der Welt nicht so ein­fach ver­ständ­lich gewe­sen. Bei Ber­go­glio wür­den die­se Inter­pre­ten feh­len. Statt­des­sen hei­ße es, der argen­ti­ni­sche Papst sei nicht aus­rei­chend vor­be­rei­tet. Borg­he­si dazu:

„Der Papst ver­fügt in Wirk­lich­keit über eine kom­ple­xe und rei­che Aus­bil­dung, die viel den euro­päi­schen Jesui­ten ver­dankt, beson­ders den fran­zö­si­schen. Die Ein­fach­heit des Pap­stes darf nicht miß­ver­stan­den wer­den. Er selbst hat die­se Ein­fach­heit als Metho­de gewählt.“

Auf dem Schreibtisch des Papstes stapeln sich Appelle, Bitten, Dubia, Correctiones

Tat­sa­che ist aber, daß auf dem Schreib­tisch von Papst Fran­zis­kus in San­ta Mar­ta sich mehr Peti­tio­nen, Appel­le, Bitt­brie­fe, Dubia und Cor­rec­tion­es sta­peln, als bei jedem Papst vor ihm. Und die mei­sten haben den­sel­ben Tenor: Sie sind Bit­ten, Auf­for­de­run­gen, Beschwö­run­gen die über­lie­fer­te Glau­bens­leh­re und Glau­bens­pra­xis bei­zu­be­hal­ten. Noch ein­heit­li­cher ist dar­auf die Reak­ti­on des Pap­stes: näm­lich gar keine.

Guillaume Goubert
Guil­laume Goubert

Kein Papst behaup­te­te eine grö­ße­re Volks­nä­he und kein Papst küm­mer­te sich bis­her weni­ger um die­se Stim­men aus dem Volk. In der Tat stellt sein Ver­ständ­nis von „Volk“ ein eige­nes Kapi­tel dar, das noch einer end­gül­ti­gen Ent­rät­se­lung harrt.

Der Ber­go­glia­ner Borg­he­si meint, die west­lich gepräg­te Kir­che sei anti­kom­mu­ni­stisch gewe­sen, habe dann aber mit dem Ende des Kom­mu­nis­mus die Span­nung ver­lo­ren und nach­ge­las­sen. Die Ber­li­ner Mau­er ist gefal­len, doch die erhoff­te Renais­sance des Glau­bens fand nicht statt. Statt­des­sen habe der Mate­ria­lis­mus ver­bun­den mit dem Hedo­nis­mus einen uner­war­te­ten Sieg gefei­ert. Die­ser erlahm­ten Kir­che habe Ber­go­glio einen „Ruck“ gege­ben, das tra­ge zum Unver­ständ­nis für ihn bei. Wer, etwa an der Römi­schen Kurie, sich im Lau­fe der Jah­re sei­nen Platz erar­bei­tet habe, wol­le nicht, daß etwas die­se „beque­me“ Stel­lung in Fra­ge stellt. Das erklä­re den Wider­stand „alter Seil­schaf­ten“. Wobei aller­dings zu klä­ren wäre, was Borg­he­si genau unter „alte Seil­schaf­ten“ meint.

Die „lahmen“ Kräfte und der kapitalistische Linksliberalismus

Dem ist gera­de aus deut­scher Sicht etwas ent­ge­gen­zu­hal­ten. Immer­hin ging der Eiser­ne Vor­hang mit­ten durch Deutsch­land. Sind es nicht die­sel­ben „lah­men“ Kräf­te, die 1989 die „Zei­chen der Zeit“ des Mau­er­falls nicht zu nüt­zen wuß­ten (weil sie sich viel­leicht mit der Mau­er abge­fun­den hat­ten und nicht weni­ge, klamm­heim­lich, den Sozia­lis­mus viel­leicht sogar für die bes­se­re Vari­an­te hiel­ten?), die nun die eif­rig­sten Ber­go­glia­ner sind? Ist die­se selt­sa­me Mischung aus Kapi­ta­lis­mus als Wirt­schafts­form und Libe­ra­lis­mus und Mar­xis­mus als poli­tisch und gesell­schaft­lich ton­an­ge­ben­der Rich­tung nicht gera­de­zu das Ide­al, das den sol­cher­ma­ßen Gesinn­ten durch 1989/91 uner­war­tet in den Schoß gefal­len ist?

Borg­he­si zitiert dage­gen Methol Fer­ré, „den größ­ten katho­li­schen Den­ker Latein­ame­ri­kas des 20. Jahr­hun­derts“ — einer Ein­schät­zung, der zu wider­spre­chen wäre — mit den Worten:

„Wir müs­sen den Freund im Feind wie­der­ent­decken. Es ist not­wen­dig, im liber­ti­ni­schen Athe­is­mus den fru­strier­ten Wunsch nach Glück­se­lig­keit zu wecken, und hier kommt Ber­go­glio ins Spiel.“

Aber wie genau?

Nur „erweiterte“ Positionen?

Ive­r­eigh behaup­tet, indem Fran­zis­kus „fort­setzt“, was sei­ne Vor­gän­ger gemacht haben. Es gäbe kei­nen „Bruch“. Wenn Fran­zis­kus die Todes­stra­fe ver­ur­teilt, „erwei­te­re“ er nur die Pro Life-Posi­ti­on von Johan­nes Paul II. Und mit sei­ner Öko-Enzy­kli­ka Lau­da­to si habe er nur die „Human­öko­lo­gie“ von Bene­dikt XVI. auf­ge­grif­fen, die er erwei­te­re durch die Aus­sa­ge, daß die Chri­sten auch Ver­ant­wor­tung für den Pla­ne­ten tragen.

Über­zeu­gend wirkt das nicht. Vor allem nicht, das die ver­meint­li­che „Erwei­te­rung“ zur Schwä­chung des­sen führt, was die Vor­gän­ger dazu sag­ten. Und auch nicht, wenn die Aus­sa­gen aus dem Mund jener kom­men, die wäh­rend der genann­ten Vor­gän­ger­pon­ti­fi­ka­te kei­ne so freund­li­chen Wor­te fan­den, die sie nun fin­den, um das Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus abzustützen.

Ive­r­eigh treibt es mit sei­nem dia­lek­ti­schen Spiel sogar ziem­lich weit: Er wirft den Kri­ti­kern von Fran­zis­kus vor, den­sel­ben „her­me­neu­ti­schen Feh­ler der Pro­gres­si­ven in den 70er und 80er Jah­ren“ zu machen, die damals umge­kehrt einen Bruch behaup­tet hätten.

Roben, der Her­aus­ge­ber von First Things, sieht die Sache etwas anders. Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. konn­ten die nach­kon­zi­lia­ren Span­nun­gen zudecken, weil sie selbst auf dem Kon­zil zu den Pro­gres­si­ven gehört hat­ten, aber, ein­sich­ti­ger als die Radi­ka­len, in der Nach­kon­zils­zeit Fehl­ent­wick­lun­gen erkann­ten. Sie tra­ten den radi­ka­len Pro­gres­si­ven ent­ge­gen, ohne sich jedoch vom gemein­sa­men Kon­zils­be­kennt­nis zu distan­zie­ren. Bei­de ver­kör­per­ten gro­ße Strö­mun­gen der Katho­li­zi­tät des 20. Jahr­hun­derts und konn­ten die­se glaub­wür­dig ver­tre­ten. Fran­zis­kus hin­ge­gen habe als erster Nach­kon­zils­papst beim Kon­zil kei­ne Rol­le gespielt. Er sei ein Kind der Nach­kon­zils­zeit und habe daher kei­ne wirk­li­che Vor­stel­lung davon, wie die gegen­sätz­li­chen Strö­mun­gen, die auf dem Kon­zil wirk­ten, zusam­men­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Er sei zudem weder Phi­lo­soph (wie Johan­nes Paul II.) noch Theo­lo­ge (wie Bene­dikt XVI.), son­dern las­se sich, wie vie­le Jesui­ten, von der Intui­ti­on lei­ten. Daher kön­ne Fran­zis­kus auch die Nach­kon­zils­zeit nicht in ihrem gan­zen Umfang ver­kör­pern. Er ver­fü­ge wahr­schein­lich nicht ein­mal über eine Zusam­men­schau die­ser Zeit.

„Das schafft ein Vaku­um und führt zur Neu­auf­la­ge von eini­gen alten Kämp­fen zwi­schen Kon­ser­va­ti­ven und Pro­gres­si­ven, wenn auch in neu­er Form.“

„Franziskus ist kein Linker“

Ive­r­eigh ist ein Pro­gres­si­ver und über­zeug­ter Ber­go­glia­ner. Sei­ne Wor­te sind unter die­sem dop­pel­ten Vor­zei­chen zu lesen. Er ist überzeugt:

„Fran­zis­kus ist kein Lin­ker, der die Glau­bens­leh­re zu ver­dün­nen oder der Moder­ne anzu­pas­sen ver­sucht. Und jene, die ihn angrei­fen, indem sie behaup­ten, er habe das getan, lei­den an Blindheit.“

Doch Ive­r­eighs Wor­ten folgt ein gro­ßes Aber.

„Es stimmt, daß die Glau­bens­leh­re in einen neu­en Kon­text gestellt wird, in dem Sinn, daß sie in eine Span­nung mit der pasto­ra­len Wirk­lich­keit gestellt wird.“

Gleich­zei­tig fehlt nicht ein Sei­ten­hieb, den Ive­r­eigh dem lan­gen Woj­ty­la-Ratz­in­ger-Pon­ti­fi­kat ver­paßt. Fran­zis­kus gebe der Kir­che die „pasto­ra­le Dyna­mik des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils“ zurück“, die sie „im Zuge des nöti­gen, nach­kon­zi­lia­ren Sta­bi­li­sie­rungs­pro­zes­ses ver­lo­ren“ habe.

Sol­chen Aus­sa­gen könn­ten tat­säch­lich als „ideo­lo­gisch moti­vier­te“ kri­ti­siert wer­den. Eine Kri­tik, die Papst Fran­zis­kus an die­se, ihm zuju­beln­de Sei­te aber noch nicht gerich­tet  hat, wäh­rend er sich mehr­fach und unüber­hör­bar gegen die „Kon­ser­va­ti­ven“ und mehr noch gegen die „Tra­di­tio­na­li­sten“ rich­te­te, die er kurio­ser­wei­se als „Pela­gia­ner“ und Män­ner des „Geset­zes“ beschimpfte.

Guil­laume Gou­bert, ist ein ande­rer, über­zeug­ter Ber­go­glia­ner. Er meint, an der Römi­sche Kurie sei man „ner­vös“, weil man nicht mehr gegen­über „allen wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen die­sel­be Hal­tung“ ein­neh­men kön­ne. Das kom­pli­zie­re die Din­ge. So sim­pel sind die Din­ge? Das Pro­blem ist nur man­geln­de Fle­xi­bi­li­tät von Bürokraten?

„Weigerung, Klarheit zu schaffen, wird Autorität des Amtes schmälern“

Auch hier wider­spricht Reno von First Things:

„Das Pon­ti­fi­kat Ber­go­glio wird sicher die Kir­che ver­än­dern, selbst dann, wenn er nicht ein bestimm­tes Pro­jekt ver­fol­gen soll­te. Sei­ne Wei­ge­rung, dok­tri­nel­le Klar­heit zu schaf­fen, wird mit aller Wahr­schein­lich­keit die Auto­ri­tät sei­nes Amtes schmälern.“

Das wer­de in der Kir­che zu ortho­do­xe­ren Reak­tio­nen führen.

„Das könn­te ein posi­ti­ves Erbe sein.“

Massimo Borghesi
Mas­si­mo Borghesi

Fran­zis­kus scheint mehr dar­auf abzu­zie­len, die Kir­che in welt­po­li­ti­sche Ange­le­gen­hei­ten ein­zu­bin­den, wie sein Vor­ge­hen in Sachen Kli­ma­wan­del, mehr Gleich­heit und Kampf gegen den Popu­lis­mus zei­gen. Reno sieht dar­in vor allem päpst­li­che Impro­vi­sa­ti­on am Werk. Dem Papst gehe es dar­um, The­men auf­zu­grei­fen, die von der brei­ten Mas­se geteilt werden.

Borg­he­si wider­spricht ener­gisch. Er will nicht Impro­vi­sa­ti­on am Werk sehen. Für Fran­zis­kus sei die Kir­che eine „para­do­xe Form bestän­di­ger Syn­the­se der Gegen­sät­ze“. Borg­he­si spricht von einer „ori­gi­nel­len“ Idee, die ihn zudem an Roma­no Guar­di­ni erin­ne­re. Der Phi­lo­soph sieht einen gei­stes­ge­schicht­li­chen Strang, der von Adam Möh­ler über Erich Przy­wa­ra, Hans Urs von Bal­tha­sar, Guar­di­ni, Gas­ton Fes­sard bis Hen­ri de Lub­ac rei­che. Ken­ner des Jesui­ten­or­dens dürf­ten das anders sehen. Oder anders gesagt: Rich­tig dar­an ist, daß es sich um ein typisch jesui­ti­sches Den­ken han­delt, wes­halb es vor allem die Jesui­ten und den Genann­ten betrifft.

Die „Peripherie“ ist „kein biblischer Begriff“

Borg­he­si selbst schränkt ein, daß Roma­no Guar­di­ni in Ber­go­gli­os Den­ken vor sei­nem Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land 1986 kei­ne Rol­le gespielt habe. Fes­sard hin­ge­gen habe der jun­ge Ber­go­glio auf Emp­feh­lung sei­nes Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors Miguel Angel Fio­ri­to gele­sen. Daher habe er die Vor­stel­lung, daß das Leben eines Jesui­ten von der Span­nung zwi­schen den Gegen­sät­zen bestimmt sei, zwi­schen Gna­de und Frei­heit und zwi­schen dem unend­lich Gro­ßen und dem unend­lich Klei­nen. Die­se Vor­stel­lung über­tra­ge Fran­zis­kus auf die Kir­che, deren Ein­heit durch die dia­lek­ti­sche Pola­ri­tät zusam­men­ge­hal­ten wer­de, weil sie die Gegen­sät­ze ver­ei­ne, ohne sie zu annul­lie­ren. Dar­auf grün­de auch sein Blick vom Zen­trum an die Peri­phe­rie und von der Peri­phe­rie auf das Zen­trum, etwa auf Euro­pa von Lam­pe­du­sa, von Alba­ni­en, vom Kau­ka­sus oder von Schwe­den aus.

Der Her­aus­ge­ber von First Things kann dem Begriff „Peri­phe­rie“, oder zu deutsch „Rän­der“, nicht viel abgewinnen:

„Das ist kein bibli­scher Begriff. Wie beim Groß­teil der mora­li­schen und poli­ti­schen Rhe­to­rik unse­rer Zeit (Diver­si­tät, Mar­gi­na­li­tät, Inklu­si­on) ist die Bedeu­tung vage und leicht manipulierbar.“

Mit ande­ren Wor­te: Ein Schlüs­sel­be­griff des der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats ist weder bibli­schen, noch christ­li­chen Ursprungs. Es han­delt sich um einen Import aus einer ande­ren Dis­zi­plin, viel­leicht der Sozio­lo­gie. Reno plä­diert dafür, bei bibli­schen Begrif­fen zu blei­ben. Zudem wer­de durch die Beru­fung auf die „Peri­phe­rie“ der Lai­zis­mus des Westens nicht wirk­lich in Fra­ge gestellt. Es genü­ge ein Blick auf die Geschich­te der ver­gan­ge­nen 50 Jah­re, um das fest­zu­stel­len. Damit dürf­ten wohl auch Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung und Ent­wick­lungs­hil­fe gemeint sein, aber auch die zahl­rei­chen lin­ken Expe­ri­men­te, in der ein­sti­gen Drit­ten Welt, das „Para­dies auf Erden“ zu errichten.

Das Pontifikat „riecht nach Modernismus“

Mat­zuz­zi bringt es schließ­lich auf den Punkt. Das Pon­ti­fi­kat „riecht nach Moder­nis­mus“, um einen Begriff zu ent­stau­ben, der inzwi­schen älter als die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on ist. Ob das auch damit zu tun hat, daß das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil dem Jahr 1968 vor­aus­ging und nicht umgekehrt?

Der Ber­go­glia­ner Borg­he­si wider­spricht. Wer Fran­zis­kus einen Moder­ni­sten nen­ne, habe nichts ver­stan­den. Es wer­de das ver­brei­te­te Mär­chen behaup­tet, Karl Rah­ner habe Ber­go­glio geprägt. Das stim­me aber nicht. Viel­mehr, so Borg­he­si, habe Rah­ner „über­haupt kei­nen Ein­fluß auf den künf­ti­gen Papst gehabt“. Statt­des­sen habe ihn der Rah­ner-Kri­ti­ker Hans Urs von Bal­tha­sar beein­flußt, und für den habe ja wie­der­um auch Bene­dikt XVI. gro­ße Sym­pa­thie emp­fun­den. Als Beleg führt Borg­he­si an, daß er in Ber­go­gli­os Pre­dig­ten seit Ende der 90er Jah­re Aspek­te der „ästhe­ti­schen Theo­lo­gie“ Bal­tha­sars ent­deckt habe. Daher habe den Papst auch nicht ver­stan­den, wer behaup­tet, er wür­de die Wahr­heit der Barm­her­zig­keit unter­ord­nen. Das sei unmög­lich, da die bei­den Tran­szen­den­te untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den seien.

Borg­he­si stützt sei­ne The­se auf zah­len­mä­ßig gerin­ge Bele­ge, vor allem über­sieht er, daß Ber­go­glio Ende der 90er Jah­re bereits im sieb­ten Lebens­jahr­zehnt stand. Die  maß­geb­li­chen, lebens­prä­gen­den Ein­flüs­se im Den­ken wer­den aber viel frü­her auf­ge­nom­men. Spä­te­re, grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen – soll­te es sol­che geben – sind zudem in der Regel deut­lich nach­voll­zieh­bar. Von sol­chen Ver­än­de­run­gen weiß Borg­he­si in sei­nem Buch aber nichts zu berichten.

„Bergoglio hat neue Ära für die Kirche aufgetan“

Ive­r­eigh ist sich jeden­falls sicher. Von Ber­go­glio wer­de noch in Genera­tio­nen gespro­chen wer­den, weil die Fol­gen sei­ner „Revo­lu­ti­on“ erst lang­sam sicht­bar werden.

„An Ber­go­glio wird man sich als den erin­nern, der eine neue Ära für die Kir­che auf­ge­tan hat.“

Der Wider­spruch einer sol­chen Apo­lo­ge­tik liegt auf der Hand. Einer­seits sei alles bei Fran­zis­kus in Kon­ti­nui­tät zu sei­nen Vor­gän­gern und zugleich alles Revo­lu­ti­on und eine neue Ära, was ja vor­aus­setzt, daß ihr eine ande­re Ära vorausging.

Einig sind sich die gegen­sätz­li­chen Beur­tei­ler von Fran­zis­kus nur dar­in, daß sich die mis­sio­na­ri­sche Zukunft und evan­ge­li­sie­ren­de Dyna­mik der Kir­che aus Euro­pa in ande­re Kon­ti­nen­te ver­la­gern wer­de. War­um, unter wel­chen Vor­zei­chen und mit wel­cher Dyna­mik das gesche­hen wird, dar­über gehen die Posi­tio­nen von Ber­go­glia­nern und Papst­kri­ti­kern schon wie­der aus­ein­an­der. Vor allem wird die Rol­le, die Fran­zis­kus dabei spielt, ganz unter­schied­lich gesehen.

Wäh­rend die einen über­zeugt sind, daß die Kir­che durch Fran­zis­kus „neue Glaub­wür­dig­keit in der Welt“ zurück­ge­win­ne, sehen die ande­ren, daß das Papst­tum durch einen Ver­lust an Glaub­wür­dig­keit — allem vor­an die Wei­ge­rung für Klar­heit zu Fra­gen der Glau­bens­leh­re und zu Häre­sie­vor­wür­fen zu sor­gen — Scha­den nimmt. Sehen die einen in Fran­zis­kus einen „cha­ris­ma­ti­schen, ehr­li­chen und warm­her­zi­gen Stil“ am Werk, der „das Papst­tum evan­ge­li­um­s­na­he mache“, sehen die ande­ren einen ideo­lo­gisch moti­vier­ten Kir­chen-68er am Werk, der jene tra­gen­den Kräf­te, die er nicht mag, lieb­los aus­grenzt und beschimpft. Was sei­nen Kurs für die Kir­che angeht, wird ihm sogar Unehr­lich­keit vor­ge­wor­fen, weil er einen bestimm­ten Kurs steu­ert, es aber nicht zuge­ben und auf Anfra­ge dazu auch nicht Rede und Ant­wort ste­hen will. Auch des­halb, weil bei der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie zu Mit­teln gegrif­fen wur­de, um ein bestimm­tes, vom Papst (und Kas­per) gewoll­tes Ziel zu errei­chen, die schwer­lich mit Trans­pa­renz und Ehr­lich­keit in Ein­klang zu brin­gen sind.

Was läßt sich aus den ver­schie­de­nen Urtei­len gewin­nen? Daß die Pola­ri­sie­rung in der Kir­che mas­siv zuge­nom­men hat. Sie betrifft nicht nur die Inhal­te, son­dern in erster Linie auch die Per­son des Pap­stes. Die einen atmen „Frisch­luft“, wie der hon­du­ra­ni­sche Kar­di­nal und Ber­go­glio-Wäh­ler Oscar Rodri­guez Mara­dia­ga ver­kün­det. Ande­re sind sehr skep­tisch wie ein Kar­di­nal, den Mat­zuz­zi zitiert, ohne sei­nen Namen zu nen­nen. Er kom­men­tier­te rück­blickend das Kon­kla­ve vom März 2013 mit den Worten:

„Ich habe kei­ne Tau­ben in der Six­ti­ni­schen Kapel­le gesehen.“

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Youtube/Actualidade religiosa/TV2000/RosminiPadova/ (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Der Volks­mund sagt „Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir wer du bist“ und „an den Früch­ten ist jemand zu erkennen“.
    Das ist weder theo­lo­gisch, noch phi­lo­so­phisch, das ist prag­ma­tisch — und da wird mir angst und bange.

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